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Knapptexte zu den einzelnen Romanen




  1. Romane des 19. Jahrhundert
  2. Unterhaltungsliteratur
  3. Kriminal-, Abenteuer-, Spionage-Romane, Thriller, Western
  4. Initiationsromane (Young Adult Novels)
  5. Schulromane
  6. Utopische Romane
  7. Sozialkritische Romane
  8. Minderheitenromane in Großbritannien
  9. Minderheitenromane in den U.S.A.
  10. Romane aus früheren Commonwealth-Ländern (Commonwealth Literature/New English Literatures)
  11. Literarische Klassiker
  12. Postmoderne Erzählliteratur




Vorbemerkungen: Zahlen und Tendenzen

I. Die Marktlage bietet ein sehr heterogenes Bild. Eine alphabetische Auflistung, in der lediglich zwischen britischen und nordamerikanischen Texten unterschieden wird, ist unbefriedigend. Wie soll man gruppieren, klassifizieren, kategorisieren, um dem Lehrer - unter Umständen in gemeinsamer Absprache mit den Schülern - die praktische Auswahl von Romanen zu erleichtern? Dazu werden im Folgenden einige Überlegungen angestellt.

II. Vorgegeben sind die Schul- und die Jahrgangsstufe, der Kurstyp, die zahlenmäßige und geschlechtliche Zusammensetzung von Klassen und Kursen, der Entwicklungs- und Leistungsstand. Da in diesem Kontext in aller Regel von Originaltexten ausgegangen wird, sind die Auswahlmöglichkeiten für die S I relativ stark eingeschränkt; nur zwei konkrete Empfehlungen werden in der Fachliteratur ausgesprochen (Howker und Kerr). Dazu kommen zum Einen etwa die Schulromane von Kleinbaum, Miklowitz und Rhue, zum Anderen vor allem Werke der Jugendliteratur, z.B. die von Gleitzmann, LeGuin, Levoy, Silver, Stinson und Wain sowie die Nordirlandromane von Carter und Lingard, aber auch Naidoos Journey to Jo'burg oder Sue Townsends humorvolles Tagebuch des Adrian Mole. Wegen der fließenden Grenzen zur S II werden solche Werke im folgenden nicht in einer eigenen Kategorie erfasst.

III. Romanlektüre ist wesentlich ein Problem der S II, wobei deutlich Romane des 20. Jahrhunderts bevorzugt werden, und hier besonders Werke, die nach dem Ende des zweiten Weltkriegs publiziert wurden. Romane aus der frühen Entwicklungsgeschichte des Romans (18. J.) sind gar nicht vertreten. Vorschläge bezüglich des 19. Jahrhunderts beziehen sich auf Charlotte Brontë, Charles Dickens, Robert Louis Stevenson, H.G. Wells und Oscar Wilde einer- sowie auf Henry James andererseits und dürften kaum zu den im Englischunterricht am meisten gelesenen Autoren gehören.

IV. Wie läßt sich indes das kaleidoskopartige Bild des 20. Jahrhunderts strukturieren? Zunächst sollte man der methodischen Problematik Rechnung tragen, dass der Einsatz eines Romans der Vorbereitung bedarf. Wenn von den Lernenden die Bewältigung eines umfangreichen Texts erwartet wird (ca. 200 Seiten sind die Regel, bis zu 500 Seiten die Ausnahme: vgl. Steinbeck, The Grapes of Wrath), müssen sie im kursorischen Lesen fremdsprachlicher Texte geübt sein. Zum Einen bieten sich dafür längere Erzählungen oder Kurzromane an (vgl. Sillitoe, The Loneliness of the Long-Distance Runner, McCullers, The Ballad of the Sad Café oder Steinbeck, Of Mice and Men).

Zum Anderen können aber auch Werke der Jugendliteratur hilfreich sein. Diese haben den Vorteil, dass sie in aller Regel jugendliche Figuren vorstellen und/oder die Ereignisse aus deren Sicht darstellen, wobei sogar mindestens vier Beispiele vorliegen, die aus einer wechselnden geschlechtlichen Perspektive verfasst sind und so möglicherweise sowohl männlichen wie auch weiblichen Lesern eine Identifizierung mit dem Erzähler/der Erzählerin erleichtern werden (Miklowitz, Zindel; vgl. auch Fowles' Psychothriller The Collector und Swindells utopischen Jugendroman Daz4Zoe).

In diesem Zusammenhang sind aber auch Romane zu nennen, die für die Unterhaltung des muttersprachlichen Lesers geschrieben wurden, also entweder eine spannungsgeladene Handlung aufweisen oder sich durch besonderen Humor auszeichnen. In die erste Gruppe fallen Kriminalromane (Chandler, Fleming, Highsmith), Thriller (Graham Greene), Spionageromane (Le Carré), Seefahrergeschichten (Conrad, Stevenson) oder Western (Schaefer). Zur zweiten Gruppe zählen so bekannte Werke wie Truman Capotes Breakfast at Tiffany's, John Steinbecks Tortilla Flat oder J.K. Jeromes Three Men in a Boat.

V. Darüber hinaus lassen sich folgende Genera unterscheiden. Bei den ausgewählten Romanen handelt es sich um Werke, die mehr oder minder realistisch angelegt sind, die in irgendeiner Form Wirklichkeit beschreiben. Dabei stellt eine erste Gruppe zunächst einmal solche Segmente vor, die den Jugendlichen vertraut sind, so dass sie an ihren Erlebnis- und Vorstellungshorizont anknüpfen. Das beste Beispiel in dieser Hinsicht bilden die sog. Schulromane, da diese unmittelbar auf die tägliche Erfahrungswelt der Schüler Bezug nehmen. Als Beispiele wären die Werke von Cormier, Hentoff, Kleinbaum, Peyton und Rhue zu nennen. Von hier her ist es nur ein kleiner Schritt bis zu solchen Werken, welche die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens thematisieren. Dies geschieht in sog. Initiationsromanen, wie sie zum Beispiel von Barstow, Craven, Bette Greene, Hill, Hines, Le Guin, Levoy, Salinger, Wain, Webb und vielen anderen Autoren vorgelegt wurden. Hier hat der Lehrer zwischen 40 Unterrichtsvorschlägen die Qual der Wahl.

Unternimmt man einen weiteren Schritt von einem Wirklichkeitsausschnitt bis hin zur Darstellung der Gesellschaft insgesamt, so sind sozial- oder gesellschaftskritische Romane zu nennen. Hier scheint das Spektrum möglicher Ausprägungen besonders groß zu sein. Es reicht von der Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft (Amis, Braine, Waine, Waterhouse) über die Darstellung von Klassengegensätzen (Sillitoe) bis hin zur Gesellschaftssatire (z.B. Waugh und Weldon auf britischer sowie West und Groom auf amerikanischer Seite) und zur Auseinandersetzung mit der Diktatur (Koestler). Die Liste dieser Autoren lässt sich verlängern durch so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Drabble, Kesey, Kosinski, Lessing, u.a.

Natürlich sind auch solche Romane einzubeziehen, die einen Gegenentwurf zur bestehenden Gesellschaft enthalten. Gemeint sind die utopischen Romanen, in aller Regel Anti-Utopien, für die u.a. Atwood, Bradbury, Burgess, Christopher, Golding, Huxley, Orwell, O'Brien, Shute und Wyndham repräsentativ sind. Es gibt nach wie vor Anzeichen dafür, dass vor allem die Utopien von Golding und Huxley sich großer Beliebtheit im Englischunterricht erfreuen. Darüber hinaus wurde Atwood's The Handmaid's Tale in NRW für das erste Zentralabitur im Jahre 2007 obligatorisch. Es steht zu erwarten, dass in den nächsten Jahren die Ministerien anderer Bundesländer ebenfalls Romane zu verbindlichen Abiturtexten erklären und dass somit administrative Vorgaben die Lektüreauswahl auf der Sekundarstufe II entscheidend beeinflussen.

Hinzu kommen die Minderheitenliteraturen. In bezug auf Nordamerika und die Gattung Roman sind vor allem die schwarzamerikanischen Autoren (Baldwin, Wright) oder die jüdische Minderheit (Malamud, Roth, West) zu nennen. In bezug auf Großbritannien sind vor allem die nordirischen Romanciers zu zitieren, z. B. Carter, Lingard, MacLaverty und Moore, aber auch auf Darstellungen des colour problem in England (Jones). Es erscheint mir eine erfreuliche Entwicklung zu sein, dass ebenso in anderen englischsprachigen Ländern (früheren Kolonien oder Commonwealth-Staaten) angesiedelte Romane für die Behandlung im Englischunterricht vorgeschlagen werden, so etwa Werke von Atwood (Kanada), Jhabvala (Indien), Gordimer und Matthee (Südafrika), Saro-Wiwa (Nigeria), Lindsay, Moloney und Disher (Australien), etc.

Angesichts der Vielfalt der Klassifikationsmerkmale war bisher noch nicht die Rede von der literarischen Qualität der Romane, die unabhängig von der thematischen Ausrichtung durch die Sprache, durch die Form und durch die Erzählweise bedingt ist. Der Lehrkraft, die besonders an der Diskussion literarischer Techniken im Englischunterricht interessiert ist, bieten sich vor allem zwei Autoren an, deren Werke dem postmodernen Erzählen zugerechnet werden: Barnes und Vonnegut. Den Kolleginnen und Kollegen, die nicht nur an der sachlichen Problemanalyse, sondern auch an formalen Fragen der Textinterpretation interessiert sind, stehen eine Reihe von Romanen zur Verfügung, die schon heute - da sie erfolgreich den "test of time" bestanden - als literarische Klassiker gelten, z.B. Fitzgerald, Hemingway, McCullers, Steinbeck. Dennoch wird deutlich, dass die Interessen der Literaturdidaktik und der Literaturwissenschaft weit auseinanderklaffen und dass der Schulalltag der praktizierenden Fachlehrer/Innen nur allzu oft durch den Mangel an verlässlichen Romaninterpretationen geprägt ist.


VI. Ungeachtet der Problematik aller Klassifikationsversuche ergibt sich, in Zahlen ausgedrückt, für Mitte März 2011 folgendes Gesamtbild:

(1) Sieben der für Unterrichtszwecke empfohlenen Romane sind im 19. Jahrhundert erschienen, nochmals acht Werke können der Unterhaltungsliteratur zugerechnet werden, während die Gruppe der Kriminal-, Abenteuerromane und Westerns insgesamt 15 Texte umfasst. Im Allgemeinen sind diese Romane eher für die private Schulung des extensiven Lesens als für den Einsatz in Grund- oder Leistungskursen geeignet. Auffällig ist, dass besonders viele dieser Titel im Reclam-Verlag veröffentlicht wurden.

(2) Die Initiationsromane nehmen eine deutliche Spitzenposition ein: 41 Beispiele dieser Gattung sind für Unterrichtszwecke aufbereitet worden, wobei in jüngster Zeit die Aktivitäten der Verlage Klett und Cornelsen besonders auffallen. Demgegenüber gibt es nur neun Vorschläge für den Einsatz von Schulromanen, die häufig ebenfalls eingangs der S II zu lesen sind.

(3) Bezüglich der Minderheitenliteraturen sind Nordirland, die Republik Irland mit acht und die Autoren schwarzer Hautfarbe in den U.S.A. mit sieben Titeln vertreten, während zur Zeit die jüdisch-amerikanische Literatur mit je einem Werk von Bernard Malamud und Philip Roth deutlich unterrepräsentiert ist. Ähnliches gilt für die Spanisch sprechende Minderheit. Hier sind zwei Romane zu nennen, nämlich Rudolfo Anayas Bless me Ultima und Ann Jaramillos Jugenroman La Línea. Bei letzterem handelt es sich um das Erstlingswerk einer in Südkaliforniern lebenden Schriftstellerin, die einen nahe der Grenze aufgewachsenen Mexikaner geheiratet hat, vor allem mexikanische Immigrantenkinder unterrichtet und von daher mit deren Schicksal bestens vertraut ist.
Auch The Joy Luck Club, der bekannte Roman der chinesisch-stämmigen Autorin Amy Tan, der sich mit der Identitätssuche chinesischer Immigrantinnen in den U.S.A. befasst, wurde hier eingeordnet. Somit werden insgesamt zwölf Beispiele für Minderheitenromane in den Vereinigten Staaten erfasst.

(4) Demgegenüber ist es erfreulich, dass aus dem Bereich der New English Literatures immerhin 15 Werke für Unterrichtszwecke angeboten werden, die inzwischen auf die Initiative von fünf Unternehmen zurückgehen, nämlich auf die der inzwischen aufgelösten Verlagsgemeinschaft Langenscheidt-Longman und neuerdings auf diejenigen der Verlage Cornelsen, Diesterweg, Klett und Reclam.

(5) Hinter dem Etikett der Sozialkritik verbergen sich immerhin 23 zum Teil sehr unterschiedliche Werke, und nicht ganz auf die gleiche Zahl (19) kommen die offenbar nach wie vor sehr beliebten utopischen bzw. anti-utopischen Romane.

(6) Auch eine Reihe literarischer Klassiker gehören im Unterricht zu den kanonischen Texten, während es offenbar die postmodernen Romane schwer haben, Eingang in die Schule zu finden. Die Ziffern neun für die erste bzw. sechs für die letzte Gruppe sprechen eine deutliche Sprache.

Unterscheidet man nach britischer und amerikanischer Literatur, ergibt sich ein Verhältnis von etwa 3:2 (99:72), wobei zu berücksichtigen ist, dass unter britischer Literatur auch die Republik Irland, Nordirland und die neuen Literaturen (insgesamt immerhin 22 Titel!) erfasst sind. Differenziert man nach Autorinnen und Autoren, ist das Verhältnis weniger günstig für das weibliche Geschlecht: nur ein knappes Drittel der vorliegenden Romane (52 an der Zahl) wurde von Frauen verfasst, so dass ein deutlich erkennbarer Nachholbedarf vorhanden ist. Insgesamt ergibt sich zur Zeit eine Palette von insgesamt 171 Romanen mit sehr variablen Auswahlmöglichkeiten und Schwerpunktsetzungen. Somit besteht eine gute Chance, dass Autoren und Texte einerseits sowie Schüler- und Lehrerinteressen andererseits zur Deckung kommen.


Last Updated by Dr. Willi Real on Friday, 11 March 2011 at 11:35 AM.

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