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Ausgewählte Lesetipps




Inhaltsübersicht


1. Michael Ondaatje: The English Patient (1992)
2. Michael Cunningham: The Hours (1999)
3. Philip Roth: The Human Stain (2000)
4. T.C. Boyle: A Friend of the Earth (2000)
5. Jasper Fforde: The Eyre Affair (2001)
6. Dan Brown: The Da Vinci Code (2003)
7. Frank McCourt: Angela's Ashes (1996)
8. Roddy Doyle: The Last Roundup (1999-2010)



1. Michael Ondaatje: The English Patient (1992)

Wer erinnert sich nicht an eine der ersten Szenen des preisgekrönten Films The English Patient, den spektakulären Flugzeugabsturz in der Wüste? Nach dem Willen des britischen Piloten Geoffrey Clifton sollte er drei Menschen den Tod bringen: seiner Frau Katherine, ihm selbst und ihrem Liebhaber, der lange Zeit im Text als The English Patient bezeichnet wird. Doch schlägt die Absicht des Piloten fehl: nur er kommt bei dem vorsätzlich herbeigeführten Unglück ums Leben, während - wenn auch nur für unbestimmte Zeit - seine Frau und der englische Patient überleben. Nachdem dieser Katherine aus ihrem Fallschirm befreit hat, trägt er sie in eine nahe gelegene Höhle, macht sich trotz seiner schweren Brandverletzungen auf den Weg, um Hilfe zu holen und wird schließlich von Beduinen gerettet.

Der Auftakt des Romans ist weit weniger dramatisch: Die erste Szene spielt - wie die fast gesamte Gegenwartshandlung - in einer halb verfallenen Villa in Oberitalien. Hierher haben die Kriegsgeschicke vier ganz unterschiedliche Personen zusammengeführt: da ist zunächst der ans Bett gefesselte und nahezu bewegungsunfähige englische Patient, dessen Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt ist und der offensichtlich an komplettem Gedächtnisverlust leidet. Da ist die zwanzigjährige kanadische Krankenschwester Hana, die ihn aufopferungsvoll pflegt. Sie verliebt sich in den indischen Pionier Kirpal Singh (genannt Kip), der auf der Seite der Briten zahllose Bomben entschärft und dabei unzählige Male sein Leben riskiert. Und da ist noch ein gewisser David Caravaggio, der Hanas Familie von früher her kennt und der als Spion für die Alliierten tätig war. Als er bei dem Rückzug der deutschen Soldaten aus Italien in deren Hände fiel, hackte man ihm beide Daumen ab.

Offenbar ist Caravaggio vor allem daran interessiert, die wahre Identität des englischen Patienten zu ermitteln. Bei diesem handelt es sich um einen ungarischen Adligen, der urspünglich offenbar für strategische Zwecke in Zusammenarbeit mit dem Luftphotographen Geoffrey Clifton die Wüste kartographierte. Doch als er allein zurückkehrt, werden die Briten wegen seines unglückseligen Verhältnisses mit der verheirateten Katherine Clifton mißtrauisch und da sie ihm jede Hilfe verweigern, läuft er schließlich zu den Deutschen über. Schon zu Beginn des Romans zeichnet sich ab, dass er seine schwere Verwundung nicht überleben wird. Und wiederholt wird deutlich, dass es zum Ende des Krieges für die Beteiligten nicht mehr relevant ist, wer auf welcher Seite gekämpft hat.

Der recht umfangreiche Roman (320 Seiten) ist außerordentlich handlungsarm; er bezieht seinen Reiz und seine Spannung nicht aus der Schilderung der Ereignisse, sondern zunächst einmal aus der Charakterisierung der handelnden Figuren. Auch wenn die Ereignisse des zweiten Weltkriegs keine Rolle spielen und diese nur den Hintergrund bilden, ist ihr deformierender Einfluß auf die Psyche der Betroffenen unübersehbar: Hana wird von einer resignativen Grundstimmung beherrscht, sie ist physisch und psychisch der Erschöpfung nahe. Sie hat viele Soldaten sterben gesehen, und auch ihr letzter Patient ist ein sterbender Mann, dessen Schmerzen lediglich mit Morphium zu lindern sind. Auch Caravaggio ist davon abhängig. Die Schlussszene, die einige Jahre nach Kriegsende spielt, zeigt Kip, wie er in seiner Heimat Indien als Arzt eine Existenz und eine Familie gegründet hat: er ist der einzige, für den im Roman eine positive Perspektive entwickelt wird.

Hinzu kommt die Erzählstruktur des Romans: fast die gesamten Ereignisse werden in Rückblenden aufgerollt, d.h. die Erzählweise erfolgt sehr kunstvoll in kleinen Schritten und Abschnitten, und nach und nach ergibt sich aus der Fragmentarisierung des Geschehens doch noch ein zusammenhängendes Gesamtbild. Dazu ist die Sprache reich an ungewöhnlichen Kollokationen und Bildern, die mindestens dem nicht-muttersprachlichen Leser eine konzentrierte (möglicherweise zu wiederholende) Lektüre nahelegen.

Natürlich ist die filmische Adaptation weder vollständig noch identisch mit der literarischen Vorlage. Doch kommt es nicht von ungefähr, dass die Verfilmung mit Oscars geradezu überhäuft wurde. Sie stellt ein überzeugendes Beispiel dafür dar, wie die Druckfassung und die visuelle Umsetzung sich gegenseitig ergänzen und wie der Film zur Lektüre des Romans anregen kann.


2. Michael Cunningham, The Hours (1999)

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, dass ein literarischer Text zum Anlaß für weitere literarische Werke wurde: man denke nur an die zahlreichen Parodien, die in der Literaturgeschichte belegt sind. Der o.g. Roman ist zwar kein Paradigma für diese Form von Intertextualität, wurde aber durch ein Werk inspiriert, das vor rund einem dreiviertel Jahrhundert erschien und zum Klassiker der Moderne avancierte: die Rede ist von Virginia Woolfs Mrs Dalloway aus dem Jahre 1924. Zum Verständnis von Cunninghams Roman ist die Kenntnis dieses Texts nicht unbedingt erforderlich, aber doch ohne Zweifel sehr hilfreich: The Hours ist einerseits eine Hommage an Virginia Woolf, andererseits aber ein völlig eigenständiges Werk.

Cunninghams Roman beginnt mit einem während der Bombenangriffe auf London im 2. Weltkrieg spielenden Prolog (März 1941), in dem der Selbstmord Virginia Woolfs beschrieben wird. Sie wird von Schmerzen und psychischen Problemen heimgesucht, die ihr das Leben unerträglich machen. Daher hinterlässt sie einen Abschiedsbrief an ihren geliebten Gatten Leonard und ertränkt sich in der Themse.

Der sich anschließende Romantext spielt auf drei verschiedenen Zeitebenen, an drei unterschiedlichen Schauplätzen und ist drei verschiedenen Protagonistinnen gewidmet. Das erste Kapitel, in dem die Ereignisse zu Ende des 20. Jahrhunderts in New York stattfinden, ist mit "Mrs Dalloway" überschrieben und weist mehr als eine inhaltliche Parallele zu Virginia Woolfs gleichnamigen Roman auf. Mrs Clarissa Vaughn begibt sich in die Stadt, um Blumen zu kaufen: ihr Freund Richard, ein offenbar aidskranker Schriftsteller, von dem sie oft scherzhafterweise "Mrs Dalloway" genannt wird, ist mit einem Literaturpreis ausgezeichnet worden. Ihm zu Ehren will sie eine Abendgesellschaft geben. Auch Clarissa ist Schriftstellerin: ihre Bücher werden von der Kritik respektiert, verkaufen sich indes schlecht. Das Kapitel endet mit dem geplanten Blumenkauf bei der mit ihr befreundeten Floristin Barbara.

In Kapitel 2, das im Jahre 1923 in einem Londoner Vorort spielt, wird Virginia Woolf selbst vorgestellt. Sie ist schwer krank, stark gealtert, aber nach wie vor zur Arbeit entschlossen: das Schreiben bedeutet für sie tiefste Befriedigung. Im Hause befindet sich eine Druckerei: ihr Mann Leonard ist mit Korrekturlesen beschäftigt. Virginia schreibt den ersten Satz ihres Romans Mrs Dalloway nieder.

Das dritte Kapitel ist im Jahre 1949 in Los Angeles angesiedelt; Mrs Laura Brown (geb. Zielski), die in gutbürgerlichen Verhältnissen lebt, ist eine leidenschaftliche Leserin der Werke Virginia Woolfs: sie liest eines nach dem anderen, oft bis spät nach Mitternacht, zur Zeit Mrs Dalloway. Zweimal wird etwa eine Seite aus diesem Roman wörtlich zitiert (kenntlich durch Kursvidruck). Mrs Brown hat einen dreijährigen Sohn (Richie) und erwartet ihr zweites Kind, hält aber ihre Vorliebe für Virginia Woolf vor ihrem Gatten geheim.

Kapitel 4 befasst sich wiederum mit Clarissa Vaughn: sie ist ebenso bisexuell wie ihr Freund Richard, den sie in seiner Wohnung aufsucht. Er bezeichnet sich selbst als krankes und wahnsinniges Wrack, dem die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Zukunft schwer fällt. "Mrs Dalloway" ist eine Freundin, die ihm aufopferungsvoll und bedingungslos zur Seite steht. Sie weiß, dass Richard bereits vom Tode gezeichnet ist.

Im weiteren werden die Schlüsselszenen, die für das Leben der drei Protagonistinnen entscheidenden Stunden (vgl. Titel), abwechselnd erzählt: Kapitel 5 zeigt Virginia Woolf bei der Arbeit, wobei sie bereits von Schmerzen geschwächt ist; ihr Mann Leonard fungiert als ihr verständnisvoller, ständiger Begleiter. Kapitel 6 schildert, wie Mrs Brown mit ihrem dreijährigen sensiblen Sohn Richie zusammen die Geburtstagsfeier für ihren Gatten vorbereitet.

So entsteht allmählich ein Charakterbild der drei Frauen. Im vorletzten Kapitel wird Clarissa Zeuge, wie Richard sich aus dem fünften Stock über ein Fenstersims gleiten lässt und in den Tod stürzt. Dabei gibt es sogar sprachliche Parallelen zum Suizid Virginia Woolfs: die enge Verwobenheit zwischen biographischen Fakten und fiktionaler Gestaltung wird durch verschiedene Metaphern verdeutlicht.

Die drei Handlungsstränge lassen sich gut nebeneinander lesen und nachvollziehen. Erst im letzten Kapitel werden diese miteinander verbunden. Die inzwischen über 80 Jahre alte Laura Brown, die ihren Mann durch Leberkrebs, ihr zweites Kind, eine Tochter, durch einen Autounfall verloren hat, erscheint zu der für Richard geplanten Party und trifft dabei u.a. mit Clarissa Vaughn zusammen: es kommt zur Begegnung zweier Frauen, für deren Leben (wie für den Romancier Michael Cunningham) Virginia Woolfs Werk von entscheidender Bedeutung war. Dabei wird die zeitliche Distanz von ca. 50 Jahren überbrückt. Erst jetzt wird Mrs Brown als Richards Mutter und die Frau vorgestellt, die ihn zu seinem Schaffen inspirierte. Sie selbst, die bei der Lektüre von Virginia Woolfs Werken oft Todessehnsüchte verspürte, überlebt auch noch den Suizid ihres Sohnes.

Der 1952 in Ohio geborene Michael Cunningham lehrt heute an der New Yorker Columbia Universität kreatives Schreiben; er hat sich indes vor allem als Drehbuch-, Kurzgeschichten- und Romanverfasser einen Namen gemacht. Sein Roman The Hours weist eine sehr melancholische Grundstimmung auf. Darüber hinaus ist dieser wie Virginia Woolfs Werk stilistisch sehr anspruchsvoll und zugleich kunstvoll strukturiert. Der Roman erhielt 1999 den renommierten und begehrten Pulitzer-Preis und bedeutet nicht nur für Liebhaber der Werke Virginia Woolfs eine fesselnde Lektüre.

Zudem ist die weitestgehend orginalgetreue Verfilmung des Werkes durch den jungen britischen Regisseur Stephen Daldry (2002, u.a. mit Nicole Kidman, Meryl Streep und Julianne Moore; deutscher Titel Von Ewigkeit zu Ewigkeit) sehr sehenswert: sie wurde zu Recht mit dem Oskar (Nicole Kidman für die beste weibliche Hauptrolle) ausgezeichnet. Die uneingeschränkte Zustimmung des Autors zu der Filmversion seines Romans ist daher nicht überraschend. Bezüglich einiger Vorschläge zum Einsatz dieses Films im fortgeschrittenen Englischunterricht vgl. "Examples of outstanding films, no.3".


3. Philip Roth: The Human Stain (2000)

Im Mittelpunkt dieses umfangreichen Romans steht Coleman Silk, ein 71jähriger jüdischer Professor für Griechisch und Latein. Nach langjähriger beruflicher Tätigkeit zieht er sich verbittert aus dem Lehrbetrieb der Universität ins Privatleben zurück. Was war geschehen? In einem Seminar hatte Coleman bei der Kontrolle der Anwesenheit festgestellt, dass zwei Studenten ständig fehlten und daher gefragt: "Does anyone know these people? Do they exist or are they spooks?"

Dabei wusste der Professor nicht, dass die beiden Abwesenden Schwarze waren, die sich prompt durch seine Wortwahl diskriminiert fühlten und Beschwerde einreichten. Obwohl der Terminus "spooks" in erster Linie "Geister/Gespenster" bedeutet und erst sekundär, etwa in der Bedeutung "dunkle Gestalten", auf afro-amerikanische Staatsbürger pejorativ angewendet wird, erweist sich Silks unbedachte Äußerung als Initialzündung für eine unglückselige Verkettung von Umständen, die mit seinem Tod enden.

Durch seine effektive Verwaltungstätigkeit als Fakultätsdekan, der mit traditionellen Privilegien aufräumte und frischen Wind in die Universität brachte, hatte Coleman Silk sich viele Feinde gemacht, so dass kein einziger Kollege sich mit ihm solidarisch erklärt. Im Gegenteil, fast gleichzeitig mit der studentischen Klage wird bekannt, dass Coleman Silk mit Faunia Farley eine Analphabetin als Geliebte hat, die in der Universität sauber macht und mit ihren 34 Jahren halb so alt ist wie er selbst. Dies trägt ihm in einem anonymen Drohbrief den Vorwurf der sexuellen Ausbeutung ein. Zwar gelingt es ihm, eine Kollegin als Verfasserin ausfindig zu machen, doch rät ihm sein Anwalt wegen mangelnder Erfolgsaussichten von der Einleitung rechtlicher Schritte ab.

Faunia Farley hat ein sehr hartes Schicksal hinter sich. Zwar stammt sie aus bestem Hause, doch nach der Trennung ihrer Eltern war sie in jungen Jahren den sexuellen Übergriffen ihres Stiefvaters ausgeliefert. Später wird sie von ihrem Mann Lester Farley, einem früheren Vietnamkämpfer, verprügelt und verliert ihre beiden Kinder beim Brand ihres Hauses.

Lester Farley leidet an post-traumatischen Störungen seines Vietnameinsatzes: nach den zahllosen, zum Teil brutalen Kampfhandlungen vermag er es zunächst nicht, im zivilen Leben Tritt zu fassen und eine Orientierung zu finden. Er stellt Faunia und Coleman nach, so dass sich diese von ihm bedroht fühlen. Einmal kommt es sogar zu einem tätlichen Angriff auf den Professor.

Eine ganze Zeitlang kann man den Eindruck haben, dass Coleman Silk - mit Ausnahme der einen oben erwähnten mißverständlichen Äußerung - sich persönlich keinerlei Fehlverhalten vorzuwerfen hat. Doch ist er alles andere als ein unschuldiges Opfer. Dies wird zum ersten Mal durch die Tatsache deutlich, dass er anlässlich seiner Heirat mit einer weißen Frau einen Schlussstrich unter seine Vergangenheit ziehen will, indem er seine familiären Wurzeln negiert. Als hellhäutiger Afro-Amerikaner beschließt er, sich von der Dominanz und der vermeintlichen Abhängigkeit von den Weißen zu befreien, indem er sich in Zukunft als 'weiß' ausgibt.

Zu diesem Zeitpunkt ist sein Vater, der ihn immer zu Studium und Karriere gedrängt hatte, bereits tot. Seine Mutter empfindet die Verleugnung der Familie als unerträgliche Demütigung, und seine Geschwister sagen sich auf Dauer von ihm los. Tatsächlich wird die Entfremdung zwischen Coleman und seiner Familie nie überwunden. Somit ist seine Entscheidung irreversibel; mehr noch: seine Vorstellung von Freiheit erweist sich rasch als Illusion. Der gegen ihn erhobene Vorwurf des Rassismus gegenüber seinen beiden Studenten wäre in bezug auf einen Schwarzamerikaner absurd. In bezug auf einen Weißen aber ist er fatal, so dass sich Coleman Silk ironischerweise aufgrund der eigenen Entscheidung wie in einem Käfig befindet, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Zudem ist die Heirat mit seiner Frau Iris auf einer Lüge gegründet. Auch ihre vier gemeinsamen Kinder werden nie über ihre familiären Wurzeln aufgeklärt, sondern mit der Behauptung abgespeist, alle anderen Familienmitglieder seien tot. Da die Kinder ebenfalls kein gutes Verhältnis zu ihrem Vater haben, gerät der egozentrische und rechthaberische Coleman Silk immer stärker in eine Isolation. Auch mit Faunia Farley verbindet ihn - abgesehen von der sexuellen Befriedigung - wenig Gemeinsames.

Der Titel des Romans wird zum ersten Mal auf domestizierte Vögel angewendet, die infolge ihrer Prägung durch den Menschen zu einem natürlichen Leben in Freiheit nicht mehr fähig sind. Von daher sind bestimmte Parallelen zu Coleman Silk unübersehbar: sein menschlicher Makel liegt in einer Lebenslüge, an der er zerbricht. Die Verleugnung seiner Abstammung rächt sich und führt zu einer negativen Prägung seiner Person. Schließlich fühlt Silk sich wie jemand, der alles verloren hat; sein sozialer Abstieg ist unaufhaltsam und geht mit einer wachsenden Abneigung gegenüber sich selbst Hand in Hand.

Das gesamte Geschehen wird von einem Ich-Erzähler, einem Nachbarn Coleman Silks namens Nathan Zuckerman, der in mehreren Romanen des Autors auftritt und als dessen alter ego gedeutet worden ist, in epischer Breite erzählt. In umfangreichen Rückblenden werden die zum Verständnis erforderlichen Fakten zusammengetragen. Ein großer Wortschatz, anspruchsvolle Formulierungen, ungewöhnliche Kollokationen bestimmen das Sprachprofil. Zahlreiche Anspielungen von Homer, Euripides und Sophokles über Karl Marx und Jonathan Swift bis hin zu Thomas Mann zeugen von ausgezeichneten Kenntnissen des Autors in Geistes- und Literaturgeschichte. Ebenso gut sind aktuelle politische Anspielungen (etwa Bill Clintons Affaire mit Monica Lewinsky) in die Handlung des 1998 spielenden Werkes integriert. Ob Philip Roth Einzelheiten des Unterrichts mit Analphabeten oder technische Details des Boxsports beschreibt, ob er äußere Geschehnisse oder Charaktere von innen darstellt, stets ist der Roman gut lesbar.

Die Figur des Coleman Silk erinnert an J. M. Coetzees 1999 erschienenen Roman Disgrace und seinen Protagonisten David Lurie, einen Professor mittleren Alters für Literatur in Kapstadt, der nach einer sexuellen Verbindung mit einer Studentin in Ungnade fällt und den Dienst quittiert. Bekanntlich erhielt Coetzee im Jahre 2003 den Nobelpreis für Literatur. Nicht zuletzt aufgrund des Romans The Human Stain wäre m.E. Philip Roth für diese Auszeichnung ebenfalls ein geeigneter Kandidat.


4. T.C. Boyle: A Friend of the Earth (2000)

In einem Prolog wird der 75jährige Erzähler Tyrone (Ty) Tierwater eingeführt, mit dem seine zweite Ex-Frau wieder Kontakt aufnimmt. Beide gehören ebenso wie Tochter Sierra aus erster Ehe zu einer Gruppe von engagierten Umweltaktivisten, die sich Earth Forever nennt (reales Vorbild ist wohl die Gruppe Earth First). Doch ist im Jahre 2025 inzwischen der Kampf für die Natur sinnlos geworden: die Biosphäre ist zusammengebrochen, das Klima hat sich radikal verändert: in St. Barbara (Kalifornien) gibt es nur noch lange Regenzeiten, die zu starken Überschwemmungen führen, und Phasen der Dürre mit unerträglich heißen Temperaturen.

Damit hat sich die Existenz der Menschen grundlegend verändert: sie haben eine hohe Lebenserwartung, Organtransplantationen sind selbstverständlich geworden, die dazu erforderlichen Spenderorgane findet man durch Zeitungsanzeigen, und als Folge davon leidet die Erde an starker Überbevölkerung. Zudem grassieren wegen der anhaltenden Feuchtigkeit zahlreiche ansteckende Krankheiten, z.B. gefährliche Grippen. Tierwaters erste Frau starb bereits 1979 an den Folgen eines Bienenstichs (vermutlich erlitt sie einen allergischen Schock).

Zudem hat sich die Artenvielfalt in der Natur erheblich reduziert. Tyrone Tierwater arbeitet bezeichnenderweise für einen steinreichen Popstar namens Maclovio (Mac) Pulchris, der sich einen privaten Tierpark hält, um wenigstens einige der bedrohten Arten zu retten. Auch für die Tiere, die sinnigerweise durchgehend nach Pflanzen benannt sind, ist der Dauerregen eine große Gefahr. Als ein Unwetter ihre Käfige zerstört, wird Mac von einem Löwen zu Tode gebissen, so dass die übrigen Tiere in eine ungewisse Freiheit entlassen werden müssen.

Die Handlung ist in drei Teile und einen Epilog gegliedert: sie setzt im ersten Romankapitel im Jahre 1989 ein, als die Tierwaters eine nächtlichen Aktion in Oregon starten (sie gießen ihre eigenen Füße mit Beton zu), um das sinnlose Abholzen von Wäldern zu verhindern. Doch bleibt ihr engagiertes Vorgehen ohne Wirkung, da der örtliche Sheriff zu verhindern weiss, dass die Medienvertreter davon erfahren und infolgessen nicht darüber berichten können. Aufschlussreich ist ebenfalls, dass die Naturschützer mit ideologisch-politischem Vokabular belegt werden: sie werden als grüne Nigger bezeichnet und zu Bolschevisten mit homosexuellen Tendenzen abgestempelt (p. 34).

In der Folge wird in regelmäßigem Wechsel die Lage in der utopischen 'Gegenwart' von 2025 beschrieben und die Darstellung der Ereignisse im Jahre 1989 fortgesetzt, so dass sich zwei Handlungsebenen ergeben: die eine, die Ebene der Vergangenheit, ist narrativ-dynamisch, während die Darstellung der 'Gegenwart' eher deskriptiv-statisch wirkt.

Die Umweltaktivisten unternehmen spektakuläre Aktionen zum Erhalt der Natur, vor allem zur Rettung der Waldbetände, wobei sie zunächst vor allem auf passiven Widerstand setzen. Doch erscheint ihr Einsatz aussichtslos, da die Behörden mit fragwürdigen Methoden gegen sie kämpfen. Nach der oben erwähnten Aktion in Oregon beispielsweise bleibt Sierra Tierwater zunächst in staatlichem Gewahrsam, weil die Teilnahme an einer nächtlichen Demonstration angeblich eine Gefährdung des Kindeswohls darstellt. Dann kommt sie in eine Pflegefamilie, da dem Vater mit Hilfe eines Gutachtens vor Gericht die Erziehungsfähigkeit für seine Tochter abgesprochen wird. Als Tierwater von ihr einen verzweifelten Hilferuf erhält, ignoriert er den Gerichtsbeschluss, befreit sie gewaltsam und zündet zudem aus Vergeltung heimlich ein teures Baufahrzeug an.

Danach leben sie anonym bzw. unter falschen Namen, um der Verfolgung durch die Strafbehörden zu entgehen. Tochter Sierra wird zur überzeugten Vegetarierin: sie ist der Ansicht, dass es den Menschen nicht gestattet ist, Tiere zu töten, um sich an der Spitze der Nahrungskette zu behaupten. Tierwater aber führt nach Verbüßen seiner Gefängnisstrafe anstelle von friedlichen Protestaktionen heimliche Sabotageakte durch. Dazu gehört die Vernichtung wertvoller Maschinen ebenso wie das Legen von Waldbränden, wobei sich schon die Frage nach dem Sinn eines solchen Verhaltens und der Verhältnismäßigkeit der Mittel stellt.

Es wirkt geradezu paradox, wenn der Protagonist zur Rettung des Waldes eben dort Feuer legt, und man fragt sich, ob sein Einsatz für die Natur nicht unmerklich zum Vorwand für persönliche Vergeltungsmaßnahmen mutiert ist. Vor Gericht indes kann Tierwater wegen der Brandstiftungen nicht belangt werden, da er diese bestreitet und Beweise gegen ihn nicht vorliegen. Nach seiner eigenen Einschätzung ist die Gefängnisstrafe ohnehin unverdient, da das Gericht ihm zu Unrecht das Sorgerecht für seine Tochter entzogen hat.

Einen Monat lang leben Andrea und Ty unter größten Entbehrungen nackt im Wald, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen, und auch diese Aktion endet wieder mit einer Verhaftung. In ähnlicher Weise bewohnt Tochter Sierra länger als drei Jahre ein Baumhaus: es wird zu ihrem einzigen Lebenszweck, wenigstens einen Baum zu beschützen. Auch sie zeigt die gleiche Entschlossenheit und ein mindestens genauso großes Engagement für die Natur wie ihr Vater und ihre Stiefmutter, wobei es immer um den gleichen Aspekt geht, nämlich die Abholzung des Waldes zu stoppen. Bei einem Besuch von Seiten des Vaters stürzt sie ab und kommt im Alter von 25 Jahren (im Jahre 2002) allzu früh ums Leben.

Als Ty aus dem Gefängnis entlassen wird, führt er genau eine Woche ein 'normales', d.h. friedliches Leben. Bei einer erneuten nächtlichen Aktion, die nur auf Sabotage zielt, wird er indessen auf frischer Tat ertappt. Da seine Bewährung noch nicht abgelaufen ist, summiert sich die nun fällige Gefängnisstrafe auf 4 ½ Jahre. In der Öffentlichkeit wird er zunehmend als ein Ökoradikaler, als das kalifornische Phantom, als eine menschliche Hyäne dargestellt; nur in den Augen seiner Tocher war er stets ein Held.

Es ist bedrückend zu sehen, wie sich einerseits in Form einer Kausalkette von einer ersten Aktion des passiven Widerstandes die Auseinandersetzung spiralförmig immer weiter radikalisiert und sich andererseits Tierwater als verbissener und fanatischer Kämpfer für die Natur immer stärker in eine Situation der Isolation manövriert. Die Handlung unterstreicht die bittere Einsicht, dass ein Freund der Erde praktisch zwangsläufig zum Feind der Menschen wird.

Dennoch zielt die Darstellung weder auf das Mitleid noch auf die Empathie des Lesers; sie bleibt weitgehend sachlich-analytisch und beinahe emotionslos: eine resignative Grundstimmung, eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit dominiert die Geschehnisse. Tierwaters Einsatz - selbst sein kriminelles Verhalten - bewirkt absolut nichts: er versucht alles, aber erreicht keinerlei Veränderung der Situation. Zum Schluß zieht er sich mit Andrea in eine Welt zurück, die zum Untergang bestimmt scheint. Zwischen den allgemeinen Lebensbedingungen und der Grundeinstellung des Protagonisten herrscht eine vollkommene Korrespondenz.

Die Erzählstruktur ist durch eine doppelte Perspektive bestimmt: zum einen bringt ein allwissender Erzähler der 3. Person dem Leser die Ereignisse nahe. Zum anderen tritt in einzelnen Abschnitten (vor allem in kursiv gesetzten Passagen) Tierwater auch als Erzähler der ersten Person auf, der unmittelbar sein eigenes Denken und Fühlen schildert.

Auch wenn die Handlung zum Teil in der Zukunft spielt, liegt kein utopischer und schon gar kein politischer Roman vor: der Text sagt nichts über Machtverhältnissse, Staatsform und Gesellschaft im Jahre 2025 aus. Der Autor vermittelt seine Botschaft, ohne zu predigen, ohne ideologische Verbissenheit, ohne den berüchtigten moralischen Zeigefinger: A Friend of the Earth ist sicher keine Protestliteratur. Wohl aber handelt es sich um ein sprachlich sehr anspruchsvolles Werk über ein äußerst aktuelles Problem, um ein Beispiel dafür, wie man mit literarischen Mitteln Problembewusstsein wecken und steigern kann. Wer sich auf die Lektüre dieses Romans einläßt, wird fasziniert und betroffen sein.


5. Jasper Fforde: The Eyre Affair (2001)

Dieser Erstlingsroman des walisischen Autors Jasper Fforde ist mit herkömmlichen literaturwissenschaftlichen Kategorien kaum adäquat zu beschreiben. Die Handlung spielt im Jahre 1985, also im Jahre 1 nach George Orwell, und sie weckt somit Assoziationen an eine Antiutopie. Doch geht es dem Autor nicht um die Warnung vor einem künftigen Schreckensbild, sondern vor allem um die Rolle der Literatur in diesem Staat. In der von Fforde gezeichneten britischen Gesellschaft bestimmen zahlreiche Vereinigungen den Alltag, die mit bis zum Fanatismus gesteigerten Enthusiasmus das nationale literarische Erbe zu bewahren versuchen. Dazu gehört auch der erbittert geführte Streit um die wahre Autorschaft der Dramen William Shakespeares. Viele Mitglieder nennen ihre Kinder nach berühmten Dichtern, so dass ihre Identifizierung nur mit zusätzlichen Ziffern möglich ist. Allgemein wird die Literatur als das höchste Kulturgut angesehen.

Unabhängig davon befindet sich diese Gesellschaft seit 131 Jahren mit Russland im immer noch nicht entschiedenen Krimkrieg. Dies ist ein erster Hinweis darauf, wie der Autor mit der historischen Wahrheit und der Wirklichkeit umgeht, denn bekanntlich fand der Krimkrieg im 19. Jahrhundert statt und endete 1856 mit einer russischen Niederlage. Die Protagonistin des Romans, Thursday Next, ist eine ehemalige Kämpferin in dieser kriegerischen Auseinandersetzung, doch ist es innerhalb des Romans ihre Aufgabe, als eine Art literarischer Spezialagentin die Literatur zu verteidigen. Nichts ist so wertvoll wie ein Originalmanuskript, und vielleicht ist es dadurch zu erklären, dass sich in jüngster Zeit die Fälle von Diebstählen mehren, mit deren Hilfe ungeheure Geldsummen erpresst werden.

Für viele derartige Verbrechen zeichnet ein gewisser Acheron Hades verantwortlich, der das Böse um seiner selbst willen tut, die Gedanken anderer liest, wie ein Zauberer sein Äußeres nach Belieben verändert, zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendelt, dadurch fast unverwundbar ist und über eine Fülle von Helfern verfügt. Acheron Hades ist somit für Thursday Next mehr als eine normale Herausforderung: der Leser fragt sich ständig voller Spannung und Erwartung, wie es ihr gelingen kann, den Erzschurken auszuschalten. Das heißt, dass in einem utopischen Kontext eine ungewöhnliche, ja höchst merkwürdige Verbrecherjagd stattfindet.

Zudem hat Hades eine Erfindung in seinen Besitz gebracht, mit der es möglich ist, in die historische literarische Welt der Bücher einzutreten, das sog. Prose Portal, das ironischerweise von einem Onkel Thursday Nexts erfunden wurde. Mit seiner Hilfe ist es zum Beispiel möglich, in das 19. Jahrhundert zu reisen, die Welt der "Daffodils" zu betreten, zu beeinflussen sowie mit dem romantischen Dichter William Wordsworth eine Unterhaltung zu führen, die zu komischen anachronistischen Mißverständnissen führt. Hades indes hat nicht nur das Manuskript von Charles Dickens’ Martin Chuzzlewit gestohlen, den er umzubringen droht, sondern er entdeckt auch sein Interesse für Charlotte Brontës Jane Eyre. Als er diese aus dem Originalmanuskript entführt, ändern sich alle darauf basierenden gedruckten Ausgaben, so dass ein populäres Werk vernichtet zu werden droht.

Es ist nun die Aufgabe der Agentin, die Titelheldin in ihre Welt zurückzuführen, damit der literarische Schaden beseitigt wird. Dabei erhält sie unerwartete Hilfe von anderen Figuren des Romans, so dass schließlich nach Ffordes Darstellung der Text Charlotte Brontës nicht nur größtenteils rekonstruiert wird, sondern sogar das heute bekannte glückliche Ende erhält, indem Jane Eyre und Edward Rochester heiraten. Nach Auflösung einiger Verwicklungen landet auch Thursday Next schließlich noch vor dem Traualtar. Wie das im einzelnen geschieht, ist logisch kaum nachvollziehbar und doch äußerst amüsant zu lesen. Der Autor präsentiert eine Mischung aus Utopie und Kriminalerzählung mit einem happy ending.

Man tut wohl gut daran, den Text nicht allzu ernst zu nehmen. Das beginnt bei der Platzierung der Literatur an die Spitze der kulturellen Werte, die in umgekehrtem Verhältnis steht zum zunehmenden Einfluß der modernen elektronischen Medien und dem allgemein nachlassenden Leseinteresse. Mit Hilfe seiner ausufernden Phantasie durchbricht der Autor zudem die Gesetze der Zeit und beseitigt in ähnlicher Weise die Trennung von Realität und Fiktion, von empirischer und fiktionaler Wirklichkeit. Jasper Fforde schreibt mit literarischen Mitteln eine zwar nicht schlüssige, aber dennoch äußerst lesenswerte Parodie der Literatur. Wer sich für kreative Texte interessiert, wird sich gerne auf The Eyre Affair einlassen. Für Lernende im fortgeschrittenen Stadium ist die Lektüre des Originals eine echte Herausforderung.


6. Dan Brown: The Da Vinci Code, dt. Das Sakrileg (2003)

Der langjährige Kurator des Pariser Louvre, Jacques Saunière, wird innerhalb des Museums tot aufgefunden. Auf seinem Leichnam und auf dem Fußboden um ihn herum finden sich eine rätselhafte Zahlenreihe und geheimnisvolle Inschriften, die auf im Louvre ausgestellte Gemälde Leonardo da Vincis verweisen (vgl. den Titel des Romans). Zu ihrer Deutung werden sowohl die Enkelin des Toten, die Kryptologin Sophie Neveu, als auch der Harvard Professor für Symbolik Robert Langdon hinzugezogen, der aber auch lange Zeit für die Pariser Polizei als Verdächtiger fungiert. Am Tatort lernen sich die beiden kennen und werden rasch ein eingespieltes Team, das Zahlenmuster und Anagramme ordnet sowie Verse und Symbole interpretiert, um die verschlüsselte Botschaft des Opfers an die Nachwelt zu verstehen. Dies erfordert Intelligenz, Kombinations- und Abstraktionsvermögen, aber auch ein hohes Maß an Phantasie.

Damit ist bereits angedeutet, dass Dan Brown keine gewöhnliche Kriminalgeschichte vorgelegt hat, sondern einen Roman, in dem die spannende Aufklärung eines Verbrechens eng mit kulturhistorischen Elementen verschränkt ist. Ein kurzer Vorspann informiert darüber, dass alle Beschreibungen von Kunstwerken, Gemälden, Bauten und Dokumenten auf Übereinstimmung mit der Wirklichkeit abzielen. Für den Leser ist es nicht immer leicht, zwischen Fakten und Fiktion die Grenze zu ziehen, aber das macht sicher auch einen Teil des Reizes der Lektüre aus.

Das Opfer Jacques Saunière war neben seiner beruflichen Tätigkeit der Vorsteher einer geheimen Bruderschaft, der sog. Priory of Sion, in der unter anderem der bereits erwähnte Leonardo da Vinci, dazu Victor Hugo, Sir Isaac Newton, Claude Débussy und Jean Cocteau prominente Mitglieder waren. Die Bruderschaft soll seit ungefähr 2000 Jahren geheime, sorgfältig von Generation zu Generation überlieferte Dokumente (heute unbekannte Teile der Bibel) besitzen, die angeblich einige vom Vatikan konsequent unterdrückte Wahrheiten enthalten und somit ihren Besitzern große Macht in die Hände spielen würden.

Zur Bewertung dieses Standpunktes ist es erforderlich, etwas weiter auszuholen. Zwar mögen die kulturellen und kulturgeschichtlichen Details in Browns Roman mit der Realität übereinstimmen. Dennoch wäre es naiv, seine theologischen Behauptungen für bare Münze zu nehmen, wie sich an einigen Passagen aus dem 55. Kapitel nachweisen lässt (zitiert nach der Taschenbuchausgabe des Verlags Doubleday, New York, 2003). Hier erhebt der Gralexperte Teabing unter anderem folgende massive Anschuldigungen gegenüber der frühchristlichen Kirche:

"Constantine commissioned and financed a new Bible, which omitted those gospels that spoke of Christ's human traits and embellished those gospels that made Him godlike. The earlier gospels were outlawed, gathered up, and burned" (p. 254). Für Teabing sind das heutige Neue Testament und die Lehre von der Göttlichkeit Jesu ein Produkt Kaiser Konstantins und des Konzils von Nizäa im Jahre 325 n. Chr. (p. 252). Bis dahin, so Teabing, wurde Jesus von seinen Anhängern als sterblicher Prophet betrachtet: "Jesus was viewed by His followers as a mortal prophet ... a great and powerful man, but a man nonetheless" (p. 253). Und er fährt fort: "By officially endorsing Jesus as the Son of God, Constantine turned Jesus into a deity who existed beyond the scope of the human world, an entity whose power was unchallengeable" (p. 253). Schenkt man Teabing Glauben, so wurde Jesus aus machtpolitischen Erwägungen in Nizäa per Abstimmung zum Sohn Gottes gemacht, mit einer ziemlich knappen Mehrheit obendrein (ebd.). Abschließend stellt Teabing fest, dass fast alles, was uns unsere Väter über Christus gelehrt haben, falsch sei (p. 255).

Diese Thesen sind sehr schnell auf heftigen Widerstand gestoßen; vgl. dazu etwa die folgende Monographie von Darrell L. Bock: Breaking the Da Vinci Code, Nashville, Tennessee 2004. Auch die Tatsache, dass die deutsche Übersetzung dieses Werkes (Die Sakrileg-Verschwörung, Giessen, Basel, Brunnenverlag) bereits 2006 eine zweite Auflage erreichte, spricht für die Intensität der Kontroverse. Im folgenden werden besonders einige Ergebnisse aus dem 5. Kapitel dieses Buches referiert, das der Frage der Entstehung der neutestamentlichen Evangelien nachgeht (pp. 88-110). Zunächst ist festzuhalten, dass mit der Taufe Kaiser Konstantins das Christentum den Status einer verfolgten Minderheit überwand. Unbestritten ist auch die Bedeutung des Nizäischen Glaubensbekenntnisses für das heutige Verständnis der christlichen Lehre. Zudem machten die Versuche, einen biblischen Schriftenkanon verbindlich festzulegen, eine lange Entwicklung durch, wobei das Konzil von Nizäa zweifellos eine bedeutsame Rolle spielte; der o.g. Darrel L. Bock spricht sogar von der "Beschleunigung" dieses Prozesses (p. 90).

Die Behauptung indes, dass die Lehre von der Göttlichkeit Jesu auf eine Erfindung der Konzilsväter zurückgeht, wird den historischen Tatsachen nicht gerecht. Die sog. gnostischen Evangelien, in denen Jesus als Mensch (unter anderem als Vater mehrerer Söhne) dargestellt wurde, sind vom ersten Jahrhundert an niemals anerkannt worden, da sie den vier Evangelien widersprechen, die alle einen inneren Anspruch auf apostolische Ursprünge erheben und ausnahmslos die Göttlichkeit Jesu betonen. Die Formulierung des Nizäischen Glaubensbekenntnisses bedeutete also nicht die Propagierung neuer Inhalte, sondern eine Fixierung des bis dahin Bestehenden. Die Behauptung bezüglich eines knappen Mehrheitsbeschlusses in dieser Frage ist eine fiktionale Erfindung des Autors (p. 97). Die Schlußfolgerung bezüglich der überwiegend falschen Christuslehre unserer Väter kann man nur als plakative und unhaltbare Verallgemeinerung bewerten, die durch nichts bewiesen ist. So liefert der Roman ein klassisches Beispiel für die Vermischung von Dichtung und Wahrheit. Daher kommt es nicht von ungefähr, dass die religiösen Gefühle zahlreicher Menschen verletzt wurden und vor allem das Erscheinen der Verfilmung von weltweiten Protesten begleitet war. Es ist nicht auszuschließen, dass der Autor mit provokativ-ketzerischen Passagen die Publizität und den Verkaufserfolg seines Werkes ankurbeln wollte.

Die Handlung des knapp 500 Seiten langen Romans konzentriert sich auf etwa 24 Stunden, in denen sich die Ereignisse überstürzen, überraschende Wendungen erfahren, unerwartete Schwierigkeiten, aber auch neue Enthüllungen mit sich bringen. In das wechselvolle Katze-und-Maus-Spiel mit der Polizei eingeschoben sind immer wieder Rückblenden, die die Motivation der Figuren in unterschiedlichen Situationen erklären, aber auch die Spannung steigern. Dazu wird zum Teil andeutend und aussparend erzählt: so erfährt der Leser beispielsweise recht früh von den Kontakt- und Kommunikationsschwierigkeiten zwischen dem Ermordeten und seiner Enkelin, aber erst zu einem relativ späten Zeitpunkt, wie durch ein Mißverständnis das Zerwürfnis zwischen den beiden zustande kam.

Es gelingt dem Autor, bei der Darstellung der komplexen Zusammenhänge mit den Vieldeutigkeiten sprachlicher Erscheinungsformen zu spielen und dabei zugleich die Fäden der Handlung souverän in der Hand zu behalten, so dass der Leser beim Lösen des höchst ungewöhnlichen Puzzles jederzeit den Durchblick behält. Unabhängig davon, ob man in allen Details dem Autor folgt, ob man sich mit der 'Lösung' des Falles zufrieden gibt oder nicht, ob man die Spannung streckenweise als nicht mehr steigerungsfähig oder als überdehnt einstuft, ist diese Mischung aus Mord und Mythos, aus Verbrechensaufklärung und Kulturgeschichte, m.E. ein ganz heißer Lesetip, der nicht zu Unrecht bereits als Weltbestseller gefeiert wird. Inzwischen ist auch die angekündigte Verfilmung (u.a. mit Tom Hanks) bei uns in den Kinos zu sehen. Im Augenblick stehen offenbar die Besucherzahlen zu den teilweise vernichtenden Kritiken in schroffem Kontrast. Und schon oft war es vom Bestseller eines Buches oder vom Erfolg seiner Verfilmung an den Kinokassen bis zum etablierten Klassiker ein weiter Weg.


7. Frank McCourt, Angela's Ashes (1996)

Dies ist der erste Band der Biographie des irischen Autors Frank McCourt, der von frühester Kindheit an ein im wahrsten Sinne des Wortes bewegtes Leben führt. Seine Mutter Angela Sheehan geht in jungen Jahren während der großen Depression nach New York, wird dort schwanger, heiratet den aus Nordirland stammenden Malachy McCourt und bekommt in rascher Folge fünf Kinder. Der Autor Francis bzw. Frank ist der älteste Sohn, gefolgt von Malachy jun., den Zwillingen Eugene und Oliver sowie der Tochter Margaret, die nur sieben Wochen alt wird. Der Vater ist Gelegenheitsarbeiter; er erstickt seine Trauer über den Tod seiner Tochter im Alkohol. Die Mutter wird krank, verweigert jede Ansprache und überläßt die vier Brüder sich selbst.
Hilfreiche Nachbarn und ein großzügiger Lebensmittelhändler versorgen die Kinder mit dem Nötigsten und informieren die Verwandten. Schließlich kommt Angelas Mutter für die Kosten auf und holt die gesamte Familie in den Freistaat Irland zurück. Bald darauf erkrankt Oliver, einer der beiden Zwillinge, und stirbt. Niemand aus der Familie trauert so sehr um ihn wie sein Zwillingsbruder Eugene. Eines Morgens wird dieser ebenfalls tot in seinem Bett gefunden: er ist Opfer einer Lungenentzündung geworden. Somit verliert die Familie in einem Jahr drei Kinder; darüber hinaus hat Angela noch eine Fehlgeburt.

Auf Dauer indes können die Großeltern für den Unterhalt der jungen Familie nicht aufkommen und raten Angela und Malachy, nach Dublin zu ziehen. Hier sehen die Kinder auf dem Hauptpostamt das Denkmal Cuchulains, der zu den Helden des gegen die Briten gerichteten Osteraufstandes von 1916 gehörte und an den auch in Robby Doyle, A Star Called Henry erinnert wird. Als ehemaliger Kämpfer der irisch-republikanischen Armee hofft Malachy auf finanzielle Unterstützung, jedoch vergeblich. Zudem hat er als Nordire kaum eine Chance, im Süden der Insel Arbeit zu finden. Die Vorurteile gegenüber Amerikanern, Engländern, Nordiren und Andersgläubigen sind damals offenbar noch sehr ausgeprägt.

Folglich geht die Irrfahrt der McCourts weiter nach Limerick, dem Geburtsort Angelas. Die Großmutter bezahlt schließlich für die Familie ein möbliertes Zimmer, in dem die Kinder und die Eltern zusammen in einem einzigen großen Bett schlafen, das von Ungeziefer verseucht ist: in diesem Fall sind es Flöhe, später haben sie in ihren diversen menschenunwürdigen Unterkünften auch mit Läusen und Ratten zu kämpfen. In Limerick verbringt Frank seine an Entbehrungen reiche Kindheit und Jugend. Trotz der Schwäche und verständlichen Erschöpfung der Mutter werden hier in kurzen Abständen zwei weiterere Söhne geboren, welche die Namen Michael und Alphonsus (Alphie) Joseph erhalten.

Es ist kaum vorstellbar, in welcher Armut die Familie ihr Dasein fristet. Der Vater ist fast ständig ohne Arbeit. Das wenige Geld, das er außerhalb der Stadt auf den Farmen verdient, setzt er in aller Regel sofort in Alkohol um, während die Familie hungert. Trotz aller Not bestehen die irischen Männer auf ihren Privilegien: sie legen Wert auf ihr Äußeres, bürden bestimmte Arbeiten prinzipiell ihren Frauen auf, und sie nehmen sich immer das Recht auf ein paar Bier in der Kneipe. Letzteres wird für Malachy McCourt und seine Familie im Laufe der Zeit zum Verhängnis: er wird zum Alkoholiker. Da er zu spät zur Arbeit erscheint, erweist er sich als unzuverlässig und wird regelmäßig wieder gefeuert. Zwar ist er ein überzeugter Patriot und aufrechter Katholik, doch zu keiner Zeit erweist er sich als Vorbild für seine Söhne oder als verantwortungsvoller Ernährer für seine Familie. Schließlich geht er während des zweiten Weltkriegs wie viele Männer aus Limerick nach England, um Arbeit zu suchen, doch leitet dieser Entschluss nur die endgültige Trennung von seiner Frau und seinen Kindern ein.

Die Bürde der Sorge für die Kinder und deren Erziehung lastet mehr oder minder allein auf den Schultern der Mutter, die gelegentlich von den Großeltern oder anderen Verwandten unterstützt wird, und natürlich müssen auch die älteren Kinder bei der Alltagsbewältigung ständig helfen. Dennoch ist Angela oft in einer verzweifelten und demütigenden Situation: es gehört jahrelang zu ihrem Leben, bei der öffentlichen Wohlfahrt und gemeinnützigen Organisationen um den Unterhalt der Familie betteln zu müssen. Hinzu kommen mehrfach schwere Krankheiten. Als sie wegen einer Lungenentzündung ins Krankenhaus muss, sind die vier Brüder Frank, Malachy, Michael und Alphie sich selbst überlassen. Frank als der Älteste stiehlt in größter Not mehrere Male Brot und Marmelade. Dennoch sind die Kinder nicht imstande, für sich selbst zu sorgen, so dass schließlich ihre Tante Aggie und ihr Mann Uncle Pa Keating sich ihrer erbarmen.

Auch Franks Gesundheit ist nicht die beste. Am Tage seiner Firmung beispielsweise bekommt er massives Nasebluten, wird schwindelig und muss sich hinlegen. Es stellt sich heraus, dass er lebensgefährlich an Typhus erkrankt ist. Er wird durch Blutübertragungen von Soldaten gestärkt und überlebt, ist aber nach sechs Wochen Bettruhe und zweieinhalb Monaten Krankenhausaufenthalt sehr geschwächt. Später macht ihm ein Augenleiden (Konjunktivitits) sehr zu schaffen, und er verbringt erneut vier Wochen im Krankenhaus, wobei nie auch nur angedeutet wird, wer für die medizinischen Kosten aufkommt.

Malachy und Frank haben viele Fragen an die Eltern, auf die sie nur ausweichende Antworten erhalten; sie finden es ungerecht, dass sie ihrerseits von den Erwachsenen permanent ausgefragt werden. Ähnlich ist es in der Schule, vor allem im Religionsunterricht, z.B. bei der Vorbereitung auf die Erstkommunion. Hier besteht der Unterricht ausschließlich aus dem Auswendiglernen der im Katechismus festgelegten Regeln, das mit ständigen psychischen Druck und der Angst vor Bestrafung verbunden ist, während Fragen auf Seiten der Kinder nicht zugelassen werden. Jedes unerwünschte Verhalten wird zur Gefahr für die eigene Seele, zur Sünde erklärt, wofür die ewige Verdammnis droht, und natürlich ist außerhalb der katholischen Kirche keine Erlösung möglich. So kann es nicht verwundern, dass Frank später aufgrund seiner erwachenden Sexualität häufig intensive Schuldgefühle verspürt. Auch die Erwachsenen wagen es nicht, die Autorität der Priester in Frage zu stellen. Der Einfluss und die Macht der Kirche ist offenbar sehr weitreichend.

Erst als Frank alt genug ist, um verschiedene Jobs auszuführen, bessert sich ganz allmählich die Situation der Familie. Als Zehnjähriger verdient er ein bisschen Geld dadurch , dass er beim Zeitungsaustragen hilft und dem Swift-Enthusiasten Mr Timoney (vgl. p. 218f und p. 220) aus A Modest Proposal und Gulliver's Travels vorliest. Als Frank elf Jahre ist, bekommt er Gelegenheit, dem Kohlehändler Mr Hannon, der seine Ware mit Pferd und Wagen ausliefert, bei der Arbeit zu helfen. Als seine Mitschüler ihn so tätig sehen, ist das für Frank ein Hochgefühl: er fühlt sich bereits erwachsen, verdient einen Shilling für einen halben Tag, darf manchmal aber auch Trinkgelder behalten, so dass er für seine Mutter und seine Brüder eine wirkliche finanzielle Entlastung bedeutet. Leider ist diese Episode nur von kurzer Dauer, da Mr Hannon infolge seiner ständigen schmerzenden Knie seine Arbeit aufgeben muss. Das Ehepaar Hannon indessen ist Frank sehr dankbar für seine Hilfe. Warscheinlich ist es aber auch für Frank die bessere Lösung, da seine Augen unter dem Kohlestaub leiden und das eine stark eitert.

Mit 14 Jahren erhält Frank einen Job bei der Post als mit einem Fahrrad ausgestatteter Telegrammbote - bei einem Lohn von einem Pfund pro Woche, wozu in günstigen Fällen noch einige Trinkgelder kommen. Dabei sind ironischerweise die armen Leute und die protestantischen 'Glaubensfeinde' die häufigsten Spender. Mit seinem Verdienst fühlt sich Frank wie ein bereits erwachsener Mann, doch verliert deswegen die Familie die öffentliche Unterstützung, und die Armut bleibt. Franks großer Traum bleibt es, eines Tages nach Amerika auszuwandern.

Mit 16 Jahren wechselt Frank die Stellung: er arbeitet nun für eine Gesellschaft von Protestanten und Freimaurern aus Dublin, die mit freizügigen Zeitschriften handeln. Zudem schreibt er im Auftrag einer Geldverleiherin immer wieder Drohbriefe an säumige Kunden, mit denen er nebenbei sein Einkommen aufbessert. Als diese stirbt, zweigt Frank von ihrem Vermögen einen Teil für seine eigenen Zwecke ab. Auch sein Bruder Malachy findet nacheinander diverse Jobs, und selbst die Mutter leistet ihren Beitrag, indem sie einen kranken alten Mann pflegt. So ist Frank in der Lage, drei Jahre lang zu sparen, bis er die nötige Summe für eine Überfahrt nach Amerika aufbringen kann. Die Mutter bleibt mit den beiden jüngsten Brüdern Michael und Alphie in Limerick zurück.

Genau genommen geht es in diesem Werk um die ersten 19 Jahre im Leben des Autors: eigentlich steht er selbst mehr im Zentrum als seine Mutter. Der Titel des Romans spielt möglicherweise an auf den Rest der Zigaretten, die sich die Mutter als einziges Gegenmittel gegen den übermächtigen, ständigen Stress in ihrem Leben gönnt. Oft wird aber auch darauf verwiesen, dass von der Glut des häuslichen Feuers nur die Asche übrig und kein Geld für Kohle vorhanden ist. Möglicherweise ist in der Wiederkehr dieses Motivs auch ein Sinnbild für Angelas Existenz zu sehen. Aus ihrem Leben ist die Glut gewichen: es ist ebenso freud- und leblos wie Asche. Dazu kann sie die Disintegration der Familie nicht aufhalten: ihr Mann kehrt nie wieder zu ihr nach Irland zurück.

Die Ereignisse in diesem autobiographischen Roman werden aus der Perspektive des jungen Frank geschildert, dem notwendigerweise vieles merkwürdig, rätselhaft, unverständlich oder sogar sinnlos erscheinen muss. Aus dieser Erzählweise resultiert der Humor des Buches: er impliziert einen Appell an den Leser, eben jenes Verständnis für den jungen Erzähler aufzubringen, das den Erwachsenen fehlt. Die trostlose, bedrückende Realität wird auf eine Weise geschildert, die hier und da trotz allem dem Interessierten ein unwillkürliches Schmunzeln abringt und die das Werk in die Nähe einer Tragikomödie rückt. Der Roman bringt einem somit Schicksale von unvorstellbarer Armut nahe, die vom Zeitgeist, von der irischen Geschichte und der katholischen Kirche diktiert werden: dadurch wird der einzelne Mensch fremdbestimmt. Die Lektüre wird auch auf Leser der heutigen Wohlstandsgeneration ihren Eindruck nicht verfehlen.


8: Roddy Doyle, The Last Roundup (1999-2010)

Hierbei handelt es sich um eine Trilogie, die aus folgenden Einzelromanen besteht:
Bezüglich des ersten Romans mit dem Titel A Star Called Henry (1999; Klett 2008): vgl. "Schwerpunkt Roman, Knapptexte 8".
Die beiden Folgebände Oh, Play that Thing (Vintage Books, 2005) und
The Dead Republic (J. Cape, 2010) werden im Folgenden vorgestellt.


Oh, Play that Thing (2004)

Das Buch Oh, Play that Thing beschreibt rund zweieinhalb Jahrzehnte im weiteren Leben Herny Smarts, in denen er vergeblich versucht, sich in den U.S.A. eine gesicherte Existenz aufzubauen. Der in seiner Gestaltung an historische Figuren der irischen Geschichte angelehnte Titelheld Henry Smart befindet sich seit zwei Jahren auf der Flucht: als ehemaliger Freiheitskämpfer und Angehöriger der I.R.A. wird er als angeblicher Verräter überall gesucht. Die Handlung des Romans setzt im Jahre 1924 mit seiner Ankunft auf Ellis Island ein, der sog. Träneninsel, auf der nicht nur viele Einwanderer lange Zeit interniert, sondern teilweise auch wieder in ihre Heimat abgeschoben wurden.

Henry Smart läßt sich zunächst einmal in Manhattan nieder und übt verschiedene Jobs aus, bevor er sein eigenes Unternehmen gründet. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Werbetexter, wobei ihn die zum Teil gewaltsam ausgetragenen Konkurrenz- und Revierkämpfe an seine Heimat Dublin erinnern. Zwar lassen sich mit illegalem Alkoholhandel und dem Verkauf pornographischer Bilder gute Geschäfte machen, doch lebt er in einem stets vorhandenen Gefühl latenter Bedrohung. Staatliche Gesetze scheinen außer Kraft gesetzt in dieser Zeit. Eines Tages wird Henry Smart von Johnny No (alias Mr Vaux) und seinen Leuten angegriffen und brutal misshandelt, so dass er nur mit knapper Not überlebt.

Anschließend schlägt sich Henry Smart auf dem Lande als selbst ernannter Zahnarzt und Brunnensucher (diviner) weiter durch, während seine Partnerin derweil als Wahrsagerin zum Lebensunterhalt beiträgt. Zahlreiche Anspielungen an A Star Called Henry zeigen, dass die Erinnerung an seine Vergangenheit übermächtig ist. Erneut gerät Henry in Lebensgefahr, so dass er fliehen muss. Damit endet der erste Teil.

Der zweite Teil setzt mit Henry Smarts Ankunft in Chicago im Jahre 1928 ein. Hier muss er hart arbeiten, um auf einem Paketumschlagplatz sein Geld zu verdienen, findet aber trotz der langen Arbeitsstunden beinahe täglich Zeit, in nächtlichen Streifzügen die Stadt zu erkunden. Hierbei lernt er in einer Bar Dora kennen, eine hellhäutige Schwarzamerikanerin, zu der er Vertrauen fasst und die ihn mit Louis Armstrong bekannt macht. Beide interessieren sich für Louis Armstrong und seine damals völlig neuartige Musik. Zum erstenmal seit seiner Flucht fühlt Henry sich in Amerika zu Hause: er fühlt sich als Amerikaner. Wiederholt wird auf den Titel des Werkes angespielt (p.136, p. 137, p. 146), der sich auf die musikalische Aufforderung zum erneuten Spielen eines eingängigen Titels bezieht und die Begeisterung des Publikums widerspiegelt. Dennoch sind Dora und Louis Armstrong in einem Klima des Rassismus Diskriminierungen und Bedrohungen ausgesetzt. Henry hat inzwischen nichts mehr vom Charakter eines heldenhaften Freiheitskämpfers: wegen seiner Beziehung zu Dora gerät er wieder einmal in Gefahr und muss erneut sein Heil in der Flucht suchen.

Henry und Louis Armstrong werden Freunde. Da der "beste Trompeter der Welt" ständig finanzielle Probleme hat, begehen die beiden mehrfach Einbrüche und Diebstähle. Dabei trifft Henry rein zufällig und völlig überraschend auf seine Frau, die ehemalige irische Freiheitskämpferin Miss O'Shea, seine Lehrerin und erste große Liebe, die bei einer reichen Dame als Hausangestellte arbeitet. Ihre gemeinsame Tochter Saoirse ist inzwischen sechs Jahre alt. Während er nicht einen einzigen Versuch zur Kontaktaufnahme mit seiner Familie unternahm, war Miss O'Shea in dieser ganzen Zeit auf der Suche nach ihrem Mann. Verständlicherweise entladen sich nun ihre aufgestauten Emotionen gewaltsam, dann vollzieht sich eine langsame, von ihrer Seite beinahe widerwillig erfolgende Versöhnung.

Louis Armstrong will sich in dem von der Mafia Al Capones beherrschten Chicago nicht abhängig machen und fühlt sich durch seine Freundschaft mit Henry Smart sicher. Aber sie werden dennoch in der Nacht von zwei Killern angegriffen: sie entkommen, indem sie in der Dunkelheit durch einen Fluss schwimmen. Anschließend gehen beide nach New York, wobei Henry seine Familie in Chicago zurückläßt. Damit endet der zweite Teil.

Der dritte Teil spielt wiederum in New York, und zwar in Harlem. Hier tritt Louis Armstrong (wie auch Duke Ellington) mit Erfolg in zahlreichen Nachtclubs auf und macht zudem viele Schallplattenaufnahmen: der Phonograph erweist sich als eine bahnbrechende Erfindung für die Zukunft. Als Henry Smart erkennt, dass er eigentlich keine Aufgabe mehr für Louis Armstrong erfüllt, beschließt er im Frühjahr 1929, sich von ihm zu trennen. Zugleich spürt er Sehnsucht, mit seiner Familie nach Dublin zurückzugehen und dort zu leben. Dazu kommt es indes nicht.

Mrs Florence Grattan-McKendish (genannt Flow), die schon im ersten Teil als Olafs Halbschwester vorgestellt wird, gründet eine eigene Kirche und wird eine erfolgreiche Predigerin. Mit Hilfe von Schallplatten, die mit Louis Armstrongs Musik unterlegt sind und durch das neue Medium Radio verbreitet werden, erlangt sie nationale Bekanntheit. Henry wird ihr Mitarbeiter, den sie gegen auf ihn angesetzte Killer beschützt. Wiederum muss er fliehen, doch dieses Mal wird er von dem Iren Ned Kellet gestellt: dieser ist ein ehemaliger Mitgefangener aus dem Jahre 1920, dem damals wie Henry die Flucht aus dem Gefängnis gelang und der jetzt für italienische und jüdische Auftraggeber handelt. Als Henry bereits mit dem Leben abgeschlossen hat, wird er in buchstäblich letzter Sekunde von seiner Frau gerettet. Damit schließt der dritte Teil.

Im vierten Teil wird geschildert, wie die Familie sich während der Weltwirtschaftskrise und in den Jahren danach weiter auf der Flucht befindet. Die Smarts wechseln häufig ihren Standort, indem sie als blinde Passagiere auf Güterzügen mitfahren. Miss O'Shea schenkt einem Sohn das Leben, der den Namen Séamus Louis erhält, aber von seinem Vater Rifle genannt wird. In dieser Zeit, die in raffender Erzählweise präsentiert wird, herrscht in Amerika ein Ausmaß an Hunger und Armut, das Henry an seine Jugend in Irland erinnert. Um zu überleben, ist die Familie zum Stehlen gezwungen. Als Séamus Louis von einem Güterwagen überrollt zu werden droht, wird er zwar von seinem Vater gerettet, aber bei dieser Aktion verliert Henry einen Unterschenkel und muss fortan mit einer primitiven Holzprothese leben. Noch schlimmer aber für ihn ist, dass bei dem Unfall die Familie getrennt wird und nie wieder zusammen findet. Henry sucht vergeblich nach seiner Frau und seinen Kindern bis in die ersten Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs. Geschichten und Gerüchte kursieren über Miss O'Shea, dass sie mit ihren Kindern für die Sache der Obdach- und Mittellosen kämpft. Zum Schluss des zweiten Bandes ist Henry 45 Jahre alt.

Besonders der dritte und vierte Teil dieser Fortsetzung sind auch wegen der zahlreichen Dialoge sehr gut lesbar. Man hat den Eindruck, dass der Autor für den auf authentische Wirkung angelegten Roman nun seinen Stil gefunden hat.


The Dead Republic (2010)

Der dritte und abschließende Band der Trilogie beginnt mit Henry Smarts Rückkehr nach Irland im Jahre 1951, das er 1922 (also vor 29 Jahren) verließ. Er ist in dem Glauben, dass seine Frau und seine beiden Kinder tot seien, wirkt mit seinen 49 Jahren ausgebrannt, phasenweise orientierungslos und hat bezüglich seiner Vergangenheit Erinnerungslücken. Und doch liegen noch knapp sechzig Lebensjahre vor ihm, denn Henry Smart erreicht das biblische Alter von 108 Jahren.

Der Anlass für die Heimkehr nach Irland liegt darin, dass er vor der Verfilmung seiner Lebensgeschichte steht - durch den berühmten Hollywood-Regisseur John Ford, der ihn bei filmischen Dreharbeiten in der Wüste zufällig gefunden und ihn vor dem Tod bewahrt hat. Ford, der selbst irischer Abstammung ist, führt zahllose Dialoge mit Henry Smart, aus denen er den notwendigen Stoff für ein entsprechendes Drehbuch bezieht: der Film soll im Prinzip, wenn auch nicht in allen Einzelheiten, auf Wahrheit beruhen.

Mehr noch, Henry Smart schreibt seine Biographie selbst: er macht Notizen, es kommen mehr und mehr Erinnerungen zurück, die er in Worte fasst. Dieses Vorgehen erlaubt dem Autor Rückgriffe auf A Star Called Henry, die nicht nur den Zusammenhalt des Werkes stärken, sondern ihm auch eine Meta-Ebene verleihen, da das Schreiben über das Schreiben und das Drehen eines Films zum Gegenstand der Trilogie werden. Anders gesagt: der Protagonist wird zum Schriftsteller, sein Leben zur Handlung des Skripts.

Doch kommt alles ganz anders, als sich bei der filmischen Realisierung der Lebensgeschichte Henry Smarts finanzielle Schwierigkeiten ergeben. Ferner verändert ein Drehbuchschreiber - offenbar zur Anpassung an den von Hollywood diktierten Publikumsgeschmack - dessen Angaben nicht nur in Details, sondern auch in substantieller Hinsicht so sehr, dass nach Henrys Einschätzung seine Biographie vollkommen trivialisiert wird: der heroische Freiheitskampf der Iren etwa wird auf ein Boxspektakel im Ring reduziert. Hinzu kommt, dass das endgültige Skript mit dem Titel The Quiet Man Henry vor Drehbeginn nicht vorgelegt wird. Als er die Verfälschungen erkennt, schlägt er den Regisseur mehrmals ins Gesicht, würgt ihn und tötet ihn fast. Auf die getroffenen Entscheidungen hat dieses Verhalten indessen keinerlei Einfluss mehr. Im Kino sieht Henry den Film über sein Leben, der in den für die damalige Zeit spektakulären Farben von Technicolor gedreht wurde, kein einziges Mal, später nimmt er ihn einmal eher zufällig und nebenbei über einen Schwarz-Weiß-Fernseher zur Kenntnis. Mit dem Entschluss, fortan auf Dauer in Irland zu leben, endet der erste Teil des Romans.

Mit dem Beginn des zweiten Teils lässt Henry Smart sich in Dublin nieder und arbeitet zunächst als Gärtner für eine gewisse Mrs Kelly, deren Liebhaber er wird und die ihn ständig an seine Frau erinnert – ein Detail, das sich später als Vorausdeutung erweist. Daneben ist er als Hausmeister in einer kirchlichen Jungenschule tätig. Es klingt wie Ironie, dass Henry von dem örtlichen Pfarrer auf diese Stelle hin angesprochen wird und sich für diese dadurch qualifiziert, dass er am Sonntag regelmäßig die Messe besucht. Er erkennt, dass während seiner Abwesenheit in Dublin erhebliche Fortschritte erzielt worden sind, doch besteht die Prügelstrafe in der Schule nach wie vor. Als Herny Ohrenzeuge einer allzu brutalen Bestrafung eines Schülers wird, attackiert er den fraglichen Lehrer und bedroht ihn sogar mit dem Tod. Als früherer I.R.A.-Kämpfer wird er gegenüber den Lehrern zu einer Autorität, die von ihnen Disziplin ohne Brutalität einfordert und durchsetzt.

Zu Ostern 1966 denkt Irland an den Osteraufstand von 1916. In diesen Tagen wird Henry von einer Bombe der radikalen Ulster-Unionisten getroffen, die für den Anschluss Irlands an das Vereinigte Königreich kämpfen. Er überlebt schwer verletzt. Die Zeitungen schreiben über ihn und seinen Einsatz für die Freiheit Irlands: für die Jungen in der Schule wird er ein Vorbild, das sie bewundern.

Durch die Zeitungsberichte wird die I.R.A. wieder auf ihn aufmerksam, die inzwischen in "officials" und "provisionals" gespalten ist, wobei letztere (oft als P.I.R.A. bezeichnet) weiter gegen England kämpft. Diese will ihn reaktivieren, d.h. ihn als 'Schläfer' und Verbündeten gewinnen, und Henry Smart ist von Anfang an dazu bereit.

Das bedeutet, dass er im reifen Alter zu einer neuen Überzeugung kommt. Während er als junger Mann das persönliche Ende seines Kampfes für notwendig erachtete (vgl. A Star Called Henry), zeigt sich nun, dass er mit dem Friedensvertrag, der Irland zur Republik machte, nicht einverstanden war: er strebt auch für das immer noch unterdrückte Nordirland die Unabhängigkeit an und sieht Großbritannien dort als Besatzungsmacht. Diese Überzeugung wurde Ende des ersten Bandes von Miss O'Shea vertreten: für die Unabhängigkeit Gesamtirlands hatte sie weiter gekämpft und war von der Regierung der neuen irischen Republik im Gefängnis Kilmainhaim inhaftiert worden. Es stellt sich heraus, dass auch Henrys Schule eine heimliche Zelle der I.R.A. ist.

Nach über 20 Jahren – Henry ist inzwischen 74 Jahre alt - lernt er nicht ganz unerwartet von Mrs Kelly, dass sie in Wirklichkeit seine für tot gehaltene Frau ist. In dem Glauben, dass er nicht mehr lebe, heiratete sie einen anderen, inzwischen verstorbenen Mann. Von ihr erfährt Henry auch, dass ihre gemeinsame Tochter Saoirse irgendwo in den U.S.A. lebt. Mit ihrem alten Tandem machen sie wie zur Zeiten des Freiheitskampfes zusammen eine nächtliche Runde. Beide bereuen nichts und versichern einander, glücklich zu sein. Damit endet der zweite Teil.

Der dritte relativ umfangreiche Teil spielt vier Jahre später und handelt vor allem von Henrys erneuten politischen Aktivitäten. Er ist für den aktiven Einsatz in der neu gegründeten provisorischen I.R.A. bereit. Diese Haltung zeugt von einem ausgeprägten Sinneswandel gegenüber seinem im jugendlichen Alter gefassten Entschluss, seinen persönlichen Kampf zu beenden: "It [fighting against the British] is only a word" (Bd. I, p. 325.) Seine einstige Resignation erweist sich im Kontext seines Lebens als ein nunmehr überwundenes Zwischenstadium. Trotz seiner 78 Jahre gibt es immer noch so etwas wie aktiven Rebellengeist, und er engagiert sich erneut für sein Land (Bd. III, pp. 212-214).

Miss O'Shea hat die Grenze von 90 Jahren deutlich überschritten, als sie eines Tages einen Schlaganfall erleidet und aus dem Koma nicht mehr erwacht. Sie kommt in das gleiche Pflegeheim wie ihr geld- und machtgieriger Cousin Ivan Reynolds, ein ehemals sehr einflussreicher I.R.A.-Führer, dem Henry Smart einst für den bewaffneten Kampf ausbildete. Henry besucht seine Frau und Ivan Reynolds regelmäßig. Wie aus dem Nichts erscheint schließlich Tochter Saoirse, um nach ihrer Mutter zu sehen, während sie gegenüber dem für tot gehaltenen Vater Henry kaum Gefühle zeigt.

Eines Tages tauchen zwei V-Männer bei Henry auf und nötigen ihn, als Informant für den Verfassungsschutz zu arbeiten, indem sie drohen, Mrs Kelly und Saoirse zu töten. Somit steht Henry auch im Alter unter enormen Druck: einerseits ist er ein Star der I.R.A. (vgl. den Titel des ersten Bandes der Trilogie), andererseits wird ihm eine Doppelrolle aufgezwungen. Er versucht, wiederholt die V-Leute zu täuschen bzw. zu manipulieren.

Als Anfang der 1980er Jahre allgemeine Wahlen anstehen, sitzen viele der Kandidaten der I.R.A. im Gefängnis und treten aus Hass gegenüber die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher in einen Hungerstreik. Henry Smart trifft den inzwischen erblindeten Denis (Dinny) Archer wieder, einen ehemaligen radikalen Kampfgenossen, der ihn einst im Auftrag Jack Daltons wegen unterschiedlicher Einstellungen gegenüber dem bevorstehenden Friedensvertrag töten sollte, aber Henry war schneller und konnte wie beim Osteraufstand von 1916 durch die Dubliner Kanalisation entkommen. Die beiden tauschen einen Handschlag als Zeichen der Versöhnung.

Am Krankenbett Miss O'Sheas kommen Henry und Saoirse, die ursprünglich einander völlig fremd sind, allmählich ins Gespräch Auch mit ihr versöhnt sich Henry. Sie sorgt für ihn, als er krank wird. Als Ivan Reynolds stirbt, besteht Henry trotz seines Fiebers darauf, diesem die letzte Ehre zu erweisen. Bei einem Treffen mit Reynolds' Witwe erfährt er endlich den Vornamen seiner Frau: sie heißt Nuala. Erst eine Notlüge Henrys erlöst sie von ihrem langen Leiden: Henry erzählt ihr, dass der Kampf gegen die Briten vorüber sei. Auf diese Weise bleibt sie (in symbolischer und pathetischer Weise) eine Rebellin bis zu ihrem letzten Atemzug. Henry selbst aber träumt mit seinen 84 Jahren immer noch von einem gemeinsamen Irland der Zukunft: für ihn geht es immer noch um eine Tradition, um einen Kampf, um eine Nationalität und um die Freiheit von der Unterdrückung durch die Briten. Auch hier zeigt sich ein ganz anderer, gewandelter Henry Smart. Damit endet der dritte Teil dieses Bandes.

Der vierte Teil ist auf eine einzige Szene beschränkt: darin wird geschildert, wie Henry Smart den Antrag der mit der P.I.R.A. verbundenen Sinn Fein unterstützt, die bestehende Republik Irland anzuerkennen und eigene Kandidaten für das Parlament aufzustellen. Der Traum der Freiheitskämpfer von einer die gesamte Insel umfassenden irischen Republik ist damit natürlich ausgeträumt (vgl. den Titel dieses Bandes). Henry indes ist davon überzeugt, mit diesem Zugeständnis das Richtige zu tun, auch wenn der Kampf in Nordirland weiter tobt und unaufhaltsam an Grausamkeit und Brutalität zunimmt. Als Henry im Jahre 2010 (praktisch parallel der Veröffentlichung des abschließenden Bandes der Trilogie) seinen Tod nahen spürt, ist er 108 Jahre alt.

Auch dieser Band lebt vom konzisen Stil Doyles: viele Dialoge erleichtern wiederum die Lesbarkeit. Im dritten Band werden viele noch fehlende Mosaiksteinchen in einem Puzzle geliefert, in dem sich erst jetzt ein sinnvoller Zusammenhang ergibt. Der Leser eines so umfassenden Werkes braucht naturgemäß einen langen Atem, wird aber mit fortschreitender Lektüre für seine Geduld belohnt.


Last Updated by Dr. Willi Real on Thursday, 10 February, 2011 at 10:05 AM.

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