Huxleyteaching
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Die im Titel genannte Übersetzung von Aldous Huxleys Brave New World erschien pünktlich zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse des Jahres 2013. Die neue, gebundene Ausgabe des Fischer-Verlages macht auf den ersten Blick einen sehr guten Eindruck. Sie umfasst eine ungekürzte Übersetzung des Originals, detaillierte Anmerkungen zum Text, eine bio-bibliographische Übersicht und ein ausführliches Nachwort. Auf der Rückseite des Schutzumschlages ist zu lesen: „Endlich erscheint die längst fällige Neuübersetzung. Uda Strätling legt den spöttischen Witz und die visionäre Kraft der Sprache Huxleys frei: Das prophetische Buch, dessen Aktualität jeden Tag aufs Neue bewiesen wird, erhält eine sprachlich zeitgemäße Gestalt.“ Die Qualität dieser Neuübersetzung zu analysieren, ist die Zielsetzung des nachfolgenden Artikels. Da eine solche Analyse durchgehend komparatives Arbeiten erfordert, ist sie auch als Hausarbeit oder Referat in einem Huxley-Leistungskurs geeignet.


Aldous Huxley, Schöne Neue Welt. Neu übersetzt von Uda Strätling. Frankfurt/Main: Fischer 2013. Mit einem Hörbuch, gelesen von Matthias Brandt: Hörbuch-Verlag, München: 2013.

Willi Real


Wenn alles wahr wäre, was die Werbung verspricht! Von Aldous Huxleys Brave New World gibt es mindestens zwei deutsche Fassungen. Die erste Version, die durch Herbert E. Herlitschka erfolgte und die 1932 im Inselverlag Leipzig erschien, förderte bereits Einiges an kniffligen Übersetzungsproblemen zu Tage. Schon die Wiedergabe des Titels, der bekanntlich auf das zum Spätwerk William Shakespeares gehörende Drama The Tempest zurückgeht, bereitete dem Verlag und dem Übersetzer Kopfzerbrechen. Schließlich entschied man sich für die Form Welt — wohin? Bei einem 1950 im gleichen Verlag publizierten Nachdruck wurde der Titel in Wackere neue Welt abgeändert, bevor schließlich der jetzige Titel Schöne Neue Welt eingeführt wurde, der danach allmählich so sehr zum geflügelten Wort wurde, dass er keiner Rechtfertigung mehr bedarf (vgl. S. 311f).

Übersetzungsprobleme zeigen sich aber auch schon beim ersten Absatz des Romans. Bei Herlitschka heißt es:
Ein grauer, gedrungener Bau, nur vierunddreißig Stockwerke hoch. Über dem Haupteingang die Worte: BRUT- UND NORMZENTRALE BERLIN-DAHLEM. Darunter, auf einem Schild, der Wahlspruch des Weltstaats: GEMEINSCHAFTLICHKEIT, EINHEITLICHKEIT, BESTÄNDIGKEIT (Hamburg: Fischer, 1953:18).

Bei Strätling liest sich der gleiche Passus so:
Ein grauer, gerade mal vierunddreißigstöckiger Klotz. Über dem Hauptportal der Hinweis: CITY-BRÜTER UND KONDITIONIERUNGSCENTER LONDON und auf einem Wappen der Wahlspruch des Weltstaats: KOLLEKTIVITÄT‚ IDENTITÄT, STABILITÄT (Frankfurt/Main: Fischer, 2013, S. 7).

Zunächst einmal fällt in Herlitschkas Text auf, dass durch den Übersetzer der Ort der Handlung von London nach Berlin verlegt ist, eine Maßnahme, die wohl als Kritik an der Politik des Nationalsozialismus gedacht und verstanden wurde. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Huxleys Roman kurz nach seinem Erscheinen der ersten Übersetzung in Deutschland verboten wurde. Es spricht für Strätlings Arbeit, dass sie ihre Übersetzung von Herlitschkas allzu enger Einbettung in den nationalsozialistischen Kontext befreit und dass sie das Geschehen von Berlin an seinen ursprünglichen Ort London zurückverlagert. Dieses Vorgehen ist als eine Frage der Texttreue und als eine sinnvolle Anlehnung an die Intention des Autors zu begrüßen.

Auch die Übersetzung des Weltstaat-Mottos ist bei Strätling besser gelungen. Bei ihr wird Huxleys „Community“ zu „Kollektivität“, und die Begriffe „ldentity“ und „Stability“ werden wörtlich übersetzt. Natürlich fragt man sich dann, warum nicht auch „Community“ wörtlich mir „Gemeinschaft“ wiedergegeben wird. Die drei von Herlitschka gewählten Begriffe indes wirken insgesamt steifer. Zudem ist „Gemeinschaftlichkeit“ sperriger als „Gemeinschaft“, „Einheitlichkeit“ entspricht nicht der englischen Vorlage („identity“), „Beständigkeit“ ist nicht ausdrucksstark genug angesichts der Tatsache, dass „Stabilität“ an einer späteren Stelle des Romans zum ersten und obersten Gebot (S. 52) erklärt wird: (vgl. „the primal and ultimate need“; p. 43).(1) Somit stellt sich als erster Eindruck ein, dass im Vergleich zur ersten deutschen Version die Neuübersetzung einigen Fortschritt bedeutet.

In den folgenden Ausführungen, die sich als review article zu Strätlings neuer Übersetzung verstehen, geht es zunächst einmal um drei Schwerpunkte: (I) Ungenauigkeiten der Übersetzung (zu starke bzw. zu schwache Versionen und Auslassungen), (II) die Verwendung von Fach- und Fremdwörtern (Sprachmischungen und Wortschlangen) sowie (III) sprachliche Übersetzungsfehler. (IV) Danach wird der Text der Übersetzung insgesamt charakterisiert, einschließlich einiger (besonders) gelungener Passagen, (V) gefolgt von einer Auseinandersetzung mit dem Überblick über Leben und Werk des Autors, (VI) den Anmerkungen zum Text sowie einer (VII) Stellungnahme zum Nachwort. (VIII) Abschließend folgt eine Beurteilung der Ausgabe insgesamt. Dabei beruhen die nachstehenden Ausführungen sowohl auf einer vollständigen Lektüre des deutschen Gesamttexts als auch auf einer kontrastiven Beschäftigung mit einzelnen Passagen des Originals und der Übersetzung. In einem Nachtrag wird auf das von Matthias Brandt gelesene Hörbuch eingegangen.


(I) Jeder Übersetzer muss sich ständig zwischen möglichst textnahen und freieren Übersetzungen entscheiden: einerseits geht es um eine exakte Wiedergabe der Autorintention, andererseits muss er solche Leser im Blick haben, deren Mehrheit wahrscheinlich nicht an philologischer Akkuratesse interessiert ist und die wahrscheinlich keine wissenschaftliche Analyse der Übersetzung anstrebt. Generell gelten freie Übersetzungen als flüssig und gut lesbar, während wörtliche Wiedergaben in der Regel als „Kleben am Text“ verurteilt werden. Dennoch gibt es immer wieder Beispiele dafür, dass eine wörtliche Übersetzung besser ist als eine freiere.

Im ersten Kapitel wird von den Besuchern der Brutanstalt gesagt: „[each of them] desperately scribbled“ (p. 8). Die Übersetzung dafür „eifrig kritzeln“ (S. 8) ist zu schwach. Besser wäre die wörtliche Wiedergabe: „verzweifelt kritzeln.“ Ebenso ist das Adjektiv „selbstzufrieden“ (S. 18) für „triumphant“ (p. 15) nicht aussagekräftig genug; eine bessere Alternative wäre die textnahe Entsprechung „triumphierend“. Ähnliches gilt für die Übersetzung von „to minimize“ (p. 16): statt „verringern“ müsste es heißen: „soweit wie (irgend) möglich verringern“, wenn man nicht auf die direkte Entsprechung „minimieren“ zurückgreifen will. Entsprechend müsste man „Aversion“ (S. 19) für „horror“ (S. 22) korrigieren und stattdessen von „Abscheu“ sprechen. Und „to love“ auf der gleichen Seite ist nicht „genehm machen“ (S. 23) sondern „lieben, liebgewinnen“.

Aber es gibt auch Beispiele für zu weitgehende Formulierungen. Wenn dem Direktor der Brutanstalt „eine fast verhängnisvolle Leutseligkeit“ (S. 8) zugeschrieben wird, ist die Übersetzung zu stark (vgl. im Original: „a slightly menacing geniality“; p. 9) Besser wäre es, von einer „leicht bedrohlichen Freundlichkeit“ zu sprechen. Auch die Übersetzung „verschwörerisch“ (S. 21) für „confidential“ (p. 17) schießt über das Ziel hinaus; besser angebracht wäre die Grundbedeutung „vertraulich“. Wenn einzelne Wörter ausgelassen werden, geht in der Regel Einiges an Bedeutung verloren. Lässt man beispielsweise bei einer Zahlenangabe „over“ (S. 15) aus, macht es schon einen Unterschied, ob von „(genau) 16.500“ oder von „mehr als/über 16.500“ die Rede ist. Eine „endlos vorrückende Prozession“ im Deutschen (S. 15) für eine „slow interminable procession“ im Englischen (p. 13) lässt die Aussage des Originals hinsichtlich des geringen Tempos der Prozession unberücksichtigt. Die Liste all dieser Beispiele ließe sich mühelos verlängern. Wenn man indes die deutsche Übersetzung ohne Begleitung durch das englische Original liest, dürften diese Fälle kaum irritierend wirken.


(II) Es ist eine offene Frage, ob dies auch für die zahlreichen Fach- und Fremdwörter gilt, die in der Übersetzung zu finden sind. Einerseits handelt es sich dabei um komplizierte medizinische bzw. biotechnologische Begriffe, die in ähnlicher Form auch im englischen Text stehen. Dennoch fragt man sich, ob englische Fachtermini in verständliches Deutsch oder in solch ein Fachchinesisch übersetzt werden sollen, das nur wenige Spezialisten verstehen. An vielen Stellen sind die Fremdwörter überflüssig und absolut vermeidbar, wie die folgenden Beispiele zeigen:


Originaltext
Übersetzung
Alternativen
fertilizing room (p. 7) Fertilisationsstation (S. 7 Befruchtungsraum
fertilizing process (p. 8) Fertilisationsprozess (S. 9) Befruchtungsvorgang
incubators (p. 8) Inkubatoren (S. 9) Brutkästen
salinity (p. 8) Salinität (S. 9) Salzgehalt
viscosity (p. 8) Viskosität (S. 9 Zähflüssigkeit
liquor (p. 8) Liquor (S. 9 und S. 10) Nervenflüssigkeit
to proliferate (p. 10) proliferieren (S. 10) wachsen, sich vermehren
viviparous (p. 11) vivipar (S. 12) lebendgebärend
Heredity (p. 13) Heredität (S. 15) Erbgut, Erbmasse
blood-surrogate pump (p. 17) Blutsurrogatpumpe (S. 20) Blutersatzpumpe
to inoculate (p. 19) vakzinieren (S. 23) impfen
College of Emotional Engineering (p. 63) Hochschule für Emotionales Engineering (S. 77) Hochschule für emotionale Steuerung/Normenvermittlung/Indoktrinierung
trypanosomiasis (p. 164) Trypanosomiasis (S. 214) Schlafkrankheit

Eine Ersetzung der Fachterminologie bzw. der Fremdwörter durch die deutschen Begriffe würden dem Leser zweifelsohne das Verständnis erleichtern. Wenn analoge Begriffe im Deutschen nicht existieren, wäre sicherlich in einigen Fällen auch eine Anmerkung hilfreich. So wird zum Beispiel das englische „pituitary“ (p. 12) im Deutschen mit „Hypophysenpräparat“ (S. 14) wiedergegeben, das in einer Anmerkung als die sog. Hirnanhangdrüse definiert werden könnte, die im Gehirn Wachstum, Fortpflanzung und Stoffwechsel reguliert. Oder: der medizinische Fachterminus „lupus“ im Original (p.12) wird „lupus erythematodes“ in der Übersetzung (S. 17). Auch hier könnte eine Anmerkung weiterhelfen: es handelt sich bei dieser Krankheit um Hautzersetzung bzw. Hautauflösung. Als letztes Beispiel seien „dolichocephale Zwillinge“ (S. 238) genannt (vgl. „dolychocephalic twins; p.182). Auch hier wäre sicherlich der Hinweis hilfreich, dass es sich um Zwillinge mit langen Köpfen/um ‘langköpfige’ Zwillinge handelt. Dieses Verfahren der Erläuterung oder Umschreibung von (seltenen) Fachtermini findet leider in der vorliegenden Ausgabe keine Anwendung.

Irritierend in der Übersetzung sind sicher die zahlreichen zusammengesetzten Substantive, die zum Teil weit über das Original hinausgehen, da das Englische stärker als das Deutsche zur analytischen Formengebung tendiert und die aussagerelevanten Elemente voneinander trennt, die im Deutschen zu einen Begriff zusammengefasst werden. So wird aus „social predestination room“ im Deutschen "Sozialprädestinationsstation“ (S. 15, S. 17, S. 168), die man genauso als „Raum für soziale Prädestination (oder Vorherbestimmung)“ bezeichnen könnte, wobei „Prädestinator“ die Bezeichnung für den ist, der dieses als Beruf ausübt. In ähnlicher Weise wird „reservoir of blood" (p. 15) mit "Blutsurrogattank“ (S. 18) wiedergegeben. Hier wäre es angebrachter, der analytischen Formenbildung im Englischen zu folgen und von einem „Tank/Behälter für Blutsurrogat/Blutersatz“ zu sprechen. Huxleys Übersetzerin Uda Strätling hat den Hang, im Deutschen zusammengesetzte Begriffe, die oft aus drei bis vier deutschen und teils englischen Bestandteilen bestehen, „Wortschlangen“ zu prägen, die möglicherweise Stolpersteine für den Leser darstellen.

In der Übersetzung findet sich etwa „Weltbereichscontroller“ (S. 42) und „Subschatzcontroller“ (S. 238). Diese unschöne Kombination von Deutsch und Englisch, wie sie leider für das sog. Neuhochdeutsch charakteristisch ist, könnte man leicht vermeiden, indem man die Termini „Weltkontrolleur“ bzw. „Subschatzkontrolleur“ wählt. Weitere Beispiele für lexikalischen Bandwürmer sind:


Originaltext
Übersetzung
Alternativen
Elementary Class Consciousness (p. 28) Grundklassenbewusstsein (S. 35) elementares Klassenbewusstsein
Morocco-surrogate cartridge belt (p. 72) Kunstmaroquinpatronengurt (S. 90) Patronengurt aus Kunstmaroquin
Assistant Fertilizer-Generals (p. 136) Generalfertilisationsassistenten (S. 179) Assistenten für allgemeine Befruchtung
Supervisor of Bokanovskification (p. 136) Bokanowskifizierungssupervisor (S. 179) Kontrolleur für Bokanowskifizierung
Adult Re-conditioning Centre (p. 148) Erwachsenenrekonditionierungscenter (S. 193) Rekonditionierungszentrum für Erwachsene
Violent Passion Surrogate treatment (p. 152) Heißleidenschaftssubstitutionsbehandlung (S. 199) Ersatzbehandlung für heftige Leidenschaften
Riemann-Surface Tennis Championship (p. 175) Riemannflächentennismeisterschaft (S. 227) Meisterschaft im Riemannflächentennis
Beta Workers in the Embryo Store (p. 176) Beta-Embryonenmagazinkräfte (S. 229) Beta-Arbeiter im Embryonenlager

Wie schon in der ersten Liste spiegeln diese zum Teil komisch und übertrieben wirkenden Begriffe die komplizierte Hochtechnologie sowie letztlich die Unmenschlichkeit der Schönen Neuen Welt. Einige mögen auch als Ironiesignal verstanden werden (vgl. beispielsweise den Hinweis auf die Duftnote „Stinkasant“, S. 36), in denen des Autors (und der Übersetzerin) Spott zum Ausdruck kommt. Der deutsche Text wirkt damit mindestens auf den ersten Blick wie ein Hindernislauf, der es erforderlich macht, dass man sich bewusst auf ihn einlässt. Wenn man nicht gerade Huxley-Spezialist ist, sollte man nicht das Verständnis eines jeden einzelnen Begriffs anstreben, sondern sich unter Umständen mit dem Nachvollziehen des Kontextes zufrieden geben.

Das gilt auch für einige, zum Teil merkwürdige Neuprägungen, sehr selten gebrauchte Begriffe und unglückliche Kollokationen. So werden die Angehörigen der niederen Schichten als „Niedrigkastige“ (S. 75) bezeichnet, und konsequenterweise erscheint das zugehörige Adjektiv als „niedrigkastig“ (S. 130). In ähnlicher Weise spricht die Übersetzerin nicht von „Versagern“ sondern von „Inkompetenzlern“ (S. 118). Vertraut man dem Internet, gibt es dieses Wort tatsächlich im Deutschen. Sehr gängig hingegen ist es wohl kaum, denn im neuen Duden ist es nicht verzeichnet. Ferner wird „Wintriness“ (p. 7) für die Übersetzerin nicht zu „Winterlichkeit“, sondern zu „Wintrigkeit“ (S. 7). Immerhin ist die Übersetzung insofern kontextgemäß, als im zweiten Absatz des Romans die Assoziation mit dem Tod gewahrt ist. Warum die Übersetzerin (wie in älteren Bibelübersetzungen) von „Würdigkeit“ (S. 270) statt von „Würde“ spricht, mag ihr persönliches Geheimnis bleiben. Neuprägungen wie Taxikopter“ (S. 226) hingegen verstehen sich von selbst. Sehr gelungen ist die Wiedergabe von Huxleys „feelies“ mit „Fühlorama“ (S. 213): durch die Assoziation mit „Panorama“ wird die große Wirkung des neuen Filmtyps angemessen ausgedrückt. Kurzformen wie „Tele“ (S. 77) für „Television“ und „Heli“ (S. 120) für „Helikopter“ tragen dazu bei, das Sprachprofil der Übersetzung zu modernisieren. Auch vor einem umgangssprachlichen Wort wie „high“ zur Beschreibung der Wirkung von Drogen (S. 180) oder dem erst vor einigen Jahren aufgekommenen Begriff „suboptimal“ (S. 13) scheut die Übersetzerin nicht zurück.

Unglücklich allerdings ist die Kollokation „zerquälte Miene“ (S. 71); vorzuziehen wäre eine „gequälte Miene.“ Auch die Vorstellung, dass Worte "bollern“ (S. 97), ist m.E. nicht gängig im Deutschen. Bei der Beschreibung des Reservats spricht die Übersetzerin vom „Pulsen der Trommeln“ (S. 124). Zwar ist die Form „Pulsen“ anstelle von „Pulsieren“ möglich, die Anwendung auf Trommeln indes eher unglücklich, da diese sich aus eigener Kraft nicht von innen bewegen können. Anderswo ist von Föten die Rede, die „kümmerten“ (S. 168): gängiger ist wohl „verkümmerten.“

Im Zusammenhang mit der Behandlung der Kinder durch Elektroschocks schreibt Huxley: „Their [The children's] faces were distorted with terror.“ (p. 23) Die Übersetzerin aber formuliert: „Die Kinder grimassierten vor Angst“ (S. 28). Das Verb „grimassieren vor“ wird zweifellos wenig gebraucht im Deutschen. Es ist im übrigen leicht zu vermeiden, da die wörtliche Übersetzung „Die Gesichter der Kinder waren von Angst verzerrt“ dem englischen Text genau entspricht. Wenig später findet sich in der Übersetzung: „Was sich zum Geheul frühkindlicher Berserker ausgewachsen hatte, beruhigte sich wieder zu gewöhnlichem Angstbrüllen“ (S. 28). Hier ist die Aussage des Hauptsatzes kaum nachvollziehbar, da das Verb des Hauptsatzes „sich beruhigen zu“ und das Objekt „Brüllen“ nicht zueinander passen. Um ein solches Paradox zu vermeiden, wäre es besser zu sagen: „reduzierte sich zu einem normalen Angstgeschrei“ oder: „ging in ein normales Angstgeschrei über.“ Ähnlich paradox ist es, „harmonious bustle“ (p. 13) im Deutschen mit „harmonischer Hektik“ (S. 14) wiederzugeben. Angebrachter wäre es, von „harmonischer Geschäftigkeit“ zu sprechen. Bezüglich solcher Details sind sicherlich viele Änderungen, Alternativen und auch Verbesserungen möglich.


(III) Grobe Übersetzungsfehler gibt es in der vorliegenden Übersetzung kaum. Bei der Schreibung „tausend mal Tausender Männer und Frauen“ (S. 52) scheint ein idiomatischer Fehler vorzuliegen; richtig wäre „tausend mal tausend Männer und Frauen“. An einer Stelle findet sich in der deutschen Version die Bezeichnung „Hoppe-hase“ (S. 29). Hier liegt ein weiterer Druckfehler vor, da vermutlich der „Hoppel-Hase“ gemeint ist. Im gleichen Kapitel kommen „ein Dutzend uniformierte Pflegerinnen“ (S. 26) vor; nach meiner Auffassung wäre der Genitiv „uniformierter Pflegerinnen“ mindestens in der Schriftsprache vorzuziehen. Auf der gleichen Seite findet sich: „Zwischen die Rosenschalen wurden Bücher platziert“. Hier wäre frei nach Bastian Sick zu kritisieren, dass der Akkusativ dem Dativ sein Tod ist und demnach der Satz richtig lauten muss: „Zwischen den Rosenschalen wurden Bücher platziert“. In ähnlicher Weise wird von Bernard Marx gesagt, dass er gegenüber den Niedrigkastigen „auf seine Würde besteht“ (S. 76); hier wäre „auf seiner Würde“ die korrekte Fassung. Es kommt aber auch vor, dass der Dativ an die Stelle des Akkusativs tritt: "Oh, sie lehrt nur den Kerzen ...“ Dieses Zitat aus Romeo und Julia, I, 5 wird bei Schlegel korrekterweise wiedergegeben mit: „Oh, sie lehrt nur die Kerzen ...“

An einer Stelle resultiert ein Übersetzungsfehler aus mangelnder Beachtung der englischen Grammatik. Im ersten Kapitel wird vom Direktor der Brutanstalt gesagt: „he would explain“ — he would add.“ (p. 8) Die Version „sagte er dann“ (S. 8) bringt nicht das gewohnheitsmäßige Verhalten des Direktors heraus, das im Englischen durch das Hilfsverb ausgedrückt ist. Korrekt wäre daher die Version: „pflegte er zu sagen“. Eher akzeptabel ist schon die Übertragung: „fügte er gerne hinzu“, (meine Hervorhebung; S. 8) weil in der durch das Adverb ausgedruckten Vorliebe auch das gewohnheitsmäßige Verhalten anklingt.

Noch ein anderer Fehler hängt mit der falschen Interpretation eines englischen Hilfsverbs zusammen. Die folgende Übersetzung ist zwar vom Reim her gelungen. aber nicht kontextgerecht. Huxley legt Lenina Crown folgenden hypnopädischen Sinnspruch in den Mund:

Was and Will make me ill.
I take a gramme and only am. (p. 93)

Dieses Verspaar (mit Reim und Binnenreim) ist natürlich eine Herausforderung für jede Übersetzung. Uda Strätling schlägt vor:

War und Will bringt nichts als Unbill.
Nehm ich ein Gramm, bin ich auf dem Damm.“(S. 120)

Beim Hilfsverb „will“ geht es indessen nicht um Leninas Wollen, sondern um seine Bedeutung für die Zukunftsbildung. Folglich will sie sagen, dass sowohl Vergangenheit als auch Zukunft sie krank machen und dass sie mit Hilfe von Soma nur dem Augenblick lebt.(2) Hier zeigt sich, dass Interpretation der Übersetzung vorausgehen muss, da Übersetzung und Interpretation zusammenhängen. Denkbare Alternativen wären:

„War und Werde(n) machen mich krank auf Erden.
Ziehe ich mir ein Gramm rein, kann ich gleich gut drauf sein.“

Oder:
„(Ich) War und (ich) werde machen mich krank auf der Erde,
Wann immer ich zieh' ein Gramm mir rein, werd‘ ich auf ihr nur glücklich sein.“


(IV) In Anbetracht dieser relativ langen Fehlerliste ist es nur ein Gebot der Fairness, auch Beispiele für gelungene Übersetzungen zu nennen. Auffällig ist etwa, dass die Kapitel über das ‘natürliche’ Leben im Reservat gut gelungen sind und sich besser lesen als so manche Abschnitte über die zivilisierte Hochtechnologie der Schönen Neuen Welt. Zu den gelungenen Passagen gehören aber auch alle Verse und Songs, deren Reimform bei Huxley in der Übersetzung nahezu perfekt nachgeahmt wird. Dazu zählen zum Beispiel die verschiedenen Strophen der Solidaritätshymne (vgl. S. 94, S. 95, S. 98), wobei die Reime nicht nur eine Auflockerung der beschreibenden und erzählenden Prosa darstellen, sondern auch die Einprägsamkeit erhöhen. Gleiches gilt für die bissigen Verse von Helmholtz Watson (S. 207) und die meisten hypnopädischen Sinnsprüche. Da kann man beispielsweise lesen: „Wenn beim Einzelnen Gefühle wanken, gerät das ganze Kollektiv ins Schwanken (S. 107) oder man findet die witzige Abwandlung eines bekannten Sprichworts: „Verschiebe nie auf morgen, wem du's heute kannst besorgen“ (S. 107): so wird im Weltstaat für Promiskuität geworben! Abschließend würde ich sagen: die Lektüre der Übersetzung ist zunächst gewöhnungsbedürftig, aber in dem Maße, wie man sich einliest, steigt das Vergnügen und die Motivation, sich mit Huxleys Vision der zukünftigen Welt auseinanderzusetzen.


(V) Dass eine Textausgabe eine Einführung in Leben und Werk des Autors aufweist, ist nicht ungewöhnlich. Auch in einem solchen Angebot unterscheidet sich Strätlings Übersetzung positiv von der älteren Herlitschkas (vgl. S. 357-363). Da erhält man Informationen zu Huxleys Herkunft, zu seinem Studium in Oxford sowie über seine Freundschaft mit Bertrand Russell und mit D.H. Lawrence (S. 358). Da erfährt man etwa, dass Brave New World in nur vier Monaten verfasst und 1932 erstmalig veröffentlicht wurde (S. 359-60). Da wird man über sein 1946 erschienenes retrospektives Vorwort zu Brave New World (S. 362) und seine 1958 publizierte Essaysammlung Brave New World Revisited informiert (S. 363). Insgesamt wirkt diese Materialsammlung sorgfältig und souverän zusammengestellt. Sie dürfte vor allem für solche Leser aufschlussreich sein, die zum ersten Male mit Huxley Bekanntschaft machen. Hier ist keinerlei Kritik vorzutragen.


(VI) Dass aber eine Übersetzung ausführliche Anmerkungen (einen kritischen Apparat) enthält, ist eher ungewöhnlich.(3) In der Neuausgabe von Huxleys Schöner Neuer Welt ist dies der Fall, und schon allein dafür verdient sie einige Bonuspunkte. Für den Leser wäre es natürlich ideal, wenn die Anmerkungen als Fußnoten gesetzt würden. Dass dieses Verfahren drucktechnisch vom Umbruch her wesentlich aufwendiger, komplizierter und daher teurer wäre, liegt auf der Hand. ln Huxleys Schöner Neuer Welt muss sich der Leser damit zufrieden geben, dass die Anmerkungen in Form von Endnoten präsentiert werden. So bleiben ihm zwei Möglichkeiten: Entweder er muss den Text und die Anmerkungen voneinander getrennt lesen, oder er muss Photokopien der Anmerkungen neben dem Text platzieren. Die Anmerkungen, die ca. 25 Seiten im Kleindruck umfassen (S. 311-336), geben nicht nur Raum für ausführliche Kommentare, sondern sind zweifellos auch in vielerlei Hinsicht hilfreich für das Verständnis. Die überwiegende Mehrzahl der Anmerkungen sind unter zwei Kategorien zu subsumieren. Entweder es handelt sich um die Erläuterung der Herkunft von Vor— und Familiennamen der Huxleyschen Figuren, oder aber es werden mögliche Quellen für Huxleys Dystopie aufgezeigt.

(a) Generell gilt für den Typ der gewählten Namen, dass sie in der Regel sprechender Natur sind.(4) Das reicht von Bernard Marx und Helmholtz Watson über Lenina Crown bis hin zu Tom Kawagucho, Bokanowski Jones, etc. Viele von ihnen geben Rätsel auf. Oft werden gängige Vor- und auffällige Familiennamen miteinander verbunden, obwohl sich daraus keine wirkliche Einheit ergibt. Bei Bernard Marx wird natürlich auf den deutschen Revolutionär Karl Marx verwiesen, aber zur Erklärung des Vornamens auch auf den Erfinder der experimentellen Medizin Claude Bernard, den Mystiker St. Bernard von Clairvaux und den irischen Dramatiker George Bernard Shaw (S. 318/42). Bei Helmholtz Watson wird an den deutschen Physiker Helmholtz und den amerikanischen Psychologen John B. Watson erinnert (S. 321/78). Bezüglich Lenina Crowne (S. 315/23) wird u.a. auf den russischen Revolutionär Lenin aufmerksam gemacht. In Bezug auf Bokanowski Jones werden vier Möglichkeiten für die Erklärung des Vornamens Bokanowski und sogar sieben Optionen für die Herkunft des Nachnamens Jones aufgelistet (S. 324/100). Da diese aber unverbunden nebeneinander stehen bleiben, helfen sie für das Verständnis der Schönen Neuen Welt kaum weiter, da dem Leser die Qual der Wahl überlassen wird. Bezüglich der Figur des Tom Kawagucho kann der Leser zwischen dem ungläubigen Thomas der Bibel und dem hl. Thomas von Aquin wählen, während der Nachname sich auf einen buddhistischen Mönch beziehen soll (S. 319/56 und S. 323/92). Man sieht, dass vor allem bei gängigen Namen der Phantasie der Kommentatoren keine Grenzen gesetzt sind. Daher bleibt nur die kritische Schlussfolgerung: Irgendwo wird hier die Jagd nach Quellen und Parallelen Selbstzweck.

Mithin ist der kritische Apparat kenntnis- und materialreich, aber gleichzeitig auch nicht befriedigend: zu häufig bleibt der Kommentar im Faktischen stecken, zu oft der Unverbindlichkeit mehrerer Möglichkeiten verhaftet. Was hier fehlt, ist eine Erklärung der Funktion für den vorliegenden Text. So könnte man bezüglich der Namensgebung bei Bernard Marx und Lenina Crown darauf hinweisen dass die Namen Marx und Lenin(a) sie als ein zusammengehöriges Paar ausweisen, so wie die Revolutionäre Marx und Lenin häufig in einem Atemzug genannt werden. Darüber hinaus haben beide Namen eine ironische Funktion: Bernard wird im Verlauf des Romans immer mehr zu einer jämmerlichen Figur, geradezu zur Karikatur eines echten Revolutionärs (vgl. S. 244-246). Auch Lenina hat nichts Revolutionäres an sich: ihre Angst vor unorthodoxen Ideen wird mehr als einmal deutlich. Wenn sie sich von Bernard argumentativ bedroht fühlt, zitiert sie hypnopädische Schulweisheiten (vgl. beispielsweise S. 183-185). In ähnlicher Weise sollte bezüglich der Podsnap technique nicht nur der Hinweis auf die von Charles Dickens erfundene Figur des in Routine gefangenen Mr Podsnap erfolgen, sondern auch der ironische Kontrast zu Huxleys Schöner Neuer Welt aufgezeigt werden: Podsnap technique (S. 314/13) ist bei Huxley ein innovatives Verfahren zur Steigerung der Effektivität bei der Massenproduktion von Menschen. Und bei dem Bibelzitat „Was der Mensch zusammengefügt hat, soll die Natur nicht scheiden“ (S. 315/29), ist schließlich nicht die Betonung der Parallele, sondern die Abwandlung von der Quelle wichtig.

(b) Für den zweiten Typ der Anmerkungen sollen mehrere Beispiele untersucht werden. Ausgehend vom Begriff des Weltstaates (S. 313/7) findet sich hier ein eingehender und überzeugender Vergleich zwischen Huxleys Dystopie und dem Werk seines Freundes Bertrand Russell The Scientific Outlook.(5) Eine ganze Reihe von Merkmalen wird aufgelistet, in denen sich Huxleys und seines Freundes Russells Vorstellungen bezüglich des utopischen Staates ähneln. Damit werden dem interessierten Leser umfassende Informationen angeboten, sich textübergreifend mit Huxleys Schöner Neuer Welt auseinanderzusetzen. Hier wirkt der kritische Apparat wie ein sehr ehrgeiziges Unterfangen. Anders gesagt: die Anmerkungen erreichen wissenschaftliches Niveau.

Leider gilt dies nicht für alle Quellen. Die Kommentierung von Henry Ford beispielsweise ist unvollständig bzw. lückenhaft. Dies konnte dadurch bedingt ein, dass Ford die Gestalt ist, auf die am häufigsten – häufiger als auf verschiedene Shakespeare-Dramen - verwiesen wird.(6) Schon im ersten Kapitel finden sich zwei ganz wesentliche Anspielungen auf Fords historische Leistung. Da ist zum Einen die Rede von „mass production at last applied to biology“ (p. 11): „das Prinzip der Massenproduktion übertragen auf die Biologie“ (S. l2), eine deutliche Anspielung an die von Henry Ford eingeführte Fließbandarbeit. Ferner fehlt ein Kommentar zu konkreten Details der Massenproduktion, auf die bei Huxley zum Beispiel mit dem folgenden Hinweis angespielt wird: „Three tiers of racks: ground floor level, first gallery, second gallery“ (p. 15), in der Übersetzung Strätlings: „Drei Lagerebenen, Parterre, erste und zweite Galerie“ (S. 17).

Hier zeigt sich ein erstes Mal ein grundlegender Mangel der Anmerkungen: Im Gegensatz zu dem vorgenannten Kommentar zu Bertrand Russell erfolgt weder eine Bezugnahme auf den Text noch eine Auflistung von Parallelstellen. Durch eine Auseinandersetzung mit Fords Biographie My Life and Work wären nicht nur direkte Gegenüberstellungen mit Brave New World, sondern auch vergleichende Werturteile möglich. Aus Fords Biographie lässt sich u.a. leicht beweisen, dass die heute in der Regel als historische Leistung gepriesene Fließbandarbeit erhebliche physische und psychische Belastungen (Spezialisierung, Disziplin, Routine ...) für die Arbeiter mit sich brachte.(7) Man muss sich vergegenwärtigen, dass Huxleys Einstellung zu Henry Ford sehr kritisch war: weit entfernt davon, eine bedeutende historische Persönlichkeit zu sein, wird Ford vielmehr für Huxley zur Zielscheibe satirischer Kritik.

Im gleichen Stil geht es weiter. Der Kommentar zu Pavlow (S. 315/26) fallt zu knapp aus: es fehlt der Hinweis, dass seine Tätigkeit sich auf Tierversuche bezog (Versuche mit Hunden zu „conditioned“ und „unconditioned reflexes“) und dass Huxley einen Transfer auf das Verhalten von Kleinkindern vornimmt.(8) Damit ergibt sich auch eine Parallele zum Transfer von Fords Technologie auf die Biologie, d.h. von der Fließbandarbeit auf die massenhafte Produktion von Menschen. Im Kommentar zu der Formulierung „unter Strom setzen“ (S. 315/28) wird auf ein vorgestelltes experimentelles Vorhaben des amerikanischen Psychologen John B. Watson verwiesen, das in seinem Hauptwerk Behaviorism beschrieben wird. Wichtiger ist, dass solche Vorstellungen bei Watson nicht nur ein bloßes Gedankenspiel blieben, sondern dass auch tatsächlich ähnlich schockierende Versuche mit Kindern von ihm durchgeführt wurden.(9)

Richtig ist ferner die These, dass Huxley ursprünglich H.G. Wells' Utopie Men like Gods abwandeln wollte (S. 318/47). Wie Huxley dann „in den Sog der eigenen Ideen geriet“ (ebd.), wird nicht gesagt.(10) Wells und Huxley gehen von der gleichen Voraussetzung aus. Nach ihrer Überzeugung wird in der Geschichte der Menschheit die menschliche Aggressivität gefährlich: sie ist das größte Hindernis für ein geordnetes Zusammenleben der Menschen. Daraufhin setzt in den Vorstellungen beider Denker eine unterschiedliche Entwicklung ein. Bei Wells wird Aggressivität durch „creative service“, menschlicher Egoismus durch soziale Verantwortung abgelöst: diese ermöglichen andauernden Fortschritt, die Erziehung der Menschen und die Entwicklung eines wahrhaft utopischen Staates. Huxleys Vorstellung ist viel pessimistischer. In seinem Werk erfolgt eine prä- und postnatale Konditionierung, damit eine Manipulation und Kontrolle der Menschheit, eine Unterdrückung des freien Willens und eine Lösung aller verbleibenden Probleme durch die Droge Soma. So ist es nicht verwunderlich, dass der Protagonist in Wells' Roman über die Gesellschaft zu einem euphorischen Urteil gelangt, während dasjenige von John the Savage über die schöne neue Welt vernichtend ausfällt. (vgl. S. 330/204).

Als Zwischenresumee bleibt festzuhalten: Als mögliche Quellen für Huxleys Dystopie werden in der Regel Titel genannt, ohne dass daraus relevante Passagen zitiert werden. Lediglich Russells und Huxleys Werke werden intensiv miteinander verglichen. Dagegen fehlt für Ford, Pavlow, Watson und Wells die Präzisierung, d.h. eine komparative Bezugnahme auf die Texte der Autoren. Somit ist die Darstellung der Quellenlage für Huxleys Darstellung der Schönen Neuen Welt natürlich unvollständig. Die Hinweise auf die Parallelen im Werke seines Freundes Bertrand Russell wecken hohe Erwartungen, die sich leider nicht erfüllen. Der im Ansatz so ehrgeizig wirkende kritische Apparat kann sein angestrebtes hohes Niveau nicht durchhalten.

Dennoch wäre es ungerecht über das zu klagen, was (noch) fehlt. Es kann im Rahmen einer Übersetzung nicht um eine vollständige wissenschaftliche Erfassung aller Quellen Huxleys gehen, denn wahrscheinlich würden deren Ausarbeitung den Rahmen einer deutschen Ausgabe des Originals ohnehin sprengen. Daher sollte man der Übersetzerin vielmehr dafür dankbar sein, dass sie weitaus mehr anbietet als den nackten Text. Der interessierte Leser sollte die ausführlichen Anmerkungen als Einführung und Einstiegsmöglichkeit begreifen, um mit Hilfe der Fachliteratur weitere Puzzleteilchen zu suchen, aus denen sich Huxleys Vision der zukünftigen Welt zusammen setzt. Neben der bio-bibliographischen Darstellung rechtfertigen gerade die Anmerkungen das Erscheinen einer neuen Übersetzung.


(VII) Es bleibt noch auf das ausführliche Nachwort von Tobias Döring einzugehen, das unter dem Titel „Was ist neu an Huxleys Schöner Neuer Welt?“ eine Gesamtinterpretation des Romans liefert (S. 337-356). Das Nachwort und die Anmerkungen sind zwar unabhängig voneinander verfasst, stehen aber nicht beziehungslos nebeneinander (vgl. S. 345 und S. 352). Das Nachwort versucht eine direkte Würdigung der Leistung Huxleys und liefert damit auch (indirekt) eine Rechtfertigung der neuen Übersetzung.

Dass Brave New World, mehr als 80 Jahre nach der Erstveröffentlichung, noch heute aktuell ist, wird schon durch die Tatsache deutlich, dass der Roman im Zusammenhang mit der medialen Berichterstattung über Klonversuche von Tieren und Menschen immer wieder erwähnt wird, auch wenn das künstliche Erzeugen von Menschen bisher noch nicht Wirklichkeit wurde. Wenn Döring ausführt, es sei schon erstaunlich, dass eine literarische Fiktion wie Brave New World in hohem Maße medizinisch-wissenschaftliche Innovationen in der Biotechnologie vorwegnahm, ist ihm unbedingt zuzustimmen. In dem Zusammenhang wird Henry Ford von Huxley als Pionier der Massenproduktion bezeichnet (S. 343) und noch dazu (in Anspielung auf Freud) die Hemmungslosigkeit der Lustbefriedigung kritisiert (S. 343f). Anders gesagt: Für Huxley wird neben der Massenfabrikation der Massenkonsum verordnet: die Menschen sind eine Massenware, die im Sinne der Stabilität manipuliert, kontrolliert und schließlich recycelt werden. Zielscheibe der Kritik Huxleys ist somit die totale Bedürfnisbefriedigung (S. 344). Das heißt: die Gesellschaft der Schönen Neuen Welt amüsiert sich zu Tode, wobei bei Döring leider kein Verweis auf das erfolgreiche Buch gleichen Titels von Neil Postman erfolgt.(11)

Diese kritische Gesellschaftsdiagnose, so führt Döring weiter aus, erfolgt im „Zeigegestus“ (vgl. S. 344) und verweist somit auf ein Element der Reiseliteratur: im ersten Kapitel besuchen die Studenten die Londoner Brutanstalt, später bereisen Lenina und Bernard Marx das Reservat und der Wilde die Schöne Neue Welt, und, so könnte man hinzufügen, schließlich sucht die Meute der Weltstaatler John in seiner Abgeschiedenheit heim. Nach Döring werden vor allem die Außenseiter zur Beschreibung der Gesellschaft instrumentalisiert: durch deren Konfrontation mit immer neuen Situationen sorgen sie für Bewegung: Das Statische der Beschreibung wird durch das Vorzeigen in Erzählung umgewandelt. Zudem sind nach Dörings Einschätzung die Dissidenten wie Bernard Marx und Helmholtz Watson die interessantesten Figuren, da sie mit ihren abweichenden Meinungen für eine Auflockerung der Darstellung der normierten Gesellschaft stehen: durch sie wird die Wirklichkeitsvision des Autors dynamisiert (S. 345): „Das Neue an der Welt ist vornehmlich die Perspektive, in der sie uns erscheint.“ (S. 345) Immerhin wird somit ein einheitsstiftendes Band bzw. ein Schlüssel für das Verständnis und die Lektüre des Gesamtromans erkennbar.

Bezüglich der Quellen Huxleys für die Darstellung des Reservats verweist Döring auf die Anmerkungen zu D.H. Lawrence und F. H. Cushing (S. 352l); diese sind in bezug auf diesen Teibereich tatsächlich sehr ausführlich. Ihnen verdankt die Darstellung des Reservats eine Fülle von ethnologischem Material.(12)
Nicht thematisiert wird bei Döring Huxleys eigene Einschätzung seiner Dystopie als literarisches Werk, das „erhebliche Mängel“ aufweise (vgl. Huxleys Vorwort, S. 298). Hierzu führt das vorliegende Nachwort nicht weiter. Zu diesem Problem muss sich der kritische Leser seine eigene Meinung bilden.


(VIII) Zusammenfassung:
Die vorliegende Neuübersetzung weist m.E. Höhen und Tiefen auf. Uda Strätlings sprachliches Profil ist zunächst einmal gewöhnungsbedürftig: weiteres Feilen daran ist sicher möglich. Allerdings ist der Übersetzerin zuzugestehen, dass ihr Text mit zunehmender Lektüre immer besser lesbar wird. Das Nachwort ist in jedem Fall sehr anregend und lesenswert, und gegen die bio-bibliographische Auflistung sind keine Einwände zu erheben. Die Anmerkungen weisen unterschiedliche Qualität auf, die von „hervorragend“ bis „plakativ-etikettierend“ reicht. Es fällt auf, dass ausführliche Textvergleiche nur bei Huxleys Freunden Bertrand Russell und D. H. Lawrence erfolgen, und insofern sind die Anmerkungen noch stark ausbaufähig. Im Kommentar einer weiteren Neuübersetzung wäre ein ausgewogeneres Bild zweifellos leichter zu erreichen, wenn weitere Fachliteratur berücksichtigt würde (vgl. Fußnote 8) und wenn von Brave New World eine kritische Ausgabe vorläge. Die Anglisten und speziell die Huxley-Spezialisten sollten sich in naher Zukunft darum kümmern. Aber auch in der vorliegenden Fassung ist die Neuübersetzung als gute Einführung für den Huxley-Interessenten zu empfehlen: sie kann gleichzeitig als geeignete Motivationsquelle für die Auseinandersetzung mit der Fachliteratur dienen.


NACHTRAG:
Nach Fertigstellung der obigen Rezension wurde ich auf ein neu erschienenes Hörbuch aufmerksam, dem der vollständige Text der Übersetzung von Uda Strätling zugrunde liegt, erschienen in München: Hörbuch-Verlag, 2013. Es besteht aus sechs CDs, ist äußerlich genau wie die Buchausgabe des Fischer-Verlags gestaltet, umfasst eine Gesamtspieldauer von acht Stunden und wird gelesen von dem namhaften Schauspieler Matthias Brandt. Seine Vortragskunst ist beeindruckend. Selbst bei kompliziertesten Begriffen, beim Fachjargon aus der Schönen Neuen Welt und bei Eigennamen aus der Welt des Reservats sowie bei längeren Perioden ist seine Artikulation absolut sauber und souverän. Durchgehend wird ein Spannungsaufbau und eine Lösung der Spannung in jedem einzelnen Satz angestrebt. Ferner ist die Rezitation unglaublich facetten- und variantenreich. Dazu im Folgenden einige Anmerkungen.

Zunächst einmal wird an Brandts Stimmführung deutlich, ob ein Dialog oder eine beschreibende bzw. erzählende Passage vorliegt. Das Lesen mit sachlich-neutraler Stimme dient zum Beispiel der Charakterisierung des Erzählers. Es wird durch eine emphatische Leseweise abgelöst, wenn es beispielsweise um die Wiedergabe der Intention des Autors (ironische Untertöne) dient. Innerhalb von Dialogen wählt der Sprecher verschiedene Tonhöhen, damit der Hörer die Beiträge unterschiedlichen Charakteren zuordnen bzw. zwischen männlichen und weiblichen Figuren unterscheiden kann. Sehr gut ist dies in Kapitel 4 zu hören, das teils wie eine Collage aus verschiedenen dialogischen Versatzstücken besteht. Das Gleiche gilt auch für Kapitel 10: hier ist die pathetische Stimme des anklagenden Direktors deutlich von der Stimme des unsicheren, ängstlichen Bernard zu unterscheiden, ganz zu schweigen von Lindas triumphierender Redeweise. Die inquit-Formeln fungieren in Huxleys Roman oft als Kommentar zu dialogischen Äußerungen. Bei Brandts Vortrag werden Stöhnen, Schluchzen, Scham etc. der beteiligten Personen in den Dialogen selbst hörbar, wie es etwa bei Lindas erstem Auftritt in Kapitel 7 geschieht. In Kapitel 14 wird selbst das Röcheln in ihrer Stimme durch den Sprecher hörbar gemacht (S. 234).

Unabhängig von diesen verschiedenen Formen des interpretierenden Lesens gibt es markante Wechsel zwischen dem Sprechen mit lauter bzw. mit leiser Stimme. Ein gutes Beispiel dafür liefert die telegrammstilartige Rede des Reservataufsehers auf S. 118 (Kapitel 6). Generell werden die Parenthesen des Texts bei häufig leicht gesteigertem Tempo sowie mit relativ leiser Stimme gesprochen und so in den fortlaufenden Vortrag integriert. Ein weiteres Mittel zur Auflockerung des Hörtexts liegt im Wechsel des Lesetempos, bzw. in der Verlangsamung des Sprechens bis hin zu kurzen Pausen: auch sie dienen als effektives Mittel, Akzente zu setzen. Dazu kommt im Kapitel 4 der Unterschied zwischen Prosa und Versen, z.B. bei der Schilderung des Solidaritätsgottesdienstes. Auch dieser Wechsel der Textsorten kommt in der Stimme zum Ausdruck. Zudem wird die ekstaseähnliche Atmosphäre der Romanszene perfekt in die lautliche Ebene der Sprache übersetzt.

Aber auch in den bisher nicht erwähnten Kapiteln gibt es immer wieder Beispiele für besonders eindrucksvolle Passagen. In Kapitel 11 ist auffällig, wie der schriftliche Bericht Bernards über den Wilden an Mustapha Mond von dessen unmittelbarer Reaktion darauf unterbrochen wird. Der Unterschied zwischen beiden Figuren wird durch die Intonation bzw. Tonhöhe für den Hörer erkennbar. Auch die Beschreibung der Wirkung des Fühlfilms auf John the Savage ist ein wahrer Hörgenuss, der auf einer ausgeprägten Empathie des Sprechers für die Perspektive des Wilden beruht. Zu Anfang des folgenden Kapitels weigert sich John, zu Bernards Party zu erscheinen. Auch hier wird der Gegensatz zwischen Bernards weinerlichem Flehen und Johns nachdrücklicher Ablehnung sehr gut vermittelt. In Kapitel 13 ist die rhetorische Gestaltung des Konflikts zwischen John und Lenina ein weiterer Höhepunkt. Generell werden Interjektionen wie „Oh, Ah, Au, Pfui“ sehr nachdrücklich und einprägsam gesprochen. In Kapitel 15 liegt bei der dramatischen Auseinandersetzung um die Somaausgabe zwischen dem Wilden und den Deltas eine gelungene Leseleistung vor, die einen überzeugenden Kontrast zu der genormten Anti-Randalen-Rede der Schönen Neuen Welt bildet, welche in der Szene aus dem Lautsprecher ertönt. Im Schlusskapitel skandiert der Mob immer wieder die Parole „Zeig - uns - die Peit – sche“, deren Rhythmus von Matthias Brandt perfekt nachgeahmt wird. So hält der Vortrag des Textes die Aufmerksamkeit des Hörers bis zum Schluss aufrecht.

Es sei nur am Rande erwähnt, dass im vorliegenden Hörbuch an mindestens drei Stellen Fehler des gedruckten Textes korrigiert wurden.
Auf S. 198 wird das falsche „in den Arm nehmen“ korrigiert zu „auf den Arm nehmen“;
auf S. 242 wird „vom dem Kerl“ zu „von dem Kerl“ verändert;
auf S. 288 steht im Text „umschlagen“, gemeint ist „umschlangen“.

Fazit:
Es ist ein durchgehender Genuss, Brandts Rezitation zuzuhören: sie fesselt selbst dann, wenn dem Leser Huxleys originaler Text und Strätlings Übersetzung bestens bekannt sind. Hier liegt eine Interpretation vor, die so manchem Leser neue Dimensionen zu erschließen vermag und damit die vorliegende Buchversion in nahezu idealer Weise ergänzt. Dieser Produktion wurde in der Kategorie „best science fiction“ zu Recht der deutsche Hörbuchpreis 2014 zuerkannt. Sie ist zur Anschaffung vorbehaltlos zu empfehlen.


Anmerkungen:
(1) Der englische Originaltext wird nach folgender Ausgabe zitiert: Aldous Huxley, Brave New World. Annotations by Rudolph Franklin Rau (Stuttgart: Klett, 2007). Stellenangaben werden mit p. [x] eingeführt: zur Unterscheidung werden die Seitenangaben aus der Übersetzung mit S. [y] versehen. Wird aus den Anmerkungen zitiert, erfolgt an erster Stelle die Seitenangabe des Kommentars, nach einem Schrägstrich (/) die Angabe der Seite, auf die sich dieser bezieht: p. [x]/p. [y].

(2) Vgl. die Absage des Weltkontrolleurs Mustapha Mond an die Vergangenheit (p. 35). Entsprechend bedeutet „stability“ im Kontext des Gesamtromans nicht, wie von Herlitschka vorgeschlagen, „Beständigkeit“, sondern eher „Bewegungslosigkeit, Starre oder Stillstand".

(3) Um ein paar Beispiele literarisch bedeutsamer Romane zu nennen, deren Übersetzungen keine Anmerkungen enthalten:
Kurt Vonnegut, Slaughterhouse Five, Schlachthof 5, Deutsch von Kurt Wagenseil, Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 1972.
Margaret Atwood, The Handmaid's Tale, Der Report der Magd, Deutsch von Helga Pfetsch, Goldmann: btb, 2. Auflage, 1998.
Paul Auster, Book of Illusions, Buch der Illusionen, Deutsch von Werner Schmitz, Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 5. Auflage, 2008.

(4) Cf. Jerome Meckier, „Onamastic Satire: Names and Naming in Brave New World", in: Aldous Huxley: Modern Satirical Novelist of Ideas, edd. Peter E. Firchow and Bernfried Nugel (Berlin, 2006), pp. 185-224.

(5) Vgl. Willi Real, "Bertrand Russell's and Aldous Huxley's Ideas of a Futuristic World State”; vgl. ferner Christoph Bode, Aldous Huxley. Brave New World (München, 1985), p. 52.

(6) Vgl. Jerome Meckier, „Onamastic Satire: Names and Naming in Brave New World" in: Aldous Huxley: Modern Satirical Novelist of Ideas, edd. Peter E. Firchow and Bernfried Nugel (Berlin, 2006), p. 209.

(7) Vgl. beispielsweise My Life and Work (Milton Keynes, 2008), p. 78f.

(8) Bezüglich Huxleys Nutzung und Umwandlung der verschiedensten Quellen zu einem einheitlichen Werk vgl. Jerome Meckier, „Our Freud, our Ford and the Behaviorist Conspiracy in Huxley's Brave New World“, in: Aldous Huxley: Modern Satirical Novelist of Ideas, edd. Peter E. Firchow and Bernfried Nugel (Berlin, 2006), pp. 131-164. Vgl. auch Willi Real, "Aldous Huxley's Brave New World as a Parody and Satire of Wells, Ford, Freud and Behaviourism in Advanced FLT", Aldous Huxley Annual 8 (2009), pp. 167-206, particularly unit 2.

(9) John B. Watson, Behaviorism (Chicago,1930), pp. 159-160.

(10) Bezüglich der Gegenüberstellung Wells - Huxley vgl. Willi Real, "Aldous Huxley's Brave New World as a Parody and Satire of Wells, Ford, Freud and Behaviourism in Advanced FLT", Aldous Huxley Annual, 8 (2009), pp. 167-206, particularly unit 5.

(11) Neil Postman, Amusing Ourselves to Death. Penguin Books. 1985.

(12) Es ist offensichtlich, dass das Reservat in Neu-Mexiko mit der hochtechnologischen Welt der Zivilisation kontrastiert. Vgl. die Anmerkungen zu S. 129 und S. 136f, in der auf D.H. Lawrence als Quelle für Huxleys Darstellung des Reservats eingegangen wird. Zum Einfluss von D.H. Lawrence und Frank Hamilton Cushing auf Huxleys Darstellung des Reservats vgl. Margaret F. Sloan, “Frank Hamilton Cushing: A Source for Huxley's Brave Old World,” Aldous Huxley Annual, 3 (2003), S. 129-153.

Willi Real

Last updated by Dr. Willi Real on Tuesday, 6 May, 2014 at 3:30 PM.

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