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Ausgewählte Lesetipps




Inhaltsübersicht


1. Michael Ondaatje: The English Patient (1992)
2. Michael Cunningham: The Hours (1999)
3. Philip Roth: The Human Stain (2000)
4. T.C. Boyle: A Friend of the Earth (2000)
5. Jasper Fforde: The Eyre Affair (2001)
6. Frank McCourt: Angela's Ashes (1996)
7. Roddy Doyle: The Last Roundup (1999-2010)
8. Amitav Ghosh: The Hungry Tide (2004)
9. John Williams: Stoner (1965; Neuausgabe 2006)
10a. Ken Follett: Fall of Giants (2010)
10b. Ken Follett: Winter of the World (2012)
10c. Ken Follett: Edge of Eternity (2014)



1. Michael Ondaatje: The English Patient (1992)

Wer erinnert sich nicht an eine der ersten Szenen des preisgekrönten Films The English Patient, den spektakulären Flugzeugabsturz in der Wüste? Nach dem Willen des britischen Piloten Geoffrey Clifton sollte er drei Menschen den Tod bringen: seiner Frau Katherine, ihm selbst und ihrem Liebhaber, der lange Zeit im Text als The English Patient bezeichnet wird. Doch schlägt die Absicht des Piloten fehl: nur er kommt bei dem vorsätzlich herbeigeführten Unglück ums Leben, während - wenn auch nur für unbestimmte Zeit - seine Frau und der englische Patient überleben. Nachdem dieser Katherine aus ihrem Fallschirm befreit hat, trägt er sie in eine nahe gelegene Höhle, macht sich trotz seiner schweren Brandverletzungen auf den Weg, um Hilfe zu holen und wird schließlich von Beduinen gerettet.

Der Auftakt des Romans ist weit weniger dramatisch: Die erste Szene spielt - wie die fast gesamte Gegenwartshandlung - in einer halb verfallenen Villa in Oberitalien. Hierher haben die Kriegsgeschicke vier ganz unterschiedliche Personen zusammengeführt: da ist zunächst der ans Bett gefesselte und nahezu bewegungsunfähige englische Patient, dessen Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt ist und der offensichtlich an komplettem Gedächtnisverlust leidet. Da ist die zwanzigjährige kanadische Krankenschwester Hana, die ihn aufopferungsvoll pflegt. Sie verliebt sich in den indischen Pionier Kirpal Singh (genannt Kip), der auf der Seite der Briten zahllose Bomben entschärft und dabei unzählige Male sein Leben riskiert. Und da ist noch ein gewisser David Caravaggio, der Hanas Familie von früher her kennt und der als Spion für die Alliierten tätig war. Als er bei dem Rückzug der deutschen Soldaten aus Italien in deren Hände fiel, hackte man ihm beide Daumen ab.

Offenbar ist Caravaggio vor allem daran interessiert, die wahre Identität des englischen Patienten zu ermitteln. Bei diesem handelt es sich um einen ungarischen Adligen, der urspünglich offenbar für strategische Zwecke in Zusammenarbeit mit dem Luftphotographen Geoffrey Clifton die Wüste kartographierte. Doch als er allein zurückkehrt, werden die Briten wegen seines unglückseligen Verhältnisses mit der verheirateten Katherine Clifton mißtrauisch und da sie ihm jede Hilfe verweigern, läuft er schließlich zu den Deutschen über. Schon zu Beginn des Romans zeichnet sich ab, dass er seine schwere Verwundung nicht überleben wird. Und wiederholt wird deutlich, dass es zum Ende des Krieges für die Beteiligten nicht mehr relevant ist, wer auf welcher Seite gekämpft hat.

Der recht umfangreiche Roman (320 Seiten) ist außerordentlich handlungsarm; er bezieht seinen Reiz und seine Spannung nicht aus der Schilderung der Ereignisse, sondern zunächst einmal aus der Charakterisierung der handelnden Figuren. Auch wenn die Ereignisse des zweiten Weltkriegs keine Rolle spielen und diese nur den Hintergrund bilden, ist ihr deformierender Einfluß auf die Psyche der Betroffenen unübersehbar: Hana wird von einer resignativen Grundstimmung beherrscht, sie ist physisch und psychisch der Erschöpfung nahe. Sie hat viele Soldaten sterben gesehen, und auch ihr letzter Patient ist ein sterbender Mann, dessen Schmerzen lediglich mit Morphium zu lindern sind. Auch Caravaggio ist davon abhängig. Die Schlussszene, die einige Jahre nach Kriegsende spielt, zeigt Kip, wie er in seiner Heimat Indien als Arzt eine Existenz und eine Familie gegründet hat: er ist der einzige, für den im Roman eine positive Perspektive entwickelt wird.

Hinzu kommt die Erzählstruktur des Romans: fast die gesamten Ereignisse werden in Rückblenden aufgerollt, d.h. die Erzählweise erfolgt sehr kunstvoll in kleinen Schritten und Abschnitten, und nach und nach ergibt sich aus der Fragmentarisierung des Geschehens doch noch ein zusammenhängendes Gesamtbild. Dazu ist die Sprache reich an ungewöhnlichen Kollokationen und Bildern, die mindestens dem nicht-muttersprachlichen Leser eine konzentrierte (möglicherweise zu wiederholende) Lektüre nahelegen.

Natürlich ist die filmische Adaptation weder vollständig noch identisch mit der literarischen Vorlage. Doch kommt es nicht von ungefähr, dass die Verfilmung mit Oscars geradezu überhäuft wurde. Sie stellt ein überzeugendes Beispiel dafür dar, wie die Druckfassung und die visuelle Umsetzung sich gegenseitig ergänzen und wie der Film zur Lektüre des Romans anregen kann.


2. Michael Cunningham, The Hours (1999)

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass ein literarischer Text zum Anlass für weitere literarische Werke wurde: man denke nur an die zahlreichen Parodien, die in der Literaturgeschichte belegt sind. Der o.g. Roman ist zwar kein Paradigma für diese Form von Intertextualität, wurde aber durch ein Werk inspiriert, das vor rund einem dreiviertel Jahrhundert erschien und zum Klassiker der Moderne avancierte: die Rede ist von Virginia Woolfs Mrs Dalloway aus dem Jahre 1924. Zum Verständnis von Cunninghams Roman ist die Kenntnis dieses Texts nicht unbedingt erforderlich, doch ohne Zweifel sehr hilfreich: The Hours ist einerseits eine Hommage an Virginia Woolf, andererseits aber ein völlig eigenständiges Werk.

Cunninghams Roman beginnt mit einem während der Bombenangriffe auf London im 2. Weltkrieg spielenden Prolog (März 1941), in dem der Selbstmord Virginia Woolfs beschrieben wird. Sie wird von Schmerzen und psychischen Problemen so sehr heimgesucht, dass sie ihr das Leben unerträglich machen. Daher hinterlässt sie einen Abschiedsbrief an ihren geliebten Gatten Leonard und ertränkt sich in der Themse.

Der sich anschließende Romantext spielt auf drei verschiedenen Zeitebenen, an drei unterschiedlichen Schauplätzen und ist drei verschiedenen Protagonistinnen gewidmet. Das erste Kapitel, dessen Ereignisse zu Ende des 20. Jahrhunderts in New York stattfinden, ist mit "Mrs Dalloway" überschrieben und weist mehr als eine inhaltliche Parallele zu Virginia Woolfs gleichnamigen Roman auf. Mrs Clarissa Vaughn begibt sich in die Stadt, um Blumen zu kaufen: ihr Freund Richard, ein offenbar aidskranker Schriftsteller, von dem sie oft scherzhafterweise "Mrs Dalloway" genannt wird, ist mit einem Literaturpreis ausgezeichnet worden. Ihm zu Ehren will sie eine Abendgesellschaft geben. Auch Clarissa ist Schriftstellerin: ihre Bücher werden von der Kritik respektiert, verkaufen sich aber sehr schlecht. Das Kapitel endet mit dem geplanten Blumenkauf bei der mit ihr befreundeten Floristin Barbara.

In Kapitel 2, das im Jahre 1923 in einem Londoner Vorort spielt, wird Virginia Woolf selbst vorgestellt. Sie ist schwer krank, stark gealtert, aber nach wie vor zur Arbeit entschlossen: das Schreiben bedeutet für sie tiefste Befriedigung. Im Hause befindet sich eine Druckerei: ihr Mann Leonard ist mit Korrekturlesen beschäftigt. Virginia schreibt den ersten Satz ihres Romans Mrs Dalloway nieder.

Das dritte Kapitel ist im Jahre 1949 in Los Angeles angesiedelt; Mrs Laura Brown (geb. Zielski), die in gutbürgerlichen Verhältnissen lebt, ist eine leidenschaftliche Leserin der Werke Virginia Woolfs: sie liest eines nach dem anderen, oft bis spät nach Mitternacht, und ist zur Zeit gerade mit Mrs Dalloway beschäftigt. Lesen ist fast wie eine Sucht für sie: es bedeutet den Rückzug aus der alltäglichen Wirklichkeit. Zweimal wird etwa eine Seite aus diesem Roman wörtlich zitiert (kenntlich durch Kursivdruck). Mrs Brown hat einen dreijährigen Sohn (Richie) und erwartet ihr zweites Kind, hält aber ihre Vorliebe für Virginia Woolf vor ihrem Gatten geheim. Gemeinsam mit ihm will sie für ihren Gatten einen Geburtstagskuchen backen.

Kapitel 4 befasst sich wiederum mit Clarissa Vaughn: sie ist ebenso bisexuell wie ihr Freund Richard, den sie in seiner Wohnung aufsucht. Er bezeichnet sich selbst als krankes und wahnsinniges Wrack, dem die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Zukunft sowie das Trennen von Fiktion und Wirklichkeit schwer fällt. "Mrs Dalloway" ist seine älteste Freundin, die ihm aufopferungsvoll und bedingungslos zur Seite steht. Sie weiß, dass der licht- und menschenscheue Richard bereits vom Tode gezeichnet ist.

Im Weiteren werden die Schlüsselszenen, die für das Leben der drei Protagonistinnen entscheidenden Stunden (vgl. Titel), abwechselnd erzählt: Kapitel 5 zeigt Virginia Woolf bei der Arbeit, wobei sie bereits von starken, beinahe ständigen Kopfschmerzen geplagt wird. Zeitweise meint sie Stimmen zu hören, die auch untereinander sprechen, so dass sie praktisch neben sich steht. In dieser Situation ist zum Überleben für sie absolute Dunkelheit so wichtig wie das Wasser in der Wüste. Ihr Mann Leonard fungiert als ihr verständnisvoller, ständiger Begleiter.

Kapitel 6 schildert, wie Mrs Brown mit ihrem dreijährigen sensiblen Sohn Richie zusammen die Geburtstagsfeier für ihren Gatten vorbereitet. Sie selbst ist starken Stimmungsschwankungen unterworfen. Zunächst backt sie mit Richie eine Geburtstagstorte für ihren Mann, wobei sie diese Tätigkeit durchaus mit kreativem Schaffen vergleicht. Da ihr Kuchen einige Schönheitsfehler aufweist, wandert er in den Müll, ohne dass ihr Sohn es bemerkt. Im zweiten Versuch gelingen ihr vor allem die Verzierungen der Torte besser, aber diese genügen noch immer nicht ihren hohen, geradezu künstlerischen Ansprüchen. Mrs Brown ist eine irgendwie realitätsfremde Person, für die die Lektüre eine Fluchtmöglichkeit in eine Ersatzwelt darstellt: selbst am Geburtstag ihres Mannes löst sie sich von der Familie, verlässt die ihr vertraute Wirklichkeit und zieht sie sich unter einem Vorwand in ein Hotel zurück, um einige Stunden in Virginia Woolfs Roman Mrs Dalloway ungestört lesen zu können.

So entsteht allmählich ein Charakterbild der drei Frauen. Im vorletzten Kapitel wird Clarissa Zeuge, wie Richard sich aus dem fünften Stock über ein Fenstersims gleiten lässt und in den Tod stürzt. Dabei gibt es sogar sprachliche Parallelen zum Suizid Virginia Woolfs: die enge Verwobenheit zwischen biographischen Fakten und fiktionaler Gestaltung wird durch verschiedene Metaphern verdeutlicht.

Die drei Handlungsstränge lassen sich gut nebeneinander lesen und nachvollziehen. Erst im letzten Kapitel werden diese miteinander verbunden. Die inzwischen über 80 Jahre alte Laura Brown, erscheint zu der für Richard geplanten Party und trifft dabei u.a. mit Clarissa Vaughn zusammen: es kommt zur Begegnung zweier Frauen, für deren Leben, wie für den Romancier Michael Cunningham, Virginia Woolfs Werk von entscheidender Bedeutung war: er stellt sich vor, welche Gedanken Virginia Woolf beim Verfassen von Mrs Dalloway gehabt haben könnte und weist auch auf autobiographische Parallelen hin. Erst zum Schluss wird die zeitliche Distanz von ca. 50 Jahren überbrückt. Erst jetzt wird Mrs Brown als Richards Mutter und die Frau vorgestellt, die ihn zu seinem Schaffen inspirierte. Sie selbst, die bei der Lektüre von Virginia Woolfs Werken oft Todessehnsüchte verspürte, erscheint zu spät auf der Szene, um ihren Sohn, dessen literarische Werke sie sehr bewundert, noch einmal lebend zu sehen. Nachdem sie ihren Mann durch Leberkrebs, ihr zweites Kind, eine Tochter, durch einen Autounfall verloren hat, muss sie auch noch den Suizid ihres Sohnes ertragen.

Der 1952 in Ohio geborene Michael Cunningham lehrt heute an der New Yorker Columbia Universität kreatives Schreiben; er hat sich indes vor allem als Drehbuch-, Kurzgeschichten- und Romanverfasser einen Namen gemacht. Sein Roman The Hours weist eine sehr melancholische Grundstimmung auf. Seine Figuren nehmen sich alle Freiheiten, ohne wirklich glücklich zu sein. Darüber hinaus ist der vorliegende Text wie Virginia Woolfs Werk stilistisch sehr anspruchsvoll und zugleich kunstvoll strukturiert. Der Roman erhielt 1999 den renommierten und begehrten Pulitzer-Preis und bedeutet nicht nur für Liebhaber der Werke Virginia Woolfs eine fesselnde Lektüre.

Zudem ist die weitestgehend orginalgetreue Verfilmung des Werkes durch den jungen britischen Regisseur Stephen Daldry (2002, u.a. mit Nicole Kidman, Meryl Streep und Julianne Moore; deutscher Titel Von Ewigkeit zu Ewigkeit) sehr sehenswert: Nicole Kidman wurde zu Recht mit dem Oskar für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet. Die uneingeschränkte Zustimmung des Autors zu der Filmversion seines Romans ist daher nicht überraschend. Bezüglich einiger Vorschläge zum Einsatz dieses Films im fortgeschrittenen Englischunterricht vgl. "Examples of outstanding films, no.3".


3. Philip Roth: The Human Stain (2000)

Im Mittelpunkt dieses umfangreichen Romans steht Coleman Silk, ein 71jähriger jüdischer Professor für Griechisch und Latein. Nach langjähriger beruflicher Tätigkeit zieht er sich verbittert aus dem Lehrbetrieb der Universität ins Privatleben zurück. Was war geschehen? In einem Seminar hatte Coleman bei der Kontrolle der Anwesenheit festgestellt, dass zwei Studenten ständig fehlten und daher gefragt: "Does anyone know these people? Do they exist or are they spooks?"

Dabei wusste der Professor nicht, dass die beiden Abwesenden Schwarze waren, die sich prompt durch seine Wortwahl diskriminiert fühlten und Beschwerde einreichten. Obwohl der Terminus "spooks" in erster Linie "Geister/Gespenster" bedeutet und erst sekundär, etwa in der Bedeutung "dunkle Gestalten", auf afro-amerikanische Staatsbürger pejorativ angewendet wird, erweist sich Silks unbedachte Äußerung als Initialzündung für eine unglückselige Verkettung von Umständen, die mit seinem Tod enden.

Durch seine effektive Verwaltungstätigkeit als Fakultätsdekan, der mit traditionellen Privilegien aufräumte und frischen Wind in die Universität brachte, hatte Coleman Silk sich viele Feinde gemacht. Als Folge davon erklärte sich kein einziger Kollege mit ihm solidarisch, als eine Klage der studentischen Betroffenen öffentlich wird. Im Gegenteil, fast gleichzeitig damit wird bekannt, dass Coleman Silk mit Faunia Farley eine Analphabetin als Geliebte hat, die in der Universität sauber macht und mit ihren 34 Jahren halb so alt ist wie er selbst. Dies trägt ihm in einem anonymen Drohbrief den Vorwurf der sexuellen Ausbeutung ein. Zwar gelingt es ihm, eine Kollegin als Verfasserin ausfindig zu machen, doch rät ihm sein Anwalt wegen mangelnder Erfolgsaussichten von der Einleitung rechtlicher Schritte ab.

Faunia Farley hat ein sehr hartes Schicksal hinter sich. Zwar stammt sie aus bestem Hause, doch nach der Trennung ihrer Eltern war sie in jungen Jahren den sexuellen Übergriffen ihres Stiefvaters ausgeliefert. Später wird sie von ihrem Mann Lester Farley, einem früheren Vietnamkämpfer, verprügelt und verliert ihre beiden Kinder beim Brand ihres Hauses.

Lester Farley leidet an post-traumatischen Störungen seines Vietnameinsatzes: nach den zahllosen, zum Teil brutalen Kampfhandlungen vermag er es zunächst nicht, im zivilen Leben Tritt zu fassen und eine Orientierung zu finden. Er stellt Faunia und Coleman nach, so dass sich diese von ihm bedroht fühlen. Einmal kommt es sogar zu einem tätlichen Angriff auf den Professor.

Eine ganze Zeitlang kann man den Eindruck haben, dass Coleman Silk - mit Ausnahme der einen oben erwähnten mißverständlichen Äußerung - sich persönlich keinerlei Fehlverhalten vorzuwerfen hat. Doch ist er alles andere als ein unschuldiges Opfer. Dies wird zum ersten Mal durch die Tatsache deutlich, dass er anlässlich seiner Heirat mit einer weißen Frau einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit ziehen will, indem er seine familiären Wurzeln negiert. Als hellhäutiger Afro-Amerikaner beschließt er, sich von der Dominanz und der vermeintlichen Abhängigkeit von den Weißen zu befreien, indem er sich in Zukunft als 'weiß' ausgibt.

Zu diesem Zeitpunkt ist sein Vater, der ihn immer zu Studium und Karriere gedrängt hatte, bereits tot. Seine Mutter empfindet die Verleugnung der Familie als unerträgliche Demütigung, und seine Geschwister sagen sich auf Dauer von ihm los. Tatsächlich wird die Entfremdung zwischen Coleman und seiner Familie nie überwunden. Somit ist seine Entscheidung irreversibel; mehr noch: seine Vorstellung von Freiheit erweist sich rasch als Illusion. Der gegen ihn erhobene Vorwurf des Rassismus gegenüber seinen beiden Studenten wäre in Bezug auf einen Schwarzamerikaner absurd. In Bezug auf einen Weißen aber ist er fatal, so dass sich Coleman Silk ironischerweise aufgrund der eigenen Entscheidung wie in einem Käfig befindet, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Zudem ist die Heirat mit seiner Frau Iris auf einer Lüge gegründet. Auch ihre vier gemeinsamen Kinder werden nie über ihre familiären Wurzeln aufgeklärt, sondern mit der Behauptung abgespeist, alle anderen Familienmitglieder seien tot. Da die Kinder ebenfalls kein gutes Verhältnis zu ihrem Vater haben, gerät der egozentrische und rechthaberische Coleman Silk immer stärker in eine Isolation. Auch mit Faunia Farley verbindet ihn - abgesehen von der sexuellen Befriedigung - wenig Gemeinsames.

Der Titel des Romans wird zum ersten Mal auf domestizierte Vögel angewendet, die infolge ihrer Prägung durch den Menschen zu einem natürlichen Leben in Freiheit nicht mehr fähig sind. Von daher sind bestimmte Parallelen zu Coleman Silk unübersehbar: sein menschlicher Makel liegt in einer Lebenslüge, an der er zerbricht. Die Verleugnung seiner Abstammung rächt sich und führt zu einer negativen Prägung seiner Person. Schließlich fühlt Silk sich wie jemand, der alles verloren hat; sein sozialer Abstieg ist unaufhaltsam und geht mit einer wachsenden Abneigung gegenüber sich selbst Hand in Hand.

Das gesamte Geschehen wird von einem Ich-Erzähler, einem Nachbarn Coleman Silks namens Nathan Zuckerman, der in mehreren Romanen des Autors auftritt und als dessen alter ego gedeutet worden ist, in epischer Breite erzählt. In umfangreichen Rückblenden werden die zum Verständnis erforderlichen Fakten zusammengetragen. Ein großer Wortschatz, anspruchsvolle Formulierungen, ungewöhnliche Kollokationen bestimmen das Sprachprofil. Zahlreiche Anspielungen von Homer, Euripides und Sophokles über Karl Marx und Jonathan Swift bis hin zu Thomas Mann zeugen von ausgezeichneten Kenntnissen des Autors in Geistes- und Literaturgeschichte. Ebenso gut sind aktuelle politische Anspielungen (etwa Bill Clintons Affaire mit Monica Lewinsky) in die Handlung des 1998 spielenden Werkes integriert. Ob Philip Roth Einzelheiten des Unterrichts mit Analphabeten oder technische Details des Boxsports beschreibt, ob er äußere Geschehnisse oder Charaktere von innen darstellt, stets ist der Roman gut lesbar.

Die Figur des Coleman Silk erinnert an J. M. Coetzees 1999 erschienenen Roman Disgrace und seinen Protagonisten David Lurie, einen Professor mittleren Alters für Literatur in Kapstadt, der nach einer sexuellen Verbindung mit einer Studentin in Ungnade fällt und den Dienst quittiert. Bekanntlich erhielt Coetzee im Jahre 2003 den Nobelpreis für Literatur. Nicht zuletzt aufgrund des Romans The Human Stain wäre m.E. Philip Roth für diese Auszeichnung ebenfalls ein geeigneter Kandidat.


4. T.C. Boyle: A Friend of the Earth (2000)

In einem Prolog wird der 75jährige Erzähler Tyrone (Ty) Tierwater eingeführt, mit dem seine zweite Ex-Frau wieder Kontakt aufnimmt. Beide gehören ebenso wie Tochter Sierra aus erster Ehe zu einer Gruppe von engagierten Umweltaktivisten, die sich Earth Forever nennt (reales Vorbild ist wohl die Gruppe Earth First). Doch ist im Jahre 2025 inzwischen der Kampf für die Natur sinnlos geworden: die Biosphäre ist zusammengebrochen, das Klima hat sich radikal verändert: in St. Barbara (Kalifornien) gibt es nur noch lange Regenzeiten, die zu starken Überschwemmungen führen, und Phasen der Dürre mit unerträglich heißen Temperaturen.

Damit hat sich die Existenz der Menschen grundlegend verändert: sie haben eine hohe Lebenserwartung, Organtransplantationen sind selbstverständlich geworden, die dazu erforderlichen Spenderorgane findet man durch Zeitungsanzeigen, und als Folge davon leidet die Erde an starker Überbevölkerung. Zudem grassieren wegen der anhaltenden Feuchtigkeit zahlreiche ansteckende Krankheiten, z.B. gefährliche Grippen. Tierwaters erste Frau starb bereits 1979 an den Folgen eines Bienenstichs (vermutlich erlitt sie einen allergischen Schock).

Zudem hat sich die Artenvielfalt in der Natur erheblich reduziert. Tyrone Tierwater arbeitet bezeichnenderweise für einen steinreichen Popstar namens Maclovio (Mac) Pulchris, der sich einen privaten Tierpark hält, um wenigstens einige der bedrohten Arten zu retten. Auch für die Tiere, die sinnigerweise durchgehend nach Pflanzen benannt sind, ist der Dauerregen eine große Gefahr. Als ein Unwetter ihre Käfige zerstört, wird Mac von einem Löwen zu Tode gebissen, so dass die übrigen Tiere in eine ungewisse Freiheit entlassen werden müssen.

Die Handlung ist in drei Teile und einen Epilog gegliedert: sie setzt im ersten Romankapitel im Jahre 1989 ein, als die Tierwaters eine nächtlichen Aktion in Oregon starten (sie gießen ihre eigenen Füße mit Beton zu), um das sinnlose Abholzen von Wäldern zu verhindern. Doch bleibt ihr engagiertes Vorgehen ohne Wirkung, da der örtliche Sheriff zu verhindern weiss, dass die Medienvertreter davon erfahren und infolgessen nicht darüber berichten können. Aufschlussreich ist ebenfalls, dass die Naturschützer mit ideologisch-politischem Vokabular belegt werden: sie werden als grüne Nigger bezeichnet und zu Bolschevisten mit homosexuellen Tendenzen abgestempelt (p. 34).

In der Folge wird in regelmäßigem Wechsel die Lage in der utopischen 'Gegenwart' von 2025 beschrieben und die Darstellung der Ereignisse im Jahre 1989 fortgesetzt, so dass sich zwei Handlungsebenen ergeben: die eine, die Ebene der Vergangenheit, ist narrativ-dynamisch, während die Darstellung der 'Gegenwart' eher deskriptiv-statisch wirkt.

Die Umweltaktivisten unternehmen spektakuläre Aktionen zum Erhalt der Natur, vor allem zur Rettung der Waldbetände, wobei sie zunächst vor allem auf passiven Widerstand setzen. Doch erscheint ihr Einsatz aussichtslos, da die Behörden mit fragwürdigen Methoden gegen sie kämpfen. Nach der oben erwähnten Aktion in Oregon beispielsweise bleibt Sierra Tierwater zunächst in staatlichem Gewahrsam, weil die Teilnahme an einer nächtlichen Demonstration angeblich eine Gefährdung des Kindeswohls darstellt. Dann kommt sie in eine Pflegefamilie, da dem Vater mit Hilfe eines Gutachtens vor Gericht die Erziehungsfähigkeit für seine Tochter abgesprochen wird. Als Tierwater von ihr einen verzweifelten Hilferuf erhält, ignoriert er den Gerichtsbeschluss, befreit sie gewaltsam und zündet zudem aus Vergeltung heimlich ein teures Baufahrzeug an.

Danach leben sie anonym bzw. unter falschen Namen, um der Verfolgung durch die Strafbehörden zu entgehen. Tochter Sierra wird zur überzeugten Vegetarierin: sie ist der Ansicht, dass es den Menschen nicht gestattet ist, Tiere zu töten, um sich an der Spitze der Nahrungskette zu behaupten. Tierwater aber führt nach Verbüßen seiner Gefängnisstrafe anstelle von friedlichen Protestaktionen heimliche Sabotageakte durch. Dazu gehört die Vernichtung wertvoller Maschinen ebenso wie das Legen von Waldbränden, wobei sich schon die Frage nach dem Sinn eines solchen Verhaltens und der Verhältnismäßigkeit der Mittel stellt.

Es wirkt geradezu paradox, wenn der Protagonist zur Rettung des Waldes eben dort Feuer legt, und man fragt sich, ob sein Einsatz für die Natur nicht unmerklich zum Vorwand für persönliche Vergeltungsmaßnahmen mutiert ist. Vor Gericht indes kann Tierwater wegen der Brandstiftungen nicht belangt werden, da er diese bestreitet und Beweise gegen ihn nicht vorliegen. Nach seiner eigenen Einschätzung ist die Gefängnisstrafe ohnehin unverdient, da das Gericht ihm zu Unrecht das Sorgerecht für seine Tochter entzogen hat.

Einen Monat lang leben Andrea und Ty unter größten Entbehrungen nackt im Wald, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen, und auch diese Aktion endet wieder mit einer Verhaftung. In ähnlicher Weise bewohnt Tochter Sierra länger als drei Jahre ein Baumhaus: es wird zu ihrem einzigen Lebenszweck, wenigstens einen Baum zu beschützen. Auch sie zeigt die gleiche Entschlossenheit und ein mindestens genauso großes Engagement für die Natur wie ihr Vater und ihre Stiefmutter, wobei es immer um den gleichen Aspekt geht, nämlich die Abholzung des Waldes zu stoppen. Bei einem Besuch von Seiten des Vaters stürzt sie ab und kommt im Alter von 25 Jahren (im Jahre 2002) allzu früh ums Leben.

Als Ty aus dem Gefängnis entlassen wird, führt er genau eine Woche ein 'normales', d.h. friedliches Leben. Bei einer erneuten nächtlichen Aktion, die nur auf Sabotage zielt, wird er indessen auf frischer Tat ertappt. Da seine Bewährung noch nicht abgelaufen ist, summiert sich die nun fällige Gefängnisstrafe auf 4 ½ Jahre. In der Öffentlichkeit wird er zunehmend als ein Ökoradikaler, als das kalifornische Phantom, als eine menschliche Hyäne dargestellt; nur in den Augen seiner Tocher war er stets ein Held.

Es ist bedrückend zu sehen, wie sich einerseits in Form einer Kausalkette von einer ersten Aktion des passiven Widerstandes die Auseinandersetzung spiralförmig immer weiter radikalisiert und sich andererseits Tierwater als verbissener und fanatischer Kämpfer für die Natur immer stärker in eine Situation der Isolation manövriert. Die Handlung unterstreicht die bittere Einsicht, dass ein Freund der Erde praktisch zwangsläufig zum Feind der Menschen wird.

Dennoch zielt die Darstellung weder auf das Mitleid noch auf die Empathie des Lesers; sie bleibt weitgehend sachlich-analytisch und beinahe emotionslos: eine resignative Grundstimmung, eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit dominiert die Geschehnisse. Tierwaters Einsatz - selbst sein kriminelles Verhalten - bewirkt absolut nichts: er versucht alles, aber erreicht keinerlei Veränderung der Situation. Zum Schluß zieht er sich mit Andrea in eine Welt zurück, die zum Untergang bestimmt scheint. Zwischen den allgemeinen Lebensbedingungen und der Grundeinstellung des Protagonisten herrscht eine vollkommene Korrespondenz.

Die Erzählstruktur ist durch eine doppelte Perspektive bestimmt: zum einen bringt ein allwissender Erzähler der 3. Person dem Leser die Ereignisse nahe. Zum anderen tritt in einzelnen Abschnitten (vor allem in kursiv gesetzten Passagen) Tierwater auch als Erzähler der ersten Person auf, der unmittelbar sein eigenes Denken und Fühlen schildert.

Auch wenn die Handlung zum Teil in der Zukunft spielt, liegt kein utopischer und schon gar kein politischer Roman vor: der Text sagt nichts über Machtverhältnissse, Staatsform und Gesellschaft im Jahre 2025 aus. Der Autor vermittelt seine Botschaft, ohne zu predigen, ohne ideologische Verbissenheit, ohne den berüchtigten moralischen Zeigefinger: A Friend of the Earth ist sicher keine Protestliteratur. Wohl aber handelt es sich um ein sprachlich sehr anspruchsvolles Werk über ein äußerst aktuelles Problem, um ein Beispiel dafür, wie man mit literarischen Mitteln Problembewusstsein wecken und steigern kann. Wer sich auf die Lektüre dieses Romans einläßt, wird fasziniert und betroffen sein.


5. Jasper Fforde: The Eyre Affair (2001)

Dieser Erstlingsroman des walisischen Autors Jasper Fforde ist mit herkömmlichen literaturwissenschaftlichen Kategorien kaum adäquat zu beschreiben. Die Handlung spielt im Jahre 1985, also im Jahre 1 nach George Orwell, und sie weckt somit Assoziationen an eine Antiutopie. Doch geht es dem Autor nicht um die Warnung vor einem künftigen Schreckensbild, sondern vor allem um die Rolle der Literatur in diesem Staat. In der von Fforde gezeichneten britischen Gesellschaft bestimmen zahlreiche Vereinigungen den Alltag, die mit bis zum Fanatismus gesteigerten Enthusiasmus das nationale literarische Erbe zu bewahren versuchen. Dazu gehört auch der erbittert geführte Streit um die wahre Autorschaft der Dramen William Shakespeares. Viele Mitglieder nennen ihre Kinder nach berühmten Dichtern, so dass ihre Identifizierung nur mit zusätzlichen Ziffern möglich ist. Allgemein wird die Literatur als das höchste Kulturgut angesehen.

Unabhängig davon befindet sich diese Gesellschaft seit 131 Jahren mit Russland im immer noch nicht entschiedenen Krimkrieg. Dies ist ein erster Hinweis darauf, wie der Autor mit der historischen Wahrheit und der Wirklichkeit umgeht, denn bekanntlich fand der Krimkrieg im 19. Jahrhundert statt und endete 1856 mit einer russischen Niederlage. Die Protagonistin des Romans, Thursday Next, ist eine ehemalige Kämpferin in dieser kriegerischen Auseinandersetzung, doch ist es innerhalb des Romans ihre Aufgabe, als eine Art literarischer Spezialagentin die Literatur zu verteidigen. Nichts ist so wertvoll wie ein Originalmanuskript, und vielleicht ist es dadurch zu erklären, dass sich in jüngster Zeit die Fälle von Diebstählen mehren, mit deren Hilfe ungeheure Geldsummen erpresst werden.

Für viele derartige Verbrechen zeichnet ein gewisser Acheron Hades verantwortlich, der das Böse um seiner selbst willen tut, die Gedanken anderer liest, wie ein Zauberer sein Äußeres nach Belieben verändert, zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendelt, dadurch fast unverwundbar ist und über eine Fülle von Helfern verfügt. Acheron Hades ist somit für Thursday Next mehr als eine normale Herausforderung: der Leser fragt sich ständig voller Spannung und Erwartung, wie es ihr gelingen kann, den Erzschurken auszuschalten. Das heißt, dass in einem utopischen Kontext eine ungewöhnliche, ja höchst merkwürdige Verbrecherjagd stattfindet.

Zudem hat Hades eine Erfindung in seinen Besitz gebracht, mit der es möglich ist, in die historische literarische Welt der Bücher einzutreten, das sog. Prose Portal, das ironischerweise von einem Onkel Thursday Nexts erfunden wurde. Mit seiner Hilfe ist es zum Beispiel möglich, in das 19. Jahrhundert zu reisen, die Welt der "Daffodils" zu betreten, zu beeinflussen sowie mit dem romantischen Dichter William Wordsworth eine Unterhaltung zu führen, die zu komischen anachronistischen Mißverständnissen führt. Hades indes hat nicht nur das Manuskript von Charles Dickens’ Martin Chuzzlewit gestohlen, den er umzubringen droht, sondern er entdeckt auch sein Interesse für Charlotte Brontës Jane Eyre. Als er diese aus dem Originalmanuskript entführt, ändern sich alle darauf basierenden gedruckten Ausgaben, so dass ein populäres Werk vernichtet zu werden droht.

Es ist nun die Aufgabe der Agentin, die Titelheldin in ihre Welt zurückzuführen, damit der literarische Schaden beseitigt wird. Dabei erhält sie unerwartete Hilfe von anderen Figuren des Romans, so dass schließlich nach Ffordes Darstellung der Text Charlotte Brontës nicht nur größtenteils rekonstruiert wird, sondern sogar das heute bekannte glückliche Ende erhält, indem Jane Eyre und Edward Rochester heiraten. Nach Auflösung einiger Verwicklungen landet auch Thursday Next schließlich noch vor dem Traualtar. Wie das im einzelnen geschieht, ist logisch kaum nachvollziehbar und doch äußerst amüsant zu lesen. Der Autor präsentiert eine Mischung aus Utopie und Kriminalerzählung mit einem happy ending.

Man tut wohl gut daran, den Text nicht allzu ernst zu nehmen. Das beginnt bei der Platzierung der Literatur an die Spitze der kulturellen Werte, die in umgekehrtem Verhältnis steht zum zunehmenden Einfluß der modernen elektronischen Medien und dem allgemein nachlassenden Leseinteresse. Mit Hilfe seiner ausufernden Phantasie durchbricht der Autor zudem die Gesetze der Zeit und beseitigt in ähnlicher Weise die Trennung von Realität und Fiktion, von empirischer und fiktionaler Wirklichkeit. Jasper Fforde schreibt mit literarischen Mitteln eine zwar nicht schlüssige, aber dennoch äußerst lesenswerte Parodie der Literatur. Wer sich für kreative Texte interessiert, wird sich gerne auf The Eyre Affair einlassen. Für Lernende im fortgeschrittenen Stadium ist die Lektüre des Originals eine echte Herausforderung.


6. Frank McCourt, Angela's Ashes (1996)

Dies ist der erste Band der Biographie des irischen Autors Frank McCourt, der von frühester Kindheit an ein im wahrsten Sinne des Wortes bewegtes Leben führt. Seine Mutter Angela Sheehan geht in jungen Jahren während der großen Depression nach New York, wird dort schwanger, heiratet den aus Nordirland stammenden Malachy McCourt und bekommt in rascher Folge fünf Kinder. Der Autor Francis bzw. Frank ist der älteste Sohn, gefolgt von Malachy jun., den Zwillingen Eugene und Oliver sowie der Tochter Margaret, die nur sieben Wochen alt wird. Der Vater ist Gelegenheitsarbeiter; er erstickt seine Trauer über den Tod seiner Tochter im Alkohol. Die Mutter wird krank, verweigert jede Ansprache und überläßt die vier Brüder sich selbst.
Hilfreiche Nachbarn und ein großzügiger Lebensmittelhändler versorgen die Kinder mit dem Nötigsten und informieren die Verwandten. Schließlich kommt Angelas Mutter für die Kosten auf und holt die gesamte Familie in den Freistaat Irland zurück. Bald darauf erkrankt Oliver, einer der beiden Zwillinge, und stirbt. Niemand aus der Familie trauert so sehr um ihn wie sein Zwillingsbruder Eugene. Eines Morgens wird dieser ebenfalls tot in seinem Bett gefunden: er ist Opfer einer Lungenentzündung geworden. Somit verliert die Familie in einem Jahr drei Kinder; darüber hinaus hat Angela noch eine Fehlgeburt.

Auf Dauer indes können die Großeltern für den Unterhalt der jungen Familie nicht aufkommen und raten Angela und Malachy, nach Dublin zu ziehen. Hier sehen die Kinder auf dem Hauptpostamt das Denkmal Cuchulains, der zu den Helden des gegen die Briten gerichteten Osteraufstandes von 1916 gehörte und an den auch in Robby Doyle, A Star Called Henry erinnert wird. Als ehemaliger Kämpfer der irisch-republikanischen Armee hofft Malachy auf finanzielle Unterstützung, jedoch vergeblich. Zudem hat er als Nordire kaum eine Chance, im Süden der Insel Arbeit zu finden. Die Vorurteile gegenüber Amerikanern, Engländern, Nordiren und Andersgläubigen sind damals offenbar noch sehr ausgeprägt.

Folglich geht die Irrfahrt der McCourts weiter nach Limerick, dem Geburtsort Angelas. Die Großmutter bezahlt schließlich für die Familie ein möbliertes Zimmer, in dem die Kinder und die Eltern zusammen in einem einzigen großen Bett schlafen, das von Ungeziefer verseucht ist: in diesem Fall sind es Flöhe, später haben sie in ihren diversen menschenunwürdigen Unterkünften auch mit Läusen und Ratten zu kämpfen. In Limerick verbringt Frank seine an Entbehrungen reiche Kindheit und Jugend. Trotz der Schwäche und verständlichen Erschöpfung der Mutter werden hier in kurzen Abständen zwei weiterere Söhne geboren, welche die Namen Michael und Alphonsus (Alphie) Joseph erhalten.

Es ist kaum vorstellbar, in welcher Armut die Familie ihr Dasein fristet. Der Vater ist fast ständig ohne Arbeit. Das wenige Geld, das er außerhalb der Stadt auf den Farmen verdient, setzt er in aller Regel sofort in Alkohol um, während die Familie hungert. Trotz aller Not bestehen die irischen Männer auf ihren Privilegien: sie legen Wert auf ihr Äußeres, bürden bestimmte Arbeiten prinzipiell ihren Frauen auf, und sie nehmen sich immer das Recht auf ein paar Bier in der Kneipe. Letzteres wird für Malachy McCourt und seine Familie im Laufe der Zeit zum Verhängnis: er wird zum Alkoholiker. Da er zu spät zur Arbeit erscheint, erweist er sich als unzuverlässig und wird regelmäßig wieder gefeuert. Zwar ist er ein überzeugter Patriot und aufrechter Katholik, doch zu keiner Zeit erweist er sich als Vorbild für seine Söhne oder als verantwortungsvoller Ernährer für seine Familie. Schließlich geht er während des zweiten Weltkriegs wie viele Männer aus Limerick nach England, um Arbeit zu suchen, doch leitet dieser Entschluss nur die endgültige Trennung von seiner Frau und seinen Kindern ein.

Die Bürde der Sorge für die Kinder und deren Erziehung lastet mehr oder minder allein auf den Schultern der Mutter, die gelegentlich von den Großeltern oder anderen Verwandten unterstützt wird, und natürlich müssen auch die älteren Kinder bei der Alltagsbewältigung ständig helfen. Dennoch ist Angela oft in einer verzweifelten und demütigenden Situation: es gehört jahrelang zu ihrem Leben, bei der öffentlichen Wohlfahrt und gemeinnützigen Organisationen um den Unterhalt der Familie betteln zu müssen. Hinzu kommen mehrfach schwere Krankheiten. Als sie wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus muss, sind die vier Brüder Frank, Malachy, Michael und Alphie sich selbst überlassen. Frank als der Älteste stiehlt in größter Not mehrere Male Brot und Marmelade. Dennoch sind die Kinder nicht imstande, für sich selbst zu sorgen, so dass schließlich ihre Tante Aggie und ihr Mann Uncle Pa Keating sich ihrer erbarmen.

Auch Franks Gesundheit ist nicht die beste. Am Tage seiner Firmung beispielsweise bekommt er massives Nasebluten, wird schwindelig und muss sich hinlegen. Es stellt sich heraus, dass er lebensgefährlich an Typhus erkrankt ist. Er wird durch Blutübertragungen von Soldaten gestärkt und überlebt, ist aber nach sechs Wochen Bettruhe und zweieinhalb Monaten Krankenhausaufenthalt sehr geschwächt. Später macht ihm ein Augenleiden (Konjunktivitits) sehr zu schaffen, und er verbringt erneut vier Wochen im Krankenhaus, wobei nie auch nur angedeutet wird, wer für die medizinischen Kosten aufkommt.

Malachy und Frank haben viele Fragen an die Eltern, auf die sie nur ausweichende Antworten erhalten; sie finden es ungerecht, dass sie ihrerseits von den Erwachsenen permanent ausgefragt werden. Ähnlich ist es in der Schule, vor allem im Religionsunterricht, z.B. bei der Vorbereitung auf die Erstkommunion. Hier besteht der Unterricht ausschließlich aus dem Auswendiglernen der im Katechismus festgelegten Regeln, das mit ständigen psychischen Druck und der Angst vor Bestrafung verbunden ist, während Fragen auf Seiten der Kinder nicht zugelassen werden. Jedes unerwünschte Verhalten wird zur Gefahr für die eigene Seele, zur Sünde erklärt, wofür die ewige Verdammnis droht, und natürlich ist außerhalb der katholischen Kirche keine Erlösung möglich. So kann es nicht verwundern, dass Frank später aufgrund seiner erwachenden Sexualität häufig intensive Schuldgefühle verspürt. Auch die Erwachsenen wagen es nicht, die Autorität der Priester in Frage zu stellen. Der Einfluss und die Macht der Kirche ist offenbar sehr weitreichend.

Erst als Frank alt genug ist, um verschiedene Jobs auszuführen, bessert sich ganz allmählich die Situation der Familie. Als Zehnjähriger verdient er ein bisschen Geld dadurch , dass er beim Zeitungsaustragen hilft und dem Swift-Enthusiasten Mr Timoney (vgl. p. 218f und p. 220) aus A Modest Proposal und Gulliver's Travels vorliest. Als Frank elf Jahre ist, bekommt er Gelegenheit, dem Kohlehändler Mr Hannon, der seine Ware mit Pferd und Wagen ausliefert, bei der Arbeit zu helfen. Als seine Mitschüler ihn so tätig sehen, ist das für Frank ein Hochgefühl: er fühlt sich bereits erwachsen, verdient einen Shilling für einen halben Tag, darf manchmal aber auch Trinkgelder behalten, so dass er für seine Mutter und seine Brüder eine wirkliche finanzielle Entlastung bedeutet. Leider ist diese Episode nur von kurzer Dauer, da Mr Hannon infolge seiner ständigen schmerzenden Knie seine Arbeit aufgeben muss. Das Ehepaar Hannon indessen ist Frank sehr dankbar für seine Hilfe. Warscheinlich ist es aber auch für Frank die bessere Lösung, da seine Augen unter dem Kohlestaub leiden und das eine stark eitert.

Mit 14 Jahren erhält Frank einen Job bei der Post als mit einem Fahrrad ausgestatteter Telegrammbote - bei einem Lohn von einem Pfund pro Woche, wozu in günstigen Fällen noch einige Trinkgelder kommen. Dabei sind ironischerweise die armen Leute und die protestantischen 'Glaubensfeinde' die häufigsten Spender. Mit seinem Verdienst fühlt sich Frank wie ein bereits erwachsener Mann, doch verliert deswegen die Familie die öffentliche Unterstützung, und die Armut bleibt. Franks großer Traum bleibt es, eines Tages nach Amerika auszuwandern.

Mit 16 Jahren wechselt Frank die Stellung: er arbeitet nun für eine Gesellschaft von Protestanten und Freimaurern aus Dublin, die mit freizügigen Zeitschriften handeln. Zudem schreibt er im Auftrag einer Geldverleiherin immer wieder Drohbriefe an säumige Kunden, mit denen er nebenbei sein Einkommen aufbessert. Als diese stirbt, zweigt Frank von ihrem Vermögen einen Teil für seine eigenen Zwecke ab. Auch sein Bruder Malachy findet nacheinander diverse Jobs, und selbst die Mutter leistet ihren Beitrag, indem sie einen kranken alten Mann pflegt. So ist Frank in der Lage, drei Jahre lang zu sparen, bis er die nötige Summe für eine Überfahrt nach Amerika aufbringen kann. Die Mutter bleibt mit den beiden jüngsten Brüdern Michael und Alphie in Limerick zurück.

Genau genommen geht es in diesem Werk um die ersten 19 Jahre im Leben des Autors: eigentlich steht er selbst mehr im Zentrum als seine Mutter. Der Titel des Romans spielt möglicherweise an auf den Rest der Zigaretten, die sich die Mutter als einziges Gegenmittel gegen den übermächtigen, ständigen Stress in ihrem Leben gönnt. Oft wird aber auch darauf verwiesen, dass von der Glut des häuslichen Feuers nur die Asche übrig und kein Geld für Kohle vorhanden ist. Möglicherweise ist in der Wiederkehr dieses Motivs auch ein Sinnbild für Angelas Existenz zu sehen. Aus ihrem Leben ist die Glut gewichen: es ist ebenso freud- und leblos wie Asche. Dazu kann sie die Disintegration der Familie nicht aufhalten: ihr Mann kehrt nie wieder zu ihr nach Irland zurück.

Die Ereignisse in diesem autobiographischen Roman werden aus der Perspektive des jungen Frank geschildert, dem notwendigerweise vieles merkwürdig, rätselhaft, unverständlich oder sogar sinnlos erscheinen muss. Aus dieser Erzählweise resultiert der Humor des Buches: er impliziert einen Appell an den Leser, eben jenes Verständnis für den jungen Erzähler aufzubringen, das den Erwachsenen fehlt. Die trostlose, bedrückende Realität wird auf eine Weise geschildert, die hier und da trotz allem dem Interessierten ein unwillkürliches Schmunzeln abringt und die das Werk in die Nähe einer Tragikomödie rückt. Der Roman bringt einem somit Schicksale von unvorstellbarer Armut nahe, die vom Zeitgeist, von der irischen Geschichte und der katholischen Kirche diktiert werden: dadurch wird der einzelne Mensch fremdbestimmt. Die Lektüre wird auch auf Leser der heutigen Wohlstandsgeneration ihren Eindruck nicht verfehlen.


7. Roddy Doyle, The Last Roundup (1999-2010)

Hierbei handelt es sich um eine Trilogie, die aus folgenden Einzelromanen besteht:
Bezüglich des ersten Romans mit dem Titel A Star Called Henry (1999; Klett 2008): vgl. "Schwerpunkt Roman, Knapptexte 8".
Die beiden Fortsetzungsbände Oh, Play that Thing (Vintage Books, 2005) und The Dead Republic (J. Cape, 2010) werden im Folgenden vorgestellt.


Oh, Play that Thing (2004)

Das Buch Oh, Play that Thing beschreibt rund zweieinhalb Jahrzehnte im weiteren Leben Herny Smarts, in denen er vergeblich versucht, sich in den U.S.A. eine gesicherte Existenz aufzubauen. Der in seiner Gestaltung an historische Figuren der irischen Geschichte angelehnte Titelheld Henry Smart befindet sich seit zwei Jahren auf der Flucht: als ehemaliger Freiheitskämpfer und Angehöriger der I.R.A. wird er als angeblicher Verräter überall gesucht. Die Handlung des Romans setzt im Jahre 1924 mit seiner Ankunft auf Ellis Island ein, der sog. Träneninsel, auf der nicht nur viele Einwanderer lange Zeit interniert, sondern teilweise auch wieder in ihre Heimat abgeschoben wurden.

Henry Smart läßt sich zunächst einmal in Manhattan nieder und übt verschiedene Jobs aus, bevor er sein eigenes Unternehmen gründet. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Werbetexter, wobei ihn die zum Teil gewaltsam ausgetragenen Konkurrenz- und Revierkämpfe an seine Heimat Dublin erinnern. Zwar lassen sich mit illegalem Alkoholhandel und dem Verkauf pornographischer Bilder gute Geschäfte machen, doch lebt er in einem stets vorhandenen Gefühl latenter Bedrohung. Staatliche Gesetze scheinen außer Kraft gesetzt in dieser Zeit. Eines Tages wird Henry Smart von Johnny No (alias Mr Vaux) und seinen Leuten angegriffen und brutal misshandelt, so dass er nur mit knapper Not überlebt.

Anschließend schlägt sich Henry Smart auf dem Lande als selbst ernannter Zahnarzt und Brunnensucher (diviner) weiter durch, während seine Partnerin derweil als Wahrsagerin zum Lebensunterhalt beiträgt. Zahlreiche Anspielungen an A Star Called Henry zeigen, dass die Erinnerung an seine Vergangenheit übermächtig ist. Erneut gerät Henry in Lebensgefahr, so dass er fliehen muss. Damit endet der erste Teil.

Der zweite Teil setzt mit Henry Smarts Ankunft in Chicago im Jahre 1928 ein. Hier muss er hart arbeiten, um auf einem Paketumschlagplatz sein Geld zu verdienen, findet aber trotz der langen Arbeitsstunden beinahe täglich Zeit, in nächtlichen Streifzügen die Stadt zu erkunden. Hierbei lernt er in einer Bar Dora kennen, eine hellhäutige Schwarzamerikanerin, zu der er Vertrauen fasst und die ihn mit Louis Armstrong bekannt macht. Beide interessieren sich für Louis Armstrong und seine damals völlig neuartige Musik. Zum erstenmal seit seiner Flucht fühlt Henry sich in Amerika zu Hause: er fühlt sich als Amerikaner. Wiederholt wird auf den Titel des Werkes angespielt (p.136, p. 137, p. 146), der sich auf die musikalische Aufforderung zum erneuten Spielen eines eingängigen Titels bezieht und die Begeisterung des Publikums widerspiegelt. Dennoch sind Dora und Louis Armstrong in einem Klima des Rassismus Diskriminierungen und Bedrohungen ausgesetzt. Henry hat inzwischen nichts mehr vom Charakter eines heldenhaften Freiheitskämpfers: wegen seiner Beziehung zu Dora gerät er wieder einmal in Gefahr und muss erneut sein Heil in der Flucht suchen.

Henry und Louis Armstrong werden Freunde. Da der "beste Trompeter der Welt" ständig finanzielle Probleme hat, begehen die beiden mehrfach Einbrüche und Diebstähle. Dabei trifft Henry rein zufällig und völlig überraschend auf seine Frau, die ehemalige irische Freiheitskämpferin Miss O'Shea, seine Lehrerin und erste große Liebe, die bei einer reichen Dame als Hausangestellte arbeitet. Ihre gemeinsame Tochter Saoirse ist inzwischen sechs Jahre alt. Während er nicht einen einzigen Versuch zur Kontaktaufnahme mit seiner Familie unternahm, war Miss O'Shea in dieser ganzen Zeit auf der Suche nach ihrem Mann. Verständlicherweise entladen sich nun ihre aufgestauten Emotionen gewaltsam, dann vollzieht sich eine langsame, von ihrer Seite beinahe widerwillig erfolgende Versöhnung.

Louis Armstrong will sich in dem von der Mafia Al Capones beherrschten Chicago nicht abhängig machen und fühlt sich durch seine Freundschaft mit Henry Smart sicher. Aber sie werden dennoch in der Nacht von zwei Killern angegriffen: sie entkommen, indem sie in der Dunkelheit durch einen Fluss schwimmen. Anschließend gehen beide nach New York, wobei Henry seine Familie in Chicago zurückläßt. Damit endet der zweite Teil.

Der dritte Teil spielt wiederum in New York, und zwar in Harlem. Hier tritt Louis Armstrong (wie auch Duke Ellington) mit Erfolg in zahlreichen Nachtclubs auf und macht zudem viele Schallplattenaufnahmen: der Phonograph erweist sich als eine bahnbrechende Erfindung für die Zukunft. Als Henry Smart erkennt, dass er eigentlich keine Aufgabe mehr für Louis Armstrong erfüllt, beschließt er im Frühjahr 1929, sich von ihm zu trennen. Zugleich spürt er Sehnsucht, mit seiner Familie nach Dublin zurückzugehen und dort zu leben. Dazu kommt es indes nicht.

Mrs Florence Grattan-McKendish (genannt Flow), die schon im ersten Teil als Olafs Halbschwester vorgestellt wird, gründet eine eigene Kirche und wird eine erfolgreiche Predigerin. Mit Hilfe von Schallplatten, die mit Louis Armstrongs Musik unterlegt sind und durch das neue Medium Radio verbreitet werden, erlangt sie nationale Bekanntheit. Henry wird ihr Mitarbeiter, den sie gegen auf ihn angesetzte Killer beschützt. Wiederum muss er fliehen, doch dieses Mal wird er von dem Iren Ned Kellet gestellt: dieser ist ein ehemaliger Mitgefangener aus dem Jahre 1920, dem damals wie Henry die Flucht aus dem Gefängnis gelang und der jetzt für italienische und jüdische Auftraggeber handelt. Als Henry bereits mit dem Leben abgeschlossen hat, wird er in buchstäblich letzter Sekunde von seiner Frau gerettet. Damit schließt der dritte Teil.

Im vierten Teil wird geschildert, wie die Familie sich während der Weltwirtschaftskrise und in den Jahren danach weiter auf der Flucht befindet. Die Smarts wechseln häufig ihren Standort, indem sie als blinde Passagiere auf Güterzügen mitfahren. Miss O'Shea schenkt einem Sohn das Leben, der den Namen Séamus Louis erhält, aber von seinem Vater Rifle genannt wird. In dieser Zeit, die in raffender Erzählweise präsentiert wird, herrscht in Amerika ein Ausmaß an Hunger und Armut, das Henry an seine Jugend in Irland erinnert. Um zu überleben, ist die Familie zum Stehlen gezwungen. Als Séamus Louis von einem Güterwagen überrollt zu werden droht, wird er zwar von seinem Vater gerettet, aber bei dieser Aktion verliert Henry einen Unterschenkel und muss fortan mit einer primitiven Holzprothese leben. Noch schlimmer aber für ihn ist, dass bei dem Unfall die Familie getrennt wird und nie wieder zusammen findet. Henry sucht vergeblich nach seiner Frau und seinen Kindern bis in die ersten Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Geschichten und Gerüchte kursieren über Miss O'Shea, dass sie mit ihren Kindern für die Sache der Obdach- und Mittellosen kämpft. Zum Schluss des zweiten Bandes ist Henry 45 Jahre alt.

Besonders der dritte und vierte Teil dieser Fortsetzung sind auch wegen der zahlreichen Dialoge sehr gut lesbar. Man hat den Eindruck, dass der Autor für den auf authentische Wirkung angelegten Roman nun seinen Stil gefunden hat.


The Dead Republic (2010)

Der dritte und abschließende Band der Trilogie beginnt mit Henry Smarts Rückkehr nach Irland im Jahre 1951, das er 1922 (also vor 29 Jahren) verließ. Er ist in dem Glauben, dass seine Frau und seine beiden Kinder tot seien, wirkt mit seinen 49 Jahren ausgebrannt, phasenweise orientierungslos und hat bezüglich seiner Vergangenheit Erinnerungslücken. Und doch liegen noch knapp sechzig Lebensjahre vor ihm, denn Henry Smart erreicht das biblische Alter von 108 Jahren.

Der Anlass für die Heimkehr nach Irland liegt darin, dass er vor der Verfilmung seiner Lebensgeschichte steht - durch den berühmten Hollywood-Regisseur John Ford, der ihn bei filmischen Dreharbeiten in der Wüste zufällig gefunden und ihn vor dem Tod bewahrt hat. Ford, der selbst irischer Abstammung ist, führt zahllose Dialoge mit Henry Smart, aus denen er den notwendigen Stoff für ein entsprechendes Drehbuch bezieht: der Film soll im Prinzip, wenn auch nicht in allen Einzelheiten, auf Wahrheit beruhen.

Mehr noch, Henry Smart schreibt seine Biographie selbst: er macht Notizen, es kommen mehr und mehr Erinnerungen zurück, die er in Worte fasst. Dieses Vorgehen erlaubt dem Autor Rückgriffe auf A Star Called Henry, die nicht nur den Zusammenhalt des Werkes stärken, sondern ihm auch eine Meta-Ebene verleihen, da das Schreiben über das Schreiben und das Drehen eines Films zum Gegenstand der Trilogie werden. Anders gesagt: der Protagonist wird zum Schriftsteller, sein Leben zur Handlung des Skripts.

Doch kommt alles ganz anders, als sich bei der filmischen Realisierung der Lebensgeschichte Henry Smarts finanzielle Schwierigkeiten ergeben. Ferner verändert ein Drehbuchschreiber - offenbar zur Anpassung an den von Hollywood diktierten Publikumsgeschmack - dessen Angaben nicht nur in Details, sondern auch in substantieller Hinsicht so sehr, dass nach Henrys Einschätzung seine Biographie vollkommen trivialisiert wird: der heroische Freiheitskampf der Iren etwa wird auf ein Boxspektakel im Ring reduziert. Hinzu kommt, dass das endgültige Skript mit dem Titel The Quiet Man Henry vor Drehbeginn nicht vorgelegt wird. Als er die Verfälschungen erkennt, schlägt er den Regisseur mehrmals ins Gesicht, würgt ihn und tötet ihn fast. Auf die getroffenen Entscheidungen hat dieses Verhalten indessen keinerlei Einfluss mehr. Im Kino sieht Henry den Film über sein Leben, der in den für die damalige Zeit spektakulären Farben von Technicolor gedreht wurde, kein einziges Mal, später nimmt er ihn einmal eher zufällig und nebenbei über einen Schwarz-Weiß-Fernseher zur Kenntnis. Mit dem Entschluss, fortan auf Dauer in Irland zu leben, endet der erste Teil des Romans.

Mit dem Beginn des zweiten Teils lässt Henry Smart sich in Dublin nieder und arbeitet zunächst als Gärtner für eine gewisse Mrs Kelly, deren Liebhaber er wird und die ihn ständig an seine Frau erinnert – ein Detail, das sich später als Vorausdeutung erweist. Daneben ist er als Hausmeister in einer kirchlichen Jungenschule tätig. Es klingt wie Ironie, dass Henry von dem örtlichen Pfarrer auf diese Stelle hin angesprochen wird und sich für diese dadurch qualifiziert, dass er am Sonntag regelmäßig die Messe besucht. Er erkennt, dass während seiner Abwesenheit in Dublin erhebliche Fortschritte erzielt worden sind, doch besteht die Prügelstrafe in der Schule nach wie vor. Als Herny Ohrenzeuge einer allzu brutalen Bestrafung eines Schülers wird, attackiert er den fraglichen Lehrer und bedroht ihn sogar mit dem Tod. Als früherer I.R.A.-Kämpfer wird er gegenüber den Lehrern zu einer Autorität, die von ihnen Disziplin ohne Brutalität einfordert und durchsetzt.

Zu Ostern 1966 denkt Irland an den Osteraufstand von 1916. In diesen Tagen wird Henry von einer Bombe der radikalen Ulster-Unionisten getroffen, die für den Anschluss Irlands an das Vereinigte Königreich kämpfen. Er überlebt schwer verletzt. Die Zeitungen schreiben über ihn und seinen Einsatz für die Freiheit Irlands: für die Jungen in der Schule wird er ein Vorbild, das sie bewundern.

Durch die Zeitungsberichte wird die I.R.A. wieder auf ihn aufmerksam, die inzwischen in "officials" und "provisionals" gespalten ist, wobei letztere (oft als P.I.R.A. bezeichnet) weiter gegen England kämpft. Diese will ihn reaktivieren, d.h. ihn als 'Schläfer' und Verbündeten gewinnen, und Henry Smart ist von Anfang an dazu bereit.

Das bedeutet, dass er im reifen Alter zu einer neuen Überzeugung kommt. Während er als junger Mann das persönliche Ende seines Kampfes für notwendig erachtete (vgl. A Star Called Henry), zeigt sich nun, dass er mit dem Friedensvertrag, der Irland zur Republik machte, nicht einverstanden war: er strebt auch für das immer noch unterdrückte Nordirland die Unabhängigkeit an und sieht Großbritannien dort als Besatzungsmacht. Diese Überzeugung wurde Ende des ersten Bandes von Miss O'Shea vertreten: für die Unabhängigkeit Gesamtirlands hatte sie weiter gekämpft und war von der Regierung der neuen irischen Republik im Gefängnis Kilmainhaim inhaftiert worden. Es stellt sich heraus, dass auch Henrys Schule eine heimliche Zelle der I.R.A. ist.

Nach über 20 Jahren – Henry ist inzwischen 74 Jahre alt - lernt er nicht ganz unerwartet von Mrs Kelly, dass sie in Wirklichkeit seine für tot gehaltene Frau ist. In dem Glauben, dass er nicht mehr lebe, heiratete sie einen anderen, inzwischen verstorbenen Mann. Von ihr erfährt Henry auch, dass ihre gemeinsame Tochter Saoirse irgendwo in den U.S.A. lebt. Mit ihrem alten Tandem machen sie wie zur Zeiten des Freiheitskampfes zusammen eine nächtliche Runde. Beide bereuen nichts und versichern einander, glücklich zu sein. Damit endet der zweite Teil.

Der dritte relativ umfangreiche Teil spielt vier Jahre später und handelt vor allem von Henrys erneuten politischen Aktivitäten. Er ist für den aktiven Einsatz in der neu gegründeten provisorischen I.R.A. bereit. Diese Haltung zeugt von einem ausgeprägten Sinneswandel gegenüber seinem im jugendlichen Alter gefassten Entschluss, seinen persönlichen Kampf zu beenden: "It [fighting against the British] is only a word" (Bd. I, p. 325.) Seine einstige Resignation erweist sich im Kontext seines Lebens als ein nunmehr überwundenes Zwischenstadium. Trotz seiner 78 Jahre gibt es immer noch so etwas wie aktiven Rebellengeist, und er engagiert sich erneut für sein Land (Bd. III, pp. 212-214).

Miss O'Shea hat die Grenze von 90 Jahren deutlich überschritten, als sie eines Tages einen Schlaganfall erleidet und aus dem Koma nicht mehr erwacht. Sie kommt in das gleiche Pflegeheim wie ihr geld- und machtgieriger Cousin Ivan Reynolds, ein ehemals sehr einflussreicher I.R.A.-Führer, dem Henry Smart einst für den bewaffneten Kampf ausbildete. Henry besucht seine Frau und Ivan Reynolds regelmäßig. Wie aus dem Nichts erscheint schließlich Tochter Saoirse, um nach ihrer Mutter zu sehen, während sie gegenüber dem für tot gehaltenen Vater Henry kaum Gefühle zeigt.

Eines Tages tauchen zwei V-Männer bei Henry auf und nötigen ihn, als Informant für den Verfassungsschutz zu arbeiten, indem sie drohen, Mrs Kelly und Saoirse zu töten. Somit steht Henry auch im Alter unter enormen Druck: einerseits ist er ein Star der I.R.A. (vgl. den Titel des ersten Bandes der Trilogie), andererseits wird ihm eine Doppelrolle aufgezwungen. Er versucht, wiederholt die V-Leute zu täuschen bzw. zu manipulieren.

Als Anfang der 1980er Jahre allgemeine Wahlen anstehen, sitzen viele der Kandidaten der I.R.A. im Gefängnis und treten aus Hass gegenüber die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher in einen Hungerstreik. Henry Smart trifft den inzwischen erblindeten Denis (Dinny) Archer wieder, einen ehemaligen radikalen Kampfgenossen, der ihn einst im Auftrag Jack Daltons wegen unterschiedlicher Einstellungen gegenüber dem bevorstehenden Friedensvertrag töten sollte, aber Henry war schneller und konnte wie beim Osteraufstand von 1916 durch die Dubliner Kanalisation entkommen. Die beiden tauschen einen Handschlag als Zeichen der Versöhnung.

Am Krankenbett Miss O'Sheas kommen Henry und Saoirse, die ursprünglich einander völlig fremd sind, allmählich ins Gespräch Auch mit ihr versöhnt sich Henry. Sie sorgt für ihn, als er krank wird. Als Ivan Reynolds stirbt, besteht Henry trotz seines Fiebers darauf, diesem die letzte Ehre zu erweisen. Bei einem Treffen mit Reynolds' Witwe erfährt er endlich den Vornamen seiner Frau: sie heißt Nuala. Erst eine Notlüge Henrys erlöst sie von ihrem langen Leiden: Henry erzählt ihr, dass der Kampf gegen die Briten vorüber sei. Auf diese Weise bleibt sie (in symbolischer und pathetischer Weise) eine Rebellin bis zu ihrem letzten Atemzug. Henry selbst aber träumt mit seinen 84 Jahren immer noch von einem gemeinsamen Irland der Zukunft: für ihn geht es immer noch um eine Tradition, um einen Kampf, um eine Nationalität und um die Freiheit von der Unterdrückung durch die Briten. Auch hier zeigt sich ein ganz anderer, gewandelter Henry Smart. Damit endet der dritte Teil dieses Bandes.

Der vierte Teil ist auf eine einzige Szene beschränkt: darin wird geschildert, wie Henry Smart den Antrag der mit der P.I.R.A. verbundenen Sinn Fein unterstützt, die bestehende Republik Irland anzuerkennen und eigene Kandidaten für das Parlament aufzustellen. Der Traum der Freiheitskämpfer von einer die gesamte Insel umfassenden irischen Republik ist damit natürlich ausgeträumt (vgl. den Titel dieses Bandes). Henry indes ist davon überzeugt, mit diesem Zugeständnis das Richtige zu tun, auch wenn der Kampf in Nordirland weiter tobt und unaufhaltsam an Grausamkeit und Brutalität zunimmt. Als Henry im Jahre 2010 (praktisch parallel der Veröffentlichung des abschließenden Bandes der Trilogie) seinen Tod nahen spürt, ist er 108 Jahre alt.

Auch dieser Band lebt vom konzisen Stil Doyles: viele Dialoge erleichtern wiederum die Lesbarkeit. Im dritten Band werden viele noch fehlende Mosaiksteinchen in einem Puzzle geliefert, in dem sich erst jetzt ein sinnvoller Zusammenhang ergibt. Der Leser eines so umfassenden Werkes braucht naturgemäß einen langen Atem, wird aber mit fortschreitender Lektüre für seine Geduld belohnt.


8. Amitav Ghosh, The Hungry Tide (2004)

The Hungry Tide ist Ghoshs sechster Roman. Das erste Kapitel führt in den indischen Schauplatz des Geschehens ein, in die Inselwelt eines Archipels im östlichsten Teil Indiens, den „Sunbarbans“ in der bengalischen Bucht. Diese Region ist aufgrund des Vorkommens von Raubtieren wie Krokodile, Tiger und Schlangen für den Menschen lebensfeindlich. Zusätzlich ist die Inselwelt den Wirkungen der Gezeiten ausgesetzt: die Ebbe fördert das Wachsen des Baumbestands, die Flut gefährdet oft die menschliche Existenz und wirkt zerstörerisch. Möglicherweise ist der Romantitel als eine Metapher für das menschliche Leben schlechthin gedacht.

Das nächste Kapitel zeigt die amerikanische Meeresbiologin Piyali Roy („Piya“) während ihrer Reise im Gespräch mit dem Inder Kanai Dutt. Piya ist indischer Abstammung, aber in Oklahoma aufgewachsen. Als Forscherin will sie einen Überblick über die zur Zeit noch lebenden Delphine und Wale gewinnen, die in der Küstenregion anzutreffen sind. Kanai ist der Leiter eines Übersetzungsbüros, der seine Tante Nilima Bose besuchen will. Sie ist bereits 76 Jahre alt und unter dem Kosenamen Mashima in der Umgebung als Gründerin eines Krankenhauses bekannt. Ihr Mann Nirmal ist an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben und hat seinem Neffen eine Reihe von Manuskripten hinterlassen, die dieser gerne einsehen möchte. Am Ende ihrer Reise (in Canning) trennen sich Piyas und Kanais Wege: ihre Erlebnisse werden in der Folge in überschaubaren Kapiteln abwechselnd erzählt.

Piya besorgt sich die notwendigen Papiere, mietet ein Motorboot und beginnt unverzüglich mit ihren wissenschaftlichen Untersuchungen. Der Bootseigentümer und ein bewaffneter Wächter begleiten sie. Bei der ersten Begegnung mit einem Fischerboot kommt es zu einem Streit zwischen dem Wächter und Piya, bei dem sie ins schlammige Wasser gestoßen, aber von dem Fischer Fokir vor den Krokodilen gerettet wird. Daraufhin trennt sie sich von ihren bisherigen Begleitern. Piya ist eine kleine, eher schwächliche Frau, aber wenn sie beim Auftauchen der Fische ihr schweres Fernglas halten muss, wachsen ihr ungeahnte Kräfte. Inzwischen hat Fokirs Ruderboot auf dem Fluss geankert, und Fokir bereitet das Abendessen. Gemeinsam übernachten sie im Boot. Am folgenden Morgen sichten sie zum ersten Mal Delphine. Von ihnen gibt es zwei Arten: die Süß- und die Salzwasserdelphine. Möglicherweise ändern sie ihr Verhalten, indem sie sich an gewandelte Lebensbedingungen anpassen. Daraus würde sich für Piya eine lohnenswerte wissenschaftliche Aufgabe ergeben.

Derweil lernt Kanai, dass das „Gezeitenland“ einst von einem Schotten gekauft wurde, der sich einen Traum von einem gerechten Land erfüllen wollte. Er gründete eine Gesellschaft, die auf gemeinsamer Arbeit und Kooperation beruhte und in der es keine Ausbeutung gab. Allerdings wurden die hier lebenden Menschen nur allzu oft ein Opfer der wilden Tiere. Inzwischen haben Kanai und Mashima ihr Reiseziel, das am Rande der Insel liegende Krankenhaus und das zugehörige Gästehaus, erreicht. Kanai findet die Manuskripte seines Onkels und beginnt sogleich mit der Lektüre eines Auszuges, in dem einige Zeilen aus den Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke zitiert werden. Der Text beschreibt die unvergleichliche Schönheit der Morgendämmerung im Gezeitenland, die der Autor Nirmal bewusst gegen das Vergessen schützen will.

Von Haus aus ist Nirmal Professor für englische Literatur. In dieser Stellung lernt er Nilima kennen: sie verlieben sich in einander und heiraten. Nirmals Denken ist eher links ausgerichtet, und als er deswegen unter politischen Druck gerät, findet er in Lusibari eine Stellung als Lehrer. Er bringt es bis zum Direktor der Schule, an der rund 30 Jahre arbeitet. In Lusibari gründen Nirmal und Nilima eine Frauenunion und eine Gesellschaft zur Entwicklung des Landes. Hier trifft Nirmal auf Kusum. Als sie eine Versammlung der Frauenunion besucht, kommen sie miteinander ins Gespräch.

Dann wird von Bon Bibi berichtet: sie ist die Tochter Ibrahims, die das Gezeitenland erobert, das danach aufgeteilt wird: die eine Hälfte wird den Menschen, die andere einem Dämon zugesprochen. Bon Bibi ist die Retterin der Schwachen und die Gnadenmutter für die Armen, der Dämon dagegen ein Menschenfresser, der von ihr gezügelt und bestraft wird. Kusums Vater wird von einem Tiger getötet. Kusum wird von einer Bande, die des Menschenhandels verdächtig ist, nach Kalkutta gebracht.

Nirmals Manuskripte stellen eine Art Tagebuch dar, das sich auf sein Todesjahr (1979) bezieht. Es ermöglicht zahlreiche Rückblenden, so dass der Roman zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her pendelt. Dazu muss dem Leser erklärt werden, wieso Nirmal seine Aufzeichnungen nicht an seine Frau Nilima, sondern an seinen Neffen Kanai weitergibt. Zwischen den Eheleuten Nirmal und Nilima ist es zu einer Entfremdung gekommen. Sie arbeitet für ihr Krankenhaus und die Frauenunion und steht dabei auf der Seite der Regierung. Nirmals Sympathie gilt hingegen im Jahre 1979 einer Gruppe von Flüchtlingen, die nach einem innerstaatlichen Konflikt im Gezeitenland wie in einem KZ gehalten werden. Als Kusum Nilima um Hilfe für sie bittet, wird sie von Nilima abgewiesen. Kusum stirbt wie Nirmal in diesem Jahr; Kusums Sohn heißt Fokir, wie der Fischer, dessen Boot Piya gemietet hat: hier ergibt sich eine erste Verbindung zwischen den beiden Handlungssträngen.

Nun wird die Krankenschwester Moyna eingeführt: sie ist mit Kusums Sohn Fokir verheiratet. Sie ist eine zuverlässige Pflegekraft in Nilimas Krankenhaus, das aufgrund seiner hervorragenden Qualität im weiten Umkreis mittlerweile einen ausgezeichneten Ruf besitzt und zu einem wichtigen Arbeitgeber für die unmittelbaren Umgebung geworden ist. Moyna ist zudem ehrgeizig und will Ärztin werden. Beiläufig wird von ihr angemerkt, dass das Fischen von Garnelen ("prawns") keine Zukunft hat, da die neuen Nylonnetze große Umweltschäden anrichten. Moyna und ihr Mann haben somit große Differenzen und leben zur Zeit getrennt voneinander.

Wiederum wechselt die Perspektive: Fokir und sein Sohn Futul fischen Krabben ("crabs"), während Piya versucht, einen Teil des Gewässers zu kartografieren: beider Arbeiten sind erstaunlicherweise gleichzeitig möglich. Piya fragt sich erneut, ob die Delphine ihr Leben an den Rhythmus der Gezeiten anpassen. Sie beobachtet das Jagdverhalten der Delphine: diese treiben ganze Fischschwärme in seichtes Gewässer, aus dem es für die kleineren Fische kein Entrinnen mehr gibt. Sie bewegen sich in immer engeren Kreisen um ihre Beutetiere und verzehren sie parallel zur Aktivität der Fischer: für Piya liegt damit eine einmalige Symbiose zwischen Mensch und Tier vor.

Durch Kursivdruck wird angedeutet, dass Kanai weiter in Nirmals Tagebuch liest. Dabei stößt er auf das Geständnis des Autors, dass dieser sich nicht als Dichter oder Schriftsteller sieht. Er hat lediglich seine Frau Nilima lange in diesem Glauben gelassen. Nirmal beschreibt eine Reise nach Kumirmari, die länger zurückliegt und die er auf Horens Ruderboot zurückliegt. Daraus ergibt sich ein weiterer Handlungsstrang. Unterwegs trifft er Kusum und ihren Sohn Fokir. Während eines Unwetters erzählt Kusum ihre Lebensgeschichte: sie heiratet den Lahmen Rayen, der mit ihr den Sohn Fokir bekommt und der sich auch um ihre Mutter kümmert. Leider wird er von einem Zug überfahren, als sein Sohn erst zwei Jahre alt ist. Damit wird der Handlungsrahmen einmal mehr erweitert. Kusum bringt Nirmal zum Anführer der ca. 30.000 Flüchtlinge, die sich mit Fleiß und Sorgfalt um eine neue Existenz bemühen. Nirmal bietet sich als Lehrer der Flüchtlingskinder an: er will ihnen beibringen zu träumen. Ein Krokodil greift Fokirs Boot und speziell Piya an. Fokir rettet sie erneut vor dem Biss des gefährlichen Tieres. Danach beschließen sie, unverzüglich nach Lusibari zu rudern. Damit endet der erste Teil, der mit „Ebbe“ überschrieben ist. Entsprechend wird der zweite Teil mit „Flut“ angekündigt.

Der zweite Teil beginnt mit einem weiteren Auszug aus Nirmals Tagebuch: er ist von der Aussicht beglückt, auch nach seiner Pensionierung Kinder unterweisen zu können. Das wäre für ihn wie der Beginn eines neuen Lebens. Dieser Plan stößt bei Nilima auf Widerstand, da sie unterstellt, dass die Regierung bald Maßnahmen gegen die Siedler ergreifen wird, die sich dann möglicherweise auch gegen ihren Mann richten. Da sie Druck auf ihn ausübt, flüchtet er sich in Lügen und spürt, dass seine Frau ihm nicht wirklich glaubt: damit ist Misstrauen zwischen den Eheleuten vorprogrammiert. Nirmal vergleicht sich selbst mit Rainer Maria Rilke, der jahrelang keine Zeile schrieb und dann in wenigen Wochen die Duineser Elegien verfasste. [Allerdings fehlt bei ihm noch der schöpferische Ausbruch.]

Als Fokir, sein Sohn Fokul und Piya in Lusibari ankommen, treffen sie sogleich auf Nilima („Mashima“) und Kanai. Damit werden die bisher getrennt entwickelten Handlungen zusammengeführt. Wie Kanai wird Piya im Gästehaus des Krankenhauses untergebracht, und beide werden aus der Krankenhausküche mit Essen versorgt. Während der Mahlzeit am Abend tauschen Piya und Kanai ihre Erfahrungen und Gedanken aus, wobei Piya aus Vorsicht nur ein bisschen Reis zu sich nimmt.

Kanai liest weiter in Nirmals Tagebuch über dessen Erfahrungen mit Stürmen in Lusibari. Naturgemäß bezieht sich der Inhalt auf die Vergangenheit: insofern ist das Tagebuch ein Instrument auch für die zeitliche Verschränkung von Geschehnissen, für die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. So ist beispielsweise von einer Zeit die Rede, als Fokir im Alter von fünf Jahren seine Eltern verlor und Horen Naskor sein Pflegevater wurde.

In der Erzählgegenwart kommt es zu einem Treffen Kanais und Piyas mit Moyna und ihrem Mann Fokir, in dem Piya Fokir ihre Dankbarkeit in Form eines großzügigen Geldgeschenkes übermitteln möchte, wobei Kanai als Übersetzer fungiert. Bei diesem Gespräch ist es auffällig, dass Moyna ihren Mann weitestgehend ignoriert, obwohl er Piya (bereits zweimal) das Leben gerettet hat. Die Spannungen zwischen Moyna und Fokir sind unübersehbar. Nach Kanais Auffassung ist Moyna diejenige, die die Last der Verantwortung für die Familie trägt: sie macht eine Ausbildung als Krankenschwester, und sie strebt nach einem sicheren, zukunftsträchtigen Job. Kanai bewundert sie, er verhehlt aber auch nicht seine Sympathien für Piya. In dieser Situation gelingt es ihr, Fokir als Begleiter für ihre weiteren Forschungen zu gewinnen. Kanai nimmt als Übersetzer ebenfalls an der Expedition teil.

Auch zwischen Nilima und Nirmal bestehen die Spannungen weiter fort. Sie sieht die Siedler als Bedrohung des Waldes, also als Gefahr für die Umwelt. Nirmal hält das für ein Alibiargument zur Rechtfertigung der Unterdrückung der Siedler. Nilima hält ihm vor, dass er mit seinem Engagement das Krankenhaus, also ihr Lebenswerk, gefährde, da er sich mit seinem Eintreten gegen die offizielle Politik der Regierung stellt, auf deren Wohlwollen sie für ihre Arbeit angewiesen ist. Diese Argumentation sieht er ein. In seiner Umgebung erkennt er Anzeichen für den allgemeinen Niedergang: die Vögel bleiben fort, die Fische werden immer weniger, und das Gezeitenland ist vom Wasser bedroht, d.h. dass das bestehende Ökosystem insgesamt gefährdet ist (vgl. auch den Titel, der auf eine Katastrophe vorausweist). Diese Region ist von ständigem Wandel geprägt: das Leben dort besteht nur aus Veränderung. Ein Gerücht erhält Nahrung: die Siedler, deren anfängliche Euphorie bezüglich ihrer neuen Existenzgrundlage abgeklungen ist, sollen von Banditen angegriffen werden.

Nilima warnt ihren Neffen Kanai davor, Piya auf ihrer Forschungsreise zu begleiten, indem sie auf die Gefährlichkeit der Tiger hinweist, die regelmäßig Menschen töten. Doch Kanai bliebt bei seinem Entschluss, wohl wegen aufkeimender Gefühle für die Amerikanerin. Nilima warnt auch Piya vor Kanai: sie bezeichnet ihren Neffen als einen Frauenheld, der sich für unwiderstehlich hält. Moyna hingegen fürchtet, dass ihr Gatte Fokir sie wegen Piya vergessen könnte. Trotz der bestehenden Differenzen ist sie ihm treu, weil er der Vater ihres Sohnes ist. So gibt es eine Reihe von Zeichen, die auf bevorstehende Konflikte vorausweisen. In der Tat ist Piya von der Zusammenarbeit mit Fokir begeistert: er besitzt nicht nur viel Erfahrung, sondern auch ein ungewöhnliches Beobachtungsvermögen. Der Fischer und die Wissenschaftlerin verstehen sich, obwohl sie keine gemeinsame Sprache sprechen: das Interesse am Meeresleben verbindet sie. Kanai beobachtet beider Verhalten und wird eifersüchtig, weil er seinerseits Piya begehrt.

Das Tagebuch Nirmals berichtet von einer Reise, die Nirmal zusammen mit Horen und Kusum unternahm, um in einem Schrein der hilfreichen Göttin Bon Bibi eine Tonstatue von ihr unterzubringen. Nirmal harrt eine Nacht an ihrem Schrein im Urwald aus. Das Gezeitenland ist nicht nur ein Zusammenkommen vieler Flüsse, sondern genauso ein Schmelztiegel von verschiedenen Ländern und Religionen. Im Tagebuch wird weiter beschrieben, wie die Regierung mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Siedler vorgeht. Dazu kommen Polizeikontrollen und Schikanen; aufgrund eines neuen Gesetzes wird die Versammlung von mehr als fünf Personen ein krimineller Akt. Gegen Fluchtversuche geht die Polizei mit Gewalt vor. Die Lage der Siedler verschärft sich weiter, als infolge ihrer Isolierung Hunger und Durst auftreten und wegen Trinkwassermangels eine Cholera-Epidemie ausbricht.

Horens Boot hat eine technische Panne, so dass es manövrierunfähig wird. Sie müssen notankern und die Nacht auf dem Fluss verbringen. Kanai liest Nirmals Tagebuch zu Ende. Auf den letzten Seiten wird beschrieben, wie Nirmal und Horen zur Insel der Siedler reisen, um Kusum und Fokir vor einem möglichen Angriff der Regierungstruppen zu retten. Nirmal bleibt bei Kusum, die sich weigert, die Siedlung zu verlassen. Dagegen wird Fokir von Horen aus der Gefahrenzone gebracht. Die Frage bleibt offen, ob Nirmal aus Liebe zu Kusum handelt. In seinen Aufzeichnungen spricht er selbst nie offen über seine Gefühle. Damit entfallen zunächst einmal für den Rest des Romans die Rückblicke auf die Vergangenheit.

Die Handlung konzentriert sich von nun an auf die Ereignisse in der Ezählgegenwart: auf Horen, Fokir, Piya und Kanai. Dieser erzählt Piya das Schicksal der Stadt Canning: an diesem Ort trennten sich eingangs des Romans ihre Wege. In der Nacht greift ein Tiger, der mindestens schon zwei Menschen getötet hat, das Lager an, in dem Horens Verwandte leben. Das Tier dringt von oben in eine Hütte ein: den Menschen gelingt es, dem Tiger den Fluchtweg abzuschneiden, in dem sie das in das Dach gerissene Loch mit Fischernetzen verschließen. Dann wird das Tier mit Bambusspeeren angegriffen und schließlich grausam getötet, indem die Siedler die Hütte anzünden. Piya versucht vergeblich, dem Tier zur Hilfe zu kommen. Aber selbst Fokir unterstützt sie nicht: er ist Fischer, und für ihn ist es ganz normal, dass er für seinen Lebensunterhalt Fische tötet. Ihr wird bewusst, dass es wenig Gemeinsamkeiten zwischen ihr und Fokir gibt und dass die Angegriffenen aus Angst um ihr Leben handeln.

Umgekehrt handelt sie aus Respekt vor der Natur. Die Perspektiven sind so gegensätzlich, wie sie kaum gegensätzlicher sein können. Piya kämpft als Naturschützerin für die Erhaltung der Arten, aber bisher hat sie sich nicht klar gemacht, wie hoch der Preis ist, den die Ärmsten der Armen dafür bezahlen. Für Piya sind die Delphine intelligente Tiere, von denen sie überzeugt ist, dass diese sie nach einigen Kontakten wiedererkennen. In überlieferten Geschichten werden die Delphine als Bon Bibis Boten dargestellt.

Die Regierung verfolgt das Töten wilder Tiere mit Geldstrafen und Verhaftungen. Da Piya nicht über die richtige Erlaubnis für ihre Beobachtungen verfügt und mit ihrem ersten offiziellen Begleiter gebrochen hat (siehe oben), steht sie selbst in der Gefahr, verhaftet zu werden. Piya erzählt Kanai die bisher einzige Liebesgeschichte ihres Lebens, die sich vor vielen Jahren in Kambodscha abspielte. Sie hatte sich in einem kleinen Dorf mit einem Beamten eingelassen, der Englisch sprach, der für sie völlig überraschend eine andere Frau heiratete und sich danach versetzen ließ. Nach dieser Demütigung hatte sich Piya auf sich selbst konzentriert.

Dann gerät Kanai in Gefahr: am Ufer sinkt er im Sand ein, als ein Tiger auftaucht. Wie er mit dem Schrecken davon kommt und wie genau er gerettet wird, bleibt ausgespart. Am Tage darauf teilt er Piya seinen Entschluss mit, nach Neu Delhi zurückzukehren. Er bietet Piya an, ihn zu begleiten oder ihm aber nach der Erfüllung ihrer jetzigen Mission zu folgen. Für sie sind das keine Optionen. Dann berichtet Kanai von Moynas Angst, dass ihr Mann Fokir sie wegen Piya verlassen könnte. Diese Angst ändert nichts an Piyas ablehnender Haltung gegenüber Kanai. Zum Abschied erhält Piya als Überraschungsgeschenk einen großen Umschlag, den sie erst nach der Trennung öffnen darf.

Jetzt ergeben sich wieder zwei Handlungsstränge. Als Horen und Kanai sich in Richtung Lusibari bewegen, erkennt Horen die untrüglichen Anzeichen eines gewaltigen Zyklons. Sie beschließen umzukehren, um mit ihrem Motorboot Fokir und Piya zu retten. In der Zwischenzeit haben diese sieben Stunden nach Delphinen gesucht und schließlich nur ein totes Delphinkalb gefunden, das offenbar in die Schraube eines Motorboots geraten war. Es sieht so aus, als wolle die Herde das tote Tier nicht verlassen. Als Horen und Kanai am vereinbarten Treffpunkt Garjontola ankommen, suchen sie Fokir und Piya vergebens. Um die Spannung zu erhöhen, werden in einem Rückblick die Auswirkungen des letzten Zyklons (aus dem Jahre 1970) beschrieben: etwa 300 Menschen verloren damals ihr Leben. Schließlich können Kanai und Horen nicht länger warten und kehren deshalb nach Lusibari zurück. Beim Verlassen des Boots verliert Kanai zwar das Manuskript seines Onkels Nirmal, aber er selbst kann sich bis zu Nilimas Krankenhaus durchschlagen. Hier findet er wie auch viele Dorfbewohner Zuflucht vor dem Unwetter.

Piya beschäftigt sich mit Kanais Geschenk, das aus einer Darstellung der Geschichte des Gezeitenlandes besteht. Diese ist vom Kampf zwischen dem Dämon und der guten Göttin Bon Bibi gekennzeichnet. Als der Dämon irdischen Reichtum gegen das Menschenleben eines Knaben eintauschen will, wird er vom Bruder Bon Bibis für immer vertrieben. Als Fokir diese Geschichte, die an einige Verse Rainer Maria Rilkes erinnert, singt, fühlt Piya sich zwischen ihm und Kanai hin- und hergerissen. Es scheint, als sei Fokir in Piya verliebt – so wie seinerzeit Horen und Nirmal offenbar Kusum liebten und diese sich für Horen entschied. Die Liebe wird mit dem Zusammenspiel von Ebbe und Flut verglichen.

Piya und Fokir gehen in Garjontola an Land und bewegen sich so weit wie möglich in das Innere der Insel. Sie klettern auf einen Baum und binden sich hintereinander an seinem Stamm fest: sie werden eng aneinander gepresst, sie atmen im gleichen Rhythmus und der Sturm lässt ihre Körper so ineinander verschmelzen, dass sie (wie ein Liebespaar) zu einer Einheit werden, wobei Fokir mit seinem Körper Piya schützt.

Am Tage nach dem Unwetter machen sich Kanai und Horen auf die Suche nach den beiden. Fokir kann nur tot geborgen werden, da er von einem entwurzelten Stamm getroffen wurde. Im Sterben denkt er an Moyna und seinen Sohn Tulu, fühlt sich aber auch von Piya verstanden. Damit endet die eigentliche Handlung des Romans.

Nachgeschaltet ist ein Epilog, der einen Monat später spielt. Piya kommt nach Lusibari zurück, um ihre wissenschaftlichen Untersuchungen weiter zu führen, aber unter Beteiligung von Nilimas „Fund“ und den örtlichen Fischern. Die Erforschung des Lebens der Delphine ist ihre Lebensaufgabe, und wo sie diese erfüllen kann, ist ihr Zuhause. In wenigen Tagen wird Kanai ebenfalls zurückerwartet. Er beabsichtigt, die Geschichte des Tagebuchs seines Onkels niederzuschreiben, so lange es noch in seiner Erinnerung lebendig ist. Somit endet der umfangreiche Roman mit einer versöhnlichen Note.

Der rund 400 Seiten lange Text bildet ein sehr komplexes Gefüge. Dazu gehören mehrere angedeutete, aber nicht bis ins Detail entwickelte Liebesbeziehungen, etwa die von Kanai und Kusum, die von Kanai und Piya, aber auch die Beziehung zwischen Piya und Fokir. Zwar sprechen sie keine gemeinsame Sprache, zwar ist sie Wissenschaftlerin und er ein ungebildeter Fischer, aber der Autor weist auch auf ihr gemeinsames Interesse an der Entwicklung des Lebens im Meere hin. Und der Analphabet Fokir ist Teil der mündlich überlieferten Mythen seines Landes: was Kanai nicht übersetzen kann, bringt er in gesungener Form eindrucksvoll zu Gehör. Dazu wird er dreimal zum Retter Piyas, zum Schluss unter Aufopferung seines eigenen Lebens. So wird der Kontrast zwischen einem formal gebildeten Stadtmenschen und einem selbstbezogenen Naturmenschen überwunden.

Die Gefühle Kanais für Piya werden ebenfalls eher angedeutet als detailliert entwickelt. Kanai wird einerseits von seiner Tante Nilima als Frauenheld hingestellt, andererseits aber gibt er trotz seiner Eifersucht sein Werben um Piya sehr schnell auf und macht ihr stattdessen ein literarisches Geschenk: er schreibt für sie eine Geschichte, die an Rilkes Duineser Elegien erinnert. Wie sein Onkel Nirmal ist er ein Mann mit literarischen Neigungen, der viele Träume hat, aber längst nicht alle zu verwirklichen vermag.

Unabhängig von den Charakteren gibt es verschiedene Handlungsstränge in der Vergangenheit und in der Gegenwart, die zum Teil getrennt entwickelt, aber auch immer wieder zusammengeführt werden. Die Natur bildet den Hintergrund des Romans: einerseits wird ihre Schönheit eindrucksvoll beschrieben, andererseits ist die im Titel angesprochene Flut bedrohlich für die Menschen, so wie auch Tiger und Krokodile Menschen töten und verschlingen. Umgekehrt sind durch Überfischung viele Fischarten, unter ihnen die intelligenten Delphine, sowie auch der Baumbestand auf den Inseln durch die Siedler vom Aussterben bedroht. Selbst wenn in dieser Region das Leben eines Tigers mehr wert ist als das eines Menschen, ist die Natur insgesamt verwundbar, ja zerbrechlich. Einerseits ist die Natur somit menschenfeindlich, umgekehrt ist aber auch der Mensch eine Bedrohung für die Natur. Implizit stellt sich damit auch die Frage nach einem verantwortungsvollen Umgang der Menschen mit der Natur.

Dieser Roman, dessen Handlung in einer exotischen Umgebung angesiedelt ist, stellt eine ganz eigene Art von Ökokritik dar. Der Autor ist ein begnadeter Erzähler und ein glänzender Stilist. Auch die Erzähltechnik bewirkt, dass das Werk trotz seines großen Umfangs sehr attraktiv zu lesen ist.


9. John Williams, Stoner (1965; neue Ausgabe 2006)

Der Roman setzt ein mit dem Beschreiben der Kindheit und der Jugend des Titelhelden. William Stoner wurde im Jahre 1891 auf einer kleinen Farm im Bundesstaat Missouri geboren. Er ist Einzelkind und hilft schon früh seinen Eltern bei der Farmarbeit. Im Jahre 1910 verlässt er sein Elternhaus und beginnt auf Wunsch seiner Eltern ein Studium der Agrarwissenschaft an der Columbia-Universität des Landes, wobei er einigermaßen gut zurechtkommt. Im nächsten Studienjahr, in dem von allen Studenten ein Überblickskurs über die englische Literatur (Chaucer, Shakespeare, etc.) gefordert wird, ändert er seine grundsätzliche Einstellung und wechselt die Studieninhalte: von nun an befasst er sich mit Literatur, Philosophie und Geschichte und lernt dazu auch noch Latein und Griechisch. Seine Kursergebnisse verbessern sich, und er erwirbt er zunächst die Grade eines BA und eines MA. Aufgrund seiner neuen Interessen ergibt sich eine Distanzierung, wenn nicht gar eine Entfremdung von seinen Eltern, die aber seine Wünsche respektieren. Man hat den Eindruck, dass die Beschäftigung mit Literatur für Stoner ein Mittel der Selbsterziehung wird. Als Ende 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, erhält er die Chance mit einigen Kursen als akademischer Lehrer tätig zu werden.

William Stoner ist ein Typ, der gern allein ist und der nur schwer Freunde findet. Zwei Kollegen, der brillante David Masters und der gesellige Gordon Finch, nehmen als Freiwillige am Ersten Weltkrieg teil, von denen David Masters in Frankreich fällt. Im Frühling 1918 promoviert Stoner und erhält im Sommer des gleichen Jahres eine volle Stelle als akademischer Lehrer (Assistenzprofessor). Dann lernt er Edith Elaine Bostwick kennen, eine junge Dame aus bestem Hause, in die er sich spontan verliebt. Obwohl auf Seiten ihrer Eltern starke Vorbehalte gegen ihn bestehen, heiratet William Stoner Edith Bostwick. Doch steht die Ehe von Anfang an unter ungünstigen Vorzeichen: ihre Küsse sind trocken, ihr Sex erfolgt ohne Leidenschaft, und die Flitterwoche bleibt unbefriedigend. Edith ist scheu, passiv, hypersensibel und wird leicht hysterisch. Fast drei Jahre nach ihrer Heirat, im Jahre 1921 wünscht sie sich plötzlich ein Kind. Auf einmal verspürt sie starkes sexuelles Verlangen, das tatsächlich zu einer Schwangerschaft führt. Im März 1923 bringt sie ihre Tochter Grace zur Welt. In den nachfolgenden Jahren kümmert sich William neben seinem Beruf sowohl um seine Tochter als auch um seine Frau, die oft kränkelt.

Im Sommer 1924 stirbt Professor Archer Sloane, der William Stoner entdeckte und dessen Karriere förderte. Der neue Kollege Holles N. Lomax ist kleinwüchsig und wahrt zu allen eine ironische Distanz. Mit finanzieller Hilfe ihrer Eltern (Mr. Boswick ist Leiter einer privaten Bank) kaufen William und Edith ein älteres Haus, das für sie zu einer großen finanziellen Bürde wird. Dann sterben kurz nacheinander William Stoners Eltern. Er verkauft die Farm und verwendet den Erlös zur Reduzierung seiner Schulden. Wenig später bricht die Depression aus, die von Ediths Vater geführte Bank macht bankrott, und deren Leiter nimmt sich das Leben. Edith bleibt zwei Monate bei ihrer Mutter. In dieser Zeit ändert sie sich grundlegend, aber auch William macht eine Wandlung durch: er reflektiert seinen didaktischen Stil, erkennt seine Vermittlungsprobleme und ändert seinen Unterrichtsmethoden. Die Liebe zur Literatur und zur Sprache führen zu größerer Selbsterziehung sowie zu einem neuen Enthusiasmus in der Lehre, der seine Wirkung auf die Studenten nicht verfehlt: er wird sehr beliebt bei ihnen. Ferner plant er ein neues Buch.

Nach ihrer Rückkehr ist Edith nicht nur äußerlich verändert, sondern sie wird auch sehr aktiv: sie arbeitet in einer Theatergruppe mit und hat auf einmal viele Freunde. Sie duldet nicht mehr, dass die inzwischen sechsjährige Grace fast ausschließlich im Arbeitszimmer ihres Mannes spielt. Sie will, dass ihre Tochter mehr Kontakte mit gleichaltrigen Freundinnen bekommt. Zudem vertreibt sie ihren Mann aus seinem Zimmer, da sie dieses für eigene Tätigkeiten als Malerin und Bildhauerin nutzen will, über deren Qualität der Autor im Laufe des Werkes keinerlei Aussagen trifft. William arbeitet eine Zeitlang in einem ungeheizten Kellerraum und zieht sich schließlich mehr und mehr an die Universität zurück. Die Arbeit an seinem neuen Buch wird ihm sehr verleidet, ja praktisch unmöglich gemacht.

Dann kommt ein behinderter Student namens Charles Walker, der bei Lomax promoviert, zu Stoner und will an einem eigentlich belegten Seminar teilnehmen. Stoner stimmt nach einigem Zögern zu, aber es ärgert ihn, dass Walker zudem wiederholt eine besondere Behandlung erwartet, indem er zum Beispiel mehrfach eine Verlegung seines Referatstermins einfordert. Das Referat selbst ist stark an das einer anderen Studentin angelehnt und liegt offenbar nicht schriftlich vor. Stoner verlangt deshalb von Walker die erneute Belegung des Kurses. Daraufhin verabschiedet sich dieser mit einer Drohung. Dann kommt es zu der mündlichen Prüfung Walkers: bei den allgemeinen Fragen von Professor Lomax antwortet er brillant, aber bei den einfachen Fragen Stoners, die sich fast ausschließlich auf Fakten beziehen, muss er passen. Stoner hält es für unvertretbar, Walker in die Schule zu lassen. Da laut Prüfungsordnung ein Bestehen Einstimmigkeit erfordert, fällt der Kandidat durch.

Danach beginnt für Stoner eine harte Zeit: Lomax wird geschäftsführender Direktor des Seminars, Stoner praktisch degradiert: er muss weitestgehend Anfänger unterrichten, nur zwei Kurse kann er selbst wählen, und er bleibt sein Leben lang Assistenzprofessor. Seine Karriere strahlt nun keinen Glanz mehr aus, und seine jahrelange Autonomie als Lehrender wird stark eingeschränkt. Und Walkers Fall wird so gedreht, dass er vorläufig weiter studieren kann: das Resultat seiner Prüfung wird einfach verzögert weiter gereicht. Dazu erhält er eine zweite Chance für das Ablegen seines mündlichen Examens, wobei die Prüfer vom neuen geschäftsführenden Direktor Lomax bestimmt werden.

Stoner ist bereit, sich damit abzufinden, aber Lomax kann nicht vergessen und vergeben. Er geht sogar so weit, Stoner die Befähigung zum Lehrer abzusprechen. Auch bleibt diese Kontroverse den Studenten nicht verborgen. Langsam wird Stoner zum Außenseiter bei ihnen wie auch bei den Kollegen. Zudem hat er aufgrund der ihm verordneten, weit auseinander liegenden Kurszeiten wenig Kontakte mit seiner Tochter und seiner Frau. Es kommen ihm Zweifel am Sinn des Lebens. Die neu eingestellte Lehrkraft und Doktorandin, Katherine Driscoll, sucht bei ihrer Dissertation Hilfe bei ihrem ehemaligen akademischen Lehrer. Sie verlieben sich ineinander. Die Beziehung zu ihr lässt seine Liebe zu Büchern und zur Literatur neu erwachen: für beide gehören Liebe und Lernen zusammen. Doch bleibt seine Untreue seiner Frau Edith nicht lange verborgen. Sie nimmt diese hin, und merkwürdigerweise hat Stoner das Gefühl, dass er während dieser Zeit mit seiner Frau besser zurechtkommt.

Dann aber machen Gerüchte auf dem Campus die Runde, so dass auch Professor Lomax von Stoners Affäre Wind bekommt und die Chance für seine Rache gekommen sieht. Dekan Gordon Finch teilt seinem alten Freund William Stoner mit, dass Lomax die Entlassung Katherine Driscolls plant. William und Katherine kämpfen nicht für ihre Liebe. Stattdessen trennen sie sich: sie verlässt die Universität und die Stadt und kommt somit ihrer Entlassung zuvor.

In der Folgezeit ist Stoners Leben von Hoffnungs- und Ziellosigkeit bestimmt. Er fühlt Krankheit und Schwäche in sich, ohne sie nach außen zu tragen. Er altert viel zu früh und ungewöhnlich rasch, fühlt die erodierende Verzweiflung in sich, die einst seinem Entdecker Archer Sloane so sehr zusetzte. Einmal allerdings probt er mit Erfolg den Aufstand: er füllt den ihm immer wieder auferlegten Anfängerkurs mit mittelenglischer Literatur. Die Studenten protestieren dagegen, aber Lomax muss an diesem Punkte seinen alten Kollegen gewähren lassen.

Noch zu Lebzeiten setzt über William Stoner eine Legendenbildung ein. Als er Ende 40 ist, wirkt er bereits wie ein alter Mann. Er leidet an einer merkwürdigen Hörschwäche: er hat einerseits Schwierigkeiten beim Verstehen eines Gegenübers, andererseits bekommt er leises Gemurmel im Hörsaal mit. So weiß er, was die Studierenden über ihn als „Campus-Character“ denken: einmal ist er ein Schurke, ein anderes Mal ein Held oder ein Narr. Und es gibt verschiedene Versionen von seinem Verhältnis zu Lomax. Zum Teil werden solche Vorstellungen auch auf Edith übertragen: sie gilt entweder als alkoholsüchtig oder als unheilbar krank oder als rätselhafter Künstlertyp. Das Familienleben leidet. Die Tochter Grace wächst heran, zieht sich auf sich selbst zurück, und als sie im ersten Jahr die Universität besucht, wird sie ungewollt schwanger. Edith arrangiert eine Eheschließung im kleinen Kreis, der Vater des Kindes zieht in den zweiten Weltkrieg und fällt im Kampf gegen die Japaner, ohne seine Tochter je gesehen zu haben. Grace wird Mutter eines Jungen und lebt in der Nähe ihrer Schwiegereltern.

Der Rest der Romanhandlung umfasst die Jahre nach dem zweiten Weltkrieg bis hin zu Stoners Tod. Seine Tochter Grace ist vom Leben enttäuscht, sucht Vergessen im Alkohol und überlässt die Sorge um ihren Sohn mehr und mehr den Großeltern väterlicherseits. Nur einmal hört er noch von seiner Geliebten Katherine: sie macht Karriere, erhält eine Stellung an einer liberalen Universität und veröffentlicht ein Buch, das sie William Stoner widmet. Bei dessen Lektüre erkennt Stoner viel von sich selbst wieder. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts bewegt sich Stoner auf die Altersgrenze zu. Eigentlich würde er gern zwei zweitere Jahre bis zum Alter von 67 unterrichten, doch wird bei ihm Darmkrebs festgestellt, der so schnell wie möglich operiert werden sollte. Doch hat der Krebs bereits gestreut, und die Ärzte können nichts weiter für ihn tun als seine Schmerzen zu unterdrücken. Er versöhnt sich mit Edith, seine Tochter Grace sowie sein alter Freund Finch besuchen ihn, und er versucht bezüglich seines Lebens mit den Augen der anderen Bilanz zu ziehen. Vier Aspekte sind dabei relevant:

(1) Der Ertrag der Freundschaft ist gering: der eine Freund starb früh auf dem Schlachtfeld, der andere (Gordon Finch) befand sich wegen seines Amtes als Dekan in Distanz zu ihm.
(2) Die Ehe mit Edith sollte ihm als Bindeglied dienen: wenigstens das hat funktioniert.
(3) Für Katherine hat er Liebe empfunden, doch um anderer Möglichkeiten willen auf sie verzichtet.
(4) Als akademischer Lehrer wollte er Integrität und Reinheit erreichen. Doch hat er sich ihr nur eine Zeitlang mit vollem Engagement gewidmet. Er musste beim Erkenntnisstreben Kompromisse eingehen, und statt Weisheit zu erreichen, ist ihm oft nur die eigene Unwissenheit bewusst geworden.
Trotz seiner Leidenschaft für die Literatur hält er sich allenfalls für einen mittelmäßigen Dozenten. Diese Überlegungen klingen eher negativ. Dennoch sind trotz allem noch im Tod (1956) seine Gedanken bei seinen Büchern.

Mittlerweile sind die college novels ein internationales Phänomen. Als Paradigmen seien nur genannt:
Bernard Malamud, A New Life (1961), David Lodge, Changing Places (1975) sowie die beiden Fortsetzungsromane Small World (1984) und Nice Work (1988). J. M. Coetzees Disgrace (1999) und Philip Roths Human Stain (2000) haben Professoren als Protagonisten. In Deutschland hat das Werk des Anglisten Dietrich Schwanitz, Der Campus (1995) und seine Verfilmung unter der Regie von Sönke Wortmann (1998; u.a. mit Heiner Lauterbach und Axel Milberg) einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht.

Doch ist Stoner ein sehr eigenständiges Beispiel dieser Gattung. Die Handlung ist sowohl klar strukturiert als auch chronologisch-geradlinig angeordnet. Somit ist der Roman außerordentlich gut zugänglich und äußerst spannend zu lesen. Der Stil ähnelt dem eines gut recherchierten, journalistischen Berichtes, der sich auf die Fakten konzentriert und der mindestens phasenweise an Ernest Hemingway erinnert. Zweifellos muss Stoner viele Schicksalsschläge hinnehmen, die er, wie sein Name andeutet, mit der Haltung eines Stoikers erträgt. Sein Vorname William, der fast mit dem Familiennamen des Autors identisch ist, verweist auf die Nähe von John Williams zu seinem Protagonisten. Stoner ist vielleicht zu passiv, um ein mitreißendes Vorbild für den Leser zu sein, aber dennoch hat er nach seiner eigenen Einschätzung das Gefühl, mindestens teilweise er selbst gewesen zu sein und somit trotz allem ein positives Leben geführt zu haben.

Die Rezeptionsgeschichte dieses Romans dürfte ziemlich einmalig sein. Erst rund vier Jahrzehnte nach seiner Erstveröffentlichung im Jahre 1965, durch die Neuausgabe von 2006, durch das darin enthaltene Vorwort des irischen Romanciers John McGovern und eine Reihe von positiven Rezensionen wird der sehr gut lesenswerte Roman zum Publikumserfolg.


10a. Ken Follett: Fall of Giants (2010)

Ken Follett wurde 1949 in Cardiff (Wales) geboren und gehört ähnlich wie Dan Brown, Stephen King oder John Grisham zu den erfolgreichsten Vertretern der Gegenwartsliteratur, wozu auch sein überschaubarer Satzbau und sein verständlicher Stil beitragen. Follett arbeitet mit einem Team von rund 20 Leuten zusammen, die für ihn Recherchearbeiten erledigen, damit die historischen Fakten in seinen Werken korrekt sind. Die Handlung wird an den geschichtlichen Rahmen angepasst, nicht umgekehrt: sie wird aus der Perspektive vieler verschiedener Figuren erzählt. Fall of Giants ist der erste Band seiner sog. Jahrhundertsaga, in den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg einsetzt. Der Roman handelt von insgesamt fünf Familien: der walisischen Arbeiterfamilie Williams, der englischen, aristokratischen Familie Fitzherbert, der deutschen Familie von Ulrich, der amerikanischen Familie Dewar und den beiden verwaisten russischen Brüdern Grigori und Lev Peshkov. Die Schicksale dieser Charaktere sind indessen so stark miteinander verflochten, dass der Roman jeder Zeit gut lesbar bleibt.

Das Geschehen setzt ein, als Billy Williams im Alter von 13 Jahren zusammen mit seinem Kumpel Tommy Griffiths in Aberowen (im Süden von Wales) seine Ausbildung als Bergarbeiter beginnt. Die Arbeit ist nicht nur für den körperlich noch schwachen Billy hart und gefährlich: sie führt auch immer wieder zu Unfällen, die Menschenleben kosten. Unter Tage wird die abgebaute Kohle in Loren durch Ponys befördert, die ihr gesamtes Leben in der Grube verbringen. Billys ältere Schwester Ethel arbeitet zunächst als Dienstmädchen, später als Haushälterin für Earl Fitzherbert, der im Text kurz Fitz genannt wird. Billys Vater Da(vid)) ist ein angesehener Gewerkschaftsführer und zugleich ein Mann mit einer ausgeprägten religiösen Überzeugung. Die Familie ist Mitglied einer christlichen Minderheit, der sog. Bethesda Chapel.

Das zweite Kapitel spielt im Januar 2014 im Haus des reichen Fitz und seiner Frau Bea, einer russischen Prinzessin. Sie sind deswegen so reich, weil sich unter seinem Landbesitz ausgedehnte Kohleflöze befinden. Sie bereiten sich gerade auf einen Besuch des britischen Königs Georg V vor. Fitz hat eine liberal eingestellte Schwester: Maud Fitzherbert. Sie engagiert sich politisch und kämpft vor allem für das Frauenwahlrecht. Trotz des Klassenunterschieds werden Maud und Ethel Freundinnen. Die Fitzherberts stehen zudem in Verbindung mit den von Ulrichs. Robert von Ulrich arbeitet als österreichischer Militärattaché in London. Gleichzeitig haben sie Besuch von Gus Dewar, dessen Vater amerikanischer Senator ist und der auf seiner Weltreise gerade in Wales Zwischenstation macht. Billy ist sechzehn Jahre, als es zu einem Grubenunglück kommt, bei dem er und sein Freund Tommy ein ausgebrochenes Feuer erfolgreich bekämpfen und so einigen Kumpeln das Leben retten.

Die Anzeichen für einen möglichen Krieg mehren sich. Fitz wäre dieser höchst willkommen, da er von innenpolitischen Konflikten ablenken würde (z.B. vom Streik der Bergarbeiter und den Auseinandersetzungen um das Frauenwahlrecht). Ein Grubenunglück, bei dem acht Menschen getötet und über 50 verletzt werden, beeinträchtigt die Stimmung beim Besuch des Königs. Ethel Williams erzählt im Hause ihres Arbeitgebers von den Erlebnissen ihres Bruders. Entgegen der Etiquette schlägt sie dem König vor, die betroffenen Familien zu besuchen. Der König willigt ein, Fitz entschädigt die Opfer finanziell. Billy versteht nicht, warum Gott zulassen konnte, dass die Minenbetreiber die Sicherheitsvorschriften missachten. Gleichzeitig kommt es zu ersten Vertraulichkeiten zwischen Ethel Williams und ihrem Arbeitgeber Fitz.

Im Februar 1914 plant Earl Fitz eine Reise nach Russland, weil seine Frau ihren einzigen Bruder Andrei besuchen möchte. Fitz erhält vom Kriegsministerium den Auftrag, militärische Eindrücke zu sammeln. Gemeinsam mit Gus Dewar besucht er eine Maschinenfabrik in St. Petersburg, in der Grigori und Lev Peshkov arbeiten. Beide wollen nach dem an der nördliche Grenze der USA gelegene Buffalo auswandern, wo ein Bekannter ihnen auch einen Job zu vermitteln versprochen hat. Grigori kennt Bea Fitzherbert von früher, weil sie für die Exekution seines Vaters im Jahre 1900 verantwortlich war. Angeblich hatte dieser auf ihrem Land seine Kühe weiden lassen, wofür er mit dem eigenen Leben bezahlen musste: dies belegt die Willkür des Adels gegenüber einfachen Bauern. Nach dem Tod der Mutter im Jahre 1905 kümmerte sich Grigori (er selbst war 16 Jahre) um seinen jüngeren Bruder Lev. Gleichzeitig hegt er Groll gegenüber der Polizei, den Soldaten und dem Zaren. In Russland zeichnet sich Widerstand dem Herrscher gegenüber ab: beim Marsch auf den Winterpalast wird auf Demonstranten scharf geschossen. Grigori lernt dabei Katerina kennen, als sie von der Polizei belästigt wird. Sie erzählen einander ihre Lebensgeschichte, Katerina aber entwickelt mehr Interesse für den jüngeren Bruder Lev.

Im März 2014 spitzt sich die Lage der Bergarbeiter zu. Die Bergbaugesellschaft weist die Familien der Verunglückten aus den Häusern, da diese die Miete nicht mehr zahlen können. Da(vid) Williams organisiert zwar Widerstand, aber dennoch wird die Räumung mit Hilfe der Polizei durchgesetzt. Ethel und ihr Arbeitgeber Fitz haben Sex; für sie ist es das erste Mal, und sie fürchtet eine Schwangerschaft. Im nächsten Monat wird Walter von Ulrich (ein Cousin 2. Grades von Robert von Ulrich) mit 28 Jahren Militärattaché in London: er verliebt sich in Maud Fitzherbert, die sich in Sozialarbeit engagiert. Er akzeptiert sie so, wie sie ist – trotz ihrer damals für eine Frau ungewöhnlichen politischen Neigungen. Sein Vater Otto, ein guter Freund Kaiser Wilhelms II, lehnt jede Verbindung zwischen einem Deutschen und einer Engländerin ab. Walter aber denkt schon früh an eine Heirat. Gus Dewar ist inzwischen von seiner Weltreise nach Amerika zurückgekehrt und wird außenpolitischer Berater von Präsident Wilson. Die USA machen eine Konfrontation mit Mexiko durch.

Im Juni 1914 will Grigori Peshkov von St. Petersburg in die USA aufbrechen, die wegen ihrer demokratischen Grundordnung vielen Russen als gelobtes Land gelten. Sein Bruder Lev soll ihm folgen, wenn Grigori in den Staaten genug Geld verdient hat, um ihm die Überfahrt zu bezahlen. Auch viele Juden wandern zu der Zeit in die USA aus, da sie in Russland ständig diskriminiert werden. Am Tage vor Grigoris Abreise gerät sein Bruder beim Schwarzhandel mit Zigaretten in Schwierigkeiten mit der Polizei. Dabei erschießt Lev einen Polizisten und wird anschließend als Mörder gesucht. In höchster Not tauscht er mit seinem Bruder seinen Pass und die Fahrkarte nach Amerika: das ist möglich aufgrund der großen Ähnlichkeit der Brüder. Lev entzieht sich dem Zugriff der Polizei und lässt die von ihm schwangere Katerina in der Obhut seines Bruders in St. Petersburg zurück. Aber damit ist Lev keineswegs alle Sorgen los: statt in New York wird er in Cardiff (Wales) an Land gesetzt und nach Aberowen transportiert, wo er als Streikbrecher unter Tage arbeiten muss. (Damals gab es viele Fälle von Betrügereien bei der Reise über den Atlantik.) Dazu trifft er die ihm verhasste Bea Fitzherbert wieder. In dieser Zeit geht die Nachricht von der Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand durch einen serbischen Nationalisten um die Welt. Der erste Weltkrieg steht vor der Tür.

Otto von Ulrich ist inzwischen deutscher Außenminister. Anfang Juli trifft sich Walter von Ulrich mit einem Mitarbeiter der russischen Botschaft in einer Londoner Kirche, der ihm über die Stimmung in Russland nach dem Attentat berichtet. Angesichts der internationalen Spannungen befürchtet der Zar, dass es zum Krieg kommen wird, ist allerdings hinsichtlich des eigenen Verhaltens noch unentschlossen. Österreich aber ist mehr oder weniger zum Handeln gezwungen und sucht daher Hilfe beim deutschen Kaiser Wilhelm II, der diese zusagt. Russland sieht seinen Einfluss auf dem Balkan gefährdet und verbündet sich mit Frankreich. Da Deutschland und Großbritannien 'natürliche' Feinde sind, fordert Otto von Ulrich von Maud, dass sie ihre Beziehung zu seinem Sohn Walter beendet.

Bea Fitzherbert erwartet ein Kind von ihrem Mann Fitz. Mitte Juli entdeckt aber auch Ethel Williams, dass sie von Fitz schwanger ist. Sie setzt durch, dass sie in London ein eigenes Haus bekommt und dass sie in in anderer Umgebung ein neues Leben beginnen kann. Walter von Ulrich sucht Maud Fitzherbert auf, weil er sie auf gar keinen Fall aufgeben will. Ende Juli stellt das habsburgische Österreich dem viel kleineren Land Serbien ein Ultimatum, das auf 48 Stunden befristet ist. Derweil hat Großbritannien Probleme mit Irland.

Serbien geht auf fast alle österreichischen Forderungen ein, macht aber gleichzeitig auch mobil. Letzteres gilt auch für Russland, das damals über die zahlenmäßig stärkste Armee verfügt. Dennoch erklärt der konservative, damals 84jährige österreichische Kaiser Franz Joseph I Serbien den Krieg, der sich zum ersten Weltkrieg entwickelt. Das heißt auch, dass Deutschland und Russland zu Feinden werden, obwohl der deutsche Kaiser und der russische Zar Vettern sind: die Mutter des Kaisers und die Schwiegermutter des Zaren sind Schwestern, nämlich beide Kinder von Königin Victoria. Russland ist mit Frankreich verbündet. Wird Frankreich besiegt, fühlt Großbritannien sich bedroht, das sich aufgrund seiner zahlreichen Kolonien ohnehin als Weltmacht Nr. 1 empfindet. Die Verletzung der Neutralität Belgiens durch die Deutschen führt zu einem Stimmungswandel in England, das Deutschland nun ebenfalls den Krieg erklärt. Damit hat die Verbindung Maud – Walter eine sehr schwierige Zukunft vor sich. Da Walter Soldat werden und in den Krieg ziehen muss, heiratet er vorher noch heimlich seine geliebte Maud, d.h. ohne Wissen ihres Bruders Earl Fitz, der diese Verbindung nie billigen würde. Als Trauzeugen fungieren Walters homosexueller Cousin Robert und Ethel Williams.

Im August 1914 wird Grigori Peshkov von der Polizei niedergeschlagen und misshandelt, weil man ihn mit seinem jüngeren Bruder Lev verwechselt. Am gleichen Tag wird er zur Armee eingezogen. Katerina klärt sich zur Heirat mit ihm bereit, weil der Staat verheiratete Frauen und deren Kinder unterstützt, obwohl sie eigentlich noch immer Lev liebt. Indessen kämpfen die deutschen Truppen im Osten mit der immer gleichen Taktik sehr erfolgreich: sie locken die Russen nach vorn, kesseln sie dann von drei Seiten ein und töten viele von ihnen. Russland mag zu Beginn des Krieges zwar die größte Zahl an Soldaten haben, aber diese sind schlecht ausgebildet. Es gehört zu den Ironien des Ersten Weltkriegs, dass die Deutschen im Osten vor allem deswegen Verstärkung erhalten, weil viele einflussreiche Adlige in Ostpreußen Land besitzen, das die Soldaten schützen sollen.

Diese Truppen fehlen letztlich im Westen, obwohl die Deutschen zunächst erfolgreich auf Paris vorrücken, so dass die französische Regierung die Hauptstadt verlässt. Dann machen die Deutschen den Fehler, beim Vormarsch dem Gegner ihre Flanke zu öffnen. Earl Fitz arbeitet in Paris, sorgt sich um seine schwangere Ehefrau, hat aber keine Skrupel, sich wiederholt mit leichten Mädchen zu amüsieren. Kurz vor Weihnachten 1914 bringt Bea den erhofften Erben zur Welt, worüber der Vater telefonisch informiert wird. Inzwischen ist der deutsche Vormarsch in Frankreich ins Stocken geraten, nach der Schlacht an der Marne kommt es zum Stellungskrieg. Zu Weihnachten werden die Kämpfe unterbrochen, es gibt versöhnliche Gesten unter den verfeindeten Soldaten. Walter trifft Fitz zufällig auf dem Schlachtfeld: er lässt Fitz an dessen Schwester Maud seine Grüße übermitteln.

Im Februar 1915 arbeitet Ethel Williams als Näherin. Eines Abends geht sie zu einer Veranstaltung der Labour Party, bei der Maud einen Vortrag hält. In Aberowen gibt es seit dem Ausbruch des Krieges keine Streiks in den Minen mehr. Lev Peshkov kümmert sich weiter um die Ponys unter Tage. Um zusätzlich an Geld zu kommen, betrügt er beim Kartenspiel: er gibt die Karten so aus, dass ein Partner gewinnt und sie danach den Gewinn aufteilen. Als dieser Lev unter Druck setzt, entkommt er nur mit knapper Not. Inzwischen ist Billy Williams auf dem Weg zu seiner Schwester Ethel nach London: er kommt noch gerade früh genug an, um bei ihr zum Geburtshelfer zu werden: wie Bea schenkt auch sie einem Jungen das Leben, dessen Vater Fitz ist.

Lev gelingt es, den Atlantik zu überqueren und in einem Hotel in Buffalo einen Job zu bekommen. Er betrügt weiter, indem er gestohlene Zigaretten verkauft, spart aber trotzdem wenig Geld: offenbar ist er an der Überfahrt seines Bruders wenig interessiert. Gus Dewar, der in Buffalo zu Hause ist, fungiert weiter als außenpolitischer Berater von Präsident Wilson. Als die Deutschen ein britisches Schiff torpedieren, an dem auch Amerikaner an Bord sind und vier Menschen dabei ihr Leben verlieren, erklären die USA Deutschland den Krieg. Da die Amerikaner Waffen an die Alliierten verkaufen, wollen die Deutschen die Lieferungen mit ihren U-Booten verhindern. Gus Dewar, dessen Mutter Ursula deutscher Herkunft ist, lernt Olga Vyalow kennen, deren Vater Levs Arbeitgeber ist: Josef Vyalow ist ein führender Geschäftsmann in Buffalo, der durch zweifelhafte Methoden reich geworden ist. Als Gus und Olga Tennis spielen, werden sie von Lev beobachtet, der inzwischen zu Josefs Chauffeur avanciert ist. Lev kennt Gus von dessen Besuch in St. Petersburg. Gus hat ernsthafte Absichten bei Olga, und ihre Hochzeit ist bereits geplant. Doch dann stellt sich heraus, dass Olga ihre Unschuld im leidenschaftlichen Sex mit Lev Peshkov verloren hat und von ihm schwanger ist. Daraufhin entscheidet Josef Vyalov, dass seine Tochter nicht Gus, sondern den Vater ihres Kindes heiratet.

Im Juni 1916 beginnt Billy Williams, der inzwischen ein gebildeter junger Mann ist und u.a. William Shakespeares Werke liest, seinen Dienst in der britischen Armee. Während Walter noch in Frankreich im Stellungskrieg kämpft, geben Maud Fitzherbert und Ethel Williams eine Zeitung heraus, die der Labour Party sehr nahe steht und die sich für die Rechte der Frau einsetzt. Ethel Williams lebt in ihrem Hause zusammen mit ihrer Mieterin und Freundin Mildred, mit der Billy zum ersten Mal in seinem Leben Sex hat, bevor er ebenfalls nach Frankreich abkommandiert wird. Dort befindet sich nach wie vor Fitz, der als Befehlshaber eines Truppenkontingents aktiv am Kampfgeschehen beteiligt ist. Billy Williams kommt zu Fitzens Einheit. In dieser Zeit verstärkt England seine Truppen von 100.000 auf rund eine Million Soldaten. Nach tagelanger Vorbereitung durch die Artillerie versuchen die britischen Truppen einen Großangriff, bei dem auch Fitz getroffen und verwundet wird. Doch ist dieses Manöver mehr ein Massaker als eine Schlacht: viele Briten werden Opfer von Giftgas und Maschinengewehrfeuer. Der Angriff erweist sich als ein einziger Fehlschlag.

Im Juli 1916 besucht Ethel mit ihrem Sohn Lloyd ihre Eltern in Aberowen (Wales). Während bei ihrer Mutter und ihrem Großvater Gramper nur Wiedersehensfreude herrscht, wird die Haltung ihres Vaters Da(vid)) zunächst weiter von Feindseligkeit bestimmt. Aber dann söhnt er sich doch mit seiner Tochter aus, vor allem angesichts der Tatsache, dass von den Soldaten aus Aberowen viele in Frankreich ihr Leben gelassen haben. Billy Williams indes findet sich nicht unter den mehr als 200 Toten. Ethel trifft auch ihren früheren Arbeitgeber und Liebhaber Fitz wieder, der sich nach seiner Verwundung mit entstelltem Gesicht auf Krücken fortbewegen muss. Da(vid) Williams spricht auf einer Gedenkfeier als Vertreter der religiösen Minderheiten für die vielen gefallenen Soldaten. Dabei beklagt er die vielen britischen Opfer und die Tatsache, dass Großbritannien von einer politischen Minderheit in den Krieg getrieben worden ist und fordert eine Reform des Wahlrechts. Ohne dass dies öffentlich bekannt wird, bezieht er seine Informationen von Ethel und diese die Ihrigen von Maud Fitzherbert.

Vom Juli bis zum Oktober 1916 erlebt Grigori Peshkov an der Ostfront massive Brutalität. Katerina hat inzwischen einem Sohn (Vladimir) das Leben geschenkt, dessen Vater Lev Peshkov ist. Trotz ihrer zahlenmäßigen Stärke ist die russische Armee erschreckend ineffektiv, denn die Ausbildung der Soldaten lässt nach wie vor viel zu wünschen übrig. Im Land herrscht Hungersnot, die Stimmung ist aufrührerisch, und die Bolschewiken werden immer stärker. Schließlich kommt Grigori nach St. Petersburg zurück und kann Katerina und Vladimir mit Nahrung versorgen. Zwei Jahre haben sie nichts von Lev gehört, und nach dieser langen Zeit haben Grigori und Katerina erstmalig sexuelle Beziehungen. Grigori wird somit quasi zum Vater und Ehemann.

Im November 2016 lernt Ethel Williams Bernie Leckwith kennen, einen Bibliothekar, der Mitglied der Labour Party und mit Mildred befreundet ist. Bernie möchte Ethel heiraten, doch lehnt sie dieses Ansinnen erst einmal ab. Weniger Skrupel hat Lev Peshkov: er heiratet in Buffalo Olga Vyalov, die Mutter seines Kindes, und wird Leiter eines Nachtclubs, der ihrem Vater Josef gehört. Nach der Wiederwahl Präsident Wilsons begibt sich Gus Dewar nach Berlin und trifft dort Walter von Ulrich wieder.

Im Dezember 2016 geht Fitz nach seiner Verwundung nicht zur Armee zurück. Gus Dewar überbringt Fitzens Schwester Maud einen Brief ihres Mannes Walter, von deren Heirat Fitz nach wie vor nichts weiß. Erneut trifft er Ethel wieder, will wiederum Sex mit ihr, was sie jedoch ablehnt. Er ist erstaunt angesichts der Tatsache, dass sie die Minderheiten-Zeitung The Soldier's Wife zusammen mit Ethel herausgibt, wobei sie eine eigene Seite ediert und sich um die Finanzen kümmert. Der aggressive Lloyd George wird britischer Premierminister, während der deutsche Kanzler Friedensgespräche vorschlägt. Fitz hält im Unterhaus eine flammende Rede dagegen. Sein Hauptargument ist, dass Frieden jetzt Verrat gegenüber den zahlreichen Gefallenen bedeuten würde. Der neue Premier plädiert ebenfalls für eine Fortsetzung des Krieges bis zur siegreichen Entscheidung.

Im Januar 2017 weisen die Alliierten den deutschen Friedensvorschlag empört zurück, und daher kann die deutsche Marine den uneingeschränkten U-Boot-Krieg durchsetzen. Ethels Distanz zum Adel und dessen politischen Einstellungen wird immer größer. Stattdessen nähert sie sich dem Standpunkt Bernie Lockwiths, der Sekretär einer lokalen Sektion der Labour Party ist. Als die USA in den Krieg eintreten, sucht Deutschland verzweifelt nach Bundesgenossen, z.B. in Mexiko und Japan.

Im strengen Winter desselben Jahres erkrankt Katerinas Sohn Vladimir an einer Darmentzündung. Das Brot wird in Russland rationiert; es kommt zu nächtelangem und dennoch manchmal vergeblichem Schlangestehen. Bei Demonstrationen werden Polizisten und Soldaten eingesetzt. Rufe werden laut: „Nieder mit dem Zaren“. Soldaten verweigern den Gehorsam und schießen nicht auf die Demonstranten, sondern auf die Polizisten. Grigori befindet sich unter den Rebellen, die sich aus den Kasernen mit Waffen versorgen. Er tötet einen Heckenschützen der Polizei, der sich auf dem Dach einer Kirche verborgen hat. Forderungen nach Wahlen werden laut, es wird eine neue Regierung als Vertretung des Volkes gefordert. Grigori wird als Vertreter des „Petrogard Soviet“ vorgeschlagen und gewählt (soviet = elected council). Die lange Herrschaft der Romanovs in Russland steht vor dem Ende. Bea Fitzgerald ist entsetzt, ihre Schwägerin Maud hoch erfreut. Die Deutschen hoffen auf Frieden mit den Russen und auf eine Niederlage der Alliierten. In Buffalo erfährt Lev Peshkov mit Freude von den chaotischen Verhältnissen in Russland. Er erinnert sich daran, dass er als Kind wegen politischer Aktivitäten seiner Mutter geprügelt wurde.

Walter von Ulrich wird von seinen Eltern nahegelegt, mit der adligen Monika von der Helbard eine eheliche Verbindung einzugehen. Er trifft sich mit der einfühlsamen jungen Frau, die sein Geheimnis errät, dass er nämlich bereits verheiratet ist. Walter schreibt Maud aus der neutralen Schweiz in einer Form, die Absender und Empfänger nicht erkennen lassen. Am 6.4.1917 erklären die USA Deutschland den Krieg. Lenin, der Führer der Bolschewiken, kehrt nach langer, fast 17jähriger Verbannung aus der Schweiz nach Russland zurück. Walter begleitet den Zug, der bis nach Sassnitz geht und von da Lenin über Finnland nach St. Petersburg führt (diese Angabe ist historisch korrekt). Lenin plant, in seinem Land die provisorische Regierung zu stürzen und Frieden mit Deutschland zu schließen. Deutschland unterstützt Lenin heimlich mit Geldzahlungen. Grigori begrüßt Lenin bei seiner Rückkehr. Als dieser die Revolution, die Abschaffung des Privateigentums und das Ende des Kriegs proklamiert, ist Grigori begeistert. Walter und Maud treffen einander im neutralen Schweden (Stockholm) – das einzige Mal während des Krieges.

Im Mai/Juni des Jahres 1917 ist in Buffalo die Lage unverändert: Josef Vyalov, der andere Geschäftsleute gnadenlos unterdrückt, lässt seinem Schwiegersohn Lev Peshkov freie Hand bei der Führung seines Nachtclubs. Lev geht es hier viel besser als in Russland. Schließlich wird er sogar Aufseher in einer Metallfabrik seines Schwiegervaters. Als dieser kriegswichtige Betrieb bestreikt wird, erhält Gus Dewar von Präsident Wilson den Auftrag, die Arbeiter zur Beendigung des Streiks zu bewegen. Mit Rückgriff auf das Kriegsrecht kann Gus seinen Auftrag erfüllen. Lev hat eine Affäre mit einer gewissen Marga, einer Nachtclubtänzerin. Als er einmal in flagranti mit ihr erwischt wird, sorgt Vyalov dafür, dass er unverzüglich zur Armee eingezogen wird. Inzwischen sind drei Jahre vergangen, ohne dass Lev seinem Bruder geschrieben oder Geld geschickt hat. Gus Dewar meldet sich als Freiwilliger bei der Armee.

Als Folge des Krieges werden immer mehr Frauen in der Industrie gebraucht. In England gibt es erste Fortschritte für die Einführung des Frauenwahlrechts: Frauen über dreißig, die Hauseigentümer sind, sollen wählen dürfen. Diese Lösung würde die Position der Konservativen stärken, da Arbeiterfrauen in der Regel weder über Grundbesitz noch über eigene Häuser verfügen. Über diese Frage geraten Maud Fitzherbert und Ethel Williams in Streit: die eine sieht die ersten Schritte positiv, der anderen gehen sie nicht weit genug.

Von Juni bis September 1917 macht Lenin Propaganda für den Frieden, doch die provisorische Regierung hält dagegen, und die Kämpfe mit Deutschland gehen weiter. Grigori wirkt bei den Bolschewiken aktiv mit, die wachsende Zustimmung erfahren. Einmal rettet er Lenin sogar vor der drohenden Verhaftung. Walter überbringt deutsches Geld für Lenin und seine Bewegung: dabei erschießt er ein Mitglied der Geheimpolizei. Fitz und Bea besuchen Russland, da diese ihr einzig noch lebendes Familienmitglied, ihren Bruder Andrei, wiedersehen möchte. Sie werden Zeugen der Tatsache, dass Unruhen auf dem Land weit verbreitet sind und dass viele Soldaten aus der Armee desertieren. Es ist ein unglaubwürdiger Zufall, dass die englischen Besucher just in dem Moment vor Ort eintreffen, als Andrei und seine Frau von den Aufständischen getötet werden und ihr Haus in Flammen aufgeht. Fitz, Bea und ihre Begleiter hingegen entgehen nur knapp dem Tod.

Im Oktober 1917 kommt es in Russland zur Revolution: in St. Petersburg erobern die Bolschewiken den Winterpalast, den Sitz der provisorischen Regierung. Bei einem nationalen Kongress werden die Bolschewiken die stärkste Partei, ohne über die absolute Mehrheit zu verfügen. Da Menschewiken und Sozialisten die Mitarbeit verweigern, bilden die Bolschewiken allein die neue Regierung, in der auch Stalin und Trotzki eine Rolle spielen. In dieser Zeit gebärt Katerina ein Mädchen, dessen Vater Grigori ist. Im März 1918 schließen Deutschland und Russland einen Waffenstillstand. Die Deutschen können nun im Westen ihre Truppen verstärken und auf den Sieg hoffen, bevor die amerikanische Übermacht zu groß wird. Sie starten noch einmal eine Offensive, an der Walter von Ulrich beteiligt ist. Die Waliser aus Aberowen, unter ihnen Billy Williams, verteidigen sich tapfer.

Zu Ende März ist das Regierungsmitglied Winston Churchill bei Earl Fitz zu Besuch. Bea schenkt ihrem zweiten Sohn (Andrew) das Leben. Fitz wird mit der Mission betraut, in Wladiwostok mit einem Kosaken Kontakt aufzunehmen, der gegen die Bolschewiken kämpft. In den folgenden Monaten spricht sich der amerikanische Präsident Wilson für eine neue Weltordnung (League of Nations) aus: das Prinzip der Gerechtigkeit soll für alle Völker gelten (es impliziert eine Absage an den Kolonialismus). Unter der Führung von Ludendorff sind die Deutschen in Frankreich wieder auf dem Vormarsch, aber nach etwa einem Jahr haben die Amerikaner ihre Truppen gewaltig verstärkt: sie heben die Moral der Franzosen, schlagen die Deutschen an der Marne zurück und entscheiden den Krieg. In der letzten Phase wird Walter von Ulrich am Bein verwundet. Ende September 1918 bemüht Ludendorff sich um einen Waffenstillstand.

Für Billy Williams ist indessen der Krieg noch nicht vorbei: er wird nach Russland verlegt und kämpft in der innerrussischen Auseinandersetzung gegen die Truppen Lenins, der den Regierungssitz von St. Petersburg nach Moskau verlegt hat. Die Deutschen sind durch die britische Blockade ausgehungert und der Niederlage nahe. Am 11. November beginnen die Verhandlungen bezüglich eines Waffenstillstandes. Gus Dewar befindet sich zu dieser Zeit in Frankreich. Ethel Williams und Bernie Leckwith, die inzwischen verheiratet sind, konkurrieren zunächst um ein Mandat der Labour Party bei der nächsten Wahl, doch gibt Ethel wegen einer erneuten Schwangerschaft den Versuch ihrer Kandidatur auf.

Fitz arbeitet an dem Zustandekommen einer Konter-Revolution gegen Lenin. Deren Anhänger nennen sich „die Weißen“, die gegen „die Roten“, die Bolschewiken, vorgehen. Inzwischen kommt es zu einem Aufstand bei der Marine in Kiel, und der deutsche Kaiser dankt ab. Vater Otto und Sohn Walter von Ulrich streiten über die Gründe der deutschen Niederlage. Nach Ende des Krieges kommt es zur anti-deutschen Hetze in den englischen Zeitungen: „Make the Huns pay!“ Bei den Wahlen gewinnen die Konservativen, doch verbessert sich die Labour Party auf Platz 2. Während der Friedensverhandlungen trifft Gus Dewar in Paris die einäugige, aber dennoch sehr attraktive Journalistin Rosa Hellman, in die er sich verliebt.

In Russland tobt ein Bürgerkrieg zwischen „den Weißen“ und den „Roten.“ Mehrere Staaten versuchen zu intervenieren. Dadurch kommt Lev Peshkov als Unterstützer „der Weißen“ in seine Heimat zurück und trifft seinen Bruder Grigori wieder – nach fünfjähriger Trennung ohne Lebenszeichen. Es kommt zu einer Aussprache zwischen den Brüdern. Lev verfügt nun über genügend Geld, um seinem Bruder die Überfahrt nach Amerika zu bezahlen, da er den Kosaken gestohlenen Whiskey verkauft hat. Grigori lehnt ein entsprechendes Angebot ab, da er in Russland bleiben will. Lev aber zieht es zurück nach Amerika, und somit ist er keine Gefahr für Grigoris Familie: er interessiert sich weder für seinen Sohn Vladimir noch für Katerina. Billy Williams wird angeklagt, in kodierten Briefen an seine Schwester militärische Geheimnisse verraten zu haben. Der Ankläger ist Earl Fitzherbert. Billy verteidigt sich sehr aggressiv, indem er auf Fitzens persönliche Verbindung zu seiner Familie verweist. Das betrifft einmal das Verhältnis zu seiner Schwester und zu seinem Vater als Führer der streikenden walisischen Bergarbeiter, aber auch seine Ehe mit Bea, die nach dem Tode ihres Bruders Andrei Ansprüche auf russisches Land stellt. Insofern kann Fitz die Todesstrafe für Billy nicht durchsetzen: er wird 'nur' zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Im Mai/Juni 1919 wird der sog. Friedensvertrag in Versailles unterzeichnet, der Deutschland die Alleinschuld am Ausbruch des Krieges zuschreibt. Walter von Ulrich gehört zu der deutschen Delegation. Maud kommt nach Frankreich, und das Paar trifft sich in Versailles: ihre Liebe zueinander hält unvermindert an. In der englischen Zeitung The Tatler geben sie ihre Heirat bekannt, doch als sie in London die Oper besuchen, reagiert das Publikum mit Ablehnung auf ihre Verbindung. Im Spiegelsaal von Versailles wird der Friedensvertrag unterzeichnet. Gus Dewar und Rosa Hellman werden ein Liebespaar.

Im Januar des Jahres 1920 kehrt Lev Peshkov nach Hause zurück. Seine Ehefrau Olga ist ihm gleichgültig. Stattdessen hält er sich eine Mätresse (Marga), der er ein eigenes Appartement zur Verfügung stellt. Als sich herausstellt, dass Marga ein Kind von Lev hat, greift Josef Vyalov seinen Schwiegersohn tätlich an. Aber Lev wehrt sich heftig. Im Anschluss daran kommt jede ärztliche Hilfe für Josef zu spät. Infolge der Prohibition gehen zudem seine Geschäfte schlecht. Lev flieht über die kanadische Grenze nach Toronto, wo er zunächst im Alkohol Vergessen sucht. Dann kommt er auf die Idee, mit schwarz eingeführtem kanadischen Whiskey in Buffalo Geschäfte zu machen. Er überredet seine Frau, die einzige Zeugin der Auseinandersetzung zwischen ihm und Josef, für ihn auszusagen, dass der Tod ihres Vaters auf einem Unfall beruht.

In der Zwischenzeit sitzt Billy Williams im Militärgefängnis ein. Dann wird über seinen Fall in der einflussreichen Zeitung Daily Herald berichtet – mit einer Stellungnahme zu seinen Gunsten. Als Folge davon wird seine Strafe auf ein Jahr reduziert, so dass er heimkehren kann. Der berühmte Philosoph Bertrand Russell verurteilt die Bolschewiken: er spricht von der Diktatur des Proletariats. Tatsächlich töten die Bolschewiken rücksichtslos ihre politischen Gegner. Grigori Peshkov und seiner Familie geht es gut, da er Mitglied im Zentralkomitee der Partei geworden ist.

Im November 1923 leben Maud und Walter in Berlin: sie haben zwei Kinder (Eric und Carla). Sie sind arm, aber glücklich. Sie leiden wie viele Deutsche unter der Inflation. Er arbeitet zwar im Außenministerium, aber seine politische Karriere ist durch die Heirat mit einer Engländerin praktisch zu Ende. Sie spielt in einem Nachtclub Klavier (Jazz), und erbittet von den Gästen die Bezahlung in Dollars. In München regen sich die Nationalsozialisten, und Adolf Hitler landet vorübergehend im Gefängnis.

Ende des Jahres 1923 kandidiert Billy Williams als Mitglied der Labour Party mit Erfolg bei den Wahlen für das britische Unterhaus, ebenso Ethel Leckwith. Die Arbeiterpartei verbündet sich mit den Liberalen und stellt in England zum ersten Mal die Regierung. Ethels Sohn Lloyd hat bisher seinen Vater nie kennengelernt. Dann kommt es im Parlamentsgebäude zu einem Treffen zwischen Lloyd und Ethel einerseits sowie Fitz und seinem zweiten Sohn andererseits. Dabei gibt Lloyd seinem Vater zum ersten Mal die Hand, ohne dass er von dessen Bedeutung für seine eigenen Person etwas ahnt. Damit endet der erste Band der Romantrilogie.

Die Handlung wird ausschließlich chronologisch erzählt, nur gelegentlich werden Hintergrundinformationen eingestreut. Dabei kommt es zu zahlreichen Begegnungen zwischen den unterschiedlichen Figuren, die manchmal konstruiert bzw. zufällig wirken. Die Figuren selbst werden eindeutig bewertet bzw. deutlich kontrastiert: so etwa der konservative Earl Fitzherbert und seine fortschrittlich denkende Schwester Maud, der betrügerische Lev und sein gewissenhafter Bruder Grigori. Fast durchgehend positiv ist die Darstellung der Arbeiterklasse, für welche die Familie Williams stehen mag. Sowohl der Vater Da(vid) als auch Sohn Billy und Tochter Ethel erkämpfen sich mehr politische Rechte. Die beiden Folgebände sind nicht weniger umfangreich: die Trilogie insgesamt umfasst etwa 2900 Seiten.


10b. Winter of the World (2012)

Die Handlung dieses Bandes erfasst die Zeit von 1933 bis 1949 und ist schwerpunktmäßig auf den zweiten Weltkrieg ausgerichtet. Viele Charaktere aus dem ersten Teil kehren hier wieder, so etwa Ethel Williams und Earl Fitz, Maud und Walter von Ulrich, Gus Dewar sowie Lev und Grigori Peshkov. Im Laufe der Zeit tritt indes die nächste Generation immer mehr in den Vordergrund, so etwa Fitzens und Beas Sohn Boy sowie sein Halbbruder Lloyd Williams (Ethels Sohn), Gus Dewars Söhne Woody und Chuck, die in Amerika geborene Daisy Peshkov und der in Russland zur Welt gekommene Vladimir (Volodya) Peshkov sowie Walters und Mauds Nachkommen Erik und Carla von Ulrich. Zur gleichen Generation wie letztere gehören die mit den von Ulrichs befreundeten Werner und Frieda Franck.

Das erste Kapitel ist aus Carlas bzw. Lloyds Perspektive verfasst. Carla und Walter leben mit ihren Kindern Erik (13) und Carla (11) in Berlin. Sie sind entschlossen, die immer stärker werdenden Nazis zu bekämpfen, sind aber uneins über die beste Methode. Walter ist für die SPD Mitglied des Reichstages, Maud arbeitet für die Zeitung The Democrat. Die Familie der Francks erscheint indessen geneigt, Hitler zu unterstützen. Ethel Leckwith (geb. Wiliams) besucht ihre alte Freundin Maud in Berlin und wird von ihrem Sohn Lloyd begleitet. Lloyds Stiefvater Bernie Leckwith ist Jude. Als sie sich in den Redaktionsräumen des Democrat befinden, erfolgt ein Angriff der Braunhemden. Überall herrschen Depression und Arbeitslosigkeit in Deutschland, und es kommt immer wieder zu Unruhen. Juden und Kommunisten sowie deren Sympathisanten werden zu Opfern der Willkür der Nazis. Anlässlich des Reichstagsbrands sieht Lloyd kurz sowohl Hitler als auch Göbbels. Der Brand wird den Kommunisten zur Last gelegt, und 4000 von ihnen werden verhaftet. Auf einer Veranstaltung der Sozialdemokraten treffen Ethel und Lloyd auf Vladimir (Volodya) Peshkov aus Russland, dessen Vater Lev nach Amerika floh und der von dessen Bruder Grigori und seiner Mutter Katerina groß gezogen wurde.

Auch hier kommt es wieder zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten. Bei der nächsten allgemeinen Wahl (am 27.2.1939) erhalten diese 44% der Stimmen und werden damit die stärkste Partei. Sie setzen das sog. Ermächtigungsgesetz durch, das dem Kabinett das Recht gibt, ohne Zustimmung des Parlaments Gesetze zu erlassen. Mit Ausnahme der SPD stimmen alle demokratischen Parteien ihrer eigenen Entmachtung zu. Erik gibt dem Druck seines Lehrers und seiner Klassenkameraden nach und zieht zur Schule ein braunes Hemd an. Eine Angestellte der von Ulrichs namens Ada bekommt ein Kind, zu dessen Geburt der jüdische Familienarzt Dr. Rothmann zur Hilfe geholt wird. Es ist nicht seine Schuld, dass ihr Sohn behindert zur Welt kommt. Robert, Walters Cousin, und sein Freund Jörg sind ein homosexuelles Paar, das ein Restaurant für Homosexuelle führt. Die beiden werden eines Tages verhaftet, da nach der Nazi-Ideologie Homosexualität als pervers gilt. Robert muss mit ansehen, wie sein Partner Jörg grausam misshandelt wird: er wird nackt ausgezogen, bekommt einen Eimer über den Kopf und wird von hungrigen Hunden zerfleischt (wohl die schockierendste Szene im gesamten Roman). Robert kann aus Deutschland fliehen, Lloyd und Ethel gehen nach London zurück, während Maud und Walter an ihrem Widerstand gegenüber den Nazis weiter festhalten.

Im zweiten Kapitel geht Eva Rothmann, die Tochter des jüdischen Hausarztes der von Ulrichs, nach Amerika und kommt dort bei Daisy Peshkov in Buffalo unter. Daisy ist die Tochter von Olga und Lev, der als sog. Bootlegger in der Prohibition reich geworden ist. Zudem besitzt er eine Reihe von Kinos, die gutes Geld abwerfen. In Buffalo lernt Eva auch Chuck und Woody Dewar kennen, die Söhne von Gus und Rosa Dewar (geb. Hellmann). Lev unterhält neben seiner Frau Olga auch noch seine Geliebte Marga, mit der er einen gemeinsamen Sohn (Greg) hat, der im Laufe des Romans zu einer Hauptfigur avanciert. Zwischen den Brüdern Lev und Grigori herrscht seit dem Ende des Krieges Funkstille. Greg möchte in der Politik tätig werden und bemüht sich um eine Stelle im Team von Gus Dewar, der als Vertrauter des amerikanischen Präsidenten gilt. Im Süden gibt es regelmäßig Fälle von Lynchjustiz, gegen die Präsident Roosevelt nichts unternimmt. Als in einer Fabrik Levs gestreikt wird, macht der 15 Jahre alte Woody Dewar einige Photos, die er an eine Zeitung verkauft, die aber lediglich ein einziges davon publiziert. Greg lernt die zweifelhaften Methoden seines Vaters kennen, mit denen er seine Konkurrenten ruiniert: er stellt dem Kinobesitzer Dave Rouzrokh eine Falle, indem er ihm eine gekaufte Dame ins Haus schickt, die behauptet, von Rouzrokh vergewaltigt worden zu sein. Für seine 18jährige Tochter Joanne interessiert sich indes Woody Dewar. Daisys Heiratspläne in Bezug auf Charlie Farquharson scheitern.

Im dritten Kapitel (1936) erfolgt wiederum ein Ortswechsel: es spielt in England. Im Jahre 1936 gibt es dort eine faschistische Partei, deren Chef ein gewisser Oswald Mosley ist. Ethel veranstaltet mit der Unterstützung ihres Sohnes Lloyd ein politisches Treffen, um den Faschisten die Stirn zu bieten. Die Konservativen stehen diesen sehr nah und protestieren nicht gegen die Angriffe auf Juden und Kommunisten. Mit ihnen sympathisiert Boy Fitzherbert, der Sohn von Bea und Earl Fitz, der ungefähr das gleiche Alter hat wie sein Halbbruder Lloyd. In dieser Zeit kommen Olga und Daisy Peshkov sowie Eva Rothmann nach London, wo sie ein eigenes Haus haben. Daisy wendet sich an die Fitzherberts, um in die königliche Familie eingeführt zu werden. Daisy findet Boy Fitzherbert sehr attraktiv, aber sie tauscht auch mit Lloyd einen leidenschaftlichen Kuss (Vorausdeutung auf ihre spätere Beziehung). Daisy und Boy Fitz heiraten am 4.10.1936 in Anwesenheit ihrer Eltern. Ebenso nimmt die deutsche Jüdin Eva Rothmann einen Freund der Familie zum Mann, den Soldaten Jimmy Murray, den Sohn eines britischen Generals, der ebenfalls in der Armee Karriere machen will. Es ist die Zeit, in der Eduard VII wegen seiner Affäre mit der Amerikanerin Wallis Simpson als König zurücktritt und in Deutschland, Spanien und Italien faschistische Tendenzen immer stärker werden. Lloyd, der noch immer in Daisy verliebt ist, geht mit 21 Jahren als Freiwilliger nach Spanien, um als Soldat gegen den Faschismus zu kämpfen.

In dieser Zeit gibt es rund 330.000 Juden in England, vor allem Flüchtlinge aus Russland, Polen und Deutschland, von denen viele im Londoner East End leben. Gegen deren Existenz wollen die britischen Faschisten in einem genehmigten Aufmarsch demonstrieren: auf ihrer Seite ist wie viele Konservative auch Daisy Fitz, während sich die Polizei auffallend deutlich zurückhält. Die britische Labour Party organisiert eine riesige Gegendemonstration, bei der auch Bernie Leckwith beteiligt ist, da er sich als Jude persönlich betroffen fühlt. Die Gegendemonstranten behaupten die Szene.

Im nächsten Kapitel folgt ein Ortswechsel nach Russland. Jetzt ist die Rede von Vladimir (Volodya), dem Sohn Katerinas und Lev Peshkovs, der eine steile Karriere beim Militär bzw. beim russischen Geheimdienst macht. Von ihm wird Werner Franck als russischer Spion angeworben. Russland ist auch am Machtkampf in Spanien interessiert: man weiß, dass deutsche Spione dort tätig sind und wählt Volodya aus, um die Lage zu erkunden. Die Russen unterstützen die spanischen Rebellen mit Waffen, andere Nationen schicken aktive Kämpfer. Volodya und Lloyd, die sich von einem Treffen in Berlin her kennen, sehen sich in Spanien wieder. Lloyd wird am Arm verwundet, erleidet einen hohen Blutverlust, aber er kommt mit dem Leben davon und kehrt nach London zurück.

Deutschland ist inzwischen wirtschaftlich wieder erstarkt, und Österreich sowie die Tschechoslowakei sind Teil des Dritten Reiches geworden. Volodya wird inzwischen als Spion in Berlin eingesetzt: hier trifft er sich erneut mit Werner Franck, der ihn mit Heinrich von Kessel bekannt macht, den Sohn eines überzeugten Abgeordneten der Zentrums-Partei, den er ebenfalls für eine Tätigkeit als russischer Spion gewinnen will. Volodyas Stiefvater Grigori, ein überzeugter Anhänger der russischen Oktoberrevolution, ist unter Stalin zum Chef der Luftverteidigung aufgestiegen. Währenddessen ist Gus Dewar der Vertraute des amerikanischen Präsidenten Roosevelt. Nach Dewars Einschätzung wird der Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin keine Wirksamkeit entfalten. Gleichzeitig aber ist Stalin mit England und Frankreich uneins. Woody Dewar trifft in Washington Greg Peshkov, den Sohn des in die USA eingewanderten Lev Peshkov und seiner Geliebten Marga.

Maud und Walter von Ulrich sind arbeitslos: die sozialdemokratische Partei ist verboten. Ihre Tochter Carla, die mit Werner und Frieda Franck befreundet ist, bewirbt sich ohne Erfolg um ein Studium der Medizin. Ihr Sohn Erik wird ein überzeugter Nationalsozialist. Daisy Peshkov wird von ihrem Mann Boy Fitz mehrfach betrogen: sie fühlt sich von ihm gedemütigt und hält nur wegen Ausbruch des zweiten Weltkriegs an der Ehe mit ihm fest. Dieser beginnt mit Deutschlands Einfall in Polen. Damit endet der erste Teil: „The Other Cheek“. Der zweite umfangreichere Teil ist überschrieben mit: „A Season of Blood.“

Im Jahre 1940 wird Lloyd unter dem Namen seiner Mutter (Williams) Leutnant in der Armee und im Hause der Fitzens einquartiert, während sein Halbbruder Boy auswärts tätig ist. Als Daisy im dritten Monat schwanger ist, erleidet sie eine Fehlgeburt und bittet Lloyd um Hilfe. Aus freundschaftlichen Kontakten entsteht Liebe füreinander. Daisy will Lloyd ihre Gefühle eingestehen, doch sind die Umstände gegen sie. Ihr Gatte Boy kommt von seinem Einsatz bei der Armee einen Tag früher als erwartet zurück, und Lloyd verlässt das Haus, ohne dass sie ihn sprechen kann. Derweil macht Premierminister Chamberlain gegenüber Hitler die falsche Friedenspolitik: bei einer Vertrauensabstimmung im Parlament behält er nur eine knappe Mehrheit. Deutschland besetzt Norwegen und greift Holland sowie Belgien an. Großbritannien entscheidet sich für eine All-Parteien-Regierung unter Churchill. Lloyd erfährt von seiner Mutter Ethel, dass Lord Fitz, der Schwiegervater der von ihm verehrten Daisy, sein Vater ist. Lloyd ist zutiefst schockiert, aber wiederum kommt es nicht zu einem klärenden Gespräch mit Daisy, da er nach Frankreich abkommandiert wird.

Die Kämpfe im Jahre 1940 sind sehr verlustreich: sie erfolgen mit schwerer Artillerie, Panzern und Luftwaffe. Nach zehn Tagen ununterbrochener Kämpfe gerät Lloyd in deutsche Kriegsgefangenschaft, aber er vermag zu entkommen und flieht in Richtung Spanien. Auf seiner Flucht trifft er zufällig die Dolmetscherin Teresa wieder, die er im Bürgerkrieg kennen gelernt hatte: diese hilft ihm und anderen über die spanische Grenze. Während dieser Zeit hat er keine Kontakte mit Daisy, die ihn für tot hält. Gleichzeitig ist ihr Gatte ihr erneut untreu, als er sich auf Heimaturlaub befindet. Im Juni und Juli des Jahres greift die Royal Air Force deutsche Städte an. Als die Deutschen zur Vergeltung London bombardieren, hilft Daisy betroffenen Zivilisten: sie meldet sich als freiwillige Helferin und fährt einen Krankenwagen. Bei einem ihrer Einsätze lernt sie Ethel Leckwith kennen: von ihr erfährt sie, dass Lloyd zurück ist. Daisy und Lloyd versichern sich (endlich!) ihrer gegenseitigen Liebe. Lloyd ist noch Jungfrau, als sie das erste Mal Sex haben.

Das nächste Kapitel berichtet über das Geschehen in Deutschland. Carla von Ulrich und ihre Freundin Frieda Franck gehen in Berlin zusammen zum Tanzen aus. Carla und Werner Franck tauschen einen ersten Zungenkuss. Die Hausangestellte der von Ulrichs Ada hat einen behinderten Sohn (Kurt), der mit acht Jahren den Entwicklungsstand eines Zweijährigen hat. Offiziell wird er zur besseren Therapie von Berlin in eine Klinik nach Bayern verlegt, aber dann ist der Junge auf einmal tot. Merkwürdig ist nur, dass er an einer Blinddarmreizung gestorben sein soll, obwohl dieser Jahre zuvor operativ entfernt wurde. Der arbeitslose Walter von Ulrich, Werner Franck, dessen behinderter Bruder ebenfalls starb, sowie der Gemeindepfarrer Ochs versuchen gemeinsam die Todesursache herauszufinden. Sie entdecken, dass es unter den Nazis ein Programm zu gezielten Tötung von Behinderten (Programm T 4) gibt: nach ihrer Ideologie sind sie nutzlose Menschen, die den Staat viel Geld kosten.

Der Pfarrer wird zum Schweigen gebracht, indem man droht, seine Familie umzubringen. Walter von Ulrich wird verhaftet und an einem unbekannten Ort von der Gestapo so sehr gefoltert, dass er an den Folgen stirbt. Werner Franck befindet sich in einem Konflikt: einerseits möchte er als Spion erfolgreich sein, aber andererseits möchte er auch die Todesursache im Fall seines Bruders klären und Carlas Zuneigung erhalten. Zu ihrer Enttäuschung rät Werner zur Zurückhaltung.

Carla von Ulrich und Frieda Franck fahren indes mit dem Zug nach Bayern und weiter mit dem Fahrrad nach Ahlberg, um Beweise für das Tun der Nazis zu finden. Anstelle eines Krankenhauses stoßen sie auf eine Institution, in der behinderte, alte und kranke Menschen systematisch eingeschläfert und verbrannt werden. Überraschenderweise gewinnen sie die Schwester Ilse König als Zeugin für die Gräueltaten: sie geht mit den beiden Frauen nach Berlin. Gemeinsam überzeugen sie den katholischen Pfarrer Father Peter von der Wahrheit, die er in einer Predigt publik macht, woraufhin er ebenfalls von der Gestapo gefoltert wird und stirbt, während seine beiden Informantinnen, die Freundinnen Carla und Frieda, ungestraft davonkommen. Es erscheint wenig glaubwürdig, dass gegen sie beide nicht einmal ermittelt wird. Danach wird das Tötungsprogramm dennoch von höchster Seite gestoppt, da man den öffentlichen Widerstand fürchtet, in den sich auch der Münsteraner Bischof von Galen einschaltet.

Werner Franck wird von Volodya Peshkov dazu gedrängt, das Datum der angeblich bevorstehenden deutschen Invasion Russlands zu verraten. Es gelingt ihm zu bestätigen, dass diese für den 22.6.1941 angesetzt ist. Dennoch glaubte Stalin nicht an einen solchen Angriff. Daher war Russland im Juni 1941 unvorbereitet, und die russischen Truppen erlitten in den ersten Monaten schwere Verluste. Unter Stalin gab es zahlreiche Säuberungen, Abschiebungen in Arbeitslager und Grausamkeiten. Dennoch wurde er im Amt bestätigt, und Grigori, der Vater Volodyas, bleibt ein überzeugter Revolutionär und Stalinist.

Im nächsten Kapitel wird geschildert, dass Greg Peshkov genau wie Woody Dewar in der Politik tätig ist. Churchill und Roosevelt treffen sich: der Brite drängt die Amerikaner, den Deutschen den Krieg zu erklären. Roosevelt ist für die Abrüstung, die nach seiner Ansicht die allgemeine Sicherheitslage stärken würde. Die Dewars machen gemeinsam Urlaub. Während Woody politisch aktiv ist, ist sein homosexueller Bruder Chuck bei der Marine. Woody und Joanne Rouzrock kommen sich näher. Greg Peshkov nimmt den Kontakt zu seiner ersten Liebe, der inzwischen 21jährigen Jacky Jakes, wieder auf: sie ist farbig, hat die Ambition, als Schauspielerin Karriere zu machen, arbeitet aber zur Zeit als Kellnerin. (Ihr gemeinsamer Sohn George ist einer der Protagonisten im dritten Band.)

Im Oktober 1941 rücken die Deutschen auf Moskau vor. Die Straßen sind schlammig; im Winter herrschen Kälte und Frost. Es fehlt an entsprechenden Uniformen, an Munition und Medikamenten. Volodya verlässt den Geheimdienst und geht an die Front. Stalin holt Verstärkungen für seine Truppen aus Sibirien, so dass der deutsche Vormarsch erst einmal gestoppt werden kann. Erik von Ulrich ist bei einem Sanitätsbataillon. Er erlebt mit, wie die Deutschen Gefangene und Zivilisten exekutieren: sie müssen sich am Rand der zuvor von ihnen selbst ausgehobenen Massengräber aufstellen, so dass sie als Folge der tödlichen Schüsse direkt hineinfallen. Erik ist von diesen Grausamkeiten geschockt, doch vertraut er weiter dem Führer.

Im elften Kapitel wird erzählt, dass Woody (Woods) Dewar und Joanne Rouzrock sich verloben. Die Dewars und Joanne besuchen Chuck, der sich bei der Marine auf Hawai befindet. Die japanische Luftwaffe greift wie in Pearl Harbour ohne Kriegserklärung amerikanische Schiffe an und fügt ihrem Gegner hohe Verluste zu. Senator Gus Dewar sowie seine Söhne Woody und Chuck entgehen mit knapper Not dem Tod, während Joanne getroffen wird und verblutet. Der Angriff führt zu einem solidarischen Aufschrei der Empörung in den USA.

Im nächsten Kapitel trifft sich Daisy Fitzherbert (geb. Peshkov) mit ihrem alten Freund Charlie Farquharson zum Essen. Dieser wird bei seinem ersten Einsatz im Kampf getötet. Ihr Mann Boy Fitzherbert bildet Piloten aus, während Lloyd Williams einen Büro-Job in Spanien hat. Anfang 1942 sind die Japaner überall erfolgreich und erkämpfen sich mit unglaublicher Brutalität den Zugang zum Erdöl. Chuck zweifelt am Sieg der Amerikaner, doch geben diese nicht auf: Sie knacken den Nachrichtencode der Japaner und sind daher beim nächsten Angriff besser vorbereitet. Die Luftkämpfe gehen von den Flugzeugträgern aus und werden mit Bomben und Torpedos geführt. Die Flugzeuge entscheiden die Seeschlachten. In den Jahren 1943/44 baut Japan sieben neue Flugzeugträger, Amerika dagegen 90 an der Zahl!

Die Russen haben Moskau verteidigt und die deutschen Truppen, denen eine winterliche Ausrüstung fehlt, zum Rückzug gezwungen. Carla von Ulrich arbeitet als Krankenschwester und stiehlt für den jüdischen Arzt Dr. Rothmann, der nicht mehr praktizieren darf, Medikamente, unter anderem auch Morphium. Er wird von der Polizei verhaftet, wobei diese seinem Sohn Kurt jeden Finger einzeln bricht. Mit dem gestohlenen Morphium kann Carla seine Schmerzen lindern.

Maud von Ulrich gibt einem jungen, naiven Nazi-Offizier namens Joachim Koch Klavierunterricht. Nach dem Tod ihres Mannes versucht sie weiter, den Nazis die Stirn zu bieten. Sie flirtet mit ihrem Schüler und fragt ihn aus, aber aus dem Spiel wird Ernst, und die beiden verlieben sich ineinander. Carla argwöhnt, dass ihre Freundin Frieda schon lange für die Russen spioniert. Joachim Koch informiert Maud und Carla über Details eines geplanten deutschen Gegenangriffs. Er kann zudem arrangieren, dass Erik 24 Stunden Heimaturlaub bekommt. Dieser ermuntert seine Schwester zur Spionage: er will von ihrer Seite keine Rücksichtnahme auf das eigene Leben. Carla fotografiert die Schlachtpläne der Deutschen für den Gegenangriff, die sich in Kochs Aktentasche befinden, während sich ihre Mutter ihrem Schüler hingibt, um ihn abzulenken. Als Koch Verdacht schöpft, eskaliert die Situation. Koch greift Maud an, Ada und Carla kommen ihr zur Hilfe und erschlagen ihn in der Küche. Die Spurenbeseitigung, vor allem das Entfernen der Leiche, ist schwierig, aber der Zufall kommt den Frauen zur Hilfe: sie können den Toten vor einem in der Nähe verunglückten LKW ablegen, so dass der Anschein erweckt wird, er sei überfahren worden. Ob dieses Vorgehen wirklich glaubwürdig ist, erscheint zweifelhaft.

Greg Peshkov promoviert in Harvard mit summa cum laude und geht danach zur Armee, um seinem Vaterland zu dienen. Greg ist im amerikanischen Team, das den Auftrag zur Entwicklung einer Atombombe hat: das Problem besteht darin, herauszufinden, wie man eine Kettenreaktion auslösen kann. Greg besucht die schwarze Kellnerin Jacky Jakes, mit der er vor 15 Jahren eine Affäre hat. Damals hatte sein Vater ihn gezwungen, von ihr abzulassen. Nun dreht Greg gegenüber seinem Vater den Spieß um, indem er droht, seiner Geliebten das Gesicht zu verletzen. Als er erfährt, dass Jacky Jakes einen Sohn von ihm hat (George), überredet er seine Eltern Lev und Marga, ihren Enkel zu akzeptieren. [Greg ist im Vergleich zu seinem unzuverlässigen Vater Lev durchweg positiv gezeichnet. Umgekehrt entwickelt sich sein Bruder Grigori und dessen Sohn Volodya immer mehr zu einem überzeugten Revolutionär: auf russischer Seite ist die nächste Generation weniger positiv gezeichnet als im ersten Band.]

Daisy und Boy Fitzherbert trennen sich. Er erfährt von ihrer Beziehung mit Lloyd, der Flüchtlinge aus Frankreich über die Grenze nach Spanien bringt. Daisy erzählt Bernie und Ethel Leckwith, dass sie und Lloyd heiraten wollen. Sie berichtet ihnen ferner über das Schicksal der jüdischen Rothmann-Familie in Berlin: Dr. Rothmann ist in ein KZ deportiert worden.

Derweil hat Lloyd zwei Wochen Heimaturlaub: in dieser Zeit kommt es zu einer leidenschaftlichen Beziehung mit Daisy. Von ihm erfährt Boy, dass er und Lloyd den gleichen Vater haben, dass sie also Halbbrüder sind, was Boy nicht glauben kann. Über sich selbst hat er herausgefunden, dass er unfruchtbar ist, weil er sich als Erwachsener mit Masern infiziert hat.

Die Schlacht um Stalingrad ist sehr verlustreich für die Deutschen, so dass der Endsieg, von dem die deutsche Propaganda immer noch redet, mit jedem Tag unwahrscheinlicher wird. Carla von Ulrich gelangt in den Besitz geheimen Materials durch einen Offizier, den sie pflegt. Sie spricht sich mit Werner aus, der seit Jahren für die Russen spioniert. Bei Werner und Carla ist noch immer Liebe im Spiel. Werner tappt in eine Falle der Gestapo: dabei wird deren Chef Thomas Macke verletzt und landet ebenso wie Werner zur Behandlung in dem Krankenhaus, in dem Carla arbeitet. Werner erstickt seinen langjährigen Peiniger mit einem Kissen.

Volodya Peshkov macht der Naturwissenschaftlerin Zoya einen Heiratsantrag. Zoya gehört zu dem Team, das in Russland ebenfalls an der Herstellung einer Atombombe arbeitet. Der Plan „Zitadelle“ der deutschen Wehrmacht liegt dem russischen Geheimdienst vor, und so haben die Deutschen erneut starke Verluste. Eddie und Chuck sind bei der Marine und werden bei einem Landungsversuch eingesetzt, bei dem Chuck getötet wird. Dr. Rothmann wird aus dem KZ entlassen und arbeitet in einem jüdischen Hospital, dem Carla mit gestohlenen Medikamenten aushilft. Werner gesundet rasch und wird an die Ostfront abkommandiert.

Daisy arbeitet für das Rote Kreuz und gibt Partys für Soldaten auf Urlaub: auf diese Weise verschafft sie sich in London soziale Akzeptanz. Ihr Liebhaber Lloyd will nach dem Krieg in die Politik gehen. Boy Fitzherbert ist noch immer nicht bereit, sich scheiden zu lassen. Am 5. Juni 1944 beginnt die Invasion der Alliierten in der Normandie, die größte Invasion der Kriegsgeschichte. Daran nimmt Woody Dewar teil: er und seine Leute erobern in der ersten Nacht eine strategisch relativ wichtige Brücke. Lloyd Williams stoppt einen deutschen Zug mit Nachschub bei der Einfahrt in einen Tunnel. Es ist kaum glaubhaft, dass der gleiche Zug an der gleichen Stelle zur gleichen Zeit auch von einem britischen Kampfflugzeug angegriffen wird, das dabei abstürzt und dessen Pilot Boy Fitzherbert ist. Er kommt ums Leben, und damit ist Lloyds Weg zu Daisy frei. Das Attentat vom 20. Juli auf Hitler schlägt fehl. Daisy fürchtet, dass sie als Ex-Faschistin ihrem zukünftigen Mann bei seiner politischen Karriere ein Hindernis sein wird.

Woody Dewars Knie wird von MG-Feuer getroffen. Er kehrt in das Büro seines Vaters zurück, ist allerdings auf Krücken angewiesen. Derweil stehen die Russen an der Oder, mit einer Million Soldaten gegenüber 100.000 Deutschen. Die russische Propaganda ruft zur Rache an den Deutschen auf. Erik von Ulrichs Hand wird zerschmettert, Werner Franck gerät in Kriegsgefangenschaft. Die deutschen Ärzte im Osten versorgen auch verletzte Russen. Die russischen Soldaten nehmen den deutschen Frauen ihre letzten Wertsachen, z.B. Eheringe ab und verlangen Sex von ihnen. Carla von Ulrich opfert sich für die 13jährige Rebecca Hoffmann, die an einem Tage beide Eltern verloren hat: Carla wird nacheinander von vier russischen Soldaten vergewaltigt.

Im Jahre 1945 geht der Krieg in Europa zu Ende, und es kommt zu allgemeinen Wahlen in Großbritannien. Lloyd kandidiert mit Erfolg für die Labour Party: die Arbeiterpartei erringt 393 Sitze, die Konservativen lediglich 210. Attlee löst Churchill als Premierminister ab. Lloyd und Daisy, aber auch Volodya und Zoya werden ein Paar. Am 16. Juli zündet Amerika die erste Atombombe über Japan, so dass der Krieg auch in Asien beendet wird. Damit endet Teil II, die Beschreibung des Zweiten Weltkriegs. Die Kapitel 21-25 machen den dritten Teil aus, der betitelt ist: „The Cold Peace“.

Russland will unbedingt ebenfalls eine eigene Atombombe – zur Abschreckung und zur Selbstverteidigung. Nach russsicher Ideologie war es nur durch Verrat möglich, dass die Amerikaner schneller waren. Unter Anwendung von Gewalt werden Zoya und Volodya verhaftet. Letzterer wird in die USA geschickt, um die Pläne für die Erstellung der Atombombe auszuspionieren: Volodya ist immer noch Mitglied des militärischen Geheimdienstes. Zoya wird verhaftet, damit er in die Sowjetunion zurückkehrt. Volodya spürt in Amerika den Atem der Freiheit und ist vom Lebensstandard der USA beeindruckt. Er reist nach Albuquerque (New Mexiko), nimmt zu seinem alten Freund Willi Frunze und dessen Frau Kontakt auf. Frunze, den Volodya vor zwölf Jahren das letzte Mal gesehen hatte, gehört zu dem erfolgreichen Team, das den Russen zuvorkam, und Volodya bekommt tatsächlich von ihm die Pläne zum Bau der Atombombe, die er mit nach Moskau nimmt. Zoya wird aus dem Gefängnis entlassen und ist überwältigt von der Fülle des Warenangebots, das sie in einem Katalog der Firma Sears findet.

Auch im Jahre 1946 sind die russischen Soldaten immer noch böse Vergewaltiger. Carla und Frieda werden auf diese Weise schwanger, ohne dass sie die Väter ihrer Kinder namentlich nennen können. Frieda lässt abtreiben, Carla entscheidet sich für ihr Kind. Rebecca wird dazu von den Ulrichs adoptiert. Erik von Ulrich und Werner Franck werden zu Hause schmerzlich vermisst. Berlin ist inzwischen viergeteilt. Carla bringt einen Jungen zur Welt, den sie nach ihrem Vater Walter (Walli) benennt: auch er wird ein Protagonist des dritten Bandes. Nach seiner ersten erfolgreichen Parlamentsrede kommt es zu einer Begegnung zwischen Lloyd und seinem inzwischen 60jährigen Vater Earl Fitz, der seinen anderen Sohn Boy verloren hat. Zur Enttäuschung von Ethel akzeptiert Fitz auch jetzt noch nicht seinen Sohn. Lloyd ist als Arbeitsminister dafür verantwortlich, dass auf dessen Grundstück nach Kohle gebaggert wird. Fitz muss mitansehen, wie sein schöner Garten zerstört wird. Daisy erwartet ein Kind von Lloyd. Erik von Ulrich kommt mit Tuberkulose nach Hause, aber er erholt sich von der Krankheit. Frieda wird die Geliebte eines amerikanischen Offiziers und bekommt für ihre Dienste Lebensmittel, die sie zur Hälfte an ihre Freundin Carla und ihr Baby Walli weitergibt. Noch immer herrscht Hunger in Deutschland. Auch Werner kommt unverletzt, wenn auch sehr abgemagert aus dem Krieg zurück und akzeptiert seine neue Familie, d.h. auch Rebecca und Walli.

Die Siegermächte verhandeln über Deutschlands Zukunft, wobei die beiden Peshkovs Mitglieder der Delegation ihrer Länder sind. Volodya erfährt, dass Lev und nicht Grigori sein Vater ist. Für den Wiederaufbau Europas wird der Marshall-Plan entwickelt. Er soll Armut verhindern und damit einer möglichen kommunistischen Revolution den Boden entziehen. Russland ist unter Stalin schlimmer dran als unter den Zaren, während in Amerika der Wähler der Souverän ist. In Westdeutschland wird die Währungsreform und in der sowjetischen Zone die Ostmark eingeführt. Der Blockade Berlins wird durch die Luftbrücke begegnet. Am 28.8.1849 zündet auch Russland seine erste Atombombe. In Amerika wird daraufhin der Verrat Willi Frunzes und seiner Frau aufgedeckt, und sie werden als Verräter auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet (die beiden Frunzes sind fiktionale, keine wirklichen Figuren). Der zweite Band endet damit, dass im Jahre 1949 die Familie von Ulrich Weihnachten feiert.


10c. Edge of Eternity (2014)

Edge of Eternity, der dritte und abschließende Band von Folletts sog. Jahrhundertsaga, umfasst die bewegten Jahrzehnte von 1960 bis 1989, d.h. von der Zeit kurz vor dem Bau bis zum Fall der Berliner Mauer, die Ermordung John F. Kennedys, Robert Kennedys und Dr. Martin Luther Kings, die Kubakrise, den Vietnamkrieg, die Absetzung Richard Nixons, die Entwicklung der sog. Pop Music im allgemeinen und des Rock and Roll im Besonderen.

In Ostberlin entdeckt die Lehrerin Rebecca Hoffmann, dass sie von ihrem Ehemann Hans ausspioniert wird und beendet nach ca. einem Jahr die Ehe mit ihm. Dies geschieht im Jahre 1961, also im Jahr des Mauerbaus. Rebecca wurde nach Ende des Zweiten Weltkriegs von Carla Franck vor der Auslieferung an die Rote Armee gerettet und später von ihr und ihrem Mann Werner adoptiert (vgl. den zweiten Band).

Zur gleichen Zeit findet der Schwarzamerikaner George Jakes Arbeit im Justizministerium Robert F. Kennedys. George hat auch weißes Blut in seinen Adern: er ist der Sohn Greg Peshkovs und der Enkel des russischen Emigranten Lev Peshkov, seine Mutter die farbige Jacky Jakes. (Greg Peshkov wiederum ist der Halbbruder von Daisy Peshkov; vgl. den vorhergehenden Band.) Zu Anfang der sechziger Jahre erstarkt die schwarze Bürgerrechtsbewegung. George setzt sich für die Abschaffung der Segregation ein, die von den Gerichten als nicht verfassungsgemäß eingestuft wird. Auf einem sog. „freedom ride“ lernt er die schwarze Aktivistin Maria Summers kennen und schätzen, die für Dr. Martin Luther King arbeiten will. Nach vier Tagen des friedlichen Protests kommt es zu gewaltsamen Ausschreitungen: ihr Reisebus wird angezündet und explodiert. George ist enttäuscht, dass keine rechtlichen Schritte gegen die weißen Rassisten eingeleitet werden.

Rebeccas Stiefbruder Walli (Walter) Hoffmann spielt mit seiner Zufallsbekanntschaft Karolin Koontz Gitarre bei einem öffentlichen Konzert in Westberlin. Hans Hoffmann zerstört bei der Gelegenheit nicht nur Wallis Gitarre, sondern sorgt auch dafür, dass Rebecca ihren Job verliert. Das bedeutet insofern ein Problem, als Arbeitslosigkeit in der DDR offiziell nicht existiert, was sie automatisch zum sozialen Parasiten macht. Sie sucht ihren früheren Schulleiter Bernd Held auf, in den sie sich verliebt und mit dem sie den Plan fasst, die DDR zu verlassen. Am 13. August 1961 erfolgt der Mauerbau. Rebecca und Bernd Held fliehen über die Bernauer Straße, wobei Bernd durch einen Schuss verletzt wird und sein Leben lang querschnittsgelähmt bleibt.

Es folgt ein Schauplatzwechsel nach Sibirien: von Yakutsk aus fliegt die junge TASS-Journalistin Tania Dvorkin nach Moskau zurück und schreibt einen Artikel, in dem sie über die 'attraktive' Arbeit in Sibirien berichtet. Dennoch ist sie in Wirklichkeit mehr an der Reform des Kommunismus interessiert. In Moskau nimmt sie an einer Demonstration von Dissidenten teil, bei der sie illegale Flugblätter verteilt und deswegen verhaftet wird. Ihr Zwillingsbruder Dimka vermag sie mit Hilfe eines einflussreichen Onkels aus der Haft zu befreien. Dimka Dvorkin arbeitet für einflussreiche Politiker des Zentralkomitees der KP: insofern erlebt er aus erster Hand politische Entscheidungen mit, z.B. im Fall der Kubakrise. Als Korrespondentin wird Tania im Laufe des Romans u.a. aus Kuba, Prag und Warschau berichten. Dimka und Tania Dvorkin gehören wie Georg Jakes zur Peshkov-Familie: ihre Eltern sind Ilya und Anja Dvorkin, Grigori und Katerina Peshkov sind ihre Großeltern.

George Jakes trifft nach längerer Trennung Maria Summers wieder, die in der Pressestelle des weißen Hauses Arbeit findet und von Präsident Kennedy dafür gelobt wird. Sie wird seine Geliebte, bevor George sich um sie bemühen kann. Das FBI (Hoover) intrigiert gegen Dr. King, der angeblich Verbindungen zu einem kommunistischen Anwalt unterhält.

Ein erneuter Schauplatzwechsel führt nach London: es folgt die Vorstellung der Williams-Familie: die 68jährige Großmutter Ethel Leckwith (geb. Williams) wird adlig. Sie beklagt die soziale Ungerechtigkeit in Großbritannien, den Hunger in der Welt und kämpft für die Gleichberechtigung von Homosexuellen. Ihr Sohn Lloyd Williams ist Abgeordneter. Aus seiner Ehe mit Daisy Peshkov stammen zwei Kinder: der Musiker David (Dave) und die Schauspielerin Eva (Evie) Williams, die in einer Schulaufführung von Hamlet eine hinreißende Ophelia spielt und die sich in den Journalisten Jasper Murray verliebt. Der 13jährige Dave Williams (übrigens ein Cousin von George Jakes) fühlt sich zu der gleichaltrigen Amerikanerin Beeb Dewar hingezogen, der Tochter von Bella and Woody Dewar.

Im Jahre 1962 kommt es zur Kuba-Krise. Die Amerikaner unterstützen die Castro-Gegner durch Sabotageakte, d.h. durch Angriffe mit Brandbomben auf Brücken, Ölraffinerien und Schiffe. George wird Zeuge eines solchen Anschlags. Diese Aktionen sind den Russen bekannt, und deswegen wollen sie auf Kuba atomare Raketen stationieren. Dimka Dvorkin wird von Chruschtschow mit der Geheimhaltung der Transporte beauftragt. Um den Auftrag auszuführen, muss er bei deren Organisation rücksichtslos vorgehen. Seine Zwillingsschwester Tania berichtet direkt aus Kuba über die Ankunft der Waffen.

Nun folgt ein ungeheuer spannender Handlungsstrang. Die Amerikaner erhalten durch Luftaufnahmen Kenntnis von der atomaren Bedrohung: New York liegt in der Reichweite sowjetischer Mittelstreckenraketen. Eine ins Ziel gebrachte Rakete könnte 600.000 Menschenleben kosten. In Moskau erwartet man eine Rede Kennedys: in ihr kündigt er die Blockade an. Ein atomarer Weltkrieg droht: die erste abgeschossene Rakete würde einen Vergeltungsangriff auslösen, dennoch wäre in einer solchen Auseinandersetzung wahrscheinlich der Angreifer der Sieger. Die russischen Schiffe drehen ab, um der Blockade zu entgehen. Ein russisches Schiff, das von den Amerikanern aufgebracht wird, hat keine Waffen an Bord. Die Russen schießen ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug über Kuba ab. Castro wird von blindem Hass auf die Amerikaner geleitet: die Kubaner sind angeblich entschlossen, mit Gartenwerkzeugen und Messern gegen die Amerikaner zu kämpfen. Die Russen ziehen schließlich ihre Waffen ab – gegen das amerikanische (später nicht eingelöste) Versprechen, ihre Raketen aus der Türkei zu entfernen. George und seine Mutter Jacky verfolgen aufmerksam Kennedys Rede. George erkennt, wie alles miteinander in der Politik verbunden ist: die Krise hat Folgen für die Wahlen und die Innenpolitik (Stillstand in der Bürgerrechtsfrage).

Unabhängig von der großen Politik haben diverse Figuren persönliche Probleme. Maria hat eine Abtreibung hinter sich: der Vater ihres Kindes ist John F. Kennedy. Dimka verbringt eine Nacht mit der verheirateten Natalya Smotrov, die ihr Mann nicht gehen lassen will. Daher heiratet Dimka seine Jungendfreundin Nina, als diese schwanger wird, obwohl sie angeblich keine Kinder bekommen konnte.

Rebecca Hoffmann und der verkrüppelte Bernd Held leben als Ehepaar in Hamburg. Ihr Bruder Walli und seine von ihm schwangere Freundin Karolin Koontz stehen in Ostberlin unter Druck. Unmittelbar vor der gemeinsam geplanten Flucht verlässt Karolin der Mut. Walli durchbricht mit einem Lastwagen die Grenzabsperrung, überfährt einen Grenzposten und schafft es bis nach Westberlin. Von da begibt er sich nach Hamburg, um zusammen mit seiner von seinen Eltern adoptierten Halbschwester Rebecca und ihrem Mann Bernd zu leben.

Im Jahre 1963 gewinnt die Bürgerrechtsbewegung an Boden, ein Umdenken setzt auch im Süden der USA ein, aber dennoch versuchen weiße Rassisten immer wieder, den Fortschritt zu sabotieren. Schwarze Studenten können in Alabama studieren. Es gibt zwar neue Gesetze gegen die Segregation, dennoch wird der Bürgerrechtler Edgar Mevers erschossen.

In London hat die Schauspielerin Evie Williams ein Verhältnis mit dem Popstar Hank Remington. Dies wird durch den ehrgeizigen Journalisten Jasper Murray in der Regenbogenpresse öffentlich gemacht. Mit dem so verdienten Honorar fliegt er nach Amerika, um über den geplanten Marsch der 200.000 Schwarzamerikaner auf Washington zu berichten.

Dave Williams, dessen schulische Karriere von Misserfolgen geprägt ist, schließt sich einer englischen Musikergruppe an, die für die Ferien ein Engagement in Hamburg hat. Walli tritt mit der Gruppe auf, die von Rebecca eine Einladung zum Essen erhält.

Tania ist von Kuba zurück in Moskau. Sie interessiert sich für das Schicksal des Dissidenten Vasili Yenkov, der nach Verbüßung von zwei Jahren Straflager in Sibirien noch festgehalten wird, weil man auf seine Fertigkeiten als Elektriker angewiesen ist. Tania wird eine literarische Geschichte zugespielt, in der versteckte Kritik an der Sowjetunion ausgedrückt ist. Sie bemüht sich mit Erfolg darum, dass diese Geschichte im Westen in englischer Übersetzung veröffentlicht wird.

Kennedy äußert in Berlin den berühmten Satz: „Ich bin ein Berliner.“ In Washington findet der o.g. Marsch der 200.000 statt; mit dabei sind Joan Baez, Mahalia Jackson, Bob Dylan und Marlon Brando. Dr. King hält die berühmte Rede: „I have a dream ...“

Jasper Murray lernt bei dieser Gelegenheit George Jakes kennen. Nach seiner Rückkehr gründet Jasper in England seine eigene Zeitung. Walli und David machen in London zusammen ihre erste Plattenaufnahme. Dimka heiratet seine langjährige Freundin Nina, die ihm einen Sohn gebärt, doch besteht sein Interesse für Natalya Smotrov unverändert fort. Im November 1963 kommt es zur Vietnamkrise. John F. Kennedy wird Opfer eines Attentats: in Dallas (Texas) wird er am 22.11. erschossen. Am gleichen Tag bekommt Karolin ihr Baby, dessen Vater Walli ist. Anlässlich der Beerdigung Kennedys tröstet George Jakes Maria Summers: aufgrund ihrer Trauer erahnt er, dass der Präsident ihr Liebhaber war. Sein Nachfolger Lyndon B. Johnson erklärt die Weiterentwicklung der Bürgerrechte für vordringlich.

Die UDSSR hat derweil landwirtschaftliche Probleme: sie kann die Versorgung der eigenen Bevölkerung nicht sicherstellen. Kruschtshow tritt zurück, Breschnew folgt ihm nach, und parallel dazu wird Harold Wilson in Großbritannien Premierminister. Dimka arbeitet nur kurze Zeit für Breschnew, danach soll er in die Ukraine versetzt werden. Doch besorgt Natalya Smotrov Dimka einen Job bei Kosygin, so dass er in Moskau bleiben kann und sie beide nicht getrennt werden, da Tania ihren Posten bei Gromyko behält. Sie besucht erneut den Systemkritiker Vasili Yenkov in Sibirien und bekommt wiederum ein Manuskript von ihm zur Veröffentlichung. Auf der Leipziger Buchmesse trifft sie die Verlegerin Anna Murray, der Schwester Jasper Murrays, die diesen Wunsch gerne erfüllt.

Anlässlich eines sowjetischen Staatsbesuchs in Vietnam bietet sich für Dimka und Natalya erstmalig die Gelegenheit, mehrere, unmittelbar aufeinander folgende Liebesnächte miteinander zu verbringen. Dave und Walli komponieren und gehen zusammen mit ihrer Gruppe auf Tournee in den Vereinigten Staaten. Sie werden von Jasper Murray interviewt, denen er auch seine eigene Lebensgeschichte erzählt. Der kaum erwachsene Dave möchte seine Jugendliebe Ursula 'Beep' Dewar heiraten, doch sind sie nach Rücksprache mit den Eltern zu einem Probejahr bereit. George hat noch Kontakt mit Maria Summers, die noch immer um ihren toten Liebhaber John F. Kennedy trauert.

Derweil lebt Karolin Koontz mit ihrer Tochter Alice in Wallis Familie, den Francks in Ostberlin. Ihr Ausreiseantrag wird von den Behörden (verantwortlich ist Hans Hoffmann) abgelehnt. Beep Dewars Bruder Cameron wird in der Politik tätig und trifft später einmal Tania Dvorkin. Jasper Murray ist eben auf einem guten beruflichen Weg, als er zur amerikanischen Armee eingezogen wird. Das ist gesetzlich möglich: er wird ausgebildet und ein Jahr im Vietnamkrieg eingesetzt, in dessen Verlauf er den Einsatz von Napalm-Bomben und anderen Grausamkeiten miterleben muss. Verbrechen der amerikanischen Soldaten werden von den Soldaten an der Front systematisch vertuscht. Jasper selbst wird gezwungen, eine vietnamesische Frau zu erschießen. In Amerika wächst allmählich der Widerstand gegen den schmutzigen Krieg. Die TET-Offensive des Vietkong führt zu erheblichen Verlusten. Als Jasper unverletzt in die Staaten zurückkehrt, kommt ihm der Verdacht, dass Präsident Johnson bezüglich des Vietnamkrieges der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit sagt.

In Ostberlin geht Karolin weiter zu Konzerten, die in einer Kirche stattfinden, denn Musik ist in der DDR nach wie vor eine politische Waffe. Dabei verliebt sie sich in den alleinstehenden Pfarrer Odo Vossler, den sie heiraten möchte. Ihre Adoptionsmutter Carla und deren Mutter Maud haben für diesen Wunsch Verständnis, während ihre Halbschwester Lily von ihr enttäuscht ist. Karolin schreibt ihrem Verlobten Walli von der geplanten Heirat. Nachdem er ihr in vier langen Trennungsjahren treu war, lässt er sich daraufhin von zwei Verehrerinnen sexuell trösten, hat dabei aber keinen Orgasmus. Jasper und seine Freundin Verena Marquand erleben als Augenzeugen mit, wie Dr. King erschossen wird. Daraufhin schließt sich Verena den „Black Panthers“ an und bricht nach einer sieben Jahre andauernden Beziehung mit George. Er arbeitet weiter für Robert Kennedy, bis auch dieser Opfer eines Attentats wird. Als George arbeitslos und deprimiert ist, kommt Maria Summers, um ihn aufzumuntern. Jasper Murray schreibt über Nixons unehrliche politische Strategien und erhält insgeheim Material von George und Maria. Sein Telefon wird überwacht.

In Großbritannien wird inzwischen die Homosexualität mit 111 zu 48 Stimmen legalisiert. Darunter ist auch die Stimme der schwer kranken Ethel Leckwith, geb. Williams (vgl. Band I + II).

Der inzwischen als Musiker sehr erfolgreiche David plant den Kauf einer großen Farm auf dem Lande, auf die er sich mit seiner Frau Beep zurückziehen will. Da muss er die schmerzliche Erfahrung machen, dass diese den Hippie-Grundsatz ernst nimmt, dass Liebesbeziehungen frei sind und sie ihn mit seinem Freund und Kollegen Walli betrügt. Dadurch wird ihre gemeinsam auftretende Musikgruppe gesprengt. David startet eine Solokarriere und bekommt eine eigene Show im Fernsehen. Gleich in der ersten Sendung setzt er ein eindrucksvolles Signal: seine Schwester Evie und ein Schwarzamerikaner tauschen einen Kuss. Evie geht nach England zurück, um wieder Shakespeare zu spielen.

Erneut findet ein Schauplatzwechsel statt: in der Tschechoslowakei kommt es unter der Führung von Alexander Dubcek 1968 zum „Prager Frühling“. Dimka, dem seit geraumer Zeit eine Art Reformkommunismus vorschwebte, sympathisiert mit ihm. Persönlich interessiert er sich immer noch für Natalya, doch deren Mann Nik Smotrov, ein raffinierter Schwarzhändler, gibt seine Frau nicht frei und schüchtert Dimkas kleinen Sohn ein. Daraufhin vernichtet Dimka mit Hilfe eines einflussreichen Onkel dessen Geschäft, und Dimka und Natalya können heiraten. Schließlich kommt es zur Invasion der Sowjets in der Tschechoslowakei.

Rebecca geht nach einem offenen Gespräch mit ihrem gelähmten Gatten Bernd mit seiner Einwilligung eine Affäre ein, die nach beider Willen an ihrer Liebe nichts ändern soll.

David und Walli versöhnen sich: sie komponieren und musizieren wieder zusammen. Dennoch wird Walli drogenabhängig, und Beep hält nicht länger zu ihm. Als sie schwanger wird, kehrt sie zu ihrem ersten Liebhaber David zurück, wobei es offen bleibt, ob David oder Walli der Vater ihres Kindes ist. Rebecca stellt ein Jahr lang ihre berufliche Karrierewünsche zurück, um ihrem Stiefbruder Walli beim Entzug zu helfen. Tatsächlich schafft er es so, vom Heroin loszukommen. Anschließend kandidiert sie mit Erfolg für den Bundestag: sie möchte für die deutsche Wiedervereinigung kämpfen.

Nach China besucht Nixon auch Moskau. Der Dissident Vasili Yenkow, für den Tania bereits einige Manuskripte in den Westen geschmuggelt hat, wird endlich von den Sowjets als Zeichen ihres guten Willens aus der sibirischen Lagerarbeit entlassen und bekommt einen Job im Landwirtschaftsministerium. Auf diesem Gebiet werden inzwischen von Michail Gorbatschow weitgehende Reformen vorangetrieben.

Nixon erhält viel Zustimmung bei seiner Wiederwahl, dann aber folgt Watergate, und es kommt zu einem Stimmungsumschwung. Als Nixon seinen Rücktritt verkündet, ist Maria Summers bei George, der inzwischen als Jurist für den Generalstaatsanwalt arbeitet, der die Ermittlungen gegen den Präsidenten leitet. George und Maria haben leidenschaftlichen Sex. So überrascht es den Leser, dass sie nicht endlich ein Paar werden. Stattdessen kommt es zum Streit zwischen ihnen: Maria will weiter politische Karriere machen, während George sie in der traditionellen Rolle als Mutter und Erzieherin ihrer Kinder sieht (so wie seine Mutter Jacky es für ihn war). George heiratet daraufhin (1978) seine alte Freundin Verena Marquand, und Maria Summers wird die Patin ihres ersten Kindes. Inzwischen ist Jimmy Carter Präsident der USA, und ein Pole wird erstmalig zum Papst gewählt: es handelt sich um Johannes Paul II.

Tania Dvorkin berichtet für die TASS aus Warschau; hier trifft sie u.a. Cameron Dewar. In Polen hat sie einen Liebhaber und lehnt daher einen Heiratsantrag Vasili Yenkows ab.

Karolin Koontz und die Familie Franck machen Urlaub in Ungarn. Mit dabei ist auch Walli, der nach seinem erfolgreichen Drogenentzug wieder bei seiner Halbschwester Rebecca in Hamburg lebt. Zwar werden die Francks auf ihrer Urlaubsreise von der Stasi beschattet, doch es gelingt ihnen, ihre Bewacher abzuschütteln. So kommt es zu einem erfolgreichen Familientreffen zwischen Lili Franck, ihren Eltern Werner und Carla sowie ihrem Halbbruder Walli. Dies geschieht kurz vor dem Mauerfall.

In Polen herrschen Unruhen, angeführt von Lech Walesa. Es kommt zu Streiks, Demonstrationen und zur Gründung von freien Gewerkschaften. Polen ist auf dem Weg zur Freiheit und dient möglicherweise als Beispiel für Ostdeutschland: dafür spricht die polnische Solidarität mit den Arbeitern anderer Nationen. In Polen herrscht phasenweise Kriegsrecht. General Jaruselski wartet vergeblich auf die sowjetische Invasion. Breschnew will diese nicht, da Moskau von amerikanischen Krediten abhängig ist und auf diese nicht verzichten kann. Breschnew stirbt, der mögliche Nachfolger Andropov ist krank, und Gorbatschow macht sich mit dem Prinzip der Dezentralisierung in der Landwirtschaft einen Namen.

Verena und George Jakes bekommen einen Sohn; sein Name ist Jack. Doch ist die Ehe von George und Verena voller Spannungen und Konflikte. Beim Zusammenbruch Polens ist Reagan etwa ein Jahr im Amt. Bei einem vom amerikanischen Präsidenten veranstalteten Wohltätigkeitsessen sind Verena, Jasper Murray, Cameron Dewar und seine Frau Lidka unter den Gästen. Wegen sexueller Beziehungen zwischen Jasper Murray und Verena kommt es zu einer Prügelei zwischen George und Jasper. George zieht zu seiner Mutter zurück und hat jedes Wochenende seinen Sohn bei sich, während seine Mutter als Babysitter für ihren Enkelsohn fungiert. Der behinderte Bernd stirbt mit 62 Jahren. Rebecca ist inzwischen im Außenministerium tätig. Ihr Mann Odo will die Scheidung und die Entbindung von seinen priesterlichen Pflichten, als er seine Homosexualität entdeckt.

Die CIA plant die Ermordung potentieller Terroristen – als Gegenstrategie zur Geiselnahme mit anschließender Erpressung. Dabei kommt es einmal im Libanon zu einem Bombenattentat mit rund 80 toten Zivilisten und noch weit mehr Verletzten. Damit wird Reagan – im Gegensatz zu einem von ihm selbst erlassenen Gesetz – zum Massenmörder. In der Sowjetunion wird Gorbatschow Ministerpräsident: er legt mehr Wert auf die Produktion von Konsumgütern und weniger Wert auf militärische Rüstung. Tania Dvorkin und Vasili Yenkov wollen die Sowjetunion verlassen, aber sie dürfen es nicht.

Jasper Murray nimmt einen Job in Bonn an; dort nimmt er Kontakt mit Rebecca auf, die inzwischen eine einflussreiche Stelle im deutschen Außenministerium bekleidet: sie arbeitet direkt für den damaligen Außenminister Friedrich Genscher, und sie begleitet ihn unter anderem auf einer Reise nach Washington. Auch die Ungarn sind auf dem Wege zur Freiheit: sie gründen zahlreiche politische Clubs, aus denen sich demokratische Parteien entwickeln. Dabei haben sie die Rückendeckung Gorbatschows. In Polen verhandeln die freien Gewerkschaften mit der Kommunistischen Partei auf Augenhöhe: sie verlangen freie Wahlen und eine freie Presse. Die Ungarn öffnen schließlich ihre Grenze nach Österreich: der Eiserne Vorhang wird durchlässig für Polen, Tschechen und Ostdeutsche ... Karolins Tochter Alice verlässt mit ihrem Verlobten Helmut die DDR und trifft zum ersten Mal in ihrem Leben ihren Vater Walli. Gorbatschow lehnt finanzielle Hilfe für die DDR ab. In Leipzig kommt es zu den Montagsdemonstrationen, dann zur Öffnung der Mauer in Berlin. Walli und Rebecca sehen ihre Eltern Werner und Carla wieder.

In einem Epilog wird beschrieben, wie ein Schwarzamerikaner in den U.S.A. Präsident wird.

Mit dieser faszinierenden Trilogie führt Ken Follett seine Leser durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die anhand von fiktiven und historischen Figuren dargelegt wird. Der erste Band befasst sich vorwiegend mit dem Ersten Weltkrieg, der nächste mit dem Zweiten Weltkrieg und der dritte mit der Zeit des Kalten Krieges bis zum Mauerfall. Im Grunde handelt es sich um die Geschichte mehrerer Familie über mehrere Generationen.

Gelegentlich sind die verwandtschaftlichen Beziehungen kompliziert Daisy ist die Tochter von Lev und seiner Frau Olga Peshkov, ihr Halbbruder Greg ist der Sohn von Lev und seiner Geliebten Marga. Sie sind also Halbgeschwister wie auch Boy Fitzherbert und Lloyd Williams. Lev ist auch der leibliche Vater von Volodya Peshkov, der von seiner Mutter Katerina und seinem Bruder Grigori groß gezogen wird. Walli (Walter) von Ulrich ist der Sohn von Carla von Ulrich und einem unbekannten russischen Soldaten, der sie vergewaltigt hat. In Band III kommen viele neue Figuren hinzu, so dass es schwierig wird, den Überblick zu behalten. Dann kann es für den Leser hilfreich sein, auf eine Übersicht über die (fiktionalen und historischen) Figuren zurückzugreifen, die jedem Band vorausgeht.

Die sexuellen Beziehungen sowie auch die ehelichen Bindungen überspringen nationale und rassische Grenzen ebenso wie Klassenschranken. Earl Fitz heiratet eine Russin (Bea), hat aber auch ein Verhältnis mit einer Hausangestellten. Lev zeugt ein Kind in Russland mit Katerina, um das er sich nie kümmert (Vladimir), hat aber auch parallel zu seiner Frau Olga eine Geliebte namens Marga, der er eine eigenen Wohnung bezahlt. Mit Olga hat er die Tochter Daisy, eine Frau russischer Herkunft, welche nacheinander die Engländer Boy Fitz und Lloyd Williams heiratet. Mit Marga hat er den Sohn Greg. Dieser wiederum hat seine schwarze Geliebte Jacky Jakes geschwängert, von der er ohne sein Wissen einen 15jährigen Sohn namens George hat. George Jakes kommt im dritten Band ebenso eine tragende Rolle zu wie den Kindern von Daisy und Lloyd Williams: George ist der Cousin des Musikers David (Dave) und der Schauspielerin Eva (Evie). Es ist erstaunlich, mit welcher Einbildungskraft der Autor die verschiedenen Personen immer wieder zusammenführt, auch wenn die eine oder andere Begründung unglaubwürdig erscheint (z.B. auf Zufall beruht).

Aufschlussreich ist die Darstellung und die Bewertung der verschiedenen Nationen: Das russische Militär ist stets schlecht organisiert und opfert oft skrupellos die eigenen Soldaten. Daher ist die Zahl ihrer Opfer so groß wie die aller übrigen Alliierten zusammen. Die Deutschen sind militärisch effizient, aber sie scheitern am russischen Winter und an der vielfachen Übermacht. Die Nazis (Gestapo und Stasi) sind unglaublich rücksichtslos (sie verfolgen und töten Juden, Kommunisten, Homosexuelle, Behinderte und deren Sympathisanten). Die Japaner werden als die grausamsten Kämpfer hingestellt. Die Amerikaner und die Engländer sind diejenigen, die am meisten der Demokratie verpflichtet sind. Aber gegen die Präsidenten Nixon und Reagan werden schwere Vorwürfe erhoben, und dazu werden der in Vietnam kämpfenden amerikanischen Armee schwere Kriegsverbrechen zur Last gelegt (z.B. Einsatz von Napalm-Bomben und Erschießung unschuldiger Zivilisten).

Der Roman zeugt von wuchernder Phantasie. Er ist indessen offenbar gründlich recherchiert und hält in unnachahmlicher Weise die Leser gefangen. Follett scheut sich nicht, langjährige Tabuthemen wie Homosexualität oder interrassische Beziehungen darzustellen. Dazu ist seine Darstellung der Sexualität sehr offen, auch wenn sich hierbei gewisse rekurrente Motive ergeben. Trotz ihres gewaltigen Umfangs fesselt die Trilogie durchgehend bis zum Schluss.


Last Updated by Dr. Willi Real on Tuesday, 7 February, 2017 at 10:45 AM.

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