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Literarische Klassiker




James Joyce, A Portrait of the Artist as a Young Man (1916)

Im fremdsprachendidaktischen Kontext gilt James Joyce vor allem als der Verfasser der Kurzgeschichtensammlung Dubliners, die erstmalig 1914 veröffentlicht wurde. Aber nur zwei Jahre später erschien mit A Portrait of the Artist as a Young Man ein Roman, der längst zum modernen Klassiker avanciert ist. Über die fiktive Person des Stephen Dedalus stellt der Autor seinen persönlichen Entwicklungs- und Selbstfindungsprozess dar, indem er die traditionellen Erzählstrukturen durchbricht und auf eine ausgeprägte Handlungs- und Dialogführung sowie auf eine prägnante Charakterisierung der Nebenfiguren verzichtet: diese kommen zwar zu Wort, gewinnen aber neben dem Protagonisten keine klare Konturen. Konstitutiv für das Erzählen sind die auch von den Dubliners her bekannten zahlreichen inneren Monologe, die des Autors Erlebnisse aus der Innenperspektive widerspiegeln und eine hohe Sensibilität dokumentieren, die für seine ständigen Konflikte mit der Umwelt und letztlich für seine permanente Existenz als Außenseiter verantwortlich ist.

Besonders deutlich wird diese Rolle bereits im Conglowe College. In dieser von Jesuiten geleiteten Erziehungsinstitution wird jungen Menschen vermittelt, wie man ein guter, katholischer, irisch-patriotischer gentleman wird. Dazu bedarf es vor allem einer strengen Disziplin. Als Stephen Dedalus einmal aus nichtigem Anlass brutale Prügel bezieht, beschwert er sich zwar beim Kollegleiter, doch wird sein Protest nicht wirklich ernst genommen. Darüber hinaus gibt es einmal im Jahr eine nur der religiösen Besinnung dienende Phase, während der die Angst der Kollegiaten vor den Qualen der Hölle geschürt und als Kontrast dazu die eigene Heilsgewinnung als einziger Lebenszweck definiert wird. Anlässlich einer solchen Gelegenheit wird Stephen Dedalus aufgefordert, über seine mögliche Berufung zum Priestertum nachzudenken.

Doch Stephen widersetzt sich instinktiv dem Druck, der auf ihn ausgeübt wird. Der Versuch, gemäß den strengen Vorschriften der Kirche zu leben, ruft bei ihm intensive Schuldgefühle und Selbstzweifel hervor. Erst auf der Universität entdeckt er seine künstlerischen Neigungen und seine Begabung: mit Rückgriff auf Aristoteles und Thomas von Aquin reflektiert er das Wesen und die Wirkung der Kunst. Als Student folgt er weder den Glaubenslehren der Kirche noch den Forderungen der irischen Patrioten. Da er sich nicht vor dem Alleinsein fürchtet, fasst er den Plan, ins Ausland zu gehen.

Im Hueber-Verlag liegt eine ungekürzte Ausgabe dieses Klassikers vor, die 257 Seiten umfasst. Die Anforderungen, die an einen nicht-muttersprachlichen Leser gestellt werden, sind beträchtlich. Joyce verfügt über ein eigenwilliges Sprachprofil: mit ungewöhnlichen lexikalischen Bausteinen beschreibt er seine das Innerste berührenden persönlichen Überzeugungen und erreicht dabei eine beispiellose Subtilität. Insofern ist es bedauerlich, dass bei der vorliegenden Romanedition sprachliche Annotationen gänzlich fehlen. Ähnlich verhält es sich mit der Ebene der Anspielungen und Zitate. Angesichts der zahlreichen Übernahmen aus lateinischen Quellen, angesichts des literarischen und biblischen Verweisungsreichtums vermisst man einen Sachkommentar besonders schmerzlich. Und wie schon bei der im gleichen Verlag erschienenen Ausgabe von A Town like Alice gibt es auch keinen methodischen Apparat.

Dem Lehrer, der diese Texte für Unterrichtszwecke auswählt, bleibt nichts anderes übrig, als die unverzichtbaren Study Aids in eigener Arbeit zu erstellen. Zudem erfordert dieser anspruchsvolle Roman landeskundlich, religiös und kunsttheoretisch interessierte Leser, welche sich auf eine Botschaft einlassen, die aus einer fernen und fremden Welt zu ihnen kommt. Es ist kaum vorstellbar, dass heutige Schüler all diese Hindernisse überwinden, den Text zunächst motiviert zu lesen und anschließend engagiert darüber zu diskutieren bereit sind. Es wäre m.E. erfreulich, wenn einige jugendliche Literaturliebhaber das Buch in privater Lektüre extensiv lesen, und auch das ist frühestens von der Klasse 13/1 an möglich.


F. Scott Fitzgerald, The Great Gatsby (1925)

Der Erzähler in Fitzgeralds Roman ist der junge Nick Carraway, der aus dem mittleren Westen der Vereinigten Staaten stammt und an der New Yorker Börse Arbeit gefunden hat. Als er eines Abends mit Tom und Daisy Buchanan, die im benachbarten East Egg leben, zusammentrifft, wird zum ersten Mal angedeutet, dass der äußerlich auf Tradition, soziales Ansehen und Moral bedachte Tom eine Geliebte hat. Diese lernt Nick bald kennen: es ist Myrtle Wilson, die Frau des hart arbeitenden Werkstatt- und Tankstellenbesitzers George Wilson. Nicks unmittelbarer Nachbar indes ist der reiche Gatsby, der in seinem schlossähnlichen Domizil den gesamten Sommer über eine Reihe von extravaganten Partys feiert. Gatsby erscheint dabei als ein geheimnisvoller, von Gerüchten umgebener Mann, von dem niemand genau weiß, wie er zu seinem Reichtum gelangt ist.

Allmählich wird deutlich, dass Daisy Buchanan Gatsbys erste große Liebe war, dass der erste Weltkrieg zwar ihrer Beziehung abrupt ein vorläufiges Ende setzte, aber dass Gatsby immer noch für sie die gleichen Gefühle hegt. Mit geradezu kindlicher Naivität ist er bemüht, die Vergangenheit zurückzubringen. Da er aus bescheidenen Verhältnissen stammt, versucht er, seine niedrige soziale Stellung mit finanziellen Mitteln zu kompensieren und die inzwischen verheirate Daisy für sich zu gewinnen.

In der Auseinandersetzung um sie sagt er schließlich sogar Tom Buchanan ins Gesicht, dass Daisy nur ihn geliebt habe. Doch hat Tom Buchanan Erkundigungen über Gatsby eingezogen und wirft ihm Verbindungen zum organisierten Verbrechen vor. Daisy ist tief schockiert. Auf der Rückfahrt von einer New Yorker Party erfasst Gatsbys Wagen - mit Daisy Buchanan am Steuer - Myrtle Wilson. Trotz des tödlichen Unfalls setzt das Auto seine Fahrt fort, ohne auch nur anzuhalten. Mit Ausnahme des Ehemannes scheint niemand von Myrtle Wilsons Tod emotional betroffen zu sein.

Aus einem Missverständnis entwickelt sich eine Tragödie. In der falschen Annahme (dramatische Ironie!), dass Gatsby für den Tod seiner Frau verantwortlich ist, erschießt Wilson zunächst Gatsby und anschließend sich selbst. Die Buchanans verlassen die Stadt. Es bleibt Nicks Aufgabe, die Angelegenheiten seines Nachbarn zu regeln, und erst Monate später erfährt er, dass der skrupellose Tom Buchanan es war, der George Wilson Gatsbys Aufenthaltsort verriet. Mit der Rückkehr Nicks in seine Heimat schließt sich der Kreis der Ereignisse.

Dieser in den frühen zwanziger Jahren angesiedelte Roman ist ein zentrales Werk der amerikanischen Kultur- und Sozialgeschichte und zugleich ein Zeugnis des amerikanischen Selbstverständnisses: es stellt die kritische Frage, wie es um die Gründerideale der Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert bestellt ist. Die Materialisierung des amerikanischen Traums und der Verlust ethischer Normen und Wertvorstellungen lassen den Roman auch heute noch aktuell erscheinen und fordern zu persönlichen Stellungnahmen heraus.

Der bezüglich seiner Erzähltechnik und Symbolik anspruchsvolle und ergiebige literarische Klassiker erlaubt nicht nur eine Verbindung von Literatur und Landeskunde im Unterricht, sondern ist auch sprachlich Schülern der 12. Jahrgangsstufe ohne weiteres zugänglich. Fitzgeralds Roman hat wie kaum ein anderer das Interesse der deutschen Schulbuchverlage gefunden: im Augenblick gibt es nicht weniger als fünf konkurrierende didaktische Ausgaben und als eigenständige Veröffentlichungen dazu vier Lehrerhandreichungen. Vermutlich ist daher The Great Gatsby einer der zur Zeit im Englischunterricht am häufigsten gelesene Romane.


Thornton Wilder, The Bridge of San Luis Rey (1927)

Der Handlung liegt ein historischer Brückeneinsturz im Peru des Jahres 1714 zugrunde, bei dem fünf Personen in den Tod gerissen wurden. Der italienische Franziskanermönch Bruder Juniper, ein Augenzeuge des Unglücks, möchte den Sinn dieses Geschehens ergründen. Seinem Bericht folgt der Erzähler in Thornton Wilders Werk, der für sich zwar größeres Wissen beansprucht, aber auch keine Vollständigkeit der Darstellung garantieren kann.

Die hohes Ansehen genießende Marquesa Dona María de Montemayor ist eine unglückliche Frau. Das stets kühle Verhältnis zu ihrem Mann wird durch eine spannungs- und konfliktgeladene Beziehung zu ihrer Tochter ergänzt, die dauerhaft von ihrer Mutter getrennt in Spanien lebt. Der Marquesa treu ergeben ist ihre Dienerin Pepita, die aus einem Waisenhaus in Lima stammt. Als sie sich auf eine Pilgerreise begeben und die besagte Brücke passieren wollen, kommen sie beide ums Leben.

Ebenfalls im Waisenhaus aufgewachsen sind die Zwillinge Manuel und Estaban, die sich so ähnlich sehen, dass kaum jemand sie zu unterscheiden vermag. Auch als reife Männer bilden sie ein unzertrennliches Paar, bis sich Manuel in die Schauspielerin und Sängerin Camila Perichola verliebt, die auch die Marquesa und Pepita auf der Bühne erlebten. An Estabans Eifersucht droht das Verhältnis der Brüder zu zerbrechen, aber Manuel verletzt sich am Knie und stirbt - wohl an den Folgen einer Infektion. Estaban fühlt sich fortan völlig vereinsamt, bietet daher seine Dienste einem Captain an, mit dem er sich auf eine Reise begibt: auch sie finden bei jenem Unglück den Tod.

Das nächste Opfer ist Uncle Pio, ein Abenteurer, Frauenverehrer und Theaterliebhaber, der sich sehr um die Karriere der bereits erwähnten Camila Perichola verdient macht. Doch nach einigen Jahren gibt Camila die Schauspielerei auf und baut sich stattdessen eine so starke soziale Position auf, dass sie mit dem Vizekönig ein Verhältnis hat, aus dem ihr Sohn Don Jaime hervorgeht. Aber auch sie wird nicht glücklich. Eines Tages wird sie von der Pockenkrankheit befallen, so dass sie sich in ihrem Hause konsequent von der Umwelt abkapselt. Schließlich gibt sie dem Drängen Uncle Pios nach, der ein Jahr lang die Erziehung Don Jaimes übernehmen möchte. Auf dem Wege zu ihm werden auch sie beide zu Opfern des Brückeneinsturzes.

Schon diese kurze Zusammenfassung macht die kunstvolle, narrative Verknüpfung der Biographien der Betroffenen deutlich. Der Erzähler berichtet in stark geraffter und oft generalisierender Form; ausführlich darstellende Passagen und Dialoge sind selten. Bruder Juniper und Wilders Erzähler sind an der Frage interessiert, ob das Unglück auf Zufall oder auf göttlicher Vorsehung beruht, und letzterer will sich nicht mit der Erklärung zufrieden geben, dass Gott die Bösen vernichtet und die Guten früh zu sich in die Ewigkeit holt. Zwar kommt für alle der Tod unerwartet, aber für viele ist er eine Lösung oder Erlösung von persönlichen Problemen, da er vor allem sub specie aeternitatis zu sehen ist. Dazu wirkt das Schicksal der fünf Opfer im Bereich der Überlebenden weiter, denn jedes Schulkind in Peru weiß noch heute über sie Bescheid.

Fraglich allerdings erscheint, ob Wilders von Sentimentalität nicht freies Werk noch heutige Leser erreicht. Zweifellos erfordert seine Erzählung die Bereitschaft, sich auf eine ferne und zeitlich entlegene Welt einzulassen; die Möglichkeit eines direkten affektiven Zugangs oder Identifikationsprozesses scheint nicht gegeben. Zwar ist das Werk mit 125 Seiten (Penguin-Ausgabe) gut überschaubar, doch ist der Text lexikalisch und syntaktisch nicht einfach. Dieser vor rd. 70 Jahren erschienene Klassiker des 20. Jahrhunderts ist heutzutage eher eine Sache für Literaturliebhaber als für jugendliche Leser. Zwar liegen zur Zeit zwei didaktische Ausgaben (Reclam/Schöningh) vor, dennoch erscheint das Werk für Unterrichts- und Diskussionszwecke wenig geeignet.


Ernest Hemingway, A Farewell to Arms (1929)

Dieses Werk ist - nach Fiesta - Hemingways zweiter Roman. Die Geschehnisse werden aus der Sicht des amerikanischen Offiziers Frederic Henry berichtet, der während des Ersten Weltkriegs in einer italienischen Sanitätereinheit tätig ist. Dabei lernt er die englische, sehr attraktive Krankenschwester Catherine Barkley kennen, deren Verlobter erst kürzlich gefallen ist. Eine Woche später wird Frederic bei einem Fronteinsatz schwer verwundet und trifft in einem Mailänder Krankenhaus Catherine wieder.

Nach der erfolgreichen Operation seines Knies werden Henry und Catherine ein Liebespaar, verzichten jedoch auf eine formelle Eheschließung. Als Frederic erneut an die Front muss, erfährt er von Catherine, dass sie schwanger sei. Wenig später durchbrechen die Deutschen die italienischen Linien; es kommt zum Chaos des Caporetto-Rückzuges, in dessen Verlauf viele italienische Soldaten desertieren und nach Hause zurückkehren. Auch Fredric Henry nimmt seinen Abschied von den Waffen (vgl. Titel): er entkommt, indem er unter Lebensgefahr den Tagliamento durchschwimmt und sich dabei seiner Uniform entledigt. Schießlich findet er Catherine wieder, und sie verbringen einige glückliche Tage miteinander. Im Frühjahr reisen beide zur Geburt ihres Kindes in die Schweiz, bei der Catherine und ihr Baby sterben. Frederic Henry bleibt allein zurück.

Auf die autobiographischen Wurzeln der Romanhandlung ist wiederholt hingewiesen worden. Für den Roman ist es indes wichtiger, dass sich die Schilderung zweier persönlicher Schicksale in einem gelungenen Gleichgewicht zur Darstellung des geschichtlichen, durch die Realität des Kriegs bedingten Hintergrunds befindet. Zweifellos ist der Roman repräsentativ für Hemingways Gesamtwerk; die Themenkreise Krieg und Liebe gehören zusammen und führen beide letztlich zur Desillusionierung.

Während Frederic Henry zunächst wie ein Zyniker wirkt, ändert er sich durch seine Liebe zu Catherine, die für ihn zum Mittel der Überwindung seiner Einsamkeit, ja zur Lebensnotwendigkeit wird. Aber auch in diesem persönlichen Bereich zeigt sich die Allmacht und Allgegenwart des Todes. Für Catherine ist das Leiden unvermeidlich, auch wenn sie dem Tod ohne Furcht und mit geradezu stoischer Gelassenheit begegnet. Für Frederic Henry bleibt wiederum nur die Einsamkeit.

Ein Grund, der für den Einsatz gerade dieses Romans im Englischunterricht spricht, liegt in der Tatsache begründet, dass er auch repräsentative Elemente der Hemingwayschen Erzähltechnik aufweist. Hemingway arbeitet sehr stark mit Aussparungen, u.a. mit der Tabuisierung der Emotionen, um eine größtmögliche Versachlichung des Erzählten zu erreichen. Nach seiner Überzeugung ist ein literarischer Text mit einem Eisberg zu vergleichen, d.h. dass nur ein verschwindend kleiner Teil des Ganzen sichtbar, der weitaus größere Teil aber dem Auge verborgen ist. Seit der in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelten rezeptionsästhetischen Literaturbetrachtung spricht man in diesem Zusammenhang von "Leer- bzw. Unbestimmtheitsstellen", die vom Leser zu füllen bzw. zu konkretisieren sind. Deshalb sollte man diesen Roman nicht nur als Liebesroman oder als Dokument über die Sinnlosigkeit des Krieges lesen, sondern sich vor allem auf das im Text Ausgeklammerte konzentrieren.

Eine solche Sichtweise eröffnet nicht nur den Blick dafür, dass jeder Kompositionsvorgang Auswahl und Kombination voraussetzt, es bietet den Lernenden auch die Chance, durch entdeckendes Lesen konkret die ästhetische Struktur eines literarischen Textes zu erfahren. Dieser Ansatz ermöglicht zum Beispiel in Bezug auf Frederic Henry die Erkenntnis, dass sich hinter seinem scheinbaren Zynismus ein hohes Maß an Sensibilität verbirgt, dass, anders gesagt, seine zur Schau gestellte zynische Distanz als Panzer gegen die Verletzbarkeit seiner Gefühle dient. So lassen sich formale Merkmale des Romans überzeugend funktional interpretieren.

Die Realisierung eines solchen Unterrichtsvorhabens erscheint von vornherein nur in einem Leistungskurs ab Klasse 12/1 möglich. Die Teilnehmer sollten darüber hinaus Interesse für literarische Texte haben, die weder brandaktuell noch aktualisierbar sind. Wenn sich die Schüler auf A Farewell to Arms als Roman einlassen, wird ihnen möglicherweise ein Literaturerlebnis zuteil, das ihre Lesemotivation auf Dauer positiv beeinflusst.


John Steinbeck, Of Mice and Men (1937)

Dieser kurze Roman erzählt die streckenweise sentimentale Geschichte zweier Wanderarbeiter in Kalifornien, die kaum gegensätzlicher sein könnten. Der eine von ihnen ist der kleine, aber intelligente und zielstrebige George, der andere ist der große, sensible, aber geistig behinderte Lennie, der mit seinen Bärenkräften oft unbeabsichtigt Unheil anrichtet. In vielen Jahren sind die beiden unzertrennliche Freunde geworden, wobei George als Lennies väterlicher Beschützer fungiert, obwohl Letzterer oft eine Belastung für ihn darstellt. So sind die beiden zu Beginn der Romanhandlung gemeinsam auf der Flucht, weil Lennie ein Mädchen belästigt haben soll. Als sie schließlich auf einer Ranch Arbeit finden, gewinnt George sehr rasch die Anerkennung und den Respekt der übrigen Arbeiter. Er hat große Pläne für die Zukunft: er möchte sesshaft werden, seine eigene Farm kaufen, um auch auf der sozialen Stufenleiter aufzusteigen.

Curley, der Sohn des Besitzers, hat erst kürzlich geheiratet, aber schon verdächtigt er seine junge Frau der Untreue. Als Lennie eines Tages als einziger Arbeiter auf der Farm ist, besucht er den alten Crook, der als Schwarzamerikaner in der Gemeinschaft der übrigen nicht akzeptiert wird. Aber Lennie kennt weder Diskriminierung noch Vorurteile und kommt trotz dessen Feindseligkeit mit dem Alten ins Gespräch. Schließlich erscheint Curleys Frau, beginnt mit Lennie zu flirten und fordert ihn unter anderem auf, ihre Haare zu streicheln. Von seiner Reaktion erschreckt, beginnt sie zu schreien. Bei seinen ungeschickten Versuchen, die Schreie zu unterbinden, tötet Lennie die Frau. Damit befinden sich George und Lennie wiederum auf der Flucht: Curley organisiert mit den anderen Arbeitern sofort die Verfolgung; es droht ein Fall von Selbstjustiz. Um Lennie ein schlimmeres Schicksal zu ersparen, erschießt George seinen Freund. (In dieser Beziehung ist der Ausgang des Werkes mit Ken Keseys One Flew over the Cuckoo's Nest vergleichbar.)

Dieses Werk Steinbecks ist als minor classic bekannt geworden. Geradlinig erzählt es vom Schicksal der kleinen Leute, der mittellosen Arbeiter, von ihrem unerfüllten Traum und lässt dabei auch sozialkritische Töne, beispielsweise Protest gegen rassistische Diskriminierung, einfließen. Im Grunde haben die Freunde keine Chance: ihr (amerikanischer) Traum von materiellem Wohlstand und sozialem Aufstieg bleibt nicht nur deswegen unerfüllt, weil Lennie (wie Bigger Thomas in Native Son) aus Angst eine Frau tötet. Eigentlich ist Georges Traum prinzipiell unerfüllbar und nichts anderes als eine Kompensation der schwer zu ertragenden Realität. Aufgrund seines überschaubaren Umfangs ist der Roman wie wenige andere (z. B. Sillitoes The Loneliness of the Long-Distance Runner oder McCullers' The Ballad of the Sad Café) geeignet, die Schüler an die Lektüre längerer Prosatexte heranzuführen. Von daher ist der Einsatz des Werkes schon von Beginn der Sekundarstufe II an zu empfehlen. Der Text liegt in zwei Schulausgaben (Klett und Reclam) vor; zusätzlich sind zur Zeit Vokabularien (Aschendorff) erhältlich.


John Steinbeck, Grapes of Wrath (1939)

Der Roman schildert das Schicksal der Joads, einer Farmersfamilie aus Oklahoma, die wegen unverschuldeter wirtschaftlicher Not in den 30er Jahren wie viele andere Farmer der Region ihre Farm aufgeben müssen und als Wanderarbeiter nach Kalifornien ziehen.

Am Rande der kalifornischen Wüste angekommen, werden sie zum ersten Mal mit der herabsetzenden Bezeichnung "Okie" konfrontiert - ein Hinweis auf die Fremdenfeindlichkeit, die sie fern der Heimat erwartet. Ironischerweise stirbt die Großmutter in der Nacht, als sie erfolgreich die kalifornische Wüste durchqueren und das fruchtbare Tal vor ihnen liegt.

Die Kalifornier empfangen die Neuankömmlinge mit einer Mischung aus Furcht und Hass. Für die Farmer aus Oklahoma ist es schwer, Arbeit zu finden, die obendrein so schlecht bezahlt wird, dass der Lohn eines Tages nicht einmal für eine einzige ordentliche warme Mahlzeit reicht. Nachdem die Obst- und Baumwollernte eingebracht worden ist, verschlechtert sich die Situation der Arbeiter noch weiter. Stehlen und Betteln ersetzen Stolz und menschliche Würde. Die eingesessenen Kalifornier greifen die Wanderarbeiter in ihren Lagern an; ihre Lage ist verzweifelt, doch bewirkt ihr Zorn ein verstärktes Gemeinschaftsgefühl. Es bleibt die Hoffnung, dass aus Konflikt und Auseinandersetzung ein neues und besseres Leben hervorgeht.

Mit rund 500 Seiten erreicht der Roman ein episches Ausmaß; er dürfte von allen hier aufgelisteten Romanen einer der längsten, wenn nicht der umfangreichtste überhaupt sein. Er ist aufrüttelnd und sentimental zugleich, setzt einen lesefreudigen Leistungskurs (in der Jahrganggstufe 12/2 oder 13/1) voraus, und auch dann stehen die Lehrkräfte wegen der notwendigen Schwerpunktsetzungen vor einer großen methodischen Herausforderung. Das Werk wurde schon 1940 unter der Regie von John Ford verfilmt, in der Rolle des Ex-Sträflings Tom Joad brilliert Henry Fonda.


Carson McCullers, The Heart is a Lonely Hunter (1940)

Dieser Erstlingsroman der Südstaaten-Erzählerin entstand fast zur gleichen Zeit wie Steinbecks The Grapes of Wrath , vermittelt aber eher ein konträres Menschenbild. Während Steinbeck die Solidarität der leidenden Menschen vertritt, klingt bei McCullers schon im Titel ein pessimistischer Grundton an und weist auf die Überzeugung der Autorin bezüglich der Einseitigkeit der menschlichen Beziehungen voraus.

Diese spiegelt sich auch in der Konstellation der Charaktere. Im Mittelpunkt stehen zunächst einmal der taubstumme John Singer, der in einem Juweliergeschäft arbeitet, und sein ebenfalls taubstummer Freund Antonapoulos, der im Obstladen seines Schwagers beschäftigt ist. Die Freundschaft der beiden währt nicht lange. Als der gutmütige, aber geistig beschränkte Antonapoulos durch sein Verhalten öffentliches Ärgernis erregt, lässt ihn der Schwager in eine weit entfernte Anstalt anweisen. Durch die räumliche Distanz ist ein regelmäßiger Kontakt zwischen den beiden Taubstummen nicht mehr möglich. Als Antonapoulos überraschend stirbt, setzt Singer verzweifelt seinem Leben ein Ende.

Um John Singer sind eine Fülle von Figuren gruppiert, die, um eine Metapher des Romans zu verwenden, um ihn kreisen wie die Speichen eines Rades um die Nabe. Dazu gehören die junge Mick Kelly und ihre Familie, der schwarze Arzt Dr. Copeland, der sich für die Gleichberechtigung der Farbigen einsetzt, der Kneipenbesitzer Biff Brannon und sein ständiger Gast Jake Blount, der als Außenseiter für soziale Gerechtigkeit kämpft. Sie alle konzentrieren sich auf Singer, der ihrer Überzeugung nach ein idealer Zuhörer ist, doch bleibt jeder von ihnen einsam.

Nur Mick entwickelt in Ansätzen Verständnis für andere Personen, so etwa für ihren Vater, ihren jüngeren Bruder und ihren jüdischen Freund Hary Minowitz. Micks Vater musste nach einem Unfall seinen erlernten Beruf aufgeben und versucht nun, um nicht ganz als Versager dazustehen, mit bescheidenem Erfolg zum Unterhalt der Familie beizutragen. Mick empfindet Mitleid mit ihm und erkennt - in Umkehrung des traditionellen Vater-Tochter-Verhältnisses - , dass der Vater bei ihr moralischen Halt sucht. Als ihr jüngerer Bruder mit einem Gewehr ein anderes Kind verletzt, müssen die Kellys infolge der hohen Arztrechnungen und Folgekosten ihr Haus verkaufen, und sie werden so arm wie Fabrikarbeiter. Mit Hary macht Mick ihre ersten sexuellen Erfahrungen, doch ist diese Bindung von kurzer Dauer, da er vor seiner Verantwortung davonläuft.

Eine Zeitlang flüchtet sich Mick in kompensatorische Tagträume: sie hat den Wunsch, ein Klavier zu bekommen und eine berühmte Komponistin zu werden. In ihrem Wunschdenken wird John Singer zur Verkörperung des Vollkommenen und erlangt eine gottähnliche Stellung, doch muss sie erkennen, dass auch er ihr bei ihren Zukunftsplänen und Problemen nicht helfen kann. Schließlich zeigt sich die Allmacht der Armut in der Kelly-Familie: mit 14 Jahren muss Mick einen Job als Verkäuferin in einem Kaufhaus annehmen, da die Eltern auf ihren Verdienst angewiesen sind. Und die Wunschträume bezüglich der Entfaltung ihrer musikalischen Kreativität zerplatzen wie eine Seifenblase.

The Heart is a Lonely Hunter ist ein umfangreiches und komplexes (wenn nicht gar überladenes) Werk, von dem eine Penguin-Taschenbuchausgabe (310 S.), aber keine didaktische Edition existiert. Da der Text auch historische, politische, literarische und biblische Anspielungen aufweist, muss der Lehrer bezüglich der sachlichen Kommentierung Herausgeberfunktionen erfüllen: anders ist die Lektüre des Texts (vor allem eine Vorauslektüre) durch die Schüler nicht zu leisten. Eine weitere zu überwindende Barriere liegt in einigen Eigenarten des Black English, welche die Figur des Dr. Copeland und die Darstellung der Rassenbeziehungen betreffen. In bezug auf die Fülle der Figuren und der thematischen Akzente scheint eine Schwerpunktsetzung unter Mitbestimmung der Schüler vor allem in dem umfangreichen Mittelteil dringend geboten. Das heißt, dass der Romantext selektiv eingesetzt werden sollte. Ein solches Vorgehen erscheint von der Jahrgangstufe 12/2 bzw. 13/1 an möglich und sinnvoll.


Ernest Hemingway, For Whom the Bell Tolls (1940)

Der Amerikaner Robert Jordan kämpft auf der Seite der Republikaner im spanischen Bürgerkrieg. Er gehört einer Guerilla-Gruppe an, in der Männer und Frauen gemeinsam gegen das Franco-Regime aktiv Widerstand leisten. An ihrer Spitze steht die zwielichtige Führergestalt Pablo, hinzu kommen u.a. seine tapfere Frau Pilar, der Führer Anselmo, die Zigeunerin Rafael und die junge Maria, in die sich Robert Jordan verliebt. Sie erzählt ihm, dass ihre Eltern von den Faschisten getötet wurden und sie selbst einer Vergewaltigung zum Opfer fiel.

Die Gruppe hat den gefährlichen und nicht unumstrittenen Auftrag, hinter den feindlichen Linien eine Brücke zu sprengen. Obwohl die feindlichen Soldaten die Wachen verstärkt haben, gelingt dieses Vorhaben, wenn auch unter eigenen schweren Verlusten. Zum Einen verliert der alte und treue Anselmo sein Leben, zum Anderen wird Robert Jordan während des Rückzugs von einer feindlichen Kugel getroffen, fällt vom Pferd und bricht sich ein Bein. Er überzeugt die übrigen Mitglieder der Gruppe, einschließlich Maria von der Notwendigkeit, ohne ihn weiter zu fliehen, damit sie ihr eigenes Leben retten können. Kaum bei Bewusstsein, aber dennoch ruhig und gefasst, wartet er auf die feindliche Kavallerie und damit auf seinen eigenen Tod.

Dies ist eine notwendigerweise stark verkürzte und vereinfachte Zusammenfassung der Handlung eines umfangreichen und komplexen Romans, der von der Kritik vielfach als Hemingways Meisterwerk gepriesen wurde. Es genügt nicht, darauf hinzuweisen, dass darin erneut die typischen Hemingway-Themen, nämlich Krieg, Liebe und Tod, angesprochen werden. Entscheidend ist vielmehr eine gewandelte Einstellung des Autors zum Krieg, die sich in den von ihm geschaffenen Figuren widerspiegelt. Während der Protagonist Frederic Henry in A Farewell to Arms zu einem gewissen Zeitpunkt seine Teilnahme am Krieg als sinnlos ansieht, engagiert sich Robert Jordan konsequent für die Sache der Republikaner. Ihr Kampf ist eine Auflehnung gegen Unrecht, Diktatur und Tyrannei, für den sich auch der Einsatz des eigenen Lebens lohnt. Für Hemingway bedeutet diese Darstellung die Überwindung des Nihilismus, die im Grunde schon im Titel des Romans zum Ausdruck kommt, der einer berühmten Predigt des englischne Dichters John Donne (1572-1631) entnommen wurde.

Wenn somit dieser Roman für den Autor eine unbestreitbare entwicklungsgeschichtliche Bedeutung und zudem besondere literarische Qualitäten aufweist, so ist sein Einsatz im Englischunterricht dennoch nicht unproblematisch. Neben Richard Wrights Native Son und John Steinbecks The Grapes of Wrath gehört er mit seinen rund 415 eng bedruckten Seiten zu den umfangreichsten Romanen, die je für Unterrichtszwecke vorgeschlagen wurden. Schon von daher ist es praktisch unmöglich, das Werk umfassend oder gar systematisch zu besprechen.

Zudem ist die Thematik des Romans nicht direkt an das Vorwissen der Schüler anschließbar: will man Hemingways 'objektiv'-neutrale (keineswegs glorifizierende) Darstellung des Kriegs mit den historischen Fakten vergleichen, wird man auch für die Erarbeitung des Hintergrundes einige Zeit ansetzen müssen. Darüber hinaus gibt es keinen fachdidaktischen Beitrag, der dem Lehrer für die unterrichtliche Behandlung methodische Vorschläge bietet. Es gibt lediglich Vokabularien (Aschendorff), welche für die Lektüre des Romans herangezogen weden können. Somit bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, das Werk zur Schulung des extensiven Lesens einzusetzen und im Rahmen einer möglichen Unterrichtsreihe stark selektiv zu verfahren. Dies sollte nicht vor der Jahrgangsstufe 12/2 erfolgen.


Carson McCullers, The Ballad of the Sad Café (1944)

Carson McCullers' Ballade vom traurigen Café gilt gemeinhin als ihr literarisches Meisterwerk. Es spielt im Süden der Vereinigten Staaten, doch bleiben Ort und Zeit bewusst vage, um die universale Geltung und Zeitlosigkeit der Erzählung anzudeuten. Diese handelt von einer höchst merkwürdigen Dreiecksgeschichte.

Eines Tages taucht der bucklige Zwerg Lymon Willis auf und behauptet, mit der wohlhabenden Ladenbesitzerin Miss Amelia, der einflussreichsten Frau am Ort, verwandt zu sein. Zur allgemeinen Überraschung nimmt sie ihn nicht nur in ihr Haus auf und bewirtet ihn, sondern sie verändert auch ihr Verhalten gegenüber den Bewohnern der Stadt, indem sie ihren Laden in ein Café verwandelt. Darin steht Cousin Lymon im Mittelpunkt des sozialen Interesses. Zu diesem Zeitpunkt hat Miss Amelia bereits eine Ehe hinter sich, die nur zehn Tage anhielt. Sie hatte einst dem Werben des Webstuhlmachers Marvin Macy nachgegeben, einem Mann mit einer sehr unglücklichen Kindheit, der durch seine Liebe zu Miss Amelia völlig verwandelt zu sein schien. Sie indes erwiderte seine Gefühle nicht, nahm sein Geld und seine Geschenke, demütigte ihn öffentlich und verwies ihn ihres Hauses.

Nach langer Zeit kommt Marvin Macy zurück, und nun wendet sich Cousin Lymon offensichtlich Miss Amelias ehemaligem Gatten zu, der ihn seinerseits nicht beachtet bzw. zurückstößt. Die Atmosphäre zwischen Miss Amelia und Marvin Macy ist äußerst gespannt. Als es zum Kampf zwischen den beiden kommt und Macy zu unterliegen droht, greift Cousin Lymon zu dessen Gunsten ein. Miss Amelia wird besiegt, ihr Café zerstört, und die Stadt wirkt wie früher öde, leblos und verlassen.

Die Konstellation der Charaktere entspricht einer tragischen Kette. Formalisiert ausgedrückt: A liebt B, B liebt C, und C liebt wiederum A. Das heißt: jede Liebesbeziehung ist einseitig. Mehr noch: das Liebesdreieck wird von einem Dreieck des Hasses überlagert bzw. ergänzt. Jede Figur strebt für sich die Rolle des Liebenden an und empfindet eine mögliche Gegenliebe als Bedrohung für die eigene Persönlichkeit. Diese autobiographisch verwurzelte, pessimistische Liebesphilosophie wird nicht nur mit Hilfe der Figurenkonstellation dargestellt, sondern darüber hinaus im Text expressis verbis entwickelt. Sie sollte im Unterricht mit der Absicht zur Diskussion gestellt werden, den Schülern vor Augen zu führen, dass die Intention eines Autors nicht automatisch die ultima ratio bei der Rezeption und Interpretation literarischer Werke darstellt. Auch die Analyse der Metaphern und Symbole sowie die Ableitung balladentypischer (gattungstheoretischer) Merkmale aus dem Text sind lohnende Unterrichtsvorhaben.

Die Ballade vom traurigen Café ist ein Stück Literatur, das sich hervorragend für entdeckendes Lesen auf Seiten der Schüler eignet. Den bei Klett erschienenen Stundenblättern liegen erfolgreiche Erprobungen in den Jahrgangsstufen 12/2 und 13/1 zugrunde. Vor wenigen Jahren entstand eine sehr eindrucksvolle, relativ textgetreue Verfilmung mit Vanessa Redgrave in der Rolle der Miss Amelia; cf. examples of outstanding films.


Last Updated by Dr. Willi Real on Thursday, 10 September, 2009 at 11:25 AM.

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