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Kriminal-, Abenteuer-, Spionage-Romane, Thriller, Western




Joseph Conrad, Heart of Darkness (1902)

Dieses Werk Joseph Conrads ist eigentlich kein Roman, sondern eine Erzählung, die allerdings mit 120 Seiten den Umfang einer Short Story bei weitem übertrifft.

Der englische Kapitän Charles Marlow träumt seit frühester Kindheit davon, per Schiff in möglichst unbekannte Regionen dieser Erde vorzudringen. Er bemüht sich bei einer Handelsgesellschaft mit Erfolg um ein Bordkommando, das ihn am Äquator flussaufwärts zu einer ihrer Niederlassungen führen soll. Auf seiner Reise macht er eine Reihe von merkwürdigen und schwer verständlichen Erfahrungen. Dies kann dadurch bedingt sein, dass Sinneswahrnehmungen im afrikanischen Dschungel oder bei Dunkelheit und Nebel nur mühsam erfolgen und dadurch gefährliche Situationen entstehen. Zudem dringt der Kapitän in eine für ihn fremde Welt ein, wenn er etwa sieht, wie Menschen (Kriminelle oder Sklaven?) in einer chain gang arbeiten. Es ist eine Zeit, in welcher der Anblick eines Dampfers Schrecken und das Auslösen einer Schiffssirene Entsetzen verbreitet. Zugleich werden die Weißen von den Schwarzen nicht nur als übernatürliche, gottähnliche Wesen angesehen, sondern wertvolles afrikanisches Elfenbein wird darüber hinaus lediglich mit Glasperlen bezahlt.

Immer häufiger hört Marlow von einem gewissen Mr Kurtz, einem geheimnisvollen und geradezu legendären Elfenbeinagenten, der auf einer Station in Zentralafrika für die gleiche Handelsgesellschaft arbeitet. Kurtz ist dafür bekannt, dass er sich allein weit in den Dschungel vorwagt, unbekanntes Gebiet erforscht und dabei Elfenbein in großen Mengen zusammenrafft. Er hat stets ehrgeizige Pläne und ist offenbar eine starke und einflussreiche Persönlichkeit. Als Marlow endlich auf den Agenten trifft, ist dieser todkrank und stirbt wenig später. Auch wenn der Kapitän zu der Überzeugung kommt, dass der Agent seinen Distrikt ruiniert hat, unterliegt er der Faszination dieses außergewöhnlichen Mannes. Kurtz bleibt für ihn ein ewiges Rätsel, ein Geheimnis, so wie es seine generelle Überzeugung ist, dass es unmöglich sei, die Realität adäquat in Worte zu fassen.

Somit hat auch der Titel der Erzählung, der auf Zentralafrika anspielt, weiter reichende Implikationen. In ähnlicher Weise ergeben sich aus dem ständig im Text wiederkehrenden Schlüsselbegriff darkness Assoziationen an Kolonialismus, Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg. Auf diesem Umstand basieren auch die engen Verbindungen zu Frances F. Coppolas Apocalypse Now, einer inzwischen als klassisch geltenden Verfilmung des Vietnamkriegs, die nur vier Jahre nach seiner Beendigung (im Jahre 1979) in die Kinos kam. Dieser Film, in der Marlon Brando den zwielichtigen amerikanischen Oberst Kurtz spielt, ist ähnlich vielschichtig wie die Vorlage. Auch wenn Film und Fiktion mit unterschiedlichen Mitteln arbeiten, bedeutet Coppolas Werk eine Aktualisierung der literarischen Thematik in einem neuen Kontext.

Die einsträngige Handlung der Erzählung wird chronologisch erzählt und führt in eine nicht nur geographisch entfernte, exotische Welt. Joseph Conrad bedient sich dabei einer zusammenfassenden Erzählweise, in der (wie z. B. bei Henry James) nur selten Dialoge vorkommen. Der Zugang zum Text fällt insofern nicht leicht, als die Relevanz der geschilderten Ereignisse für den Kontext spät erkennbar wird. Erst ganz allmählich verdichtet sich das Netz der Informationen über Kurtz, und es wird dem Leser nur langsam bewusst, dass dieser im Zentrum der Erzählung steht. Zudem sind die sprachlichen, vor allem die lexikalischen Anforderungen nicht eben niedrig. In der Reihe der "Fremdsprachentexte" ist zwar bei Reclam seit 1995 eine didaktische Ausgabe verfügbar, doch steht zu vermuten, dass das Werk als Unterrichtslektüre jugendliche Leser heute kaum mehr ansprechen wird.


Raymond Chandler, Killer in the Rain (1935)

Ein nicht namentlich eingeführter Detektiv, der zugleich als Ich-Erzähler fungiert, erhält von Mr Dravec den Auftrag, ihm den Liebhaber seiner Tochter, einen gewissen Mr Steiner, vom Halse zu schaffen, wobei die anzuwendenden Methoden nicht näher konkretisiert werden. Offiziell handelt Steiner in Los Angeles mit kostbaren Büchern, von denen indes später bekannt wird, dass sie in Wirklichkeit pornographischer Natur sind. Während der Detektiv im Regen vor Steiners Haus wartet, geschieht drinnen ein Mord: als er die Wohnung betritt, liegt Steiner, von drei Kugeln getroffen, am Boden, Carmen Dravec schaut, offenbar unter Drogeneinfluss, völlig unbekleidet in eine Kamera, und der Mörder hat die Flucht ergriffen.

Der Detektiv bringt zunächst die völlig verstörte junge Frau nach Hause, kehrt dann aber nochmals an den Tatort zurück, um die Negative von Photos zu finden, die möglicherweise als Grundlage einer Erpressung dienen können. Doch ist der Film genau so verschwunden wie die Leiche, und die Spuren des Mordes sind nur notdürftig beseitigt. Am nächsten Morgen wird Carl Owen, der als Chauffeur für Dravec arbeitete, in seinem Wagen tot aufgefunden, wobei unklar bleibt, ob ein Mord, Selbstmord oder Unfall vorliegt.

Der Erzähler verfolgt in einem Taxi einen LKW-Fahrer, der von Steiners Geschäft aus eine Ladung von Büchern zu einem gewissen Mr Marty bringt, einem früheren Liebhaber Carmens, der von ihr des Mordes an Steiner bezichtigt wird. Doch wahrscheinlich ist Carl Owen Steiners Mörder, der bei seiner Tat von Marty überrascht und möglicherweise anschließend in den Tod getrieben wurde. Hinter all diesen Verbrechen steht die Liebe eines Mannes zu seiner Pflegetochter, welcher ihre Liebhaber nicht akzeptieren kann. In einer tätlichen Auseinandersetzung mit Marty, die von dem eifersüchtigen Dravec ausgeht, kommen beide ums Leben.

Schon diese kurze Zusammenfassung zeigt, dass der Kurzroman eine sehr komplizierte, aber auch aktions- und spannungsreiche Handlung aufweist. Der Detektiv handelt im Interesse seines Klienten und arbeitet nicht primär an der Aufklärung des Falles, bei dem infolge der vielen, innerhalb weniger Tage auftretenden Todesfälle auch für die Polizei Einiges rätselhaft bleibt: die Lösung beruht nicht auf Fakten, sondern nur auf Vermutungen, die allerdings hochgradig wahrscheinlich sind. Die Dialoge dominieren dieses Werk: diese sowie die zahlreichen parataktischen Satzkonstruktionen erleichtern dem fremdsprachlichen Leser den Zugang zum Text. Die sehr ökonomische Erzählweise erfordert einen für die Lektüre einer Kriminalerzählung relativ hohen Konzentrationsaufwand und ist von daher für die Schulung des extensiven Lesens besonders geeignet.

In der vorliegenden Reclamausgabe werden einerseits die zahlreichen, zum amerikanischen Slang gehörenden Ausdrücke in Fußnotenform einzeln kommentiert, andererseits Chandlers sprachliche Auffälligkeiten allgemein charakterisiert. Sie schafft damit auch für den fremdsprachlichen Lernenden die Grundlage für ein ungetrübtes Lesevergnügen, das für Schüler von der Jahrgangsstufe 11/2 an möglich sein sollte.


Raymond Chandler, The Big Sleep (1939)

Der Privatdetektiv Mr Marlowe, der zugleich als Ich-Erzähler fungiert, erhält von dem todkranken General Sternwood den Auftrag, ihm den Liebhaber seiner Tochter, einen gewissen Mr Steiner, vom Halse zu schaffen, wobei zwar die anzuwendenden Methoden nicht näher konkretisiert werden, der General aber offenbar nur an legale Mittel denkt. Offiziell handelt Steiner in Los Angeles mit kostbaren Büchern, von denen indes später bekannt wird, dass sie in Wirklichkeit pornographischer Natur sind. Während der Detektiv im Regen vor Steiners Haus wartet, geschieht drinnen ein Mord: als er die Wohnung betritt, liegt Steiner, von drei Kugeln getroffen, am Boden, Carmen Sternberg schaut, offenbar durch Äther betäubt, völlig unbekleidet in eine Kamera, und der Mörder hat die Flucht ergriffen.

Der Detektiv bringt zunächst die völlig verstörte junge Frau nach Hause, kehrt dann aber nochmals an den Tatort zurück, um die Negative von Photos zu finden, die möglicherweise als Grundlage einer Erpressung dienen können. Doch ist der Film genau so verschwunden wie die Leiche, die Spuren des Mordes sind notdürftig beseitigt. Am nächsten Morgen wird in seinem Wagen Owen Taylor tot aufgefunden, der als Chauffeur für Sternwood arbeitete, wobei unklar bleibt, ob ein Mord, Selbstmord oder Unfall vorliegt.

Der Erzähler verfolgt in einem Taxi einen LKW-Fahrer, der von Steiners Geschäft aus eine Ladung von Büchern zu einem gewissen Joseph Brody bringt, einem früheren Liebhaber Carmens, der von ihr des Mordes an Steiner bezichtigt wird. Doch wahrscheinlich ist Carl Owen Steiners Mörder, der bei seiner Tat von Brody überrascht und möglicherweise anschließend in den Tod getrieben wurde.

Dies ist die Ausganssituation in The Big Sleep: sie ist nahezu identisch mit der Handlung des Kurzromans Killer in the Rain, der ursprünglich in einem pulp magazine veröffentlicht wurde. Identisch sind die Figuren Carmens und Steiners, aber auch die des Chauffeurs und Joseph Brodys, selbst wenn die Namen teilweise ersetzt wurden. Allein der Auftraggeber ist gänzlich anders konzipiert: der General ist ein alter, sterbender Mann, dem es nicht mehr um eigene Ambitionen, sondern nur noch um die Ehre der Familie geht.

Daraus resultieren Änderungen für das weitere Geschehen. Natürlich ist General Sternwood nicht mehr in der Lage, sich mit dem ehemaligen Liebhaber seiner Tochter auseinanderzusetzen. Stattdessen wird Joseph Brody aus Rache von Carol Lundgren erschossen, der Marlowe zu Steiners Leiche führt und anschließend von dem Detektiv der Polizei übergeben wird. Wesentliche Konsequenzen für die Handlungsführung ergeben sich auch aus der Tatsache, dass die Figur der älteren Schwester Carmen Sternwoods, Mrs Vivian Regans, deutlich an Profil gewinnt. Vivian ist dem Glücksspiel verfallen. Ihr Freund und Helfer in solchen Situationen ist der Kasinobesitzer Eddy Mars, ein eiskalt und langfristig planender Krimineller, der für die schmutzige Arbeit seinen eigenen Killer beschäftigt.

Auch beim Verschwinden von Vivians Ex-Mann, das lange rätselhaft bleibt, hat Eddy Mars seine Finger im Spiel, indem er vortäuscht, Regan sei mit seiner eigenen Frau durchgebrannt. In Wirklichkeit weiß er zu gut, dass Regan von dessen Schwägerin Carmen umgebracht worden ist: sie fühlte sich durch die Ablehnung ihrer Annäherungsversuche gedemütigt. Über diesen Sachverhalt wurde der alte General nicht unterrichtet, so dass er ohne den Stolz verletzende Gedanken in seinen letzten großen Schlaf (vgl. Titel) fallen kann. Eddy Mars ist in diesem Roman die kriminelle Schlüsselfigur. Ob er und Carmen Sternwood für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden können, bleibt im Text offen.

Schon mit Steiners Tod ist eigentlich Marlowes Auftrag zu Ende. Doch ist für ihn der Fall erst gelöst, wenn das Verschwinden Regans geklärt ist, und so verfolgt er seine Spuren bis zum Ende, ohne einen formellen Auftrag dafür zu haben. Diese formieren sich aus zahllosen Puzzleteilchen erst ganz allmählich zu einer Gesamtheit. Der Leser muss sehr viele Einzelheiten im Gedächtnis behalten, wobei es gerade bei der ersten Lektüre schwierig ist, Wesentliches und Unwesentliches voneinander zu unterscheiden. Es wird in epischer Breite erzählt, und trotz der zahlreichen Mord- und Todesfälle ist die Handlung streckenweise langatmig. Das Bild, das dabei von der amerikanischen Gesellschaft der dreißiger Jahre entsteht, ist außerordentlich düster: sie ist von Korruption und Kriminalität durchsetzt. Für Krimifreunde mag ein solcher Roman attraktiv sein, für Unterrichtszwecke erscheint mir sein kompakterer Vorgänger eher zu empfehlen. Vom sprachlichen Anspruch her wäre ein Einsatz frühestens von Klasse 12/1 an denkbar.


Jack Schaefer, Shane (1949)

An der Gattung des Western scheiden sich die Geister: einerseits gibt es nach wie vor viele begeisterte Leser dieses Romantyps, andererseits gibt es praktisch keine Textbeispiele, die von Literaturwissenschaftlern ernst genommen und einer umfassenden Analyse unterzogen wurden. Auch um die Didaktik dieses Genus ist es schlecht bestellt. Zwar gibt es für die Schule edierte Western Stories und ebenso Unterrichtsmaterial zum Mythos der frontier, aber es gibt meines Wissens nur einen Fachaufsatz, der für den Einsatz eines Romans der Gattung Western im Englischunterricht eine Lanze zu brechen versucht. Der Verfasser dieses Aufsatzes ist Peter Bruck (vgl. bibliographische Übersicht); er setzt sich für den Roman Shane von Jack Schaefer ein, auf dessen Einband der Erstausgabe eine Szene aus der gleichnamigen Verfilmung gezeigt wird.

In diesem Werk berichtet ein noch sehr kindlicher Erzähler in der ersten Person über einen zurückliegenden, etwa vier Monate andauernden Lebensabschnitt. Schauplatz ist das westliche Wyoming im Jahre 1889. Zu der Zeit herrscht ein ständiger Streit zwischen Farmern und Viehzüchtern um ein bestimmtes Tal. Die einen wollen dieses in seinem ursprünglichen Zustand belassen (die Prärie als Weideland für ihre Tiere nutzen), die anderen dagegen die Wildnis in ein kultiviertes Land verwandeln. Der Ich-Erzähler Bob Starret gehört zur Gruppe der Farmer, und sein Vater Joe ist der einzige, der den Viehzüchtern und ihrem kriminellen Anführer Luke Fletcher zu trotzen wagt. Es ist auffällig, dass in dieser Auseinandersetzung nur die Führer, nicht aber die Anhänger der beiden Parteien ein individuelles Profil erhalten.

Die Mehrzahl der Bevölkerung hat in dieser klischeehaften Konfrontation von Gut und Böse nur die Funktion von Statisten, die zugleich gegensätzliche Interessen und unterschiedliche zivilisationsgeschichtliche Entwicklungsstufen verkörpern. Und das Gute droht zu unterliegen, weil Joe Starret fürchten muss, mit seinen vergleichsweise bescheidenen Schießkünsten dem verbrecherischen Gegenspieler Luke Fletcher nicht gewachsen zu sein.

In dieser Situation erscheint ein geheimnisvoller Fremder, der Titelheld Shane, der sich von Anfang an auf die Seite der Farmer stellt, sich als ihr Beschützer erweist und schließlich in einem Duell Luke Fletcher tötet. Damit wird er zwar zum Retter einer bedrohten Lebensgemeinschaft, nicht aber zu einem ihrer Mitglieder. Einerseits hat er der Gerechtigkeit zum Siege verholfen, andererseits bleibt er mit dem Makel des Tötens behaftet und zieht weiter. Nur in der Sicht des Erzählers wird Shane zu einer überragenden Vaterfigur, für die er seine kindlich-naive Bewunderung zum Ausdruck bringt.

Es gibt wohl kaum eine Gattung, deren Merkmale so eindeutig beschreibbar sind wie die des Western. Wohl kaum ein anderes literarisches Genus hat aber auch so eindeutige Bezüge zur amerikanischen Geschichte und Kultur. Die Western-Enthusiasten unter den Lehrern haben nur zwei Möglichkeiten. Entweder sie wählen ihren eigenen Text, indem sie auf eine Schulausgabe mit ihren vielfältigen Hilfen wie sprachlicher, sachlicher und methodischer Apparat, Einleitung, etc. verzichten, oder aber sie entscheiden sich für Schaefers Shane, um aus dem o.g. Artikel zahlreiche interpretatorische und gattungstheoretische Anregungen für die Vorbereitung ihrer Englischstunden zu übernehmen. Mit knapp 120 Seiten sollte der Roman die Schüler von der Klasse 11/1 an nicht überfordern.


Graham Greene, The Third Man (1950)

Wer kennt ihn nicht, den weltberühmten Film mit Orson Welles und dem Zithermotiv (dt. Titel: Der dritte Mann)? Nach des Autors eigenem Eingeständnis war der Text nur dazu bestimmt, gesehen, nicht gelesen zu werden. Ob indes der Roman oder die Filmversion besser gelungen ist, mag dahingestellt bleiben.

Die Handlung spielt Ende der 40er Jahre in Wien, als die österreichische Hauptstadt einem Vier-Mächte-Status unterlag. Der Amerikaner Rollo Martins, der unter dem Pseudonym Buck Dexter regelmäßig Western-Romane veröffentlicht, wird von seinem ehemaligen besten Freund Harry Lime nach Wien eingeladen, wo er offiziell als Vertreter des internationalen Flüchtlingsbüros arbeitet. Als Martins eintrifft, wird Harry Lime gerade beerdigt. Offenbar ist er überfahren worden, doch sind die Angaben über seinen Tod bruchstückhaft und teilweise widersprüchlich. Martins glaubt bezüglich des Unfalls nicht an seines Freundes Schuld und beginnt, die genauen Umstände zu ermitteln. Er bringt in Erfahrung, dass Lime durch zwei Männer von der Straße getragen wurde, aber ein zufälliger Anwohner und Zeuge spricht von der Anwesenheit eines dritten Mannes (vgl. Titel). Bevor Martins dessen Aussagen überprüfen kann, ist dieser ebenfalls tot: augenscheinlich ist ihm sein Wissen zum Verhängnis geworden.

Rollo Martins sieht sich nun in seinem Verdacht bestätigt, da die beiden Todesfälle kaum zufällig sein können, und es wird ihm auch klar, dass sein eigenes Leben gefährdet ist. Vom Chef der britischen Polizei, Colonel Calloway, erfährt er, dass Harry Lime in dunkle Geschäfte verwickelt war und durch den Schwarzhandel mit wertvollem Penizillin riesige Summen verdiente. Dann nimmt die Handlung eine überraschende Wendung: Rollo Martins trifft auf jemanden, der seinem Freund verblüffend ähnlich sieht. Es gelingt ihm, diesen Mann ausfindig zu machen: tatsächlich ist Harry Lime noch am Leben. Er hat seinen eigenen Tod inszeniert, um die Polizei in die Irre zu führen und in der russisch besetzten Zone unterzutauchen. Rollo Martins entschließt sich, für die britische Polizei als Lockvogel zu arbeiten. Der Plan gelingt: nach einer Verfolgungsjagd durch das unterirdische Kanalsystem der Stadt wird Harry Lime erschossen. Mit seiner 'zweiten' Beerdigung schließt der Roman.

Die Ereignisse, die aus der Sicht Colonel Calloways geschildert werden, sind auf wenige Tage zusammengedrängt. Wie mit dem Auge einer Kamera wird die Handlung präsentiert. Rasch wird deutlich, dass sich die Wege der einstigen Schulfreunde getrennt haben. Der eine ist ein mäßig erfolgreicher Romancier, der andere ein skrupelloser Geschäftemacher geworden, dem auch das Leben von Kindern nichts gilt und der in zynischer Weise deren Tod mit dem Hinweis auf die kaum lebenswerten Bedingungen in den Nachkriegswirren zu rechtfertigen versucht.

Doch geht es dem Autor nicht primär um den Konflikt zwischen den Wertevorstellungen der ehemaligen Freunde, sondern um die Präsentation einer spannungsgeladenen Story und um die Unterhaltung des Lesers. Der Roman liegt seit 1985 in einer annotierten und kommentierten Ausgabe bei Reclam vor. Wie bei anderen Produkten dieses Verlages handelt es sich um ein literarisches Werk, das zur Schulung des extensiven Lesens besonders geeignet ist. Vom sprachlichen Anspruch und vom Umfang her ist der Text etwa von der Jahrgangsstufe 11/2 an einzusetzen.


Graham Greene, The Quiet American (1955)

Dieser Roman erzählt eine Liebesgeschichte vor einem exotischen Hintergrund: der Schauplatz wechselt zwischen Saigon, Hanoi und anderen Orten Vietnams, und zwar zu einer Zeit, als sich die Kolonialmacht Frankreich wachsenden Angriffen der einheimischen Rebellen ausgesetzt sah, zugleich aber auch offenbar Amerikaner und Chinesen eigene politische Interessen im Lande verfolgten.

Die Handlung wird aus der Sicht des britischen Reporters Thomas Fowler erzählt, dessen Ehe mit einer englischen Frau ihn nicht daran hindert, sich die Vietnamesin Phuong als Geliebte zu halten. Der Titelheld ist der Amerikaner Alden Pyle, der in der Botschaft seines Landes arbeitet und der sich in Phuong verliebt. Zwischen Fowler und Pyle ist kaum ein größerer Kontrast vorstellbar. Fowler sieht sich selbst als neutralen Berichterstatter, der Fakten sammelt und publiziert, der keine Skrupel hat, Phuong lediglich als Objekt zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse zu benutzen. Aber auch, wenn Fowler die Menschen verachtet und nicht an Gott glaubt, ist er doch jemand, der den Krieg hasst, weil dieser unschuldige Zivilisten und vor allem Kinder tötet, d.h. dass er mehr ist als ein distanzierter Egoist und scharfzüngiger Zyniker. Auf der anderen Seite ist Pyle ein Idealist, der weder die Franzosen noch die Vietnamesen unterstützt, vielmehr an den Erfolg einer "dritten Kraft" glaubt und daher auf eigene Faust politisch aktiv wird.

Fowler gegenüber ist Pyles Verhalten von absoluter Fairness bestimmt. So nimmt er eine lange und gefährliche Reise auf sich, um dem Reporter seine Gefühle für Phuong zu offenbaren, bevor er sich um sie bemüht. Diese aber bleibt zunächst Fowler treu, weil er ihr fälschlicherweise sagt, er strebe die Scheidung von seiner Frau an und diese sei damit einverstanden. Als Phuong den Betrug durchschaut, entscheidet sie sich für Pyle, der zudem in einer kritischen Situation Fowler das Leben rettet.

Dennoch stellt sich die Frage, wem letztlich die Sympathien des Autors und des Lesers gehören, denn allmählich wird deutlich, dass Pyle mit Plastikbomben Anschläge vorbereitet und dabei auch auf das Leben von Zivilisten und Kindern keine Rücksicht nimmt. Schließlich wird er selbst Opfer eines Attentats, wobei Fowler als Lockvogel für Pyles Killer fungiert. Daraufhin kehrt Phuong zu Fowler zurück, nachdem dessen Frau doch in die Scheidung eingewilligt hat.

Dieses Werk, das kaum zu Graham Greenes gelungensten Romanen zählt, ist nur schwer durchschau- und klassifizierbar. Erzählt wird aus der Rückschau: die Handlung setzt ein mit dem Tod des "stillen Amerikaners". Erzählt wird aber nicht kontinuierlich, vielmehr werden viele Details ausgespart oder nur angedeutet. Es entsteht eine nicht immer geglückte Mischung aus Kriegsberichterstattung und Liebesgeschichte, die zudem mit Grundsatzdebatten (neutrale Passivität oder persönliches Engagement?) durchsetzt ist. Zudem ist weder die Kontrastierung des Erzählers und des Titelhelden noch die Charakterisierung Phuongs gelungen. Letztere bleibt konturenlos: sie spielt die Rolle einer ergebenen Dienerin, die stets zum Mischen von Fowlers Opiumpfeifen bereit ist. Auch wirkt Phuongs Rückkehr zu Fowler forciert, weil ihre Motivation im Dunkeln bleibt.

Sprachlich ist der Roman keineswegs einfach. Zudem sind umfangreiche Hintergrundkenntnisse vonnöten, um die zahlreichen Anspielungen zu verstehen, die eine zügige Lektüre erschweren. Frühestens von der Klasse 11/2 an ist ein Einsatz im Englischunterricht vorstellbar. Ob es gelingt, dieses Werk problemlos in den Verstehenshorizont der Schüler zu bringen, erscheint eher zweifelhaft.


Patricia Highsmith, The Talented Mr Ripley (1955)

Der mäßig talentierte amerikanische Maler Dick Greenleaf hat sich nach Italien zurückgezogen, um Landschaftsbilder zu malen. Von dessen Vater wird der Titelheld Tom Ripley beauftragt, den Maler zur Rückkehr nach Amerika zu bewegen. Ripley träumt von einem Leben ohne finanzielle Sorgen und erkennt in der Bekanntschaft mit Dick Greenleaf eine einmalige Chance. Je mehr er ihn kennenlernt, desto besser ist er imstande, sich in die Lage seines Gegenübers zu versetzen und sich mit ihm zu identifizieren. Auf einer Bootsfahrt, an der nur sie beide teilnehmen, bringt Tom Ripley den Maler um, ohne Spuren zu hinterlassen. Viel interessanter als dieses 'perfekte' Verbrechen ist indes im folgenden die Frage, ob es Tom gelingen wird, unter dem Namen seines Opfers weiterzuleben. Das heißt: aus Tom Ripley wird Dick Greenleaf, der Mörder nimmt die Identität des Künstlers an.

An den talentierten Mr Ripley werden wiederholt hohe Anforderungen gestellt, und mehr als einmal gerät er unter Druck. Schließlich muss er im Einklang mit der Vergangenheit des Opfers handeln, muss dessen Handschrift, Unterschrift, Bankauszüge, etc. so erfolgreich fälschen, dass kein Verdacht geschöpft wird. Mehr als einmal wird seine Lage sehr kritisch, doch gelingt es ihm immer wieder, sich mit Einfallsreichtum und Verstellungskunst dem Zugriff der Polizei zu entziehen. Mit einem weiteren Schachzug gewinnt er seine wahre Identität zurück: er erklärt Dicks Verschwinden mit Selbstmord und produziert dazu einen gefälschten Brief, mit dem er sich selbst als Generalerben des Malers einsetzt. Die Folge ist, dass die Ermittlungen in dem Mordfall eingestellt werden und die Verbrechen des Verstellungs- und Verwandlungskünstlers Tom Ripley ungesühnt bleiben.

Damit wird deutlich, dass die Autorin ohne die gängigen Klischees eines Kriminalromans auskommt, dass sie eine Handlungsführung präsentiert, die nicht ungewöhnlicher sein könnte. Patricia Highsmith treibt mit dem Leser ein raffiniertes Spiel. Tom Ripley ist ein Mensch, der sich nicht von anderen unterscheidet, dessen Wunsch nach einem nicht von finanziellen Sorgen belasteten Leben allzu verständlich erscheint. Der Großteil der Handlung wird nicht aus der Opfer-, sondern aus der Täterperspektive geschildert. Die Spannung resultiert nicht, wie sonst üblich aus der Frage, ob die Ergreifung des Täters gelingt, sondern ob dieser imstande ist, seine Ergreifung und Demaskierung zu verhindern.

Der Leser erlebt einen letztlich erfolgreichen Drahtseilakt, bei dem das Legen falscher Spuren die Polizei in die Irre führt, die Manipulation der Rechtshüter erfolgreich ist sowie Einfallsreichtum und Phantasie über routinemäßige Ermittlungen triumphieren. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass von diesem Verbrecher eine so große Faszination ausgeht, dass der Leser mit ihm sympathisiert. Steht dahinter die Botschaft der Autorin - sofern es eine gibt - dass in jedem von uns ein potenzieller Mörder steckt?

In der ELT-Ausgabe umfasst der Roman fast 250 Seiten, die jedoch wegen des geringen Prozentsatzes an unbekannten Vokabeln selbst im Grundkurs leicht bewältigt werden können. Der Lehrer, der auf extensives Lesen setzt, um die Reaktivierung, Umwälzung und Internalisierung lexikalischer und grammatischer Strukturen zu erreichen, trifft mit der Entscheidung für diesen ungewöhnlichen Kriminalroman eine gute Wahl. Spannung und Lesefreude kommen sicherlich von der Klasse 11/2 an nicht zu kurz.


John Le Carré, Call for the Dead (1961)

Der 44jährige Samuel Fennon, jüdischer Mitarbeiter des britischen Außenministeriums, wird routinemäßig auf seine frühere Zugehörigkeit zur kommunistischen Partei überprüft. Wenig später ist er tot. Was zunächst wie ein Selbstmord aussieht, erweist sich sehr bald mit immer größerer Wahrscheinlichkeit als Mord. Der Geheimagent George Smiley, der dieses Problem klären soll, entgeht selbst mit knapper Not dem Tode. Scotland Yard und das britische Verteidigungsminsterium werden eingeschaltet. Was folgt, ist eine sehr spannend erzählte und höchst komplizierte Spionagegeschichte mit mehreren Folgemorden. Schließlich stellt sich heraus, dass nicht Samuel Fennon, sondern seine Frau aktiv Spionage betrieb und dass die Serie von Verbrechen dadurch ausgelöst wurde, dass ein früherer Schüler George Smileys und aktiver Agent das Zusammentreffen zwischen Smiley und Fennon beobachtete und deswegen seine eigene Enttarnung fürchtete.

Die Handlung wird nicht chronologisch erzählt, sondern systematisch mosaiksteinartig Stück für Stück zusammengesetzt. Die Rekonstruktion der Zusammenhänge ist für den Leser nicht einfach, aber reizvoll, da sie jegliche Ansätze von Klischeebildung und Schwarzmalerei konsequent vermeidet. Der Agent George Smiley, der auch in späteren Werken des Autors (z. B. in dem 1963 erschienenen Bestseller The Spy Who Came In From the Cold) eine zentrale Rolle spielt, hat mit einem Gewalt akzeptierenden Superagenten à la James Bond nichts gemeinsam. Somit liegt ein Roman vor, der weniger für die ergiebige Textanalyse als für die Schulung des extensiven Lesens geeignet ist. Die jüngst bei Reclam erschienene Ausgabe weist die üblichen Merkmale der Fremdsprachentexte dieses Unternehmens auf: ein mit Zeilenzählung versehener Text, Annotationen, ein ausführliches Nachwort und eine Bibliographie.

Unabhängig davon existiert bei Klett ein Easy Reader der Stufe C, der auf einem Wortschatz von 1800 lexikalischen Einheiten basiert und damit das literarische Original erheblich vereinfacht. Diese Lektüre weist die reihenüblichen Merkmale auf, d.h. einen sehr knappen Sprach- und Sachkommentar, gelegentliche Illustrationen des Textes und einen relativ bescheidenen methodischen Apparat. Für die Schulung des extensiven Lesens ist sie etwa vom Ende des dritten Lernjahres an einzusetzen, wobei es für die Lernenden nicht immer einfach sein dürfte, angesichts der mosaikartig dargebotenen Handlung den Überblick zu bewahren.


John Fowles, The Collector (1963)

Dieser Erstlingsroman von John Fowles ist ein ungewöhnliches, fesselndes und teilweise erschütterndes Buch. Der junge Verwaltungsangestellte Frederick Clegg hat Glück im Totospiel. Er gewinnt soviel Geld, dass er als gemachter Mann für die Zukunft finanziell unabhängig wird. Aus Dankbarkeit schenkt er einen Teil seines Geldes seiner Tante, die den "einsamen Wolf" erzogen hat und die daraufhin beschließt, zusammen mit ihrer behinderten Tochter Mabel einen Bruder in Australien zu besuchen.

Frederick, der gleichzeitig als (subjektiv eingeschränkter) Ich-Erzähler des umfangreichen ersten Romanteils fungiert, erwirbt eine Art Wohnmobil und vor allem ein sehr entlegenes Landhaus. Dorthin entführt er eines Tages das Mädchen seiner Träume, die Kunststudentin Miranda Grey, und hält sie ca. zweieinhalb Monate im Keller seines Hauses gefangen, ohne dass die Umwelt davon erfährt oder die Polizei eine Spur findet. Dies ist die Ausgangssituation, die fast das gesamte Romangeschehen dominiert: die Zwei-Personen-Beziehung zwischen Täter und Opfer, zwischen Geisel und Geiselnehmer, zwischen Protagonist und Antagonistin. Die dabei zu beobachtende Ökonomie der erzählerischen Mittel ist ebenso beeindruckend wie die Intensität der dargestellten Emotionen.

Dem aufmerksamen Leser wird sehr rasch klar, dass Frederick Clegg ein nicht normaler, unzuverlässiger Erzähler ist, welcher einer psychotherapeutischen Behandlung bedarf und dass die gewaltsame Entführung des geliebten Mädchens eine Kompensation für seine Kontaktunfähigkeit darstellt. Doch bemüht sich Frederick um eine faire Behandlung Mirandas und versucht, mit ihr akzeptable Bedingungen für das erzwungene Zusammenleben auszuhandeln. Mit Ausnahme des Wunsches nach Freiheit erfüllt er ihr jeden Wunsch.

Anfänglich ist das Verhältnis der beiden von einem Wechsel zwischen Misstrauen und Vertrauen und entsprechenden Stimmungsschwankungen gekennzeichnet. Miranda unternimmt mehrere Fluchtversuche: sie versucht mit allen Mitteln der Überredungskunst und mit dem Einsatz weiblicher Waffen die Freiheit zu erlangen - aber vergeblich. Die Auseinandersetzung mit ihrem Entführer wird schließlich für sie zum reinen Überlebenskampf: der Konflikt eskaliert, die Distanz zwischen beiden wird größer und die Hemmschwelle gegenüber aggressiven Akten herabgesetzt. Das Ringen der so gegensätzlichen Persönlichkeiten umfasst viel mehr als den Klassengegensatz zwischen Bildungs- und Kleinbürgertum und die Unterschiedlichkeit der Geschlechter.

Im zweiten Teil des Romans erfolgt ein Perspektivenwechsel: ein Tagebuch dient Miranda Grey als therapeutisches Medium, um die für sie schrecklichen Erfahrungen zu verarbeiten. Das bedeutet einerseits zwar einen gewissen Spannungsabfall, bringt aber andererseits eine stärkere Profilierung der Entführten mit sich. Zudem ist es für die Unterrichtsarbeit sehr reizvoll, Passagen aus Teil 1 und 2 komparativ und kontrastiv zu analysieren, in denen sich die Perspektive des Täters und des Opfers ergänzen. Erst durch eine schwere Lungenentzündung wird Miranda gezwungen, ihre Tagebucheinträge aufzugeben.

Die beiden kurzen Schlussteile des Romans werden wiederum von Frederick Clegg erzählt. Da er es versäumt, einen Arzt zu holen und Miranda die richtige Medizin (Penizillin) zu besorgen, stirbt sie nach wenigen Tagen. Einen Augenblick denkt der Erzähler an Selbstmord, dann aber begräbt er Miranda nachts heimlich in seinem Garten. Als die Tante ihm brieflich ihren Entschluss mitteilt, mit ihrer Tochter auf Dauer in Australien zu bleiben, hat Frederick Clegg sich für seinen nächsten Coup bereits ein neues Opfer gewählt.

Dieser ungewöhnlich spannende Roman ist eine Mischung aus gothic novel, Psychothriller und Liebesgeschichte, in dem weder das Verhalten des psychopathischen Täters noch das einfallsreiche Verhalten seines Opfers irgendwie vorhersehbar erscheinen. Frederick Cleggs einzige Hobbies sind Photographieren und Schmetterlinge sammeln. Seine Photos dienen ihm dazu, voyeuristische Neigungen zu befriedigen, und seine Sammlung toter Insekten verkörpert die eigene Leblosigkeit, die innere Gefangenschaft des Protagonisten, der ohne moralische Skrupel seine Opfer aussucht.

Viele Aspekte bleiben offen oder werden nur angedeutet, und schon von daher eignet sich der Roman sehr gut für kreative Aufgabenstellungen. Trotz 280 Seiten Umfang erfordert die Lektüre einen verhältnismäßig geringen Zeitaufwand. Zwar liegt bis jetzt keine didaktische Ausgabe des Romans vor, aber es existieren zwei ausführliche Aufsätze bzw. Erfahrungsberichte (vgl. Bracht und Nünning), die dem Fachlehrer die praktische Arbeit erleichtern. Der Einsatz des Werks erscheint mir von der Klasse 11/2 bzw. 12/1 an sehr empfehlenswert.
Vgl. auch
Konkrete Arbeiten.


Truman Capote, In Cold Blood (1965)

Der Autor selbst hat sein Werk In Cold Blood als "non-fiction novel" bezeichnet und mit dieser widersprüchlichen Formulierung beansprucht, eine neue Kunstform geschaffen zu haben. Wie soll man sich einen nicht-fiktionalen Roman vorstellen?

Im vorliegenden Fall ist zunächst einmal bekannt, dass Truman Capote vor Ort jahrelange, sehr mühselige Recherchen betrieb, um eine äußerst minuziöse Auflistung der Ereignisse vorzubereiten. Sein Anliegen ist somit zum einen dokumentarischer Natur, und die unbedingte Faktentreue wird sein oberstes durchgehendes Gestaltungsprinzip. Zum anderen hat der Autor in Bezug auf die Auswahl, die Kombination und auch die Präsentation der verschiedenen Mosaiksteine durchaus künstlerische Entscheidungen gefällt. Zwar mag die Literaturkritik in der Frage, ob Capotes Roman als Kunstwerk eingestuft werden sollte, zerstritten sein. Aber dennoch wird man dem Autor zugestehen müssen, dass er eine ungewöhnliche, vermutlich einmalige Kriminalerzählung zustande gebracht hat. Durch seine neutrale und analytische Darstellung fühlt sich der Leser nicht nur zu jeder Zeit umfassend informiert, sondern er wird auch dazu eingeladen, das geschilderte Geschehen aus mehreren Perspektiven zu betrachten.

An erster Stelle steht die Perspektive der Mordopfer. Dem Buch liegt ein besonders brutaler, authentischer Fall zugrunde. Am 15.11.1959 wird die vierköpfige Familie Cutter in ihrem Hause erschossen - Vater, Mutter und die beiden minderjährigen Töchter. Die Cutters leben in gesicherten Umständen vom Ertrag ihrer Farm; sie erscheinen als rechtschaffene, fromme Menschen mit klaren Moralvorstellungen und als perfekte Inkarnation des amerikanischen Traums. Für Capote lag offenbar ein exemplarisches Verbrechen vor: mit dem Auslöschen einer ganzen Familie wird ein Teil Amerikas zerstört.

Die in starkem Kontrast zu den Cutters stehenden Täter sind zwei junge Männer, die man als Gescheiterte oder Ausgestoßene der Gesellschaft bezeichnen könnte, für die der amerikanische Traum auch nicht ansatzweise Wirklichkeit wurde. In mehreren Szenen wird eindringlich beschrieben, wie sie sich in einem alten schwarzen Auto, von Geldgier getrieben, immer mehr dem Tatort nähern. Die beiden sind innerlich rastlos und von daher ständig unterwegs, haben kein Zuhause und kein Zugehörigkeitsgefühl. Auffällig, ja beinahe schon paradox ist, dass beide in einen Autounfall verwickelt waren. Mehr aber noch als ihre daraus resultierenden körperlichen Handicaps wiegt ihre durch die Vergangenheit hervorgerufene psychische Deformation: sie wurde geprägt von Alkoholgenuss, Gewalt und Lieblosigkeit.

So entwickelt der Leser Schritt für Schritt Verständnis für die Perspektive der Täter, die ihrerseits auch tragische Opfer sind. Nach der grausamen Bluttat wird die Ergreifung der Verbrecher zu einer Herausforderung für die Gesellschaft. Allmählich wird das Netz der verwendbaren Spuren immer dichter, und schließlich ist die Ergreifung der Täter nur noch eine Frage der Zeit. Es wird ihnen der Prozess gemacht, und beide werden von einem verständnislosen Richter verurteilt, der nur an der Statuierung eines Exempels interessiert ist und der den Kriminellen an Kaltblütigkeit nicht nachsteht. In diesem Kontext geht der Autor über die Dokumentation der Fakten hinaus und macht mit suggestiven Mitteln seinen eigenen Standpunkt deutlich, indem er Empathie auch für die Täter fordert.

Ein Hindernis für den Einsatz des Romans im Englischunterricht der Sekundarstufe II liegt in seinem großen Umfang. Trotz diverser spannungserzeugender Mittel kann die Lektüre für einen fremdsprachlichen Leser langatmig werden, da das präzise Erfassen und Behalten von Details zum kontextgemäßen Verstehen unverzichtbar ist. Es ist daher anzunehmen, dass Lehrer und Schüler auf die zu diesem Werk existierenden Vokabularien (Aschendorff) gerne zurückgreifen werden. Entscheidet man sich für den Roman, ist eine Kombination von extensiver und intensiver Vorgehensweise ein selbstverständliches methodisches Gebot. Der Einsatz des Werkes ist von der 12. Klasse an zu empfehlen und setzt motivierte, in der Lektüre fremdsprachlicher Texte geübte Leser voraus.


Ian Fleming, Octopussy (1966)

Dieser posthum veröffentlichte Kurzroman hat mit dem gleichnamigen James Bond-Film so gut wie nichts gemeinsam. Im literarischen Text gibt es keine rasante Folge sich dramatisch überstürzender Ereignisse, keine heimtückischen Anschläge eines Verbrechersyndikats, keine existenzielle Bedrohung allen Lebens auf diesem Planeten, keine atemberaubenden Verfolgungsjagden und Kampfszenen sowie keine Rettung in letzter Sekunde durch den Superagenten 007. Als Bond seinen Auftritt hat, ist er lediglich im Besitz der erforderlichen Informationen zur Aufklärung eines lange zurückliegenden Verbrechens und treibt durch gezielte Fragen den Täter zu einem Geständnis. Was war geschehen?

Der ehemalige Offizier der britischen Armee Dexter Smythe begeht in den letzten Monaten des zweiten Weltkriegs in den Alpen einen abscheulichen Mord. Kaltblütig erschießt er einen Deutschen, um in den Besitz einer nicht unbeträchtlichen Goldmenge zu gelangen und lässt die Leiche seines Opfers in einer Gletscherspalte zurück. Mit einigen Schwierigkeiten gelingt es ihm, zunächst das Gold zu verstecken, um es in kleinen Mengen an sich zu bringen und nach dem Krieg zu verkaufen. Er verlässt die Armee, heiratet und wandert nach Jamaika aus, wo er ein Leben scheinbar wie in einem Paradies führt und wo er sich mit der Zähmung einer Krake beschäftigt. (vgl. den Titel, bei dem es sich um eine Kombination aus "octopus" und der liebevollen Anrede "pussy" handelt).

Zwar verfügt Smythe über jeden nur vorstellbaren Luxus und gestattet sich zudem reichlichen Nikotin- und Alkoholgenuss, aber er kann die Vergangenheit weder vergessen noch verdrängen. Eines Tages gibt der Gletscher die Leiche des Getöteten wieder frei, der noch sämtliche Papiere bei sich trägt. Nach seiner Identifikation ist die Rekonstruktion des Verbrechens reine Formsache. Bond macht sich auf den Weg nach Jamaika, weil der getötete Deutsche zufällig sein früherer Skilehrer war und gibt Smythe eine Woche Zeit: danach wartet auf ihn die Verhaftung, eine lebenslange Freiheits- oder sogar die Todesstrafe. Der inzwischen sterbenskranke Smythe (er hat mehrere Herzanfälle hinter sich) sucht und findet den Tod und wird offiziell als ertrunken gemeldet.

Dieser Kurzroman ist so gut überschaubar, dass man ihn in einem Zuge durchlesen kann; er entspricht somit der Forderung von Edgar Allan Poe bezüglich des Zustandekommens einer emotional einheitlichen Textrezeption. Der beherrschende erste Leseeindruck ist (anders als bei Patricia Highsmith) sicherlich, dass der eines gemeinen Verbrechens Schuldige seiner gerechten Strafe nicht entgeht, sei es, dass eine höhere oder eine irdische Instanz für die Verwirklichung der Strafe zuständig ist oder dass er letztlich an der Bürde seiner Schuldgefühle zerbricht. Ob man nun diese Einsicht als "Bedeutung" des Romans in den Mittelpunkt der Unterrichtsarbeit stellt (ihn also liest wie eine Parabel), ob man ihn 'nur' um der Spannung und der Unterhaltung willen rezipiert oder ob man in der Erzählung ironische Zwischentöne entdeckt: als Alternative zu den übrigen Bond-Romanen und -Filmen lohnt die Lektüre allemal. Der Text ist sicherlich schon von der 11/1 an für den Englischunterricht zu empfehlen und als Vorbereitung auf die Auseinandersetzung mit umfangreichen Erzähltexten gut geeignet.


Jacqueline Wilson, Let’s Pretend (1976)

Die 13jährige Emily Barrett lebt zusammen mit ihrer Mutter Margaret und ihrem Stiefvater Adrian in einer Familie. Eines Tages kommt es zu einem Streit zwischen Mutter und Tochter, in dessen Verlauf Emily, um ihr eigenes Erwachsensein zu betonen, Margaret ins Gesicht sagt, dass sie ihrer nicht mehr bedürfe.

Fasst man das erste Kapitel dermaßen zusammen, könnte man Let’s Pretend für einen Roman halten, der die sattsam bekannte Thematik des Generationenkonflikts behandelt. Doch aus dieser konventionellen Ausgangslage entwickelt sich sehr rasch ein außergewöhnlicher Roman, dessen sehr spannende Handlung an einen Psychothriller erinnert. Denn als Emily am nächsten Tag nach Hause kommt, ist ihre Mutter verschwunden. Sogleich entwickelt Emily, wohl auch aufgrund ihres schlechten Gewissens, Befürchtungen, es könne Margaret etwas zugestoßen sein. Adrian bleibt zunächst ruhig und beherrscht, schaltet dann aber doch auf Emilys Drängen hin die Polizei ein - ohne Ergebnis. Emilys emotionale Reaktionen steigern sich so sehr ins Uferlose, dass sie Adrian des heimtückischen Mordes an seiner Frau bezichtigt und sich ebenfalls von ihm bedroht fühlt.

Die folgende Nacht verbringt sie im Hause einer Freundin, findet aber wiederum keine Ruhe, und als sie am nächsten Tag im eigenen Garten ein frisch umgegrabenes Stück Land entdeckt, erstattet sie Anzeige gegen ihren Stiefvater. Die Polizei geht Emilys Verdacht nach, findet indes keine Spur von der Verschwundenen. Inzwischen ist Emilys leiblicher Vater John von einem Urlaub aus Frankreich zurückgekehrt und nimmt seine Tochter in sein Haus auf, aber diese fühlt sich im Traum immer noch von Adrian verfolgt. John vermutet, dass Emily ihrer Mutter ähnelt, die er für psychisch gestört hält. In der Tat erfindet Emily immer neue Geschichten, in denen sich Wahrheit und Wunschvorstellungen vermischen: sie glaubt sogar an die wirklichkeitsverändernde Kraft der Imagination. Mehrere Wochen vergehen. Dann wird Margaret tot aus der Themse geborgen. Es wird bekannt, dass sie an Krebs litt und offenbar ihrem Leben ein Ende gesetzt hat, um sich und ihren Angehörigen ein größeres Leiden zu ersparen.

Zwar klingt diese Erklärung plausibel, aber dennoch nimmt der Roman noch einmal eine überraschende Wendung. Emily wird auf einen jungen Mann namens Malcolm aufmerksam, der vor ihrem Hause steht. Dessen Interesse gilt jedoch nicht ihr, sondern Adrian, seinem akademischen Lehrer, mit dem ihn ein homosexuelles Verhältnis verband. Im Gespräch mit Emily gesteht er, Margaret aus Eifersucht getötet zu haben, und zudem habe ihm Adrian bei der Beseitigung der Spuren geholfen. Mit diesem Wissen geht Emily erneut zur Polizei, die ihr jedoch dieses Mal keinen Glauben schenkt, und somit bleibt die offizielle Version des Selbstmordes bestehen. Emily geht in ein Internat, gewinnt rasch neue Freunde und versucht, diese Erfahrungen zu vergessen.

Der Roman wird aus Emilys Perspektive erzählt, und darin liegt das Besondere dieses Werkes begründet. Für den Leser gilt es ständig herauszufinden, ob ihre Erzählung auf überreizten Sinneswahrnehmungen, übersteigerten Wunschvorstellungen, neurotischen oder gar hysterischen Reaktionen oder schlicht auf ihrem gesunden Menschenverstand beruht. Die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion sind fließend, und aus dieser Spannung bezieht die Lektüre ihren Reiz. Hinzu kommt der ironische Tatbestand, dass die Polizei Emilys falschen Vermutungen Glauben schenkt, ihr aber nicht mehr glaubt, als sie über das nötige Wissen zur Aufklärung des Verbrechens verfügt.

Vom Umfang her (ca. 150 Seiten) sowie vom sprachlichen und inhaltlichen Anspruch her ist der Roman für extensives Lesen sehr geeignet. Mit der Kenntnis des Ausgangs ist allerdings auch der Reiz mit einer ausführlichen Beschäftigung weitgehend dahin. Ein Einsatz erscheint von der Klasse 11/2 an denkbar.


Graham Greene, The Tenth Man (1985)

Vor dem Hintergrund der Wirren der Nachkriegszeit in Frankreich hat Graham Greene eine spannende Erzählung geschrieben. Als noch die Deutschen die Macht haben, ergeht an dreißig französische Gefangene der Befehl, dass drei von ihnen erschossen werden sollen, wobei die Opfer von ihnen selbst zu bestimmen sind. Die Gefangenen beschließen zu losen. Unter den Todeskandidaten befindet sich der Rechtsanwalt Jean-Louis Chavel, der sich in letzter Sekunde vom Tode freikauft, indem er einem anderen sein gesamtes Hab und Gut überläßt, darunter ein großzügiges Haus und ein große Geldsumme.

Der Handel wird vertraglich festgelegt und wird anschließend rechtswirksam, da das Opfer seinen Besitz seiner Familie vererbt. Der nunmehr mittellose Chavel kommt frei, versucht vergeblich, sich eine neue Existenz aufzubauen, und bietet schließlich der neuen Besitzerin seines Hauses unter falschen Namen seine Dienste an. Eines Tages holt ihn sein Schicksal wieder ein, als sich ein Schauspieler als Jean-Louis Chavel ausgibt, um sich möglicherweise Besitz und Ehe zu erschleichen. Als sich die Lage gefährlich zuspitzt, offenbart Chavel seine wahre Identität, wird im anschließenden Kampf verwundet, erlangt aber wohl die Verzeihung der Frau, deren Mann sich für die Seinen opferte.

Dieser bereits 1944 geschriebene, aber erst ca. vier Jahrzehnte später publizierte Roman weist eine konstruierte, eher unwahrscheinliche Handlung auf. Das überschaubares Werk von ca. 80 S. ist sicher zur Schulung des extensiven Lesens geeignet, aber weder für eine Analyse noch für eine Diskussion ergiebig.


Robert Cormier, After the First Death (1992)

Der Roman handelt von einer terroristischen Gruppe, die in den U.S.A. bereits eine Reihe von Anschlägen verübt hat. Im Zentrum des Werkes steht ein Fall von kollektivem Kidnapping: vier zum äußersten entschlossene 'Freiheitskämpfer', unter ihnen der erfahrene Artkin und sein Schüler Miro, bringen einen Schulbus mit Kindern in ihre Gewalt und zwingen die Fahrerin Kate, auf einer nicht mehr benutzten Eisenbahnbrücke anzuhalten. Für den Fall, dass einem von ihnen etwas zustößt, drohen sie damit, ein Kind nach dem anderen zu erschießen.

Im Bus beginnt nun eine lange Zeit zermürbenden Wartens, während die Kinder mit Hilfe in Süßigkeiten eingelassener Drogen ruhig gestellt werden. Dabei stirbt ein Kind versehentlich an einer Überdosis. In der Zwischenzeit nehmen die Entführer mit den Behörden Verhandlungen auf. Sie verlangen die Freilassung von 15 gleichgesinnten Häftlingen, 10 Millionen Dollar Lösegeld und Informationen über ein geheimes, militärisches Sicherheitsprogramm der Amerikaner. Doch gestalten sich die Verhandlungen schwierig, weil die Behörden einen Trumpf ausspielen können: ein anderer, sehr prominenter Führer der gleichen terroristischen Vereinigung ist überraschenderweise verhaftet worden.

Als Artkin Beweise dafür verlangt, schlägt der für den Geheimdienst verantwortliche General Rufus Marchand vor, seinen eigenen Sohn Ben als Boten zu senden. Da Artkin Ben akzeptiert, begibt sich der Sechzehnjährige in die Hand der Entführer und wird gegen jede Absprache von ihnen gefoltert. Gleichzeitig starten die Behörden einen Überraschungsangriff, bei dem zwar alle Kinder unverletzt befreit, die Fahrerin Kate jedoch getötet wird. Drei der Terroristen verlieren ebenfalls ihr Leben, während der junge Miro verwundet entkommen kann. Ben wird von Artkin als lebendiger Schutzschild missbaucht: er enthält einen Schuss in die Brust und verfällt in ein tiefes Koma.

Vier Perspektiven werden in dem Roman deutlich: diejenige Bens und seines Vaters, diejenige Kates und Miros. Miro nimmt zum ersten Mal an einer solchen Aktion teil und hofft, durch das eventuelle Töten eines Menschen seine Mannhaftigkeit unter Beweis stellen zu können. Kate fährt den Bus nur aushilfsweise, steht aber die Belastungen der Situation sehr tapfer durch und kümmert sich bis zu ihrem Tode nach besten Kräften um die Kinder, deren Darstellung zum Teil individualisiert wird. Ben versucht intensiv, das Geschehene zu begreifen und durch Niederschreiben zu verarbeiten, während sein Vater von Schuldgefühlen geplagt wird.

Die Terroristen führen einen Befreiungskampf für ihr nicht näher bezeichnetes Vaterland durch und glauben so sehr an ihre Bestimmung, dass sie dieser das Leben von Kindern unterordnen. So kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen skrupellosen und kaltblütigen Killern auf der einen Seite und Krisenmanagern auf der anderen Seite, die als Profis mit Hilfe von Computeranalysen ihre Entscheidungen treffen. Für General Marchand steht der Patriotismus über seiner väterlichen Verantwortung: um nationaler Sicherheitsinteressen willen missbraucht er das Vertrauen seines Sohnes.

Somit ergibt sich ein Thriller, in dem "jede Menge Action" vorkommt, der einen erheblichen Nervenkitzel bedeutet und stark an die Emotionen des Lesers appelliert. Wer es dramatisch und pathetisch liebt, kommt voll auf seine Kosten. Aber besteht wirklich ein didaktischer Bedarf an einem solchen Text für den Englischunterricht? Die Ausgabe des Cornelsen-Verlages bietet - entgegen der sonstigen Ausstattung der "Senior English Library" - weder einen Sprach- und Sachkommentar noch eine Einleitung oder Zusatzmaterial. Angeboten wird lediglich der mit einer Zeilenzählung versehene Text.


Barry Unsworth, Morality Play (1995)

Schon im ersten Kapitel dieses Romans reibt man sich verwundert die Augen. Der Ich-Erzähler, ein gewisser Nicholas Barber, stellt sich als ein Priester ohne feste Anstellung vor, der gerade auf der Flucht vor einem von ihm betrogenen Ehemann ist und der sich deshalb einer Schauspieltruppe anschließt. Diese befindet sich auf dem Weg nach Durham, um dort die Menschen zu Weihnachten mit biblischen Dramenaufführungen zu erfreuen. Doch sind zu der Zeit, d.h. gegen Ende des 14. Jahrhunderts, die Handwerksgilden, die sich mit großem finanziellen Aufwand ebenfalls der Kunst des Dramas widmen, eine übermächtige Konkurrenz für die Wanderschauspieler, die sich im Augenblick in einer existentiellen Krise befinden.

Unterwegs kommen sie in eine Stadt, in der gerade ein Mord geschehen ist. Angeblich hat die Tochter des Webers aus Habgier einen zwölfjährigen Jungen erwürgt. Sie ist bereits gefasst und wartet im Gefängnis auf ihre Hinrichtung. Die nun folgenden Geschehnisse scheinen kaum glaubhaft, doch beteuert der Ich-Erzähler ihre Wahrheit. Um ihre knappe Kasse aufzubessern und um damit ihr eigenes Überleben zu sichern, kommt der Anführer der Schauspieler auf die Idee, das aktuelle Mordgeschehen in der Stadt nachzuspielen. Also tragen die Schauspieler möglichst viel Informationen darüber zusammen und formen daraus mit Elementen eines morality play (vgl. Titel) ein Stück, das tatsächlich zur Aufführung gelangt. Das bedeutet, dass jede einzelne Szene wie in einer Dokumentation auf Übereinstimmung mit der Wirklichkeit angelegt ist, dass sowohl Kreativität als auch Improvisationsvermögen gefragt sind und dass höchste Anforderungen an Akteure und Publikum gestellt werden. Zugleich wird die Schauspielkunst zum Mittel der Wahrheits- und Gerechtigkeitssuche.

Aufgrund der ersten Version ergeben sich rasch Zweifel an der Täterschaft der inhaftierten Webertochter, die zudem ihre Unschuld beteuert. Die Schauspieler setzen ihre Recherchen fort, um ihr Stück zu verbessern. Neue Verdachtsmomente tun sich auf: während einer zweiten Aufführung wird der wichtigste Belastungszeuge - ein Mönch - für immer zum Schweigen gebracht. So entsteht der Verdacht, dass die gesamte Untersuchung des Falles manipuliert wird. Spuren verweisen auf die Obrigkeit, und daher bringen sich die Akteure ungewollt selbst in Gefahr, zumal das Leben eines Bediensteten oder eines Handwerkers zu der Zeit nichts galt. Ob trotz ungerechter gesellschaftlicher Verhältnisse zum Schluss die unschuldig Inhaftierte gerettet wird, die Schuldigen bestraft werden, ob und gegebenenfalls wie die Gerechtigkeit siegt, das ergibt ein kompliziertes Handlungsgeflecht, das sicherlich nicht nur Literaturliebhaber zu fesseln vermag.

Man könnte Morality Play als einen historischen Kriminalroman bezeichnen, der literarische Ansprüche mit einem hohen Unterhaltungswert verbindet. Aufgrund seines Umfangs von ca. 180 Seiten und seines Sprachprofils setzt er allerdings sehr gute Sprachkenntnisse voraus: das ausgedehnte Vokabular dürften für non-native readers oft ein schwer überwindbares Hindernis darstellen zumal die in der Cornelsen-Ausgabe vorliegenden Annotationen für den deutschen Benutzer nicht immer ausreichen dürften. Insgesamt erscheint der Roman, der sehr stark von seiner Spannung lebt, eher für eine private Lektüre als für eine unterrichtliche Diskussion geeignet und dürfte etwa von der Jahrgangsstufe 12/1 zu bewältigen sein.


Last Updated by Dr. Willi Real on Tuesday, 23 January, 2007 at 9:30 AM.

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