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Initiationsromane (Young Adult Novels)




Carson McCullers, The Member of the Wedding (1946)

Der Roman erzählt von drei prägenden Tagen im Leben der dreizehnjährigen Protagonistin Frankie Addams. In dieser kurzen Zeitspanne vollziehen sich in einer nicht näher bezeichneten Stadt des amerikanischen Südens drei entscheidende Wandlungsvorgänge in ihrem Leben. Anfangs befindet sich Frankie in einer krisenhaften Situation. An den vertrauten Spielen der Kindheit findet sie keinen Gefallen mehr; sie fühlt sich allein gelassen, wird von Ängsten und Albträumen geplagt und hat sich aus der Außenwelt in die Küche zurückgezogen, um Schutz zu suchen.

Dann gerät sie in eine geradezu euphorische Aufbruchstimmung, die durch den angekündigten Besuch ihres Bruders Jarvis und seiner Braut Janice ausgelöst wird. Sie klammert sich an die Vorstellung, sie könne "Mitglied der Hochzeit" werden (vgl. Titel) und so den Kreis ihrer Isolation durchbrechen. In dieser Erwartung öffnet sie sich anderen Personen gegenüber, sucht Kontakte mit den Menschen und fühlt sich beinahe selbst schon als Erwachsene. Mit der schwarzen Köchin Berenice, die im Roman die Stimme der Vernunft verkörpert, diskutiert sie über menschliche Grunderlebnisse und -erkenntnisse, akzeptiert zum ersten Mal den Gedanken an den Tod und macht ihre ersten Erfahrungen mit der Sexualität.

Die Desillusionierung lässt indes nicht lange auf sich warten: natürlich verschwendet das junge Brautpaar keinen Gedanken an eine Begleitung durch Frankie. Aber auch wenn die Enttäuschung tief sitzt und wenn Frankie Addams die Erfahrung der menschlichen Gemeinsamkeit versagt bleibt, ist festzuhalten, dass sie zum ersten Mal für einen kurzen Augenblick die Schwelle zum Erwachsenwerden überschritten und einen unaufhaltsamen Prozess in Gang gesetzt hat, den Prozess der eigenen Identitätsbildung.

The Member of the Wedding ist also ein Text über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, einer der zahlreichen Initiationsromane, die für Unterrichtszwecke vorgeschlagen wurden. Auch für diesen Roman kann man davon ausgehen, dass die Chance für die Schüler, sich in die Hauptfigur hineinzuversetzen, eine gute Motivationsmöglichkeit bildet: die jugendlichen Leser erkennen im Text eine Widerspiegelung von sie selbst betreffenden Problemen. Noch ein weiterer Grund spricht für den Einsatz gerade dieses Initiationsromans im Englischunterricht. Das Geflecht der Metaphern und Symbole ist im vorliegenden Werk ungewöhnlich dicht: vgl. die Entsprechungen zwischen konkreten Räumen und Gemütszuständen, die Rolle der Berenice als Initiationshelferin, die fiktionale Veranschaulichung der verschiedenen Entwicklungsstufen ...

Damit liegt ein anspruchsvoller literarischer Text vor, dessen Gestaltung vielfältige Entdeckungsmöglichkeiten bietet, der close reading ermöglicht, ohne dass die Schüler auch nur ansatzweise auf eine bestimmte (schlüssige) Interpretation festgelegt sein müssen. Zwar liegt keine annotierte Schulausgabe vor, jedoch dürfte die Konfrontation mit dem Original-Text (ca. 190 Seiten als Penguin-Taschenbuch) die Schüler nicht überfordern. Der Einsatz des Romans ist von der Klasse 11/2 an empfehlenswert.


J.D. Salinger, The Catcher in the Rye (1951)

Die Geschehnisse des Romans werden aus der Perspektive des sechzehnjährigen Holden Caulfield geschildert, eines sehr sensiblen, gegen die Verlogenheit der Erwachsenenwelt aufbegehrenden Jugendlichen. Wegen mangelnder Arbeitsbereitschaft soll er zu Ende des Semesters die exklusive Schule in einem New Yorker Vorort verlassen, die er auf Wunsch seiner Eltern besucht. An einem Samstagabend kommt Holden dem zuvor, indem er sich nach New York begibt, dort aber nicht die Wohnung seiner Eltern aufsucht, sondern in einem Hotel Unterkunft findet. Seine nächtlichen Erfahrungen sind allesamt frustrierend: aufgrund seines jugendlichen Alters wird ihm der Genuss von Alkohol verweigert, ein kurzer Flirt mit einer Mädchengruppe bleibt erfolglos, und die Begegnung mit einer Prostituierten verläuft unbefriedigend, weil Holden Caulfield offenbar seine Angst vor der Sexualität nicht überwinden kann.

Am folgenden Morgen ruft er die junge Sally Hayes an, nur um mit jemanden Kontakt zu haben und plant für den Nachmittag einen Theaterbesuch mit ihr. Danach geraten sie in Streit, da Sally Holdens Vorschlag, gemeinsam davonzulaufen und auf dem Lande zu leben, nicht ernst nimmt. Am Abend schleicht er sich in die elterliche Wohnung, um seine kleine Schwester Phoebe zu sehen. Glücklicherweise sind die Eltern ausgegangen, und so hat Holden Gelegenheit, ausführlich mit der Zehnjährigen zu sprechen. Anschließend wendet er sich an seinen früheren Englischlehrer und kommt mit ihm überein, die Nacht in dessen Wohnung zu verbringen. Bei ihrem Zusammentreffen deutet Holden indes eine zärtliche Geste des Lehrers als homosexuellen Annäherungsversuch, läuft erneut davon und verbringt den Rest der Nacht im Wartesaal des Zentralbahnhofs.

Am nächsten Tag schickt er Phoebe eine Nachricht, um sich nach der Schule mit ihr am New Yorker Kunstmuseum noch einmal zu treffen, bevor er nach Westen aufbricht. Sie erscheint mit einem gepackten Koffer, um ihn zu begleiten. Diesen Vorschlag lehnt Holden kategorisch ab, gibt schließlich selbst seinen Plan auf und kehrt zu seinen Eltern zurück. Diese veranlassen die Einweisung ihres Sohnes in ein Sanatorium, in dem Holden die Ereignisse während seiner rund 48stündigen New Yorker Irrfahrt niederschreibt.

Bei The Catcher in the Rye handelt es sich um einen immer noch viel gelesenen Initiationsroman, der schon vor Jahrzehnten klassischen Status erlangt hat. Holdens Auflehnung gegen die Erwachsenenwelt, seine Kommunikationsschwierigkeiten, seine eigene persönliche Vorstellung vom American Dream sind nur einige thematische Gründe für die Beliebtheit des Romans bei den Schülern. Die Ich-Perspektive und die Verwendung einer durch zahlreiche Slangformen authentisch wirkenden Sprache erleichtern jugendlichen Lesern die Anknüpfung an eigene Erfahrungen. Ein außergewöhnlicher Symbolreichtum machen den Roman für Interpretationsgespräche sehr ergiebig. Ein Einsatz erscheint von der 12. Jahrgangsstufe an empfehlenswert.


Doris Lessing, Eldorado (1953)

Eldorado ist bekanntlich die Bezeichnung für einen fiktiven Ort, an dem sich reichlich Gold befindet. Lessings Kurzroman (68 S.) spielt nach dem ersten Weltkrieg in Südafrika und beschreibt zehn entscheidende Jahre im Leben der britischen Einwandererfamilie Barnes. Während der Vater Alec ausgewandert ist, um dem Konkurrenzkampf in der Heimat zu entgehen und in Afrika ein freieres Leben zu führen, glaubt die Mutter Maggie an konventionelle Werte wie Respektabilität und soziale Anerkennung, die sie vor allem für ihren Sohn Paul realisieren möchte, der in der nächsten Stadt die Schule besucht.

Die Eltern betreiben in Transvaal eine kleine Farm, die trotz harter Arbeit nur schmale Gewinne abwirft. Nach dieser ersten Enttäuschung wendet sich Alec mit einer bis zur Besessenheit anwachsenden Energie der Goldsuche zu: mit Hilfe einer Wünschelrute und dem Studium theoretischer Bücher will er nicht nur Wasser finden, sondern auch Gold und wertvolle Mineralien. Mehr noch: er will eine Methode entwickeln, welche die Zukunft der Welt verändern soll. Diese Haltung Alecs entzweit die Familie: er lebt völlig egozentrisch in seiner eigenen Vorstellungswelt und kümmert sich wenig um seine Frau und seinen Sohn. Umgekehrt hegt die Mutter große Pläne für Paul. Obwohl er ein eher mäßiger Schüler ist, soll er die Universität besuchen und Ingenieur, Anwalt oder Arzt werden.

Paul seinerseits ist von beiden Elternteilen enttäuscht: er fühlt sich weder vom Vater noch von der Mutter akzeptiert. Mit dem Erwachsenwerden steigert sich seine äußere und innere Isolation. Mit sechzehn Jahren verlässt er das Elternhaus und wird Partner des professionellen Goldsuchers James, der für ihn zeitweise als Vaterersatz fungiert. Nach einiger Zeit werden die Partner ausgerechnet auf Alecs Land fündig, in einem Winkel der ca. 800 Hektar großen Farm, den Alec bei seinen Bemühungen ausgespart hat.

Die beiden finden eine Goldmine, deren systematischer Abbau sich lohnt. Für Paul sind die zu seinem Vater bestehenden Kommunikationsbarrieren inzwischen so groß geworden, dass er sich nicht überwinden kann, diesem seinen Erfolg mitzuteilen. Als Alec schließlich die Wahrheit erfährt, empfindet er keine Bitterkeit. Dem völligen Realitätsverlust nahe, ist ihm nur wichtig, dass sich seine Theorie von Goldvorkommen auf seiner Farm bestätigt hat ...

Dieser spannende Kurzroman ist als Vorbereitung auf die Lektüre eines umfangreicheren Werkes der Erzählliteratur von der Klasse 11 an zu empfehlen und stellt eine der zahlreichen didaktischen Wahlmöglichkeiten zum Thema "Inititation" dar. Im Klett-Verlag steht eine annotierte und kommentierte Ausgabe zur Verfügung. Dazu bietet das Unternehmen Model Interpretations an, die den Text in 20 Abschnitte zerlegen und methodische Hinweise für die Textarbeit im Englischunterricht geben.


Muriel Spark, The Prime of Miss Jean Brodie (1961)

Der Roman, der bereits ein Jahr nach seinem Erscheinen verfilmt wurde, spielt in den dreißiger Jahren an einer traditionell ausgerichteten, im 19. Jahrhundert gegründeten Edinburgher Mädchenschule, an der die Titelheldin in der Blüte ihrer Jahre als Erzieherin arbeitet. Ähnlich wie Mr Keating in Dead Poets Society zieht sie sich durch ihre progressiven Ideen den Unmut des Kollegiums und der Schulleitung zu, während ihre Schülerinnen absolutes Vertrauen zu ihr haben und innerhalb der Schule eine eigene feste Gruppe bilden. Mrs Brodies ungewöhnliches pädagogisches Engagement ist durch ihr eigenes, hartes Schicksal geprägt: sie hat ihren Geliebten im Ersten Weltkrieg verloren und versucht diesen Verlust durch den Erwerb und die Weitergabe von Bildung zu kompensieren.

Dabei wird sie indes nicht glücklich. Sie wird von den beiden einzigen männlichen Kollegen umworben, dem Musiklehrer Mr Lowther und dem Kunstlehrer Mr Lloyd. Sie liebt Mr Lloyd, hält sich aber von ihm fern, weil sie dessen Ehe und Familie nicht aufs Spiel setzen möchte. Andererseits hat sie eine Affäre mit Mr Lowther, widersteht aber seinen Heiratsanträgen, bis dieser sich für eine andere Frau entscheidet.

Dem Kunstlehrer sitzen fast alle Mitglieder der Brodie-Gruppe Modell, doch weisen seine Portraits ausnahmslos eine starke Ähnlichkeit mit Miss Brodie auf: es wird deutlich, dass er in seiner Kunst nur noch seine Liebe zu ihr auszudrücken vermag. Die Geschehnisse erstrecken sich ungefähr über ein Jahrzehnt, in dem die Schülerinnen sich allmählich dem Einfluss Mrs Brodies entziehen und erwachsen werden. Eine Schülerin intrigiert schliesslich mit Erfolg gegen ihre ehemalige Lehrerin: wegen angeblicher faschistischer Lehrmeinungen wird Miss Brodie aus dem Dienst entlassen und stirbt mit 56 Jahren.

Der Roman der schottischen Erzählerin Muriel Spark umfasst insgesamt 170 Seiten und ist sprachlich für die Sekundarstufe II keinesfalls zu schwer. Er konzentriert sich stärker auf Mrs Brodies Entwicklung als auf die schulischen Zustände und pädagogischen Probleme, ist eher ein Initiations- als ein Schulroman. Ihre Norm- und Wertvorstellungen dürften kaum an die Erfahrungs- und Vorstellungswelt jugendlicher Leser anzuknüpfen sein. M.E. ist der Roman eher für die private Lektüre als für die Unterrichtsarbeit zu empfehlen.


Charles Webb, The Graduate (1963)

Dieser Roman stellt das überaus erfolgreiche Erstlingswerk des Autors dar. Ebenso bekannt wurde die filmische Version (deutscher Titel: "Die Reifeprüfung"), in der Dustin Hoffmann, ganz am Anfang seiner einzigartigen Karriere stehend, die Rolle des jungen Protagonisten Benjamin Braddock spielt.

Anlässlich der Graduierung ihres Sohnes geben Mr und Mrs Braddock für Freunde und Geschäftspartner eine Party. Doch steht dem etwas weltfremden und eher schüchternen Benjamin nicht der Sinn nach Feiern und sozialen Kontakten. Am liebsten möchte er den Zwängen und Konventionen entfliehen, um für sich allein in Ruhe über seine Zukunft nachdenken zu können.

Doch schließlich gelingt es Mrs Robinson, der Frau des Geschäftspartners der Braddocks, Benjamins Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie ist es auch, die ihn zu einer Zusammenkunft in einem Hotel verleitet und verführt, wobei sie (wie eine gute Initiationshelferin) für die Ängste und Probleme ihres jüngeren Partners ausgeprägtes Verständnis beweist. Allmählich entwickeln sich regelmäßige intime Beziehungen zwischen dem Collegeabsolventen und der fast doppelt so alten Frau, ohne dass gleichzeitig bestehende Kommunikationsschwierigkeiten überwunden werden können.

Als Mrs Robinson bei einer Gelegenheit Benjamin unmissverständlich auffordert, niemals Kontakte mit ihrer Tochter Elaine anzufangen, fühlt er sich in seiner Selbstachtung getroffen und gleichzeitig provoziert. Dieser erste Konflikt spitzt sich rasch zu, als Benjamin - auch auf Wunsch der eigenen Eltern - Elaine zu einem gemeinsamen Essen ausführt. Prompt reagiert die bisher so verständnisvolle Mrs Robinson mit Eifersucht. Sie unterrichtet nicht nur unverzüglich ihre Tochter von ihrer eigenen Affäre mit Benjamin, sondern sie bezichtigt ihn sogar der Vergewaltigung. Eine Zeitlang scheint es so, als sei die sich anbahnende Beziehung zwischen den jungen Leuten damit bereits im Keim erstickt worden, dann aber wird sich Benjamin seiner Gefühle für Elaine bewusst und beschließt, sie zu heiraten.

Doch sind damit die Hindernisse für eine glückliche Verbindung noch nicht überwunden. Benjamin siedelt zwar nach Berkeley über, wo Elaine studiert, aber die ersten, unbeholfenen Kontaktversuche erweisen sich als sehr mühsam. Für Elaine gibt es keinerlei Anlass, an den Worten ihrer Mutter zu zweifeln, und deshalb straft sie Benjamin mit Verachtung. Zudem hat sie einen neuen Freund namens Carl Smith, der ebenfalls an einer Heirat mit ihr interessiert ist. Schließlich schaltet sich Elaines Vater ein: nachdem er von seiner Frau über ihre Affäre mit Benjamin informiert worden ist, möchte er unbedingt eine Bindung Elaines an Benjamin verhindern; zudem ist er zur Scheidung von seiner Frau und zur Trennung von seinem Geschäftspartner entschlossen.

Auch Mr Braddock erscheint in Berkeley, um seinen Sohn von seinen Heiratsplänen abzubringen und um ihn einem Psychiater anzuvertrauen. Doch erweist sich der zunächst so unsichere und unentschlossene Benjamin nun als ungemein durchsetzungsfähig: er bringt in Erfahrung, wo und wann Elaine und Carl Smith heiraten wollen. In allerletzter Minute erscheint er auf dem Schauplatz des Geschehens, unterbricht die Trauungszeremonie und entführt die Braut aus der Kirche. Damit endet das Romangeschehen.

The Graduate ist ein Initiationsroman besonderer Art, von dem seit 1987 eine annotierte Schulausgabe bei Diesterweg und seit 2000 ein Unterrichtsmodell bei Schöningh vorliegen; cf. Anzeigen, 2. Auffällig sind die vielen prägnanten Dialoge, die den Roman sehr gut lesbar machen. Dieser Eindruck wird durch das turbulente, teilweise hektische Geschehen noch verstärkt, in dem erst im buchstäblich letzten Augenblick ein originelles happy ending zustande kommt. Im Unterricht sollte es weder darum gehen, verborgene literarische Qualitäten aufzuspüren, noch eine Botschaft des Autors zu entdecken, noch bestimmte Aspekte der Thematik zu problematisieren. Es sollte vielmehr mit Hilfe dieses Werkes angestrebt werden, dass die Schüler einen mit lockerer Hand verfassten Roman genießen, d.h. dass sie zum Lesen motiviert werden. Daher ist dieses Werk als erstes Beispiel für einen längeren Erzähltext zu Beginn der Sekundarstufe II sehr zu empfehlen.


Stan Barstow, Joby (1964)

Joby is ein sensibler und intelligenter Junge, der als einer der ganz wenigen in seiner Klasse ein Stipendium für den Besuch einer Secondary Grammar School bekommen hat. Die kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs spielende Handlung setzt ein in medias res. Während sich Jobys Mutter einer Brustoperation unterziehen muss, wird Joby von seiner Tante versorgt. Diese behandelt ihn mit Strenge und Unverständnis und verlangt jeden Sonntag einen dreimaligen Gottesdienstbesuch von ihrem Neffen.

Während des Krankenhausaufenthaltes seiner Mutter vollziehen sich in Jobys Leben einschneidende Veränderungen. Einerseits leidet er unter ihrer Abwesenheit und vermisst sie als Bezugsperson; in dieser Zeit hat er lediglich einmal brieflichen, aber niemals persönlichen Kontakt mit ihr, da elfjährigen Kindern der Besuch im Krankenhaus nicht gestattet ist. Andererseits gewinnt er neue Freunde, indem er als Mitglied in einer jugendlichen Bande aufgenommen wird. Dabei bedeutet vor allem das 'Mitgehenlassen' von Dingen ein aufregendes Spiel, wobei der Reiz der neuen Erfahrung über aufkeimende Schuldgefühle dominiert.

Als die Mutter nach drei Wochen heimkommt, hat Joby den Eindruck, es seien drei Monate vergangen, und mit ihrer Rückkehr ist Jobys heile Kinderwelt keineswegs automatisch wieder hergestellt. Zum einen erfährt die Mutter, dass Joby ein gestohlenes, sehr teures Parfüm einem von ihm verehrten jüdischen Mädchen geschenkt hat und bestraft ihn mit Hausarrest. Ein noch viel größerer Schock bedeutet indes zum anderen für sie die Erfahrung, dass ihr Mann, der seit einiger Zeit nicht nach Hause gekommen ist, ihre Abwesenheit zu sexuellen Eskapaden mit seiner Nichte benutzt hat. Ihre Betroffenheit bleibt auch Joby nicht verborgen. Schließlich findet der Junge seinen Vater, der sich wegen seines Verhaltens zutiefst schämt, am Ufer des Flusses. Da Joby infolge einer entzündeten Stelle am Fuß kaum noch laufen kann, trägt ihn der Vater wie früher auf seinen Schultern nach Hause. Mit dieser symbolträchtigen Geste schließt die Romanhandlung.

Dieses Werk, das in Form einer Textausgabe und eines dazugehörigen Unterrichtsmodells bereits in den siebziger Jahren für die Schule aufbereitet wurde, hat einen vergleichsweise geringen Umfang und ist trotz einiger mundartlicher Abweichungen vom Standard British English von den Schülern mit geringem Zeitaufwand zu bewältigen. Die Titelfigur Joby befindet sich zwischen der Phase der Kindheit und der Pubertät. Die Problematik dieser Entwicklungsstufe ist den Schülern sicherlich vertraut, dennoch besteht eine beträchtliche Kluft zwischen reading age und interest age. Trotz der prinzipiell realistischen Erzählweise erscheinen zudem heute eine Reihe von thematischen Aspekten von der Entwicklung überholt. Von den sprachlichen Anforderungen ist der Text von der Klasse 11/1 an einsetzbar.


Margaret Drabble, The Millstone (1965)

Ausgerechnet der sexuell gehemmten Rosamund Stacey muss es passieren, dass sie beim ersten Geschlechtsverkehr schwanger wird. Zunächst plant die etwa 25jährige junge Frau, die ihre ungewollte Schwangerschaft selbst als Beispiel für des Lebens kleine Ironien empfindet, eine Abtreibung. Dann aber überdenkt sie diesen Plan nochmals, entscheidet sich für ein Austragen des Kindes und unterrichtet weder dessen Vater noch ihre in Afrika weilenden Eltern von ihrer Lage.

Dieser Entschluss bedeutet für die Protagonistin nicht nur eine Konfrontation mit der Realität, sondern geradezu eine Initiation. Sie hat zum ersten Mal eine persönliche Entscheidung getroffen, die eine grundlegende Neuorientierung in ihrem Leben einleitet. War sie bisher eine akademisch ausgebildete und mit Forschungsarbeiten beschäftigte junge Frau, die in ihrem eigenen Elfenbeinturm lebte, so muss sie sich nun mit dem Lebensalltag und praktischen Problemen auseinandersetzen. Ein Lern- und Reifungsprozess setzt ein, in dem sie von ihrer Umwelt weder Ermutigung noch Mitgefühl erfährt.

Aber alle Widerstände stärken nur ihr Selbstbewusstsein. Die Geburt der kleinen Tochter Octavia sowie die ersten Monate mit ihr bedeuten ein neues, nie gekanntes Glücksgefühl. Zusammen mit einer Freundin lebt sie in einer von den Eltern bezahlten Londoner Mietwohnung. Als eine Operation bei dem Baby notwendig wird, setzt sie sich gegen Schwestern, Ärzte und administrative Vorschriften hinweg und sorgt im Krankenhaus für ihre Tochter.

Eines Tages kommt es zu einem zufälligen Zusammentreffen mit dem Vater des Kindes. Doch wenn der Leser nun auf ein happy ending hofft, wird seine Erwartung enttäuscht. Die Eltern bringen kaum mehr als ein Austauschen von ein paar inhaltsarmen Freundlichkeiten zustande: die Distanz zwischen ihnen bleibt unüberbrückbar. Rosamund entscheidet sich bewusst für die Doppelbelastung durch ihre erzieherische Verantwortung und ihre beruflichen Karriere. Ihre Tochter hat Priorität in ihrem Leben, dennoch aber schließt sie mit Erfolg ihre Dissertation ab und versucht, durch ihre Lehr- und Publikationstätigkeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Trotz der unwahrscheinlichen Ausgangssituation ist dieser frühe Roman Margaret Drabbles sehr gut lesbar. Die Ereignisse werden als first-person-narration vorgestellt und machen in glaubhafter Weise deutlich, wie die Hauptfigur ihre anfängliche Weltfremdheit, ihre Selbstabkapselung, ihre perönlichen Probleme überwindet und wieso sie sich für die Rolle einer alleinerziehenden Mutter entscheidet. Der Roman, ursprünglich in der Reihe TAGS von Hirschgraben veröffentlicht und inzwischen von Cornelsen verlegt, weist (in leserfreundlicher Fußnotenform) sprachliche und sachliche Annotationen und eine Reihe von Zusatztexten auf. Weniger leserfreundlich ist die vermutlich aus Kostengründen gewählte kleine Drucktype, die den Umfang des Romans auf 123 S. reduziert. Darüber hinaus gibt es ein von Liesel Hermes erstelltes Unterrichtsmodell. Ein Einsatz des Werkes erscheint von der Klasse 11/2 an empfehlenswert.


Margaret Craven, I Heard the Owl Call My Name (1967)

Schauplatz dieses Erstlingswerkes ist die kanadische Heimat der Autorin. Der junge Priester Mark Brian - er ist ohne sein Wissen schwer erkrankt und hat maximal noch drei Jahre zu leben - wird von seinem Bischof in ein bereits missioniertes Indianerreservat geschickt, das in British Columbia (einige Tagesreisen von Vancouver entfernt) liegt. Mark Brian hat mehrere Dörfer zu betreuen, die er zusammen mit seinem ständigen Begleiter Jim mit Hilfe eines kleinen Motorboots so regelmäßig wie möglich besucht.

Seine Lebensbedingungen sind alles andere als ermutigend. Bei seiner Ankunft findet Mark das Pfarrhaus und die Kirche im Zerfall begriffen vor, und bezeichnenderweise ist seine erste Amtshandlung eine Bestattung. Die Indianer begegnen ihm anfangs zwar sehr reserviert, aber nicht unfreundlich. Sie leben von der Jagd und vom Fischfang, scheinbar in Einklang mit sich und der Natur, doch die Idylle trügt.

Die Indianer sind arm, Propangas und Treibstoff sehr kostbar. Viele, die im Sommer einmal mit Glück einen reichen Fang machen, setzen den finanziellen Gewinn in Alkohol um. Andere sehen für sich und ihr Volk keine Zukunftsperspektive mehr: sie schicken ihre Kinder in die Schulen der Weißen, von denen sie nie wieder zu ihrem Stamm zurückkehren. Offenbar ist der Einfluss der weißen Zivilisation so übermächtig, dass für die Indianer längst der Tod zu einem Teil ihrer kollektiven Existenz geworden ist und dass ihre Dörfer sowie ihre nur mündlich tradierte Kultur dem Untergang geweiht sind.

Mark fühlt sich anfangs in seinem neuen Wirkungskreis sehr einsam, aber aufgrund seiner Aufgeschlossenheit gewinnt er allmählich nicht nur die Freundschaft seines Begleiters Jim, sondern auch den Respekt und die Anerkennung aller Dorfbewohner, wobei deutlich wird, dass die christliche Praxis an überlieferte indianische Bräuche angepasst ist. Im Sommer hilft das gesamte Dorf beim Bau eines neuen Pfarrhauses. Doch während die Bindungen innerhalb des Stammes immer mehr an Kraft verlieren, lernt Mark etwas Entscheidendes für sein Leben, nämlich auf den Tod vorbereitet zu sein und gefasst dem Ruf der Eule ins Reich der Toten zu folgen (vgl. Titel). Indem Mark von den Indianern als einer der Ihren akzeptiert wird, gewinnt er für sich eine neue Identität.

Wer diesen Roman liest, sollte kein aktionsreiches, wohl aber ein atmosphärisch sehr dichtes Buch erwarten, das von innerer Spannung lebt. Es fordert vom Leser, dass er sich auf Fremdartiges einlässt, welches das Teilen aller Erfahrungen, gemeinsames Erleben und gegenseitiges Akzeptieren bedeutet. Der junge Priester erfährt eine Initiation besonderer Art, die aus der Begegnung mit einer anderen Kultur herrührt (in mancherlei Hinsicht erinnert dieser Roman an die Ausgangslage in dem Film Der mit dem Wolf tanzt, in dem bekanntlich Kevin Costner die Hauptrolle spielt). Ob es gelingt, jugendliche Leser für diesen Text zu begeistern, ist ungewiss, aber es lohnt in jedem Fall den Versuch. Von seinem sprachlichen Niveau und seinen rd. 130 Seiten Umfang ist der Roman, von dem bisher keine didaktische Ausgabe zur Verfügung steht, von der Jahrgangsstufe 11/2 an zu empfehlen.


S. E. Hinton, The Outsiders (1967)

Die Ausgangshandlung des Romans ist der des Musicals West Side Story vergleichbar: die damals noch sehr junge Autorin beschreibt in ihrem ersten Werk die Auseinandersetzung zwischen zwei jugendlichen Banden: den aus der Unterschicht stammenden Greasers und den sozial höhergestellten, reichen Socs. Die einen werden im Elternhaus misshandelt und ignoriert, oder sie wachsen, wie der vierzehnjährige Erzähler Ponyboy, zusammen mit älteren Brüdern auf, d.h. ohne ihre bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Eltern. Den anderen wird jeder Wunsch erfüllt, ohne dass sie zur Disziplin erzogen werden. Merkwürdig ist allerdings, daß die Gruppen in zwei durch einen Abstand von 20 Meilen getrennten Stadtteilen leben, aber die gleiche Schule besuchen.

Die Handlung, die durchaus Qualitäten eines Thrillers aufweist, besteht fast ausschließlich aus Variationen zum Thema Gewalt: Ponyboy wird auf dem Heimweg von einer Gruppe der Socs überfallen, aber von seinen Freunden gerettet. Schon früher wurde sein Freund Johnny bei einer ähnlichen Gelegenheit von den Socs schwer misshandelt: Straßenkämpfe sind zwischen den jugendlichen Banden an der Tagesordnung.

In einer solchen tätlichen Auseinandersetzung setzt Johnny sein Klappmesser ein und sticht einen seiner früheren Peiniger nieder, wobei sein Verhalten aber auch von Angst motiviert ist, da die Überzahl der Gegner ihn zu einer Verzweiflungstat treibt.

In dieser Situation kann der Erzähler seine Umwelt nicht wahrnehmen: ein Soc taucht seinen Kopf wiederholt in einen mit Wasser gefüllten Brunnen. Aus diesem Umstand resultiert eine ausgeprägte Leerstelle im Text. Warum die Übrigen davonlaufen, ohne zu prüfen, ob der Niedergestochene wirklich tot ist, warum der Streit nicht noch mehr eskaliert, warum keiner die Polizei oder Hilfe holt, wieso die Solidarität der Gruppe plötzlich keine Rolle spielt, wieso der vermutlich einzige Messerstich tödlich ist, ob es andere Zeugen des Vorfalls gibt - all das bleibt ausgespart im Roman.

Anschließend müssen Johnny und Ponyboy fliehen. Johnnys Freund Dally, ein abgebrühter Greaser mit einem hohen kriminellen Potenzial, wird zum Fluchthelfer der beiden Jugendlichen: er besorgt ihnen Geld, eine Pistole und empfiehlt einen Ort zum Verstecken. Als sie in einer verlassenen Kirche Unterschlupf finden, lesen sie gemeinsam Gone with the Wind; dieser 'Klassiker' von Margaret Mitchell wird wohl seines großen Umfangs wegen gewählt: er ist ein gutes Mittel, die Zeit totzuschlagen.

Schließlich werden die beiden Flüchtlinge unversehens zu Lebensrettern: sie retten einige Schulkinder aus einem Feuer, für dessen Ausbruch sie sich verantwortlich fühlen, weil es möglicherweise durch eine von ihnen achtlos weggeworfene Zigarette ausgelöst wurde. Dass ein Lehrer nicht helfend tätig werden kann, weil er zu dick ist und nicht durch das Kirchenfenster passt, wirkt wie ein grotesker Scherz. Die Rettungstat ergibt für die Zeitungsreporter eine wirkungsvolle Schlagzeile, ist aber eigentlich nicht mehr als billige Effekthascherei: die (potenziellen) Kriminellen werden nun zu öffentlichen Helden. Bedauerlich ist nur, dass Johnny an den Folgen seiner Heldentat stirbt: sein Rücken wurde von einem herabstürzenden Balken getroffen, ist gebrochen, und dazu hat er sich zu schwere Brandwunden zugezogen. Ponyboy kommt verletzt ins Krankenhaus.

Die Handlungsführung wird immer mehr zu einer tour de force. Da die Autorin Johnny sterben läßt, entgeht sie dem Problem, dass er sich im Text für die Tötung eines Menschen verantworten muss: die juristische Problematik wird sehr in den Hintergrund gedrängt. Johnnys Tat wird zuerst als strategisch hingestellt, um Ponyboys Leben zu retten. Später wird sie als Selbstverteidigung bezeichnet, ohne dass der Sachverhalt vor Gericht endgültig geklärt wird. Dem sterbenden Johnny bleibt nur die Erkenntnis, dass Kämpfen sinnlos ist.

Damit aber noch nicht genug. Johnnys Freund Dally kann dessen Tod nicht verkraften; er zieht bei einem von ihm inszenierten Überfall eine (ungeladene) Pistole und provoziert damit die Polizei, ihn zu töten. Dieses Verhalten beruht offenbar auf einer Kurzschlusshandlung. Zwar erfährt der Leser völlig überraschend, dass Johnny Dallys einziger Freund war, dennoch wird damit sein Suizid kaum glaubwürdig. Dally ist wohl eine zu negativ angelegte Figur: er muß abtreten, weil er keine echte Zukunftsperspektive besitzt und darüber hinaus seine Funktion innerhalb des Romans erfüllt hat. So verliert der Erzähler gleich zwei gute Freunde.

Ponyboy versucht eine ganze Weile, die schrecklichen Erlebnisse zu verdrängen; er ist mental und emotional aus dem Gleichgewicht, und seine schulischen Leistungen sacken dramatisch ab. Schließlich setzt er sich mit seinen Problemen auseinander, indem er sich die ganze niederdrückende Geschichte von der Seele schreibt: so sichert er in der Schule seine Versetzung, und es gibt doch noch ein happy ending. Somit stellt die Romanhandlung eine melodramatische Mischung aus knallharten Fakten, zahlreichen Klischees und unvermuteten Kontrasten dar.

The Outsiders ist zwar ein erfolgreicher Bestseller, aber m.E. zugleich ein überschätztes, wenn nicht gar minderwertiges Werk, das als Schullektüre nur bedingt geeignet ist. Zwar wurde der Roman von einer Frau geschrieben, paradoxerweise aber bleiben die wenigen weiblichen Figuren sehr schablonenhaft. Für Schülerinnen bieten diese daher nur ein sehr geringes oder gar kein Identifikationspotential. Andere Aspekte sind wenig glaubhaft oder gar fragwürdig. Dass sich Vierzehnjährige schon jahrelang für Gone with the Wind interessiert haben, ist ebenso wenig vorstellbar wie die Tatsache, dass sich die Jugendlichen aus bescheidenen Verhältnissen die wohlhabenden Kavaliere aus dem amerikanischen Süden zum Vorbild nehmen. Ferner erweist sich der Ratschlag, als Mittel gegen Übergriffe stets ein Klappmesser bei sich zu tragen, als gefährlich, denn die Verwendung von Waffen führt nur zur Eskalation der Gewalt.

Daher ist der Einsatz der Lektüre nur dann sinnvoll, wenn die Arbeit im Unterricht als Korrektiv des Textes genutzt wird, wenn etwa die Misshandlung von Kindern, ihr Aufwachsen ohne Eltern, aber auch die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen thematisiert und problematisiert werden. Zudem gibt es zahllose modernere Beispiele für Initiationsromane, die sich als Alternativen zu diesem Werk anbieten.


Barry Hines, Kes (1968)

Dieses Werk gehört neben Barstows Joby zu den frühesten Romanen, die für Unterrichtszwecke vorgeschlagen wurden (ursprünglich bei Hirschgraben veröffentlicht, später von Cornelsen übernommen). Darin wird, unterbrochen von zwei Rückblenden, in chronologischer Reihenfolge ein entscheidender Tag im Leben des Protagonisten geschildert. Dieser ist der fünfzehnjährige Billy, welcher der Arbeiterklasse angehört, zu Hause vernachlässigt wird und in der Schule weitgehend verständnislosen Lehrern ausgesetzt ist. Unbefriedigende schulische Leistungen führen dazu, dass Billy im Gespräch mit einem Mitglied des Arbeitsamtes seine schlechten Berufs- und Zukunftsaussichten bewusst werden.

Die weitgehende Beziehungs- und Kommunikationslosigkeit des Jungen bewirkt, dass für ihn ein gezähmter Falke, auf den im Titel angespielt wird, zum beinahe einzigen Bezugsobjekt wird. Somit macht Billy zahlreiche Negativerfahrungen. Mit Hilfe einer objektiven Erzählperspektive wird er als Opfer seines Umfeldes vorgestellt, für das der Leser Verständnis entwickeln soll.

Sicherlich ist Kes kein literarisch hochrangiges Werk. Zweifellos stellt das eine oder andere Detail speziell bei der Darstellung der schulischen Wirklichkeit eine karikaturhafte Übertreibung dar oder ist inzwischen überholt (z.B. das Praktizieren der Prügelstrafe), so dass es im Unterricht nicht darum gehen kann, den Roman affirmativ zu rezipieren. Dennoch sollte man die Darstellung nicht grundsätzlich als klischeehafte Schwarz-Weiß-Malerei abtun. Im Jahre 1968 bezog sich der Roman auf die unmittelbare Gegenwart, und angesichts steigender Jugendkriminalität verdient auch heute die soziologische These, dass nur allzu häufig aus Opfern Täter werden, noch immer Aufmerksamkeit. Es geht also darum, das Diskussionspotenzial des Texts zu nutzen.

Lehrer und Schüler könnten gemeinsam etwa der Frage nachgehen, wo die Grenzen zwischen gesellschaftlichen Einflüssen und persönlicher Verantwortung liegen oder die in Kes geschilderte Schulrealität zum Anlass nehmen, um die Spielregeln des sozialen Miteinanders zu diskutieren. Eine Erschwernis bedeutet das von Hines benutzte Yorkshire English, doch sollte ein Einlesen in diese regionale Variante des Englischen für Schüler der Sekundarstufe II nicht unmöglich sein. Das von Liesel Hermes vorgelegte Unterrichtsmodell wurde seinerzeit in der Jahrgangstufe 12/1 praktisch erprobt, doch ist der Text sicherlich bereits zu einem früheren Zeitpunkt einsetzbar.


Paul Zindel, The Pigman (1969)

Es fängt an als ein Spiel, das darin besteht, fremde Menschen anzurufen und sie möglichst lange am Apparat festzuhalten. Und es endet mit dem Tod des alten Mr Angelo Pignati, der auch deswegen scherzhaft als "The Pigman" bezeichnet wird, weil er über eine umfangreiche Sammlung von Glas-, Ton- und Marmorschweinchen verfügt. Die Anrufer sind John Conlan und Lorraine Jensen, die in einem gemeinsamen Tagebuch die Ereignisse festhalten.

Als sie mit Mr Pignati zum ersten Mal telefonieren, geben sie sich als Sozialarbeiter aus und bitten ihn um eine Spende für einen wohltätigen Zweck. Mr Pignati, ein pensionierter Elektriker, geht auf ihren Wunsch ein und verspricht ihnen zehn Dollar, die sie am nächsten Tag in seiner Wohnung abholen sollen. Sehr bald wird seine Einsamkeit deutlich: nach dem Tode seiner Frau lebt der "Pigman" allein und bezeichnet bei einem gemeinsamen Zoobesuch einen Pavian als seinen besten Freund. Von da an kommt es zu regelmäßigen Kontakten zwischen dem alten Mann und den jungen Leuten: es entsteht eine freundschaftliche Beziehung und soviel Vertrauen, dass John und Lorraine ihre anfängliche Unehrlichkeit eingestehen.

Dann erleidet Mr Pignati einen Herzanfall und kommt für einige Tage ins Krankenhaus. Diesen Umstand nutzen Lorraine und John, um in seinem Haus eine Party zu feiern, die jedoch im Laufe des Abends außer Kontrolle gerät. Als Mr Pignati vorzeitig heimkommt, herrscht in seiner Wohnung das komplette Chaos, und ein Großteil seiner Tiersammlung ist zerstört. Die jungen Leute entschuldigen sich bei ihm und können von Glück sagen, dass er auf Schadensersatzforderungen verzichtet. Als der alte Mann bei einem weiteren Zoobesuch feststellt, dass sein geliebter Pavian gestorben ist, übersteht er den erneuten Schock nicht. Offenbar war der Affe das letzte Wesen, zu dem er eine Beziehung hatte.

Die Lektüre dieses Jugendromans kann auch heutige Leser betroffen machen. Die fiktive Anlage des Werkes als ein von den jugendlichen Erzählern gemeinsam verfasstes Tagebuch bedingt nicht nur eine von Kapitel zu Kapitel wechselnde Perspektive, sondern erweckt auch den Eindruck der Authentizität der geschilderten Ereignisse. Die beiden Jugendlichen stammen aus Verhältnissen, die vom Generationskonflikt bestimmt sind: Lorraines Mutter (sie ist nach der Scheidung von ihrem Mann alleinerziehend) zeigt ebenso wenig Verständnis für ihre Tochter wie Johns Eltern für ihren Sohn.

Aber auch das Leben des alten Mr Pignati wird von Kommunikationsbarrieren und Isolation beherrscht. Von dieser Problematik her ergeben sich zweifellos zahlreiche Gesprächs- und Diskussionsanlässe im Unterricht. Mit ca. 125 Seiten ist das Buch gut überschaubar. Aufgrund seiner lexikalischen und syntaktischen Einfachheit ist es von der Klasse 11/1 an gut einsetzbar. Unter den relativ zahlreichen Werken der Jugendliteratur ist Zindels Roman sehr empfehlenswert.


Susan Hill, I’m the King of the Castle (1970)

Nach dem Tod seines Großvaters erbt der elfjährige Edmund Hooper den gesamten Familienbesitz. Dazu gehört einmal eine wertvolle Insektensammlung, zum anderen aber auch das stattliche Anwesen Warings, auf dem Edmund nach dem Tode seiner Mutter allein mit seinem Vater Joseph lebt. Dieser stellt als eine Art Hausdame die Witwe Helena Kingshaw ein, die für sich und ihren Sohn Charles ein neues Zuhause sucht.

Auf diesem Hintergrund entwickelt sich die Handlung des Romans, die sich auf die beiden ungefähr gleichaltrigen Jungen konzentriert. Edmund Hooper sieht in Charles Kingshaw von Anfang an einen Eindringling und sich selbst in der Rolle des Hausherrn, so dass Spannungen und Konflikte vorgezeichnet sind, während sich das Interesse der Erwachsenen auf beiderseitiges gutes Einvernehmen richtet. Edmund Hooper kontrolliert Charles Kingshaw ständig und schikaniert ihn so sehr, dass dieser heimlich das Haus verlässt und sich in ein nahe gelegenes, schwer zugängliches Waldgebiet flüchtet.

Doch Hooper hat Kingshaws Flucht bemerkt: er folgt ihm, und beide entfernen sich so weit von Warings, dass sie die Orientierung verlieren. Als sie schließlich in ein heftiges Gewitter geraten, wird es Hooper vor Angst übel, und nun kontrolliert der an sich unsichere und eher schüchterne Kingshaw die Situation. Zudem rutscht Hooper, bei dem Versuch, einen Fisch zu fangen, unglücklich aus und verletzt sich am Kopf. Wiederum ist er von seinem vermeintlichen Widersacher abhängig, der ihm auch in der folgenden Nacht nach Kräften hilft. Als aber am nächsten Tag die Retter erscheinen, beschuldigt Hooper Kingshaw, ihn tätlich angegriffen zu haben, und die Erwachsenen schenken ihm Glauben. Ihre Haltung ist von ausgeprägtem Wunschdenken bestimmt: sie möchten, dass die Jungen gute Freunde werden, sich gut verstehen und gemeinsam die Schule besuchen. Damit drängen sie Kingshaw in eine Lage der Isolation.

Eines Tages unternehmen Eltern und Kinder einen gemeinsamen Ausflug zu einer alten Ruine. Beim Klettern in den Mauern fühlt Kingshaw sich als Herr der Burg (vgl. Titel), da sich zeigt, dass Hooper nicht schwindelfrei ist. Als Kingshaw ihm helfend die Hand entgegen streckt, fühlt dieser sich bedroht und stürzt ab. Kingshaw ist zutiefst getroffen und fürchtet, Hooper sei ums Leben gekommen. Tatsächlich muss Hooper lediglich für einige Tage ins Krankenhaus. In dieser Zeit knüpft Kingshaw Kontakte zu Fielding, der auf einer nahen Farm lebt.

Als Hooper zurückkehrt, beschuldigt er erneut Kingshaw, für seinen Unfall verantwortlich zu sein, und erneut glauben die Erwachsenen seinen Anschuldigungen. Zwar lehnt sich Kingshaw gegen soviel Ungerechtigkeit auf, aber vergebens. Schließlich gelingt es Hooper sogar, Kingshaws neuen Freund Fielding auf seine Seite zu ziehen. Als die Eltern sich zur Heirat entschließen, sieht sich Kingshaw so sehr unter Druck und so stark isoliert, dass er keinen anderen Ausweg mehr weiß, als seinem Leben ein Ende zu setzen. Hooper empfindet nun keine Schuld-, sondern Triumphgefühle: er befindet sich am Ziel seiner Wünsche.

Dieses rund 220 Seiten umfassende Buch ist einem einzigen Thema gewidmet: dem andauernden Machtkampf zwischen zwei Jungen, der von der Seite des einen mit Heimtücke und Psychoterror ausgetragen wird. Nach der Aussage der Autorin (vgl. Nachwort in der Penguin-Ausgabe) ist das Werk eigentlich ein Buch über Kinder für Erwachsene, das die Grausamkeit von Kindern gegenüber Kindern zeigt und das vielleicht deswegen in vielen englischen Schulen gelesen wird. Die Erwachsenen stehen dem Problem mit absolutem Unverständnis gegenüber; ihr Verhalten ist im Grunde durch eigene, egoistische Interessen bestimmt. Insofern vollzieht sich die Isolation des Opfers unbemerkt bis hin zur mehr oder minder zwangsläufigen Katastrophe. Zweifellos ist I’m the King of the Castle ein sehr düsteres Buch, das eher Widerspruch und Diskussion als Zustimmung hervorruft.

Von der Thematik her ist der Roman sicherlich schon für die Abschlussklasse der S I geeignet, aufgrund seines Umfangs und seines sprachlichen Anspruchs aber erst ein bis zwei Jahre später einsetzbar. Durch die langatmige Darstellung der klischeehaften Kontrastierung zwischen Peiniger und Opfer erscheint der Roman zudem in literarischer Hinsicht wenig gelungen. Auch wenn inzwischen eine Schulausgabe (Cornelsen) vorliegt, ist das Werk m.E. keinesfalls ein didaktischer Glücksgriff. Für die Gattung Initiationsroman zumindest existieren zahlreiche Alternativen.


Judith Kerr, When Hitler Stole Pink Rabbit (1971)

Dieses Buch, das 1974 in der Übersetzung von Annemarie Böll den deutschen Jugendbuchpreis bekam, ist in formaler und thematischer Hinsicht ungewöhnlich. Die Handlung setzt unmittelbar vor der Machtergreifung Hitlers ein und schildert für die folgenden drei Jahre das Schicksal einer deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie, das offenbar mit dem der Kerrs identisch ist. Somit ist das Werk mehr ein auf Tatsachen beruhender Bericht als ein Roman und dürfte daher den Leser stärker durch seinen geschichtlichen Wahrheitsgehalt als durch seine imaginative und fiktionale Gestaltung ansprechen.

In der Familie Kerr ist die Mutter eine ausgebildete Pianistin, der Vater ein angesehener Journalist und freier Schriftsteller; ihre beiden Kinder Max und Anna besuchen zu Beginn des Romans in Berlin die Schule. Die knapp zehn Jahre alte Tochter Anna steht im Folgenden im Zentrum der Ereignisse. Da sich der Vater in seinen zahlreichen Artikeln und Büchern kritisch mit den Nationalsozialisten auseinandergesetzt hat, sieht er seine Familie zu Recht von ihnen bedroht, und daher flüchten die Kerrs zunächst in die Schweiz. Hier leben sie in Sicherheit, während die Nazis in Deutschland die Bücher des Vaters verbrennen, das Eigentum der Familie konfiszieren und dabei auch ein kleines Stofftier, das im Titel erwähnte rosafarbene Kaninchen, nicht verschonen. Mit der Zeit wird es für den Vater immer schwieriger, mit seiner journalistischen Arbeit das für den Lebensunterhalt erforderliche Geld zu verdienen, da die Schweizer Verleger vor allem auf ihre politische Neutralität bedacht sind und nur ganz sporadisch seine Artikel zur Publikation akzeptieren.

Wie viele andere jüdische Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler zieht es daher den Vater nach Paris, wo er bessere berufliche Perspektiven für sich sieht, da er die französische Sprache so gut wie seine Muttersprache beherrscht. Damit ergibt sich nicht nur die Notwendigkeit einer erneuten Orientierung in einer fremden Umgebung, sondern neben der Konfrontation mit fremden Sitten vor allem das Problem der sprachlichen Verständigung für Mutter und Kinder. Aber auch in Paris tun sich viele Schwierigkeiten vor ihnen auf, die vor allem durch die weltweite wirtschaftliche Depression verursacht sind, und die Kinder spüren intuitiv die Sorgen der Eltern: die Anpassungs- und Lernfähigkeit aller ist täglich neu gefordert. Andererseits erfahren die Kerrs auch praktische Hilfe und Ermutigung durch Verwandte, Kollegen und die Lehrer ihrer Kinder.

Anna und Max lernen schnell die französische Sprache. Anna hat angesichts der sie prägenden Erfahrungen keineswegs den Eindruck, eine schwierige Kindheit zu durchleben. Angesichts des Zusammenhalts in der Familie und der intensiven Zuwendung von Seiten der Eltern hat sie nicht das Gefühl, ein Emigrantenkind ohne festes Zuhause zu sein. Auch anlässlich der Übersiedlung nach London sieht Anna der Notwendigkeit einer erneuten Standortfindung innerlich gelassen entgegen. (Das Schicksal der Familie in England beschreibt der 1975 erschienene, weniger erfolgreiche Fortsetzungsband The Other Way Round.)

Das Werk stellt - ähnlich wie Das Tagebuch der Anne Frank - Einzelschicksale vor, die zur Zeit des Dritten Reiches für viele jüdische Menschen typisch sind. Bei einer Länge von 190 Seiten ist die Autobiographie auch auf der Sekundarstufe I einsetzbar, weil der Text syntaktisch einfach sowie von der Wortwahl und vom Inhalt her für Englisch lernende deutsche Leser ohne Weiteres zugänglich ist. Zwar ist die Hauptfigur Anna jünger als die Schüler der 10. Klasse, doch sollte es ihnen möglich sein, die Probleme der Betroffenen emotional nachzuvollziehen und diese aus einer gewissen Distanz heraus mit Verständnis zu betrachten.

Um die Lektüre des Werkes zeitlich nicht zu überdehnen, scheinen methodische Schwerpunktsetzungen unverzichtbar zu sein. Aufgrund des episodischen Charakters der einzelnen Kapitel lässt sich eine selektive Lektüre im Unterricht problemlos realisieren, wobei die Schüler an der Auswahl von Kernstellen möglichst häufig zu beteiligen sind. Ein reizvoller Diskussionsschwerpunkt könnte die Beschäftigung mit dem grundsätzlichen Wert und den Methoden des Fremdsprachenunterrichts sein. So lässt sich aus dem Text herauskristallisieren, wie Max - durch den Zwang zur Verständigung mit seinen Mitschülern bedingt - viel Mühe auf das rasche Erlernen des Französischen verwendet und als Folge davon seine Einstellung zur Schule grundsätzlich verbessert.

Aber auch praktische Fragen, wie der Vorteil der Einsprachigkeit, der Einsatz von Gestik, Mimik und Körpersprache, die Bedeutung von Motivation und Erfolgserlebnissen, die Verwendung von Wörterbüchern, der Einsatz von Diktaten ... lassen sich im Unterricht diskutieren, so dass die Schüler über ihre Rolle als Lernende einer Fremdsprache nachdenken. Es geht darum, solche Auswahlmöglichkeiten zu nutzen, um Schüler zum Austausch von Beobachtungen, Eindrücken und Reaktionen zu veranlassen. Dieses Buch wurde als erster längerer literarischer Text für die Sekundarstufe I vorgeschlagen (vgl. Bibliographie: Hunfeld) und ist heute wie damals gleichermaßen empfehlenswert.


Ursula Le Guin, A Very Long Way (1972)

Dieser Kurzroman (ca. 60 S. Text) hat einen 17jährigen amerikanischen Schüler als Hauptperson, der sich mit den Problemen des Erwachsenwerdens in einer Welt auseinandersetzen muss, die immer wieder Anpassung fordert. Die Erzählung ist aus der Sicht des männlichen Protagonisten verfasst und beschreibt seine erste bewusste Begegnung mit dem anderen Geschlecht, einem musikalisch sehr begabten Mädchen, das die Gefühle des Jungen erwidert. Dennoch kommt es nicht zum glücklichen Ende. Die beiden beschließen, sich mindestens vorübergehend zu trennen und über ihr Studium zu sich selbst zu finden. Diese ansprechende, lebensnahe, gut zu lesende Variante der zahlreichen Initiationsgeschichten ist ab der 10. Klasse einsetzbar.


Bette Greene, Summer of My German Soldier (1973)

Das zwölfjährige jüdische Mädchen Patty (Pat) Bergen ist die sensible und begabte Erzählerin des Geschehens in diesem ersten Roman der Autorin, der während des zweiten Weltkriegs im Süden der Vereinigten Staaten angesiedelt ist. Patty fühlt sich - im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester Sharon - von ihren Eltern weder verstanden noch akzeptiert. Eines Tages werden ca. 20 deutsche Kriegsgefangene mit dem Zug in die Kleinstadt Jenkinsville (Arkansas) transportiert, wo sie in einem Lager untergebracht werden.

Unter ihnen befindet sich ein gewisser Anton Reiker aus Göttingen, der in England aufwuchs und der deswegen Englisch wie seine Muttersprache spricht. Dieser wird Pattys Freund. Als es ihm gelingt zu fliehen, versteckt sie ihn in unbenutzten Räumen über der Garage und versorgt ihn mit Nahrung. Für sie ist Anton weder ein Nazi noch ein feindlicher Soldat, sondern lediglich ein Mensch in Not, der Hilfe braucht.

Diese Sicht wird auch von der schwarzen Hausangestellten Ruth geteilt. Eines Abends wird Anton Zeuge, wie Mr Bergen aus nichtigem Anlass seine Tochter verprügelt, ja geradezu misshandelt. Um sein eigenes Leben nicht zu gefährden, muss Anton den Impuls unterdrücken, dem Mädchen zu Hilfe zu eilen. Pat träumt von gemeinsamer Flucht, doch entscheidet Anton, allein weiter zu fliehen. Aber bevor er in der Nacht fortgeht, zeigt er der jungen Pat, dass er ihre Gefühle erwidert und hinterlässt ihr seinen kostbarsten Besitz, einen wertvollen, aus Familienbesitz stammenden Goldring.

Als die Zwölfjährige diesen arglos in der Öffentlichkeit zeigt, gerät sie hinsichtlich seines Ursprungs sehr rasch in Erklärungsnot. Sie wird zunächst vom Sheriff, dann von einem Beamten des FBI verhört. Als sie dabei erfährt, dass ihr geliebter Anton Reiker auf der Flucht erschossen wurde, kann sie ihre Gefühle nicht verbergen, und sie muss ihr Verhalten eingestehen. Die Rede ist von Verrat und Komplizenschaft mit einem Nazi-Spion: Patty wird als jüdischer "nazi lover" angeprangert. Eine neue Welle des Anti-Semitismus entsteht, die sich auch gegen die Familie Bergen richtet. Als Ruth es wagt, sich für Pat einzusetzen, wird sie auf der Stelle von Mr Bergen entlassen. Pat wird für mehrere Jahre in eine weit entfernt liegende Erziehungsanstalt eingewiesen. Es ist wiederum Ruth, die Pat als einzige hier besucht, um ihr den Ring zu überbringen, den Pat ihr einst anvertraut hatte.

Die Personenkonstellation ist äußerst ungewöhnlich: bedingt durch den Mangel an elterlicher Zuwendung verliebt sich ein jüdisches Mädchen ausgerechnet in einen deutschen Soldaten, der auf der Seite des Naziregimes kämpft. Doch ist dieser kein Antisemit. Vielmehr kontrastiert seine Menschlichkeit mit der Verständnis- und Lieblosigkeit vor allem Mr Bergens, der in seiner Familie autoritär alle Entscheidungen trifft, im Text nicht ganz zu Unrecht mit Hitler verglichen wird, aber doch gelegentlich karikaturhaft überzeichnet erscheint. Die junge Erzählerin fragt nicht nach den Ursachen für das väterliche Verhalten, aber sie wehrt sich mit allen Kräften gegen die Unterstellung, sie selbst sei ein schlechter Mensch.

Die forcierte Figurenkonstellation wird ergänzt durch Ruth, die als verständnisvolle Angehörige einer anderen Minderheit und als gläubige Christin in jeder Beziehung ein Vorbild ist. Die Ereignisse bilden zunächst ein buntes, kaleidoskopartiges Bild, doch gewinnen sie mit fortlaufender Lektüre bei aller Unwahrscheinlichkeit immer mehr an Geschlossenheit. Akzeptiert man die Ausgangslage, ergeben sich viele mögliche Akzentsetzungen, die mit Klischeebildungen, Vorurteilen, Diskriminierung, eigener Integrität und Erwachsenwerden zu tun haben. Aus diesen sollte für die Unterrichtsarbeit eine Auswahl erfolgen. Die didaktische Ausgabe des Cornelsen-Verlages aus dem Jahre 1994 weist einen sprachlichen und sachlichen Kommentar sowie einen Aufgabenapparat, aber keine Zusatztexte auf; diese müssen vom Lehrer bereit gestellt werden. Aufgrund des Umfangs, der sprachlichen und gedanklichen Ansprüche erscheint ein Einsatz des Werks von der Klasse 11/2 an möglich.


Myron Levoy, Alan and Naomi (1977)

Dieser Jugendroman von Myron Levoy spielt im New York der vierziger Jahre. Naomi, ein zwöfjähriges jüdisches Mädchen, ist mit ihrer Mutter von Frankreich nach New York geflohen, nachdem sie mit ansehen musste, wie ihr Vater von den Nazis zu Tode geprügelt wurde. Dadurch hat sie schweren psychischen Schaden erlitten und sich ganz in sich selbst zurückgezogen. Der genauso alte Alan, der im gleichen Hause wohnt, wird von seinen Eltern gebeten, ihr zu helfen. Alan bemüht sich zuerst widerwillig, schließlich aber doch sehr intensiv um Naomi. Sie schenkt ihm ihr Vertrauen und wird soweit 'geheilt', dass sie es wagt, die Schule zu besuchen.

Dann aber nehmen die Dinge eine dramatische Wende: Alan wird bei dem Versuch, sie zu beschützen, niedergeschlagen. Die Konfrontation mit der Gewalt weckt schlimme Erinnerungen in Naomi: sie flieht, erleidet einen entscheidenden Rückfall und kommt in ein Sanatorium. Alan kann nichts mehr für sie tun. Diese Geschichte grenzt zwar manchmal ans Sentimentale (das Verständnis des zwölfjährigen Alan erscheint einige Male unglaubwürdig), aber sie vermag dennoch auch heutige Leser zu fesseln. Vor allem im letzten Drittel steigt die Spannung; der Roman ist sehr gut ab Klasse 11 einsetzbar.


Ian McEwan, The Cement Garden (1978)

The Cement Garden ist ein düsteres und deprimierendes, aber auch ein fesselndes Buch. Erzählt wird aus der Sicht des knapp 15jährigen pubertierenden Jack, der entscheidende Ereignisse seines Lebens beschreibt. Seine Familie wohnt in einem einsamen, aber geräumigen Haus in einer trostlosen Umgebung, durch die eine nie gebaute Autobahn führen sollte. Gleich im ersten Kapitel stirbt der Vater an einem Herzinfarkt, und nur wenig später erkrankt auch die Mutter, die immer stärker bettlägrig wird und eines Tages ihrer heimtückischen Krankheit erliegt: offenbar hatte sie Krebs. Während der Tod des Vaters für Jack, seinen kleinen Bruder Tom sowie die jüngere Schwester Sue und die ältere Schwester Julie nichts ändert, ist die Trauer der Kinder beim Tod der Mutter groß.

Hinzu kommt die Furcht aller, dass bei Bekanntwerden ihres Waisenstatus eine Einweisung in ein staatliches Fürsorgeheim erfolgen und damit möglicherweise die Trennung der Geschwister nach sich ziehen könnte. In ihrer Angst verfallen die drei Älteren auf die Idee, die Mutter im Keller zu beerdigen, das heißt, dass sie beschließen, ihren Leichnam mit einem Betonmantel zu umgeben. Den dafür erforderlichen Zement hatte noch zu seinen Lebzeiten der Vater gekauft, um zwecks Unkrautbeseitigung den Garten einzubetonieren (vgl. Titel).

Danach leben die vier Kinder äußerlich weiter, als wäre nichts geschehen, doch setzt in der Familie rasch ein Prozess der Verwahrlosung ein: in der Küche stapelt sich der Abfall, tummelt sich das Ungeziefer, und regelmäßige warme Mahlzeiten werden selten. Zwar verfügen sie über Geldreserven, mit denen sie zunächst einmal ihren Lebensunterhalt bestreiten können, doch fühlt sich keines der Kinder für eine Organisation des Zusammenlebens verantwortlich. Im Grunde sind alle mit eigenen Problemen und Interessen beschäftigt.

Der sechsjährige Tom zeigt eindeutig regressives Verhalten, sucht die Zuwendung der älteren Schwester Julie und zwingt ihr eine Rolle als Ersatzmutter auf. Sue konzentriert sich auf das Lesen von Büchern sowie das Schreiben eines Tagesbuches und zieht sich fast ständig in ihr Zimmer zurück. Eine Zeitlang gibt Jack jede Form von Körperpflege auf, liegt bis mittags im Bett, und, abgesehen von häufiger Masturbation, weiß er nichts mit sich und seiner Zeit anzufangen. Nur Julie verfügt über wirkliche Kontakte mit der Außenwelt: sie hat den professionellen Snooker-Spieler Derek kennengelernt, der nicht nur an einer festen Bindung mit ihr, sondern auch daran interessiert ist, zu den Kindern zu ziehen.

Inzwischen haben die älteren Geschwister eine Entwicklung durchgemacht: Jack besinnt sich auf die Vorteile der Hygiene, in der Küche wird aufgeräumt und auf Sauberkeit geachtet, aber dennoch gibt es einen aufdringlichen Geruch im Haus, der aus dem Keller kommt. Julie widersteht Dereks Annäherungsversuchen, wohl weil sie seine Autoritätsansprüche fürchtet. Stattdessen verführt sie ihren Bruder Jack, wobei die beiden von Derek überrascht werden. Zudem entdeckt dieser im Keller die Leiche der Mutter und verständigt die Polizei.

Die aus Jacks Perspektive geschilderten Ereignisse lesen sich wie ein nüchterner, realistischer Bericht mit teilweise makabren Details, in dem - ähnlich wie in vielen Werken Ernest Hemingways - die Emotionen weitgehend ausgespart werden. Dennoch gibt es eine Fülle von bedeutungsträchtigen Mosaiksteinchen, die den Roman durchziehen und alle in die gleiche Richtung weisen: das eigene Grundstück wird als konstruierter, nicht als kultivierter Garten bezeichnet, der zur Abschottung von der Außenwelt mit einem Wall umgeben werden soll, in dem so gut wie nie Verwandte oder Freunde zu Besuch kommen. Auf diese Weise kennzeichnet der Autor die Beziehungslosigkeit und die Kommunikationsbarrieren innerhalb der Familie und nimmt die Isolation und die spätere Marginalisierung der Kinder vorweg. Ihre Angst ist größer als der Drang nach Kontakten mit der Umwelt.

The Cement Garden ist ein nicht unumstrittener Roman. Dies bezieht sich zum Beispiel auf Jacks wiederholt eingestandenes Onanieren, das aufgrund der früheren Vorhaltungen seiner Mutter Albträume bei ihm auslöst. Am stärksten aber schockiert die Inzest-Szene kurz vor Schluss, in der Julie zu ihrer Defloration ihren noch minderjährigen Bruder verführt. Im Kontext des Romans wird indes schon lange vorher wiederholt deutlich gemacht, dass Jack sich zu Julie hingezogen fühlt. Dagegen ist Julies Verhalten einerseits durch eine gewisse Bindungsangst gegenüber Derek, andererseits aber auch durch die Aufgabe ihrer eigenen Dominanz gegenüber dem Bruder bestimmt, indem sie seine Übernahme von Verantwortung für die Familie akzeptiert. Für die Zukunft indes wird diese Form der Kommunikation durch das Erscheinen der Polizei unmöglich gemacht.

Mehrere Gründe sprechen einerseits für den Einsatz dieses Romans im Englischunterricht. Dazu gehört die relativ gut verständliche Sprache, der überschaubare Umfang von etwa 120 Seiten im Taschenbuchformat, die übersichtliche Figurenkonstellation sowie der mediendidaktische Umstand, dass seit dem Jahre 2000 (also mehr als zwei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung) bei Reclam eine Schulausgabe vorliegt (Hg. Astrid Wagner). Andererseits gelten für die Besprechung im Kurs- oder Klassenverband ähnliche Vorbehalte wie für Chboskys The Perks of Being a Wallflower und McDonells Twelve (vgl. die entsprechenden Knapptexte in dieser Datei). Und natürlich gibt es mit inzwischen ca. 40 Texten ein deutliches Überangebot für diesen Romantyp.


Barry Hines, Looks and Smiles (1981)

Dieser Roman schildert den Alltag junger Leute im England der 70er Jahre, der vor allem durch Arbeitslosigkeit bestimmt ist. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist in und um Manchester so bedrohlich, dass zahlreiche Betriebsschließungen und Massenentlassungen drohen.

Im Zentrum des Geschehens stehen die beiden Freunde Mick und Alan. Während Alan dem Werben der Armee nachgibt und sich als Freiwilliger verpflichtet, zieht Mick eine Tätigkeit im zivilen Bereich vor und sieht sich dabei von Anfang an mit erheblichen Schwierigkeiten konfrontiert. Trotz seiner Bereitschaft, jede denkbare Lehrstelle anzunehmen, hat er keine Chance auf einen Job: bei allen schriftlichen Bewerbungen, Telefonaten und persönlichen Anfragen hagelt es unverzüglich Absagen.

Nur ein einziges Mal erhält Mick die Möglichkeit, an einem Eignungstest teilzunehmen. Als er für den folgenden Wochenanfang zu einem Interview geladen wird, keimt Hoffnung auf. Am Samstag geht er mit seinem Freund Alan zusammen aus, wird in eine Schlägerei verwickelt, bei der er Schwellungen im Gesicht sowie ein blaues Auge davonträgt. Niemand in der Auswahlkommission glaubt Micks Story von einem Sportunfall, und somit ist es keine Überraschung, dass die Jobsuche wiederum ein Misserfolg wird.

Inzwischen hat Mick Karen kennengelernt: die "Looks and Smiles" des Titels sind nichts anderes als Signale der Kontaktaufnahme unter den jungen Leuten. Zwar konnte Karen ebensowenig ihre beruflichen Wunschvorstellungen verwirklichen, aber sie hat immerhin Arbeit als Schuhverkäuferin. Ihre Probleme liegen eher im privaten Bereich, da sie allein mit ihrer geschiedenen Mutter lebt. Zwischen ihr und deren neuen Freund kommt es zu ständigen Reibereien. Nach einer größeren Auseinandersetzung verlässt Karen die gemeinsame Wohnung. Mick hat inzwischen zusammen mit einem Kumpel einen Einbruch durchgeführt, eine größere Menge Zigaretten gestohlen und erfolgreich auf dem Schwarzmarkt verkauft. Mit dem Erlös hat er sein Motorrad repariert, so dass er nun zusammen mit Karen zu ihrem Vater nach Bristol fahren kann.

Aber auch Karens Vater ist eine neue Bindung eingegangen: er hat mit seiner jetzigen Partnerin einen kleinen Sohn. Insofern erscheint es verständlich, dass er Karen nicht bei sich aufnehmen kann. Als Mick nach Manchester zurückkommt, ist seine Lage ungewisser denn je, da inzwischen sein bisher im Schichtdienst tätiger Vater entlassen worden ist. Karen kehrt an ihren Arbeitsplatz zurück, ihre persönlichen Konflikte indes bestehen fort.

Nur Alans Leben scheint einigermaßen geregelt zu sein: er sieht seinem Einsatz in dem vom Bürgerkrieg heimgesuchten Nordirland mit Gelassenheit entgegen. Für ihn gehört es zu seinem Job, dass Kameraden den Kugeln von Heckenschützen zum Opfer fallen, und deswegen hat er seinerseits keine Skrupel, auf Menschen zu schießen, wenn er den entsprechenden Befehl erhält. Mick überlegt, ob er Alans Beispiel folgen soll, doch macht Karen ihm unverständlich klar, dass er sich zwischen ihrer Person und der Armee entscheiden muss.

Diese Zusammenfassung gibt nur einen sehr unzulänglichen Eindruck von dem zermürbenden Kampf mit den vielfältigen Problemen des Alltags. Der Autor schildert in epischer Breite eine schier endlose Kette von Ereignissen, die keine Steigerung und keinen Höhepunkt aufweisen und ohne Lösungsansätze bleiben, da der Eintritt in die Armee als eine fragwürdige Alternative zur Arbeitslosigkeit erscheint. Das Problem des Qualifikationsdrucks nach unten ist keineswegs neu und dürfte Schülern auch von der aktuellen Lage in unserem eigenen Land bekannt sein. Die schwächsten Glieder in der Kette haben zwar ein Recht auf Arbeitslosenunterstützung, aber praktisch keine Zukunftsperspektive.

In dieser Situation suchen die Jugendlichen Zuflucht in Verhaltensweisen, die nicht nur am Rande, sondern eindeutig außerhalb der Legalität liegen. Alan, Mick und ihre Freunde haben keine Bedenken, fremde Fahrräder oder Autos für ihre Zwecke zu nutzen, sie zeigen Gewaltbereitschaft in der Gruppe, und auch bei der Vorbereitung und gezielten Durchführung des Einbruchs hat Mick keine Schuldgefühle: an diesen Punkten bedarf der Roman sicherlich der Problematisierung im Unterricht.

Der Text liegt seit 1989 in einer Schulausgabe (Diesterweg) vor, die erfreulicherweise zwar einen Sprachkommentar sowie Zusatzmaterial, bedauerlicherweise aber auch relativ viele störende Druckfehler aufweist. Zudem erschwert es die Unterrichtsarbeit, dass der Text nicht in Kapitel oder Sinnabschnitte strukturiert ist. Vom Inhalt her ist das Werk mit Kes, Joby oder The Nature of the Beast zu vergleichen. Vom Umfang und vom Anspruch her kommt es Saturday Night and Sunday Morning sehr nahe. Ein Einsatz erscheint von der Jahrgangsstufe 11/2 an möglich.


John Wain, Young Shoulders (1982)

Die Handlung dieses Romans umfasst 24 entscheidende Stunden im Leben des siebzehnjährigen Protagonisten und Ich-Erzählers Paul Waterford. Die Ausgangssituation ist dadurch gekennzeichnet, dass seine geliebte Schwester Clare bei einer Klassenfahrt durch einen Flugzeugabsturz in Portugal ums Leben gekommen ist und dass Paul und seine Eltern zu einer Trauerfeier nach Lissabon fliegen. Dieser Umstand wird zum Anlass für Paul, nicht nur seine Einstellung zu seiner Schwester, sondern auch seine Haltung zum Leben zu überdenken, wobei unbewusst das Niederschreiben der eigenen Gedanken und Gefühle zugleich autotherapeutischen Zwecken dient.

Paul ist ein Jugendlicher mit einem ausgeprägten Lernbedürfnis, in dessen Person sich eine hohe Sensibilität mit analytischen Fähigkeiten verbindet. Er träumt von einer alternativen Welt, in der es keine Gebote und Verbote, keine Einschränkungen, letzlich keine Normen gibt, auch keine Eheschließungen und Familiengründungen. Davon erhofft er sich ein spannungsfreies Leben, das ganz im Gegenteil zur konfliktreichen, zerstrittenen Ehe seiner Eltern steht. Nach der Teilnahme an der Trauerfeier sucht der Erzähler im Nachtleben von Lissabon Vergessen. Der Besuch in einem Striptease-Lokal wird zum Initiationserlebnis, das ihm die eigenen Grenzen und Schwächen bewusst macht. Aus der Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit gewinnt er ein neues Selbstverständnis, das ihm Mitleiden mit anderen, auch eine größere Toleranz gegenüber seinen Eltern ermöglicht. Diese finden durch den Verlust ihrer Tochter wieder zueinander.

Mit seinen 113 Seiten besitzt der Roman einen eher geringen Umfang. Die einsträngige Handlung ist ebenso leicht durchschaubar wie die Konstellation der Figuren, so dass der Einstieg in den Text keine Schwierigkeiten machen sollte. Dennoch distanzieren sich möglicherweise gerade Jugendliche von der allzu durchsichtigen Wandlung des Erzählers und der sentimentalen Versöhnung der Eltern. Es wäre interessant herauszufinden, wieweit die Schüler die Aussage des Romans kritisch oder affirmativ rezipieren. Einsetzbar ist der Text auf jeden Fall schon Anfang der Sekundarstufe II (Klasse 11/1).


Janni Howker, The Nature of the Beast (1985)

Dieses Erstlingswerk einer noch jungen Autorin kann man als Jugendroman mit sozialkritischem Hintergrund verstehen. Die Ereignisse spielen im östlichen Lancashire, einer Region, die von wachsender Arbeitslosigkeit betroffen ist. Nachdem bereits eine Keksfabrik und eine Brauerei geschlossen worden sind, steht offenbar ein größerer textilverarbeitender Betrieb vor dem gleichen Schicksal, so dass die Bewohner einer ganzen Siedlung ihren Job zu verlieren drohen. Das Gefühl der Ohnmacht und der Existenzangst verbindet sich mit der zeitweiligen Flucht in Alkohol, aber auch mit der Bereitschaft zur Solidarität und dem Plan, zur Erhaltung der Arbeitsplätze die Fabrik zu besetzen.

Doch während der Verhandlungen lassen die Manager heimlich die Maschinen aus den Fabrikhallen entfernen und machen damit die geplante Protestaktion zunichte. Damit ist zugleich der Konflikt zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, dessen Darstellung an die Beschreibung der Klassengegensätze in Alan Sillitoes Werken erinnert, endgültig entschieden. Auch Nel Coward, der Vater des jugendlichen Erzählers Bill Coward, wird arbeitslos. Da alle seine Versuche, einen anderen Job in der Gegend zu finden, zum Scheitern verurteilt sind, macht er sich schließlich nach Schottland auf, um eine Stellung auf einer Bohrinsel zu suchen. Bills Mutter hat schon kurz nach seiner Geburt die Familie verlassen, so dass der Erzähler in der Obhut seines Großvaters zurückbleibt.

Vor diesem Hintergrund wird die eigentliche Romanhandlung entwickelt; diesbezüglich beansprucht Bill Coward allein die Wahrheit zu kennen. Seit einiger Zeit treibt ein geheimnisvolles Ungeheuer (die Situation erinnert an Conan Doyles The Hound of the Baskervilles) in der Gegend sein Unwesen, indem es Hühner, Katzen und sogar Schafe tötet. Man findet seine Spuren im Schnee, Gerüchte kursieren, und manche glauben sogar an eine mögliche Gefährdung von Kindern. In dieser Situation werden 500 Pfund Belohnung für den ausgesetzt, der das erste Photo des Ungeheuers vorweisen kann. Bill und sein Freund Mick stehlen (in ihrem Jargon 'borgen') die wertvolle Kamera ihres Geschichtslehrers und bringen unter abenteuerlichen Umständen tatsächlich zwei, allerdings unscharfe Photos des Ungeheuers zustande, welche sie dem Herausgeber der lokalen Zeitung anbieten.

Dieser nimmt die Jungen nicht ernst, obwohl Bill fest daran glaubt, die Lösung des Rätsels gefunden zu haben: das Ungeheuer muss ein schwarzer Panther sein, der aus dem Käfig eines Wanderzirkus entwichen ist. Er ist entschlossen, das Tier zur Strecke zu bringen, um seine Überzeugung zu beweisen. Bei diesem riskanten Vorhaben hat Bill Glück im Unglück: als der Panther ihn verfolgt, versinkt dieser im Moor und kommt um. Allerdings wirkt Bills Geschichte so unwahrscheinlich, dass ihm niemand Glauben schenkt.

Zudem verschlechtert sich seine persönliche Lage in dramatischer Weise. Nel Coward muss nach einem tätlichen Angriff auf einen Polizisten in Glasgow eine zweijährige Gefängnisstrafe verbüßen. Zwar ist der Großvater nach wie vor bereit, sich um seinen Enkelsohn zu kümmern, doch hält man Bill für unzurechnungsfähig. Um seiner Einweisung in eine Anstalt zu entgehen, flieht er ins Moor, um da weiter zu machen, wo das Ungeheuer aufgehört hat. Er fühlt sich missverstanden und ausgestoßen von der Welt, zugleich aber angezogen von der Macht des Monsters und lehnt sich mit allen Kräften gegen die für ihn vorgesehene Fremdbestimmung auf.

Der Roman, der als Taschenbuchausgabe ca. 160 Seiten und zehn Kapitel umfasst, ist neben Kerrs When Hitler Stole Pink Rabbit der einzige, der in der Fachliteratur (vgl. Bibliographie: Klein) schon für die Behandlung im Englischunterricht der Sekundarstufe I empfohlen wird. Die Schilderung der Ereignisse unterliegt den subjektiven Beschränkungen der Ich-Perspektive, aber diese wirkt authentisch, glaubhaft und bedeutet für Heranwachsende durchaus eine spannende Lektüre. Die Einzelheiten fügen sich wie eine Kette zu einem homogenen Ganzen zusammen, so dass das Leseinteresse bis zum Schluss aufrecht erhalten wird. In Bezug auf den Umfang, den sprachlichen Schwierigkeitsgrad und den literarischen Anspruch haben inzwischen die Verlage eine Reihe von vergleichbaren Titeln auf den Markt gebracht (vgl. Einleitung zu den Knapptexten). Somit existieren (mindestens in leistungsstarken Klassen) auch für den Bereich des Englischunterrichts in den Abschlussklassen der Sekundarstufe I genügend attraktive Alternativen.


Geoffrey Trease, Tomorrow is a Stranger (1987)

Es gibt viele Romane, in denen jugendliche Figuren im Zentrum stehen, aber es ist durchaus ungewöhnlich, dass die Handlung solcher Werke während des zweiten Weltkriegs spielt. Die Ereignisse in Geoffrey Treases Tomorrow is a Stranger decken fast die gesamten Kriegsjahre ab: die erzählte Zeit reicht von Mitte Juni 1940 bis etwa Mai 1945. Dabei wird der Leser allenfalls indirekt mit den Grausamkeiten des Krieges konfrontiert; vielmehr ist die zu England gehörende Insel Guernsey Schauplatz des Geschehens, die kampflos den deutschen Soldaten überlassen wurde. Der Roman zeigt vor allem aus der Sicht jugendlicher Charaktere den alltäglichen Umgang mit der Besatzungsmacht, der sich über mehrere Jahre erstreckt und mit zunehmender Kriegsdauer immer schwieriger wird.

Im Mittelpunkt stehen vor allem Paul Le Grand und Tessa Gray sowie ihre Familien, die in dem Hafen St. Peter Port leben und die sich aus unterschiedlichen Gründen einer Evakuierung widersetzt haben. Mit dem Eintreffen der Deutschen wird vieles anders: sie führen auf der Insel den Rechtsverkehr ein, das Schulleben wird neu organisiert, und vom Militär überwachter Deutschunterricht wird für die Kinder obligatorisch. Sie alle wissen, dass jeder neue Tag anders sein wird, jeder Morgen andere Erfahrungen bringen kann, die Verunsicherung, quälende Ungewissheit und Zukunftsangst auslösen. Darauf spielt sowohl der Titel als auch das Motto des Romans an: Yesterday is safe/Tomorrow’s full of danger/Yesterday’s face I know/Tomorrow is a stranger.

Den Einwohnern von Guernsey ist bewusst, dass sie gegen die Besatzungsmacht nicht erfolgreich rebellieren können, auch wenn sie die Erfahrung machen, dass nicht alle deutschen Soldaten stereotyp das Böse verkörpern. Der offizielle Druck indes erzeugt ein hohes Maß an Zivilcourage und stärkt den Zusammenhalt der Bevölkerung. Es gibt ein ungeheuer großes Interesse an politischen und militärischen Nachrichten: es wird illegal Radio gehört, und es werden geheime Informationsblätter produziert sowie verteilt, an denen auch Paul und Tessa beteiligt sind. Angesichts der Rationierung der Lebensmittel greift man zur Selbsthilfe, zu Tauschgeschäften und Schwarzmarkthandel. Für die Bewohner Guernseys geht es nicht nur um das tägliche Überleben, sondern auch darum, dass sie durch intelligentes Unterlaufen bürokratischer Anordnungen der Besatzer ihre Selbstachtung bewahren. Und mit der Wende des Kriegsverlaufs in den letzten Monaten steigt die wirtschaftliche Not.

Von Geoffrey Treases 1987 erschienenem Roman gibt es schon seit 1992 eine Schulausgabe bei Diesterweg (herausgegeben und annotiert von Sabine Krüger). Vom sprachlichen Schwierigkeitsgrad und vom Umfang her (ca. 100 Seiten Text) ist der Roman zu Ende der S I oder zu Anfang der S II einzusetzen. Zudem dürfte es nicht allzu schwierig sein, die Thematik in den Vorstellungshorizont der Schüler zu bringen, vorausgesetzt, dass einige historische Grundkenntnisse über den Verlauf des Zweiten Weltkriegs vorhanden sind.

Es ging Trease offenbar nicht darum, einen Anti-Kriegs-Roman zu schreiben, sondern die kriegsbedingten Befürchtungen, täglichen Entbehrungen und persönlichen Opfer der Zivilbevölkerung darzustellen. Dadurch, dass Tessa und Paul viele schwierige Situationen gemeinsam durchstehen, entwickeln sie allmählich Sympathie und Zuneigung füreinander. Der Roman unterscheidet sich damit deutlich von vielen Initiationsromanen und ist für Unterrichtszwecke zweifellos eine empfehlenswerte Option. Daher bleibt zu hoffen, dass er seinen Platz auf dem Schulbuchmarkt noch lange behauptet.


Joan Lingard, The Guilty Party (1988)

Dieser Roman der bekannten Erzählerin hat eine nordirische, siebzehnjährige Schülerin, Josie McCullough als Hauptperson. Nachdem ihr Vater in Nordirland von der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) erschossen wurde, versucht sie mit Ihrer Mutter sich in England eine neue Existenz aufzubauen. Sie engagiert sich in der Anti-Atomkraftbewegung der nordenglischen Ortschaft, in der sie jetzt bei Verwandten wohnt. Sie hilft bei der Vorbereitung einer Demonstration gegen die Inbetriebnahme des örtlichen Atomkraftwerks, nimmt in einer Rede öffentlich Stellung und protestiert auch durch die Teilnahme an einem illegalen sit-in. Sie wird verhaftet und verurteilt, und da sie sich weigert, die ihr auferlegte Geldbuße zu zahlen, muss sie für ihre Überzeugung 14 Tage ins Gefängnis.

Doch ist ihr Einsatz nicht umsonst: durch die Unterstützung einer Gruppe von gleichgesinnten Altersgenossen werden soviele Unterschriften gesammelt, dass eine erneute Volksbefragung für bzw. gegen die Atomkraft angesetzt wird. Auch bei ihrem Freund setzt ein allmählicher Gesinnungswandel ein.

Damit liegt ein spannend geschriebener, anspruchsvoller Jugendroman vor, der von der 10. Klasse an einsetzbar ist.


Morris Gleitzmann, Two Weeks with the Queen (1989)

Morris Gleitzmann ist ein mit seinen Eltern nach Australien ausgewanderter Brite. So ist es nicht überraschend, dass die Handlung dieses Jugendbuches damit eingeleitet wird, dass die Familie Mudford auf dem fünften Kontinent die Weihnachtsbotschaft der englischen Königin verfolgt. Die Ereignisse werden erzählt aus der Sicht des Sohnes Colin. Als dessen achtjähriger Bruder Luke plötzlich zusammenbricht, glauben zunächst alle an eine harmlose Magenverstimmung.

Doch nachdem die Ergebnisse der ersten Blutuntersuchungen vorliegen, wird Luke per Flugzeug ins Krankenhaus nach Sidney transportiert, wo die schockierende Diagnose lautet: unheilbarer Krebs. Colin wird zu Verwandten nach England geschickt, weil seine Eltern ihm die Erfahrung des Leidens ersparen wollen. Dieser fügt sich ihrem Willen nur in der Absicht, in England einen Krebsspezialisten aufzuspüren, der seinen Bruder heilen kann.

Bei der Realisierung dieses Vorhabens soll ihm kein geringerer als die englische Königin behilflich sein. Doch erweist es sich als sehr schwierig, mit dem britischen Staatsoberhaupt in Kontakt zu treten: Colin versucht vergeblich, die Königin persönlich zu besuchen, sie anzurufen, in den Palast einzudringen, mit ihr in brieflichen Kontakt zu treten (die Ankündigung des Titels bleibt im Text eine Ziel- bzw. Wunschvorstellung: sie wird nie fiktionale Wirklichkeit). Trotz aller Misserfolge bleibt bei ihm eine Mischung aus respektloser Naivität und unbeirrbarer Entschlossenheit, seinem Bruder zu helfen.

Und wie Colin sich gegen das Denken in festgefahrenen Bahnen und Konventionen auflehnt, lässt den Leser trotz der Aussichtslosigkeit der Lage schmunzeln, da seine Denk- und Sichtweise mehr als einmal an den ausgeprägten Humor eines Adrian Mole erinnert. Nachdem Colin schließlich einsehen muss, dass kein Arzt dieser Welt seinem Bruder helfen kann, erkennt er, dass sein Platz in dessen Nähe ist, und er fliegt nach Sidney zurück. Damit widersetzt er sich zwar erfolgreich dem Willen seiner Eltern, aber dieser Entschluss bereitet dem todkranken Bruder eine letzte Freude und bedeutet für Colin einen wichtigen Schritt auf dem Wege des Erwachsenwerdens.

In diesem Roman wird ein ernstes Problem humorvoll angesprochen, wobei der Autor eine glückliche Balance zwischen Sentimentalität einerseits und Abgleiten ins Triviale andererseits bewahrt. Bei einem Umfang von rund 100 Seiten bleibt der Roman noch gut überschaubar, und darüber hinaus ist seine sprachliche Gestaltung so unkompliziert, dass der in der Klett-Ausgabe vorhandene Sprachkommentar aus guten Gründen nicht allzu ausführlich ausfällt. Das Nachvollziehen der Erzählerperspektive dürfte jugendlichen Lesern keine Probleme bereiten. Somit liegt ein attraktives Jugendbuch vor, das von der Klasse 11/1 an mit Gewinn eingesetzt werden und sicherlich Motivation für die Lektüre fremdsprachlicher Texte wecken kann.


Norman Silver, No Tigers in Africa (1990)

Der jugendliche weiße Erzähler hat mit seiner Familie Südafrika aus Furcht vor politischen Unruhen verlassen und versucht in England ein neues Leben zu führen. Die Übersiedlung in einen anderen Kontinent bedeutet indes nicht nur eine Beeinträchtigung des bisher gewohnten Lebensstandards, sondern bringt auch für den Ich-Erzähler völlig neue Orientierungsprobleme in einer apartheitlosen Umgebung mit sich.

Es zeigt sich immer wieder, wie Einflüsse des Rassismus sein Denken beherrschen, und so ist es ein schwerer Schock für den Erzähler, dass seine Mutter ausgerechnet mit einem schwarzen Playboy seinen Vater betrügt. Dies leitet den Zerfall der Familie ein, der Vater fühlt sich als Versager, der Erzähler begeht einen Selbstmordversuch. Trotz aller Kontakt- und Kommunikationsschwierigkeiten gewinnt er ein ebenfalls aus Südafrika stammendes Mädchen zur Freundin, das ihm als einzige eine Zukunftsperspektive eröffnet.

Dieses Werk ist als Lektüre nicht zu umfangreich (pp. 97), ansprechend und spannend geschrieben, attraktiv aufbereitet und ab Klasse 11 einzusetzen.


Berlie Doherty, Dear Nobody (1991)

Helen Garton und Chris Marshall, zwei junge Leute aus Sheffield, die kurz vor dem Schulabschluss stehen, geben sich ihren Gefühlen hin, ohne Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Dabei ergeht es Helen wie der Protagonistin in Margaret Drabbles The Millstone: sie wird schwanger. Die gesamte Handlung besteht aus der Geschichte dieser ungewollten Schwangerschaft, d.h. aus einer neunmonatigen Chronik von der Zeugung eines Kindes bis zu seiner Geburt. Erzählt wird das Geschehen aus der Sicht des Chris, doch wird sein Bericht mehr und mehr durch eine Reihe von Briefen ergänzt, die Helen an das in ihrem Leib heranwachsende junge Wesen schreibt, die alle mit der Anrede "Dear Nobody" beginnen und eine breite Skala von Gefühlen der werdenden Mutter zum Ausdruck bringen.

Zu Beginn wird Helen von Ängsten und Befürchtungen heimgesucht: sie fühlt sich allein und verlassen, als wäre sie in einer Wildnis. Den Gedanken an eine Schwangerschaft kann sie nicht ertragen und versucht daher, einen Reitunfall zu provozieren, um das Kind zu verlieren. Dann schaltet sich Mrs Garton ein, und als sie bereits um der Zukunft ihrer Tochter willen alle nötigen Schritte für eine Abtreibung getroffen hat, entscheidet sich Helen dafür, das Kind auszutragen. Chris steht zu seiner Verantwortung, auch wenn er nicht weiß, wie eine gemeinsame Zukunft aussehen soll, denn keiner der beiden hat einen Berufsabschluss oder ein gesichertes Einkommen. Chris und Helen verbringen dennoch eine sehr glückliche Zeit miteinander, bis Helen nach der überraschenden Entscheidung für ihr Kind ebenso überraschend beschließt, sich von Chris zu trennen.

Dieser versucht mehrere Male vergeblich, mit ihr in Kontakt zu treten, bis er schließlich dem Vorschlag eines Freundes folgt, eine gemeinsame Radtour durch Frankreich zu unternehmen, um Vergessen zu finden. In dieser Zeit ist Helen bei ihrer Mutter, und das gespannte Verhältnis zwischen den beiden bessert sich nach einer Aussprache, in deren Verlauf Helen erfährt, dass ihre Mutter unehelich geboren wurde. Auch Chris’ Mutter, die ihre Familie vor Jahren im Stich ließ, schaltet sich ein und bietet an, durch regelmäßige monatliche Zahlungen zum Unterhalt ihres künftigen Enkelkindes beizutragen (sie will vermutlich an ihm wiedergutmachen, was sie ihrer Familie angetan hat).

Inzwischen erfahren Helen und Chris das Ergebnis ihrer Schulabschlussprüfungen, welches die jungen Leute zur Aufnahme eines Studiums berechtigt. Unmittelbar vor der Geburt schickt Helen ihrem ehemaligen Freund das ganze Bündel der an ihr Kind gerichteten Briefe. Als sie einer Tochter das Leben geschenkt hat, besucht Chris beide im Krankenhaus. Er beschließt, Helens Briefe durch Berichte aus seiner Sicht zu ergänzen (d.h. die Erzählstruktur des Buches wird im Text aus seiner Genese erklärt).

Überraschenderweise akzeptiert Chris nun, dass Helen ihr gemeinsames Kind allein großziehen will: er fühlt sich weder für ein Leben zu dritt noch für sein eigenes Leben reif. Ihm bleibt nur die unbestimmte Hoffnung, dass er eines Tages seine Tochter wirklich kennenlernen wird. Die Chance aber, durch die Übernahme von Mitverantwortung für Unterhalt und Erziehung sich selbst weiter zu entwickeln, wird von Chris nicht erkannt und damit vertan. Der Leser, der auf ein glückliches Ende eingestimmt war, wird enttäuscht.

Dieser erst 1991 erschienene Roman liegt seit Ende des Jahres 1998 in einer Schulausgabe (Klett) vor. Viele Gründe sprechen für eine Lektüre dieses Werkes. Zunächst einmal ermöglicht die doppelte Perspektive (vgl. Zindel, Miklowitz, Swindells) Lesern beiderlei Geschlechts einen affektiven Zugang zum Text. Wenn anfangs das Geschehen von Chris dominiert erscheint, so verschiebt sich dieser Eindruck immer mehr, indem Helens Briefe an Zahl, Umfang und Aussagekraft gewinnen, und erst kurz vor Schluss wird deutlich, dass der ehemalige Freund der erste Adressat der Briefe sein soll, und erst dann wird klar, dass Chris das Niederschreiben seiner Erfahrungen als Autotherapie benutzt.

Auch von seiner Thematik her verlangt der Roman nach keiner Brücke zur Erfahrungs- und Vorstellungswelt junger Leser, da sich wie von selbst eine unmittelbare Beziehung ergibt. Hinzu kommt, dass die Autorin die angesprochenen Probleme sehr einfühlsam und verständnisvoll darstellt. Helens Briefe enthalten eindrucksvolle poetische Passagen, aber auch die Chris zuzuschreibenden Berichte setzen sehr behutsam ihre Akzente, so dass insgesamt eine gelungene literarische Mischung entsteht, die m.E. zu Recht preisgekrönt wurde. Somit ergeben sich einerseits eine Reihe von natürlichen Gesprächsanlässen aus dem Text, so etwa die Frage nach der Rolle der Eltern, den Argumenten für und wider eine Abtreibung, der dominierenden Rolle Helens im Roman, etc. Andererseits stellt sich natürlich auch die Frage, ob sich solche persönlichen Probleme, die eigentlich nur zwei Menschen betreffen und die nach einer Aussprache unter vier Augen verlangen, für die öffentliche Diskussion im Klassen- oder Kursverband eignen.

Sicherlich hängt viel von der Atmosphäre und vom Verhältnis der Schüler zum Kursleiter ab. Ob wirkliche Gespräche zustande kommen, muss die Erfahrung zeigen. Vom Umfang und von der Sprache her ist das Buch sicher von der Klasse 11/2 an einsetzbar; m.E. sollte es wegen der zuletzt angesprochenen Problematik eher zu einem späteren Zeitpunkt eingesetzt werden.


Sally M. Keehn, I Am Regina (1991)

Dieser Roman basiert auf dem Schicksal Regina Leiningers, einer Tochter deutscher Einwanderer, die gezwungenermaßen neun Jahre ihres Lebens bei den Indianern verbrachte. Die Handlung setzt im Jahre 1755 in Pennsylvania ein, und wie es der Titel schon andeutet, werden die Ereignisse aus der subjektiven Perspektive Reginas geschildert.

Die Familie Leininger wird auf ihrer kleinen Farm eines Tages von Indianern überfallen, wobei Reginas Vater und ihr 20 Jahre alter Bruder Christian getötet werden; ihr Zuhause wird niedergebrannt. Die elfjährige Regina und ihre nur wenig ältere Schwester Barbara geraten in Gefangenschaft, Das Schicksal der Mutter und eines weiteren Bruders bleibt lange ungewiss, da sie zum Zeitpunkt des Überfalls mit einem Ochsenkarren unterwegs waren.

Für Regina und Barbara beginnt eine entbehrungsreiche Zeit. Barbara ist die mutigere der beiden. Sie unternimmt einen erfolglosen Fluchtversuch, bei dem sie nur knapp dem Tode entgeht. Später werden die Schwestern auf dem Wege nach Westen getrennt, so dass Regina allein auf sich gestellt ist. Sie macht einen langen, leidensvollen Lernprozess durch.

Regina lebt dabei in einem Zustand dauernder Ambivalenz. Einerseits trägt sie bald indianische Kleidung, hört auf einen indianischen Namen (Tskinnak), lernt langsam die Stammessprache sowie die Fertigkeiten, Sitten und Bräuche der Indianer. Diesem notwendigen Anpassungsprozess steht andererseits das Festhalten an ihren weißen Wurzeln gegenüber. Sie will weder die Erinnerung an ihre Eltern noch deren aus der Bibel abgeleiteten Erziehungsgrundsätze aufgeben. So wird dieser Fakten und Fiktion verbindende Text zu einem Initiationsroman der besonderen Art.

Ihre letzten Jahre bei den Indianern sind besonders hart. Dabei unterliegt Regina einem Bewusstseinswandel, und das Gemeinschaftsgefühl mit ihrer Gastfamilie wächst. Es herrscht ein schier endloser, verlustreicher Krieg mit den Weißen, wobei Gegner und Verbündete (Engländer und Amerikaner) mehrfach wechseln. Als schließlich Reginas Stamm auch noch von einer Pockenepidemie dezimiert wird, ist ihre 'Befreiung' nicht mehr fern. Jetzt zeigt sich ihre innere Zerrissenheit in vollem Ausmaß. Ihr Trennungsschmerz und ihre Verunsicherung sind so groß, dass sie nicht mehr weiß, wohin sie gehört und woher sie kommt.

Dem Langenscheidt-Verlag gebührt das Verdienst, seit kurzem eine didaktisch aufbereitete Ausgabe des Werkes anzubieten. Diese enthält eine ausführliche Einleitung, die den Text in die Tradition der captivity narratives einordnet, von der sich auch manche Parallelen zur Gattung der slave narratives ergeben. Der Text selbst ist in zahlreiche, überschaubare Kapitel gegliedert, an deren Ende sich jeweils sprachliche und sachliche Annotationen befinden, die auch die phonetische Transkription einschließen. Durch die Endnotenform ist die Benutzerfreundlichkeit zwar nicht ideal, dennoch ist aufgrund der Zeilenzählung und der drucktechnischen Hervorhebungen für den Leser eine rasche Orientierung möglich. Dazu enthält die Ausgabe zu jedem Kapitel einen ausführlichen Aufgabenapparat, der sich auf zentrale Textaspekte bezieht; Zusatzmaterial, Karten und Abbildungen runden den positiven Gesamteindruck ab.

Diese Neuerscheinung aus dem Jahre 2005 ist ein nahezu idealer Text für interkulturelles Lernen und stellt somit unter den zahlreichen Initiationsromanen eine wirkliche Bereicherung dar, die für die 11. Jahrgangsstufe wärmstens empfohlen werden kann.


Robert Westall, Gulf (1992)

Der Erzähler der Geschichte ist der jugendliche Tom Higgins, doch nicht er, sondern sein drei Jahre jüngerer Bruder Andrew (mit dem Spitznamen Figgis) steht im Zentrum der Geschehnisse. Dieser verfügt schon in sehr jungen Jahren über eine besonders ausgepägte Fähigkeit, sich in die Lage anderer Lebewesen hineinzuversetzen und sich mit ihren Problemen zu identifizieren.

Ein erstes Mal entwickelt Figgis Mitgefühl mit einem aus seinem Nest gefallenen kleinen Eichhörnchen, ein anderes Mal versetzt er sich anhand eines Zeitungsbildes in die Situation eines hungernden äthiopischen Babys. Der Hauptschwerpunkt der Erzählung liegt indes auf Figgis’ Identifikation mit einem jugendlichen irakischen Soldaten, der im ersten Golfkrieg gegen die Amerikaner kämpft.

In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass die Empathiefähigkeit des Figgis Higgins sich mit einer Art telepathischer Fähigkeiten verbindet. Figgis verliert jede Distanz zu seiner Umgebung: er verhält sich, als lebe er unter anderen Umständen in einem fernen Land, er spricht eine fremde Sprache, die er nie gelernt hat und leidet offenbar mit dem ihm unbekannten Kämpfer einer Nation, die das kleine Nachbarland Kuwait überfallen hat. Damit wird er für seine Familie zur Belastung: er ist weder für seine Eltern noch für seinen Bruder ansprechbar und kommt daher zur Beobachtung in eine psychiatrische Klinik.

Für den behandelnden Arzt ist Figgis’ Verhalten wissenschaftlich nicht erklärbar. Für ihn ist der Patient nicht mental krank und schon gar nicht wahnsinnig. Er verhält sich wie jemand, der den Kontakt mit der ihn umgebenden Außenwelt verloren und eine neue Identität angenommen hat. Doch ist sein gesundheitlicher Zustand äußerst bedrohlich: die Bürde der Situation scheint den Jungen zu überfordern, seine Kräfte schwinden mit jedem Tage weiter, und es gibt offenbar für ihn kaum noch Hoffnung. Überraschenderweise bringt der Tod des jungen irakischen Soldaten die Wende: damit geht für Figgis eine schmerz- und leidvolle Erfahrung zu Ende und lässt nicht einmal in seinem Gedächtnis Spuren zurück. Er wird wieder gesund und entwickelt sich fortan zu einem 'normalen' Jugendlichen.

Toms Erzählung verläuft geradlinig und einsträngig. In seinem chronologisch angeordneten, tagebuchartigen Bericht wird sein Bruder Figgis zum Sympathieträger. Mit Hilfe seiner Vorstellungskraft wird er nicht nur zu einem Rätsel für seine Umwelt, sondern er überwindet darüber hinaus traditionelle Denk- und Verhaltensmuster und zeigt zugleich die Standortgebundenheit aller menschlichen Wertvorstellungen auf. Allein dieser Aspekt dürfte zahlreiche Ansätze für ausgedehnte unterrichtliche Diskussionen bieten.

Von seiner Syntax her ist der Text auffallend einfach: sie erinnert an die parataktische Erzählweise Ernest Hemingways. Auch aufgrund seines überschaubaren Umfangs von ca. 70 Seiten erscheint das Werk zu Ende der Sekundarstufe I oder zu einem frühen Zeitpunkt auf der Sekundarstufe II einsetzbar. In jedem Fall wird die breite didaktische Palette der Jugendliteratur um ein attraktives Werk bereichert.


Kathy Stinson, Fish House Secrets (1992)

Dieser Jugendroman spielt in einem kleinen Ort an der Ostküste Kanadas. Wie in dem Roman The Pigman von Paul Zindel werden die Geschehnisse abwechselnd aus der Perspektive der männlichen und der weiblichen Hauptfigur erzählt. Der männliche Erzähler Chad hat vor kurzem bei einem tragischen Unfall seine Mutter verloren und fühlt sich durch die daraus resultierende intensivere Sorge seines Vaters um ihn in seiner Entwicklung stark eingeengt. Die weibliche Erzählerin Jill läuft von zu Hause weg, weil sie die Atmosphäre dort nicht mehr ertragen kann. Die Handlung kommt etwas zähflüssig in Gang, ist naturgemäß in zwei Stränge aufgespalten, und erst, als das Schicksal die beiden zusammenführt, wird der Roman zusammenhängender und besser lesbar.

Obwohl Jill mehrfach auf Chads Hilfe angewiesen ist, scheint sie die Situation zu dominieren: sie verkörpert die Freiheit, die Chad gegenüber seinem Vater erringen möchte. Sie hat sich die Freiheitsräume genommen, die ihr die Eltern nicht gewähren wollten. Andererseits erkennt Jill, dass Davonlaufen keine Problemlösung darstellt, allenfalls sinnvoll ist, um Abstand zu gewinnen. So kehrt sie schließlich nach Hause zurück, um ihrer Familie eine neue Chance zu geben.

Chad gesteht seinem Vater, dass er - wie seine Mutter - Maler werden möchte, auch wenn diese Tätigkeit ihm keine Sicherheit bietet; bei diesem Wunsch wird er von seinem Großvater unterstützt. Die kurze Begegnung hat in den beiden jungen Leuten Spuren hinterlassen. Der Roman weist einen offenen Schluss auf: bei der Trennung haben sie einander versprochen, in Kontakt zu bleiben, und Chad macht mit einem Brief den Anfang ...

Dieser einfühlsam geschriebene Roman ist schon ab Klasse 10 einsetzbar.


Karen Hesse, Out of the Dust (1997)

Viele Aspekte dieses Buches erinnern an John Steinbecks berühmten sozialkritischen Roman The Grapes of Wrath. Die Handlung spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in Oklahoma. Es wird das entbehrungsreiche Leben der Farmer beschrieben, deren Existenz gefährdet ist und von denen viele in der Hoffnung nach Westen aufbrechen, irgendwo in Kalifornien das gelobte Land zu finden.

Unter diesen Rahmenbedingungen ist auch das Schicksal der Familie Kelby zu sehen, das aus der Sicht der heranwachsenden Tochter Billie Jo erzählt wird. Diese hat die musikalische Begabung ihrer Mutter geerbt: sie träumt von einer Karriere als Konzertpianistin, bis eines Tages ein schrecklicher Unfall das Leben der gesamten Familie schlagartig und nachhaltig verändert.

Die Mutter hält einen neben dem offenen Feuer abgestellten Eimer mit Kerosin irrtümlich für Wasser, das sie zum Kochen verwenden möchte. Als sie ihren Irrtum bemerkt, ist es bereits zu spät: sie wird in Sekundenbruchteilen zu einer lebenden Fackel und stirbt kurz darauf an den Folgen ihrer schweren Brandverletzungen. Auch Billie Jo wird beinahe ein Opfer der Flammen: zwar überlebt sie, doch kann sie nur noch mit Mühe und unter starken Schmerzen ihre Hände bewegen.

Ihr Vater wirkt durch Unglück wie paralysiert. Sein ständiges Schweigen leitet einen Prozess der Entfremdung von seiner Tochter ein. Zudem scheinen sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen ständig zu verschlechtern: die Dürre, die Trockenheit, der Staub und die Sandstürme sind im Text rekurrente Probleme, die allen Bewohnern schwer zu schaffen machen.

Doch erkennt Billie Jo, dass sie in ihrer Heimat fest verwurzelt ist, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen Oklahoma nicht verlassen und nach Westen aufbrechen kann. Ganz allmählich schöpft ihr Vater wieder neue Hoffnung, als er eine verständnisvolle Lebenspartnerin findet, die auch seiner Tochter mit der gebotenen Zurückhaltung und Sensibilität begegnet und dadurch Vertrauen schafft. Schließlich überwindet sich Billie Jo dazu, ihre Hände zu bewegen und nimmt ihre Übungen auf dem Klavier wieder auf.

Dieser Roman sprengt in mehr als einer Hinsicht den Rahmen des Üblichen in der Jugendliteratur. M.E. sollte er gerade von Mitgliedern der Wohlstandsgesellschaft und der Spaßgeneration gelesen werden, da das Schicksal der Billie Jo beklemmend echt wirkt und jeden Leser nachdenklich machen kann. Darüber hinaus enthält der Text ein reichliches Diskussionspotenzial. Dazu gehört der Moralkodex der Armen ebenso sehr wie die Bedeutung der Überwindung von Kommunikationsbarrieren und diejenige der Musik für die eigene Standortfindung.

Bemerkenswert ist auch die literarische Form des Romans: die einzelnen Abschnitte sind als regelmäßige Tagebucheintragungen der heranwachsenden Erzählerin zu verstehen, die augenscheinlich wie eine Sequenz von Gedichten angeordnet sind und damit der Lektüre - an der Grenze von Prosa und Versen - einen ganz eigenen Reiz verleihen. Vom Umfang her und von der sprachlichen Schwierigkeit ist der Roman von der Jahrgangstufe 11 an vorbehaltlos als ein Text zu empfehlen, der die breite Palette der Jugendliteratur wesentlich bereichert.


Kathy Stinson, One Year Commencing (1997)

Dieser auf einer wahren Begebenheit beruhende Roman ist aus der Sicht eines zwölfjährigen Mädchens geschrieben, dessen Eltern geschieden sind. In Deutschland besteht die gesetzliche Regelung, dass ältere Kinder entscheiden können, mit welchem Elternteil sie zusammen leben möchten. Im vorliegenden Fall ist das Handlungsgeschehen durch ein anders gelagertes Gerichtsurteil bedingt.

Die Erzählerin des Romans, Alison Gaitskill, die bisher bei ihrer Mutter gewohnt hat, wird aufgefordert, ein Jahr im Hause ihres Vaters zu verbringen, bevor sie sich endgültig für den einen oder anderen Elternteil entscheidet. Dieses Urteil bedeutet für Alison (von ihrer Familie und ihren Freunden 'Al' gerufen) zunächst einmal die Beendigung eines durchaus befriedigenden Zustandes: die Loslösung von einer vertrauten Umgebung, die Trennung von der Mutter und den Freunden, die Umstellung auf eine neue Schule, etc. Es ist verständlich, dass Alison anfangs möglichst rasch wieder nach Hause möchte, und daher fehlt ihr jede Motivation, neue Kontakte zu knüpfen, da sie für sich am Wohnort des Vaters in Toronto keine Zukunftsperspektive sieht.

Doch allmählich muss sie einsehen, dass ihr Vater sich intensiv um sie bemüht und sehr auf ihre Wünsche eingeht. So richtet er seiner Tochter nicht nur für die Dauer des Aufenthaltes bei ihm ein eigenes Zimmer ein, sondern ermöglicht ihr auch die Teilnahme an einem Malkurs. Und in dem Maße, wie das Verhältnis zwischen Alison und ihrem Vater besser wird, fühlt sie eine allmähliche Distanzierung von ihrer Mutter. Bald fragt sie sich, wo sich ihr wahres Heim befindet, d.h. dass sie einen Prozess der Verunsicherung durchmacht und dass sie sich einem inneren Konflikt ausgesetzt sieht, den man mit dem Begriff der Ambivalenz umschreiben könnte.

Zugleich ist das ihr aufgezwungene Jahr der Entscheidungsfindung eine Zeit einschneidender persönlicher Veränderungen. Sie ändert sich nicht nur äußerlich (beispielsweise entscheidet sie sich gegen ihre bisherige kindliche Frisur), sondern sie lernt auch, Dinge selbständig zu regeln und sich eine persönliche Meinung zu bilden. So teilt sie zum Beispiel nicht die Einstellung des Vaters bezüglich der Baupolitik seiner Firma, die um angeblicher Sanierung willen weniger zahlungskräftige Mieter aus ihren angestammten Wohnvierteln vertreibt. Und sie erkennt, dass sie eigentlich mit beiden Elternteilen gut auskommt und bedauert zutiefst deren Scheidung. Aus ihrer Sicht sollte ein Gesetz die Trennung der Eltern solange unmöglich machen, bis deren Kinder erwachsen sind.

Am Ende des Jahres entscheidet sich Al dafür, mit ihrer Mutter die Sommerferien zu verbringen, aber anschließend zum Vater zurückzukehren. Für den Entschluss ist vielleicht der Umstand entscheidend, dass dieser seine Tochter trotz vorhandener Meinungsverschiedenheiten als Person akzeptiert und dass er wiederholt an ihre Selbständigkeit appelliert. Insofern hat er das vor Gericht für ein Jahr erkämpfte Sorgerecht für beide gut genutzt.

Dieses erst 1997 veröffentliche Werk liegt nur zwei Jahre später(!) bei Klett als Schulausgabe vor - mit sprachlichen Annotationen in benutzerfreundlicher Fußnotenform, einem Photo und einer biographischen Skizze der Autorin. Darin zeigt sich die begrüßenswerte Tendenz, die Realität und die Aktualität in die Schule zu holen. Der Bericht über Als konfliktreiches Jahr der Entscheidung ist in Monate aufgeteilt und in Kapitel gegliedert, welche in gelungener Fiktionalisierung zahlreiche Alltagserfahrungen widerspiegeln, die im Unterricht ebenso zahlreiche Diskussionsanlässe ermöglichen.

Eine gewisse Einseitigkeit liegt allerdings darin, dass in Kathy Stinsons Werk nur Kinder vorgestellt werden, deren Eltern geschieden oder aber zur Scheidung entschlossen sind. Insgesamt bedeutet indes diese Neuerscheinung, dass ein weiteres attraktives Beispiel für young adult fiction vorliegt, dessen Einsatz schon ab Klasse 11/1 sehr zu empfehlen ist.


Louis Sachar, Holes (1998)

Dieser Roman stellt ein weiteres Beispiel dafür dar, dass gerade Werke der sog. young adult fiction nur wenige Jahre nach Erscheinen in didaktischen Ausgaben vorgelegt werden. Insofern haben deutsche Schüler die Chance, den von englischen und amerikanischen Jugendlichen favorisierten, aktuellen Lesestoff kennenzulernen, vorausgesetzt, dass die Englischlehrer/Innen die erforderliche Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Werken mitbringen und nicht bei der Lektüre 'bewährter' Texte verharren.

Im Zentrum der Geschehnisse steht der junge Stanley Yelnats, der, wie seine gesamte Familie, ständig vom Pech verfolgt zu sein scheint, indem er sich stets zur falschen Zeit am falschen Ort aufhält. Jedenfalls wird er für einen von ihm nicht begangenen Diebstahl (er soll ein Paar Schuhe gestohlen haben) verurteilt, in einem texanischen Erziehungslager für jugendliche Straftäter zu arbeiten. Hier müssen alle Insassen täglich unter härtesten Bedingungen tiefe Löcher ausheben (vgl. Titel) - eine Arbeit, die nach offizieller Aufassung der Persönlichkeitsbildung der jungen Kriminellen dienen soll. Es kann nicht überraschen, dass unter diesen eine feste Hackordnung besteht. Nur wer sich den Gruppenzwängen anpasst, hat eine Chance in der Gemeinschaft, in der sowohl Gefühle des Misstrauens als auch der Solidarität herrschen. Zudem fürchten die Jugendlichen, durch versteckte Kameras und Mikrofone (in Orwellscher Manier) von der autoritären Lagerleitung ständig kontrolliert zu werden.

Für die Strafgefangenen gibt es nur eine Möglichkeit, der täglichen Routine zu entgehen. Wenn sie bei ihrer Arbeit einen besonderen Fund machen, sind sie aufgefordert, diesen sofort zu melden und erhalten dafür eventuell einen freien Tag. Stanley macht eines Tages einen solchen Fund: er gräbt ein offenbar kostbares Schminkkästchen - mit den Initialen KB - aus. Aber nicht Stanley, sondern der Anführer der Gruppe präsentiert der Lagerleitung das Kästchen, das er angeblich bei dem Ausheben seines Loches gefunden hat. Als daraufhin die Jugendlichen zu einem verstärkten Umgraben der vermeintlichen Fundstelle aufgefordert werden, kommt Stanley die Idee, dass die angeblich charakterbildende Arbeit doch noch anderen Zwecken dienen muss.

Tatsächlich stellt sich später heraus, dass KB für Kate Barlow steht: sie war eine vor mehr als 100 Jahren lebende weiße Lehrerin, die wegen ihrer Beziehung zu einem Schwarzen verstoßen wurde, daraufhin mehrere Banken überfiel und einen Teil ihrer Beute auf dem Gebiet des Lagers vergraben haben soll.

Es würde zu weit führen und zugleich die Lesefreude erheblich mindern, auch die übrigen Geschehnisse detailliert zusammenzufassen. Tatsache ist, dass die Lektüre des Buches bis zum Schluss spannend bleibt: es steckt stets voller Überraschungen und voller unerwarteter und unverhoffter Wendungen des Glücks. Dabei stört nicht einmal die alles überragende Bedeutung des Zufalls: Kate Barlow ist zufällig eine Familienangehörige Stanleys und der von ihr vergrabene Metallkoffer, der Schmuck und Wertpapiere enthält, trägt zufällig Stanley Yelnats Namen (der vorwärts und rückwärts gelesen das Gleiche ergibt). Stanley hebt zufällig seinen eigenen Schatz und zwar zufällig mit dem Freund zusammen, der den Stanley zur Last gelegten Diebstahl gesteht und damit für dessen Lageraufenthalt verantwortlich ist. Holes ist in jedem Fall ein spannender Jugendroman, der sich aber zugleich als Parodie dieser Gattung lesen und genießen lässt.

In sprachlicher Hinsicht sollte das Werk ein 11. Schuljahr nicht überfordern, da in diesem Lernstadium der Steilheitsgrad für die Schüler eher gering sein dürfte. Zudem weist die Ausgabe des Klett-Verlages von Mechtild Hesse erstellte, sorgfältige Annotationen auf, die als Fußnoten dem Leser ein lästiges Umblättern ersparen. Die rund 150 Seiten des Textes sind in 50 überschaubare Kapitel unterteilt, die sehr viele Dialoge und ein großes Diskussionspotenzial enthalten. Somit stellt diese Neuerscheinung zweifellos eine Bereicherung für den Englischunterricht dar. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch viele englischsprachige und deutsche Leser finden wird.


Nick Hornby, About a Boy (1998)

Entgegen der vom Titel geweckten Erwartung stehen zwei Personen im Zentrum des Romans: der 36jährige Will Freeman und der zwölf Jahre alte Marcus Brewer.

Will Freemans Name ist Programm: er ist und will in jeder Beziehung frei sein. Zunächst einmal ist der Junggeselle von der Notwendigkeit des Arbeitens befreit. Einst komponierte sein Vater einen erfolgreichen Weihnachtssong, der sich so sehr zum kommerziellen Dauerbrenner entwickelte, dass sein Sohn Will noch Jahre danach aus den Einkünften problemlos seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Und deshalb genießt er seine persönliche Freiheit: er verbringt seine Tage mit Videos, Fernsehen, Einkaufen, zahlreichen Kino- und Kneipenbesuchen ... Einerseits hat er so eine Fülle von Kontakten, andererseits sind diese alle sehr oberflächlicher Natur, denn Will Freeman hat eine ausgeprägte Angst vor dem Eingehen einer festen Beziehung.

Wegen seines Interesses an Frauen beschließt er, sich einer Selbsthilfegruppe von allein erziehenden Müttern anzuschließen. Doch entwickeln sich seine Kontakte anders als geplant. Will lernt die depressive, suizidgefährdete Fiona Brewer kennen, aber es ist ihr exzentrischer Sohn Marcus, der Will Freemans Freund wird. Diese Freundschaft beeinflusst in der Folgezeit das Leben beider in entscheidender Weise. Marcus ist auf der Suche nach einem Ersatzvater. Durch die Freundschaft mit Will überwindet er sein Selbstmitleid, seine Isolation sowie seinen Außenseiterstatus in der Schule, aber auch Will ändert sich: er legt seinen Egoismus und seine Bindungsangst ab. Somit macht jeder seine eigene Persönlichkeitswandlung durch, erlebt auf seine Weise eine besondere Initiation. (Für keinen anderen Romantyp ist zur Zeit das mediendidaktische Angebot so vielfältig.)

Hornbys dritter Roman wurde nicht zufällig zu einem Bestseller. Die Schreibweise des Verfassers ist einzigartig: obwohl die Romanereignisse in der 3. Person erzählt werden, erinnert vor allem die Sicht des pubertierenden Marcus an den Humor Adrian Moles. Daher ist das Buch stets so amüsant, unterhaltsam und zum Teil urkomisch, dass es für alle Liebhaber des englischen Humors zur Pflichtlektüre gehören sollte. Darüber hinaus wurde der Text erfolgreich verfilmt: in einer relativ originalgetreuen, amerikanisch-englisch-französischen Gemeinschaftsproduktion aus dem Jahre 2002 wurde Hugh Grant für seine Rolle als Will Freeman ausgezeichnet (Regie: Paul and Chris Weitz).

Der ca. 250 Seiten umfassende Roman liegt seit einigen Jahren in der Reihe der Senior English Library vor (ediert von Peter Bruck), in der die einzelnen Bände üblicherweise den ungekürzten Originaltext und eine biographische Skizze (mit Photo des Autors) enthalten. Hinzu kommt, dass jeweils zwei Textseiten einen Block Annotationen in Fußnotenform aufweisen. Aber es ist nicht nur dieses benutzerfreundliche lay-out, das den Roman schon von der 11. Jahrgangsstufe an empfehlenswert macht. Auch der sprachlich geringe Schwierigkeitsgrad und der attraktive Inhalt dürften dafür sprechen, dieses Beispiel für young adult fiction schon relativ früh vor allem als Motivationshilfe zum extensiven Lesen zu nutzen.


Stephen Chbosky, The Perks of Being a Wallflower (1999)

Es ist ein bedeutsames Detail des o.g. Werkes von Stephen Chbosky (geb. 1970), dass unter anderem Salingers berühmter Initiationsroman The Catcher in the Rye zu den Lieblingsbüchern des Protagonisten zählt. So sind einige Parallelen zwischen den beiden Werken unübersehbar. In beiden Werken beschreibt ein jugendlicher Protagonist aus einer subjektiv-eingeschränkten Perspektive seine Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden. In beiden Romanen macht der Erzähler eine akute Krise durch, so dass er der Hilfe eines Psychotherapeuten bedarf, und ebenso dient in beiden Texten das Niederschreiben der belastenden Erfahrungen der eigenen Therapie. Dennoch erscheint es eher unwahrscheinlich, dass Chboskys erster und bisher einziger Roman einen ähnlichen Siegeszug antreten wird wie Salingers longseller, der längst zu einem literarischen Klassiker des 20. Jahrhunderts avanciert ist.

In The Perks of Being a Wallflower besucht der anfangs 15jährige Erzähler Charlie im ersten Jahr eine amerikanische high school. Die Erfahrungen während dieser zwölf Monate legt er in zahlreichen Briefen an einen ihm unbekannten Adressaten nieder, der allerdings eine Person seines Vertrauens darstellt. Dabei unterliegt der zeitliche Abstand zwischen den Briefen und deren Länge deutlichen Schwankungen. Die einzelnen Briefe, die sich zu vier Teilen und einem Epilog zusammenfügen, sind chronologisch geordnet. Sie enthalten eine Fülle von Details aus dem Schulalltag ihres Verfassers, aus denen ganz allmählich und nicht immer geradlinig ein fassettenreiches Gesamtbild entsteht, in dem vor allem Charlies Freunde, aber auch seine Eltern, seine älteren Geschwister und Verwandte sowie seine Lehrer eine Rolle spielen.

Die von Charlie erwähnten Probleme sind vielfältig: sie reichen von Alkohol- und Drogenmissbrauch, dem Leiden eines Außenseiters über hetero- sowie homosexuelle Kontakte und Untreue gegenüber dem Partner bis hin zu Masturbation, Abtreibung und Gewalt. Zwar sind in den letzten 50 Jahren viele der genannten Themen enttabuisiert worden, aber sicherlich werden manche Passagen des Buches auch heutige Leser provozieren oder sogar schockieren. Doch muss man ebenso sehen, dass Charlies bwz. Chboskys (wie auch Holden Caulfields bzw. Salingers) Darstellung von schonungsloser Offenheit, von Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit getragen ist. Daher ist es gut vorstellbar, dass das Werk, so wie es der Werbetext des Verlagskatalogs beansprucht, genau den Nerv der heutigen Jugendlichen trifft. Der Drang nach Anerkennung durch andere, nach einem Platz in der Gruppe, eine intensive Identitätssuche, die Sehnsucht nach Glück sowie das Überwinden von Zukunfts- und Lebensangst sind nach wie vor ebenso verbreitete wie höchst aktuelle Themen.

Der Erzähler sucht Halt und Orientierung vor allem bei der Generation der Gleichaltrigen, bei Mitschülern und Geschwistern, während die Generation der Älteren, z.B. die eigenen Eltern, in der Regel ahnungs- und verständnislos bleiben. In Bezug auf Charlie stellt sich erst ganz zum Schluss heraus, dass er als Siebenjähriger von einer inzwischen verstorbenen Tante sexuell missbraucht worden ist und dass dieser Umstand in seiner psychischen Entwicklung deformierende Spuren hinterlassen hat, die professionelle Hilfe in einer Klinik erfordern. Ihm wird der Charakter einer Wandblume zugesprochen, die alles beobachtet und versteht, aber nichts weitergibt (vgl. Titel) und damit eine entscheidende Bedingung für die Akzeptanz durch seine Freunde erfüllt.

Seit 2004 liegt bei Cornelsen eine Schulausgabe des Romans vor (Herausgeberinnen sind Gunthild Porteous-Schwier und Ingrid Ross); wie andere Werke der Senior English Library weist sie eine kurze biographische Notiz, ein Photo des Autors sowie sprachliche und sachliche Annotationen auf. Leider sind letztere sachlich nicht immer so ergiebig, dass daraus eine funktionale Interpretation der Anspielungen abzuleiten ist. Der Sprachkommentar dürfte hinreichend sein; ohnehin ist der sprachliche Schwierigkeitsgrad des Texts sehr gering, und auch von seinem Umfang her lässt sich das Werk schon eingangs der Jahrgangsstufe 11 gut bewältigen.

Dennoch ist m.E. der Einsatz im Unterricht nicht unproblematisch. Was möglicherweise für viele Jugendliche eine fesselnde Lektüre ist, wird nicht automatisch zum geeigneten Interpretations- und Diskussionsgegenstand im Englischunterricht. Wie der Briefverfasser Charlie selbst wiederholt andeutet, sind viele Themen äußerst persönlicher Natur und berühren so sehr die Privatsphäre, dass Zurückhaltung, Taktgefühl und Sensibilität gefragt sind. Solche Themen verlangen nach einem verständnisvollen, rücksichtsvollen Zuhörer oder Leser, nach einem vertrauensvollen Zweiergespräch; für eine "öffentliche" Diskussion im Plenum des Kurs- oder Klassenverbandes sind sie weniger oder gar nicht geeignet.

Ich sehe keine Lösung dieses Problems für die Unterrichtsplanung und -praxis. Ist ein stark selektives Vorgehen angebracht? Soll man die brisanten Stellen einfach übergehen? Soll man die Auswahl der Schwerpunkte den Schülern überlassen, oder sie mindestens daran beteiligen? Soll man den Unterricht - mindestens partiell - als Korrektiv des Textes benutzen? Und zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Umständen wäre der Einsatz des Buches für den Zielsprachenerwerb sinnvoll?

Es wäre interessant zu erfahren, wie sich die beiden Herausgeberinnen eine Begründung der Auswahl des Romans vorstellen und ob sie bereits über praktische Erfahrungen mit dem Werk verfügen. Möglicherweise liegt hier ein Roman vor, an dem sich die Geister sowohl der Lehrenden als auch der Lernenden scheiden.

Das Faktum bleibt: in mediendidaktischer Hinsicht sind Initiationsromane nach wie vor außerordentlich beliebt, und so muss sich auch dieser Text einer starken Konkurrenz stellen. Das heißt: es gibt viele attraktive, weniger umstrittene Altenativen.


Tim Bowler, Shadows (1999)

Der sechzehnjährige Jamie Williams ist ein talentierter Squash-Spieler. Er wird von seinem Vater Ron trainiert, dessen glanzvolle Karriere in diesem Sport durch eine schwere Knieverletzung jäh gestoppt wurde. Ron Williams hat den zweifelhaften Ehrgeiz, seinen Sohn zum Weltmeister zu machen, d.h. mit ihm das zu verwirklichen, was ihm selbst versagt blieb.

Um Jamies Leistungen zu steigern, hat er sich ein ebenso einfaches wie brutales System ausgedacht: bei Siegen gibt es Belohnungen in Form von Geldprämien, bei Niederlagen noch im Umkleideraum Schläge ins Gesicht, bei denen der Sohn nicht nur Schmerzen, sondern natürlich auch Erniedrigung empfindet. Dass Jamie unter diesen Umständen, wie er es in seinem geheimen Tagebuch niederlegt, bestenfalls eine ambivalente Haltung zu seinem Sport entwickelt, interessiert den Vater nicht. Er gibt vor, stets das Beste für seinen Sohn zu wollen und ist fest davon überzeugt, dass dieser ihm eines Tages dankbar sein wird. Im Text des Romans erscheint diese Ansicht freilich eher unwahrscheinlich und wenig glaubwürdig, da Ron Williams seine Frau genauso verprügelt wie ihren gemeinsamen Sohn.

Jamies Angstgegner im provinziellen Ashingford ist Danny Powell, der ebenfalls von seinem Vater trainiert wird. Danny scheint der bessere Sportler der beiden zu sein, weil er über das aggressivere Spiel und über die größeren Kraftreserven verfügt. Erst kürzlich hat Danny ein Match gegen Jamie nach einem 0:2 Satzrückstand aufgrund seiner überlegeneren Kondition noch umgebogen. Und nun steht das nächste Duell der beiden bei den kommenden Regionalmeisterschaften bevor.

Auf diesem fiktionalen Hintergrund ist zu sehen, dass Jamie Williams sich nach einer Auseinandersetzung vor seinem Vater im Geräteschuppen des elterlichen Gartens versteckt. Dabei trifft er zufällig auf eine etwa gleichaltrige, schwangere junge Frau, die offensichtlich von zu Hause weggelaufen ist. Sie befindet sich auch deswegen in Schwierigkeiten, weil sie von zwei Männern verfolgt wird, denen sie viel Geld schuldet und die ihr nach dem Leben trachten. Jamie stellt keine Fragen; stattdessen wird er zum bedingunglosen und uneigennützigen Helfer, in dem er sich von seinem einzigen Freund Spider Geld leiht und per Anhalter zusammen mit der jungen Frau nach Cumbria in ein Frauenhaus flieht.

Erst nachdem sie Vertrauen zu Jamie gefasst hat, gibt sie ihre Identität preis: sie ist (überraschender- und zufälligerweise) Abby Powell, die Zwillingsschwester seines Angstgegners Danny. Abby Powell hat sämtliche Kontakte mit ihrer Familie abgebrochen und schließt auch für die Zukunft jede Versöhnung aus, weil ihr Vater nur ihren Bruder, den sportlichen Siegertyp, akzeptiert und sie zur Versagerin abstempelt. Jamie und Abby entwickeln allmählich Gefühle der Zuneigung füreinander, wobei sie Jamie sein Selbstvertrauen zurückgibt. Dies ermöglicht seine Selbstbehauptung gegen seinen Vater, die ein wesentlicher Aspekt seines Erwachsenwerdens darstellt.

Im letzten Drittel des Romans, das wiederum in Ashingford spielt, überstürzen sich die Ereignisse, die indes keineswegs zu einer vollkommenen glücklichen Lösung führen. Die Handlung mag zwar im Prinzip konstruiert erscheinen, weil einige wichtige Elemente auf Zufall beruhen, dennoch stellt der Schlussteil für junge Leser zweifellos eine spannende Lektüre dar. Der Titel hat ähnlich wie im Falle von Joan Lingards Roman Dark Shadows eine metaphorische Bedeutung: in ihrer Notlage ist es Abbys Interesse, von niemandem gesehen und vor allem nicht erkannt zu werden, und dementsprechend lebt auch Jamie mit ihr eine Zeitlang wie ein unauffälliger Schatten.

Seit dem Jahre 2001 liegt als Teil der English Senior Library (Cornelsen) eine Schulausgabe vor, die von Gunthild Porteous-Schwier und Ingrid Ross besorgt wurde. Sie verfügt einerseits über eine sehr knappe biographische Notiz und nicht immer vollständige sprachliche Annotationen (nicht erklärt zum Beispiel sind: allotment shed, gingerly, manic ...). Andererseits enhält die Ausgabe interessantes Zusatzmaterial, nämlich eine verbale und visuelle Einführung in die wichtigsten Regeln des Squash-Spiels und anhand solcher (ehemaliger) Spitzenspielerinnen im Tennis wie Martina Hingis, Venus und Serena Williams Ausführungen zum Thema des Generationenkonflikts.

Sicherlich ist den Schülern das Problem, dass die Kinder das Opfer des Ehrgeizes ihrer Eltern werden, auch von anderen Sportarten bekannt; als Beispiele wären etwa Fußball, Turnen, Eiskunstlaufen, etc. zu nennen, und natürlich ist das Problem nicht nur auf den Sektor Sport beschränkt. Vielleicht verfügen die Lernenden auch über Beobachtungen unter ihren Gleichaltrigen oder sogar über eigene Erfahrungen. Hier enthält der vorliegende Roman ein reichliches Diskussionspotenzial, vor allem auch deswegen, weil Ron Williams im Text als fanatischer Extemfall dargestellt wird und seine Frau nach Jamies Flucht mit einer Überdosis Tabletten ihrem Leben ein Ende setzt.

Auch aufgrund der geringen sprachlichen Ansprüche, des überschaubaren Umfangs und der deutlichen Strukturierung in Einzelkapitel ist dieses Beispiel für juvenile fiction schon in der 11. Jahrgangsstufe einzusetzen.


Carol Matas, Cloning Miranda (1999)

Der Titel des Romans verrät es bereits unmissverständlich: die breite Palette der Romane zum Bereich young adult fiction ist um ein aktuelles Beispiel ergänzt worden. Der Roman Cloning Miranda erschien erstmalig im Jahre 1999 auf dem literarischen Markt in Kanada, in Deutschland steht seit kurzem eine bei Klett erschienene didaktische Ausgabe zur Verfügung.

Die Autorin Carol Matas ist eine erfolgreiche kanadische Jugendbuchautorin, die aus der Perspektive der Titelheldin eine spannende Geschichte erzählt. Miranda ist eine vierzehnjährige Schülerin, die spürt, dass sie anders ist als ihre Altersgenossinnen. Sie wundert sich beispielsweise darüber, dass sie sich - im Gegensatz zu ihrer besten Freundin Emma - nie mit ihren Eltern streitet und dass sie alles in ihrem Leben perfekt machen möchte. Bei einer Tanzprobe in ihrer Schule ist plötzlich ihre Sehkraft beeinträchtigt: sie nimmt ihre Umgebung nur noch sehr verschwommen wahr.

Bei einer sich anschließenden ärztlichen Untersuchung wird eine ernsthafte Erkrankung festgestellt. Aufgrund eines genetischen Defektes sind Mirandas Blutgefäße nicht richtig entwickelt, und in ihrer Leber wird ein bösartiger Tumor entdeckt. Miranda ist zutiefst schockiert, doch versprechen ihre wohlhabenden Eltern, die unter anderem eine Privatklinik besitzen, ihr schnelle und sichere Heilung durch eine sofortige Organtransplantation.

Miranda wundert sich nicht nur darüber, dass für sie ohne jegliche Verzögerung ein Spenderorgan zur Verfügung steht, sondern sie macht darüber hinaus in der elterlichen Klinik eine merkwürdige Entdeckung: sie trifft auf ihr jüngeres Ebenbild, das sich wenig später als ihr genetisches Duplikat erweist, das nur für den Zweck geschaffen wurde, Mirandas Leben zu retten.

Für die Vierzehnjährige beginnt nun ein langer, mühevoller Lernprozess, der das bisher harmonische Vertrauensverhältnis zu den eigenen Eltern erschüttert und zugleich quälende Zweifel in das eigene Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen weckt. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie lieber sterben will als dass ihr Klon für sie geopfert wird, und somit sieht sie für sich keine Zukunftsperspektive mehr. Schließlich erfährt sie, dass sie selbst aus dem genetischen Material einer älteren Schwester geklont wurde, die einer Krebserkrankung erlag. Doch endet die Handlung damit, dass Miranda geheilt wird und neuen Lebensmut schöpft.

Mit diesem Roman ist es der Autorin gelungen, eine brisante Gegenwarts- und Zukunftsproblematik zu personalisieren und zu fiktionalisieren. Dabei ergeben sich gerade aus der Sicht einer persönlich betroffenen Figur viele medizinische, juristische und vor allem ethische Diskussionspunkte, wie etwa die Möglichkeiten, die implizierten Risiken und die Berechtigung des Klonens. Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht alle diese Fragen im Romantext eine befriedigende oder überzeugende Antwort finden können. Dennoch bietet das Werk motivierenden Lektürestoff. Wie weit und wie gut eine zielsprachige Auseinandersetzung im Unterricht gelingt, hängt entscheidend vom Leistungsstand der jeweiligen Klasse ab. Mit Hilfe der Annotationen in der Klett-Edition (besorgt von Cornelia Kaminski) ist der Roman vom 11. Jahrgang an für den Englischunterricht sehr zu empfehlen.


Nick McDonell, Twelve (2002)

Dieser kürzlich erschienene Roman ist - ähnlich wie bei Fowles' The Collector und Mark Behrs The Smell of Apples - das Erstlingswerk eines erst siebzehnjährigen Autors. Der Titel bezeichnet eine fiktive, harte Designerdroge, und die aktuelle Handlung bezieht sich auf eine Reihe von Jugendlichen der New Yorker Drogenszene. Wie Salinger’s Holden Caulfield (cf. The Catcher in the Rye) irren sie ziel- und perspektivenlos in der Stadt umher, stets auf der Suche nach Alkohol, Sex und Drogenkonsum sowie dem ultimativen Kick. Sie sind materiell mit allen Gütern gesegnet, während Eltern und Erzieher gegenüber ihren Problemen ahnungslos bleiben, da kaum noch Kontakte zwischen den verschiedenen Generationen zustande kommen. Es sollte einem zu denken geben, dass ein so junger Autor mit schonungsloser und teilweise provozierender Offenheit ein derart düsteres Bild der heutigen New Yorker Jugend zeichnet.

McDonells Roman ist in 98 Kurzkapitel und fünf Teile gegliedert, wobei die Länge der Kapitel zwischen mehreren Seiten und wenigen Zeilen schwankt (vgl. z. B. Kap. 14 und 58): dies ist die strukturelle Entsprechung für die kurze Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne der relativ konturenlosen jugendlichen Figuren und deren oberflächlicher Lebenseinstellung. Jeder Teil beschreibt die Ereignisse an einem Tag, vom Freitag, den 27.12. bis zum nächsten Dienstag, den 31.12., an dem eine große Silvesterparty stattfindet, die in einer schrecklichen Katastrophe endet und die an das Columbine Massaker erinnert.

Einer der Partygäste schießt mit einer Maschinenpistole wahllos auf Freund und Feind, bis die zur Hilfe gerufene Polizei seinem Leben ebenfalls ein Ende setzt. Rückblenden werden regelmäßig durch Kursivdruck kenntlich gemacht. Dabei hat der Leser oft den Eindruck, sich einem gut recherchierten Tatsachenbericht gegenüber zu sehen. Dies ist nicht erstaunlich, wenn man weiß, dass der Autor selbst u.a. Hemingway und Nabokov (Lolita) als Vorbilder nennt und sein eigener Vater Journalist ist.

Der Protagonist, die einzige Figur mit individuellem Profil, ist der Dealer White Mike, der selbst weder Drogen noch Alkohol noch Nikotin zu sich nimmt. Seine Mutter ist an Krebs gestorben, und sein Vater hat als Restaurantbesitzer wenig Zeit für ihn. Mike ist ein sehr intelligenter Junge, der nach dem High-School-Abschluß eine Auszeit genommen hat, in der er bei seinem Vater im Restaurant aushilft. Die Freunde und Bekannten von Mike, aber vor allem seine Kunden beiderlei Geschlechts bilden die Charaktere des Romans. Die Begegnungen mit ihnen, aber auch Einblicke in White Mikes Gedanken- und Gefühlswelt machen den Großteil des Werkes aus. Seine Lektüre ist bedrückend und faszinierend zugleich.

Schon drei Jahre nach der Erstveröffentlichung des Romans im Jahre 2002 liegt eine von Ernst Kemmer besorgte, didaktische Ausgabe bei Reclam vor, die mit einem guten Sprach- und Sachkommentar und einem sehr lesenswerten Nachwort versehen ist. Dennoch erscheint mir der Einsatz des Romans im Unterricht nicht unproblematisch zu sein, weil zu vermuten steht, dass Jugendliche kaum zur detaillierten Diskussion der im Text angesprochenen, sie möglicherweise persönlich betreffenden Probleme bereit sein werden: dazu gehören neben den persönlichkeitszerstörenden Wirkungen (Sucht und Abhängigkeit) zum Beispiel auch Beschaffungskriminalität, Bezahlung von Drogenschulden mit sexuellen Handlungen, Zusammenhang von Drogenhandel und Gewaltverbrechen, etc. Insofern scheint es eher sinnvoll, das Buch zur extensiven Lektüre zu empfehlen, die Schülern von der 11/2 an keine Mühe bereiten sollte.

Inzwischen liegt ein erster, durchweg positiver Erfahrungsbericht zur Arbeit mit dem Roman im Unterricht vor (cf. Bibliographische Auflistung: Editionen und Fachliteratur).


Morton Rhue, Asphalt Tribe (2003)

Sie übernachten in leerstehenden Häusern, schlafen unter Brücken oder schlagen ganz einfach unter einer Plastikplane ihr Lager auf. Die Rede ist von einer Gruppe von acht New Yorker Kindern bzw. Jugendlichen, die sich vom Elternhaus gelöst haben und die allein und unabhängig auf der Straße leben.

Ihr Alltag besteht aus einem unerbittlichen Kampf ums Überleben. Sie leiden ständig unter Hunger, Durst und Schmerzen und sind im Winter oft schutzlos der Kälte ausgesetzt. Einerseits suchen sie in Müllcontainern nach Essensresten und besorgen sich mit Gelegenheitsjobs oder mit Betteln ein bisschen Kleingeld. Andererseits überfallen sie aber auch Passanten, verdienen als Drogendealer ihren täglichen Unterhalt, oder sie verkaufen ihren Körper, wobei sie manchmal als Gegenleistung lediglich ein warmes Essen und ein Bad erhalten. Diejenigen, die an Aids erkranken, haben das zusätzliche und meistens unlösbare Problem, sich das für die entsprechenden Medikamente erforderliche Geld zu beschaffen. Die Lebenserwartung dieser Jugendlichen liegt oft genug unter zwanzig Jahren. Aber sie leben alle außerhalb der Zeit und der politischen Ereignisse: selbst Krieg und Terrorismus spielen in ihrer Wahrnehmung keine Rolle.

Die grundsätzliche Einstellung der Gruppenmitglieder gegenüber der Außenwelt ist von Misstrauen geprägt, sei es, dass es sich um Polizisten, Sozialarbeiter oder um zufällige Passanten handelt. Ein Hilfsangebot wird in der Regel mit der Frage nach den von ihnen zu erbringenden Gegenleistungen beantwortet, oder es wird bereits der reine Kontakt- oder Gesprächsversuch abgeblockt. Diese Haltung wird aufgrund der Tatsache verständlich, dass praktisch alle diese Jugendlichen zu Hause nicht (mehr) erwünscht waren: die einen wurden sexuell missbraucht, die anderen mehr als einmal misshandelt, wenn die Eltern zum Beispiel als Alkoholiker nicht in der Lage waren, eine dauerhafte Bindung zu unterhalten.

Die Geschichte der Gruppe wird aus der Sicht eines der betroffenen Mädchen erzählt, das sich den Namen Maybe zugelegt hat und das in Wirklichkeit Jesse heißt. Sie kommt zu der bitteren Einsicht, dass auf der Straße längerfristig kein Überleben möglich ist. Aus der achtköpfigen Gruppe sterben vier, zwei landen im Krankenhaus bzw. in einer Anstalt, die mit 13 Jahren jüngste der Gruppe, Jesses engste Freundin Tears, findet einen Platz in der Familie ihrer noch rüstigen Großmutter, während das Schicksal der Erzählerin offen bleibt.

Die Erzählweise ist schlicht, chronologisch-geradlinig und direkt: sie wirkt wie ein schnörkelloser Tatsachenbericht und nicht wie ein kunstvolles Stück Literatur. Aber gerade dadurch steigt die Glaubwürdigkeit: man hat als Leser den Eindruck, ein gut recherchiertes, authentisches Sachbuch eines engagierten Journalisten zu lesen. Der Verfasser Morton Rhue (ein Pseudonym für Todd Strasser) ist seit geraumer Zeit durch die Publikation des preisgekrönten Jugendbuches The Wave (deutsch: Die Welle) auch hierzulande bekannt. Ihm geht es nicht um eine Wertung mit dem moralischen Zeigefinger, sondern lediglich um das Aufzeigen des Preises, den die Jugendlichen für ihre Freiheit zahlen.

Im Ravensburger Verlag liegt seit 2005 eine Ausgabe des englischen Texts vor, der mit deutschsprachigen Anmerkungen in Fußnotenform versehen wurde. Auch wenn dieser Kommentar keineswegs vollständig ist, stellt er für das Verständnis der den Figuren eigenen Wortwahl eine wertvolle Hilfe dar. Dem Buch sind viele aufgeschlossene, nicht nur junge Leser zu wünschen. Es rüttelt auf und erschüttert in einer Weise, die dem 2002 erschienenen Roman Twelve von Nick McDonell vergleichbar ist, der ebenfalls von den existentiellen Problemen der New Yorker Jugendlichen handelt (siehe oben). Von den sprachlichen und sachlichen Anforderungen her ist der Einsatz im Englischunterricht von der 11. Jahrgangsstufe an denkbar.


Mitch Albom, The Five People You Meet in Heaven (2003)

Mit diesem Werk liefert der Klett-Verlag ein weiteres Beispiel dafür, dass aktuelle und aktuellste Texte im Englischunterricht gelesen werden können; nur fünf Jahre nach dem Erscheinen dieses in den U.S.A. ungemein erfolgreichen Romans liegt eine von Cornelia Kaminski besorgte Schulausgabe vor.

Mitch Albom hat ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnliches Werk verfasst. Dieses beginnt mit dem Ende, d.h. mit dem Tod des 83jährigen Protagonisten Eddie, der bei dem Versuch, in einem Vergnügungspark das Leben eines Kindes zu retten, selbst umkommt. Das erste Kapitel ist wie ein Countdown, bei dem die Erzählzeit und die erzählte Zeit kongruent sind. Die Darstellung vom Tode Eddies wird gefolgt von der Schilderung seiner Geburt: den gesamten Roman durchziehen Berichte von verschiedenen Geburtstagen. Im Prinzip sind diese chronologisch angeordnet, durch Kursivdruck kenntlich gemacht, und sie spiegeln wichtige Momente in seinem Leben wider.

Die eigentliche Romanhandlung indes besteht aus fünf Begegnungen des Protagonisten mit verschiedenen Personen im Himmel (vgl. Titel). Diese haben grundsätzlich die Funktion, dem Verstorbenen den Sinn seines Lebens zu erklären, wodurch dieser erkennt, dass jeder Mensch wichtig ist und dadurch selbst schließlich Frieden findet. Aus der ersten Begegnung lernt Eddie, dass aufgrund unterschiedlicher Perspektiven die gleichen Ereignisse auf unterschiedliche Weise wahrgenommen werden. Damit kann sich aus den gleichen Fakten mehr als eine Geschichte ergeben, was gleichzeitig auch bedeutet, dass die Leben aller Menschen untereinander verbunden sind. Als Eddie beispielsweise acht Jahre alt war, wich ihm ein Lastwagenfahrer aus, der bei dem Manöver den Tod fand, ohne dass es Eddie bewusst wurde.

Die zweite recht ausführliche und spannende Episode im Himmel bezieht sich auf Eddies Teilnahme am Krieg, seine Erfahrungen an der Front, in der Kriegsgefangenschaft sowie auf der Flucht. Sie führt auch zu einer Begegnung mit seinem ehemaligen Kommandanten. Hier muss Eddie lernen, dass sein Vorgesetzter ihn absichtlich verletzte, um seinen Untergebenen von einem sinnlosen Rettungsversuch abzubringen und um die ihm anvertraute Truppe zusammenzuhalten. Es mutet an wie bittere Ironie, dass der Kommandant selbst den Tod fand, indem er auf gefährlichem Terrain voranging, wobei eine Landmine explodierte: er wird zum Lebensretter, indem er sein eigenes Leben für seine Leute opfert. So kann es nicht überraschen, dass Eddie schließlich seinem Kommandanten vergibt.

Darüber hinaus trifft Eddie

  • die Kellnerin Ruby, zugleich die Frau des Gründers des nach ihr benannten Vergnügungsparks, in dem Eddie genauso wie sein Vater arbeitete;
  • seine eigene geliebte Frau Marguerite, die Opfer eines Anschlags wurde und mit 47 Jahren starb und
  • ein kleines Kind, das er im zweiten Weltkrieg getötet hat.

    Mit allen Begegnungen sind untrennbar Lektionen verbunden, Lehren bezüglich seines Lebens, die ihm auf Erden verwehrt waren. Im Grunde geht von der vorliegenden Geschichte eine optimistische, anrührende, ja tröstliche Botschaft aus: sie handelt vom Sinn des Erkennens und Vergebens, von der Überwindung selbstzerstörerischen Hasses, von der Erinnerung an die Liebe, von der Sinnfindung für das eigene Leben.

    Natürlich setzt die Botschaft der Geschichte den Glauben an einen wie immer gearteten Himmel voraus, und daher ist es nur folgerichtig, dass in Cornelia Kaminskis Unterrichtsansatz das Sammeln diesbezüglicher Schülervorstellungen an erster Stelle steht (Teacher's Guide, p. 7). Diese Prämisse dürfte dafür verantwortlich sein, dass sich an Alboms Werk die Geister scheiden, wie auch aus drei unterschiedlichen Rezensionen deutlich wird, die in der didaktischen Ausgabe abgedruckt und damit den Schülern zugänglich sind (pp. 123-124).

    Zwar wird der Roman an dieser Stelle unter die Initiationsromane eingeordnet, da die Frage eines möglichen Weiterlebens nach dem Tode durchaus schon junge Menschen anspricht. Aber es geht um mehr als die Problematik des Erwachsenwerdens, es geht um die Frage des nicht enden wollenden menschlichen Lernens sogar über den Tod hinaus.

    Angesichts des geringen Umfangs von 120 Seiten und angesichts der klaren Strukturierung erscheint eine Vorauslektüre des Romans vom 10. Schuljahr an durchaus zumutbar (Teacher's Guide, p. 9). Entgegen der Versicherung der Herausgeberin indessen stellt der Text keinswegs geringe sprachliche Anforderungen (Teacher's Guide, p. 4): zumindest, was das Verständnis technischer Details betrifft, ist die Annotierung nicht ausführlich bzw. nicht gründlich genug, so dass den Schülern das Arbeiten mit dem Wörterbuch kaum erspart bleiben wird.

    Für die Lehrkräfte liegt dazu seit 2008 ein ausführliches Unterrichtsmodell vor, das insgesamt neun Module, zahlreiche Arbeitsblätter einschließlich zweier Klausurvorschläge aufweist. Diese umfassen unter anderem ein Interview mit dem Autor, ein Fragebogen zum Thema Liebe und Glück, eine Kurzgeschichte eines amerikanischen Schülers über den Tod, einige Zitate zum amerikanischen Traum und aus der Bibel zum Thema Vergebung sowie einen Zusatztext zur Problematik 'Tod auf Verlangen'. Damit ergeben sich für einen abwechslungsreichen Unterricht Gesprächs- und Diskussionsanlässe in Hülle und Fülle. Unabhängig davon, ob die Lehrkräfte der Verfasserin in allen Einzelheiten folgen, erhalten sie eine breite Palette von unterrichtspraktischen Anregungen, so dass man auf die Lernergebnisse und die Erfahrungen mit diesem ungewöhnlichen Text gespannt sein darf.


    Mark Haddon, The Curious Incident of the Dog in the Night-Time (2003)

    Christopher Boone, der bei seinem Vater in Swindon lebt, ist anders als die übrigen Jungen seines Alters: einerseits fällt seine überragende mathematische Begabung auf, andererseits zeigt er deutliche Defizite in seinem Sozialverhalten. Damit erinnert er an den von Dustin Hoffman gespielten Autisten Raymond in dem mit vier Oscars ausgezeichneten Film Rain Man (Regie: Barry Levinson, 1988). Christopher zeigt in der Schule wie im täglichen Leben ein ausgeprägtes Interesse für Listen, Tabellen, klare Strukturen und Muster sowie für die Wahrheit.

    Er analysiert das Geschehen um ihn herum völlig emotionslos mit den Mitteln der Logik und der Mathematik. Die Beschäftigung damit und die Eindeutigkeit der Lösungen verleihen ihm innere Sicherheit; alles, was mathematisch lösbar, formalisierbar, objektivierbar ist, findet sein Interesse und seine Sympathie; damit verbindet sich ein ausgezeichnetes Gedächtnis für präzise Details. Später möchte er Mathematik und/oder Physik studieren und Astronaut werden. Dennoch reagiert er häufig - je nach der Situation - wie auf Knopfdruck mit Ängsten bzw. mit Aggressionen. Er ist mit seinen 15 Jahren einerseits hilflos wie ein Kind, andererseits aber auch enorm durchsetzungsfähig.

    Christopher erzählt eine ungewöhnliche Kriminalgeschichte: er untersucht die Ermordung des Hundes Wellington, der seiner Nachbarin Mrs Shears gehörte: das Tier wurde offenbar in der Nacht mit einer Forke erstochen. Mrs Shears lebt in Scheidung von ihrem Mann, der Christophers erster Hauptverdächtiger wird. Später stellt sich anhand von zufällig gefundenen Briefen heraus, dass Roger Spears ein Verhältnis mit Christophers totgeglaubter Mutter eingegangen ist und dass sie beide in London leben. Als Mr Boone überraschenderweise die Tötung des Hundes gesteht, verliert Christopher das Vertrauen zu seinem Vater und fühlt sich darüber hinaus von ihm persönlich bedroht.

    Die Lesemotivation liegt indes nicht so sehr in der Handlung der Kriminalgeschichte, sondern in der Erzählweise. Das Buch ist aus Christophers Perspektive verfasst und lädt in höchst ausgeprägter Weise zur Empathie mit ihm ein. Als Christopher zum ersten Mal Swindon verlässt, um selbständig mit der Eisenbahn zu seiner Mutter nach London zu fahren, strömt dort eine Fülle von neuen und fremden Eindrücken auf ihn ein, deren Wahrnehmung dem Leser eindrucksvoll nahe gebracht wird. Nach Überwindung vieler Hindernisse gelangt er schließlich an sein Ziel, obwohl er die Probleme des Fahrens mit der Eisenbahn nur als Computerspiel kennt. Für den Leser ist es in jedem Fall lohnend, sich auf diese Perspektive einzulassen.

    Zur Erzählweise gehört auch, dass anstelle der üblichen Kapitelnumerierung eine Zählung mit Hilfe der Primzahlen erfolgt; ferner versieht der Erzähler von ihm verwendete Metaphern, Vergleiche und rhetorische Fragen, etc., mit Eigenkommentaren, die humoristische Effekte mit sich bringen. Dazu wird der Text durch visuelle Elemente bereichert: z.B. durch Smileys, Piktogramme, Skizzen, Zeichnungen, Schaubilder, die sicherlich viele junge Leser ansprechen und neugierig machen werden. Das Buch, das inzwischen bei Cornelsen in einer didaktischen Ausgabe und einem zugehörigen Teacher's Manual vorliegt, dürfte eine echte Attraktion für Schüler zu Ende der S I oder zu Beginn der S II darstellen. Haddons Roman ist ein gelungenes Beispiel für lebensnahe, originelle und motivierende Jugendliteratur.


    Joyce Carol Oates, Freaky Green Eyes (2003)

    Mit dem vorliegenden Band beteiligt sich nun auch der Diesterweg-Verlag an dem Trend, neueste Titel der englischen Literatur in den Schulunterricht zu bringen.

    Der erste Teil des Romans handelt von Problemen des Erwachsenwerdens. Bereits im ersten Kapitel berichtet die erst vierzehnjährige Ich-Erzählerin Francesca (Franky) Pierson, wie sie auf einer Party beinahe Opfer einer Vergewaltigung wurde. Doch weiß sie sich zu wehren: in Zukunft bezeichnet sie mit den im Titel genannten freaky green eyes (Kurzform: Freaky) ihr zweites, oft aggressives Selbst. Schon die Doppelform ihres Kurznamens verweist auf ihren weiblichen und männlichen Charakter, wie es in literarischen Erzählungen zur Adoleszenz durchaus vorkommt; vgl. dazu beispielsweise die Figur der Frankie Addams in Carson McCullers' The Member of the Wedding (siehe oben), die wie Francesca ebenfalls als Wildfang ("tomboy") charakterisiert wird.

    Die Piersons wirken auf den ersten Blick wie eine Musterfamilie: der Vater Reid ist ein angesehener TV-Sportreporter, die Mutter Krista eine Künstlerin, die malt, webt und töpfert. Dazu hat Francesca den großen Bruder Todd aus der ersten Ehe des Vaters und die jüngere Schwester Samantha (Sam). Sie alle bilden ein Team – das ist zumindest die Vorstellung des Vaters.

    Doch werden schnell unterschiedliche Interessen und Risse im Zusammenleben der Piersons sichtbar. Als der Vater einen länger dotierten und gut bezahlten Arbeitsvertrag erhält, fehlt die Mutter bei der Familienfeier, da sie gerade einen Kunst- und Kunstgewerbemarkt besucht. Aufgrund seiner beruflichen Stellung und des damit verbundenen öffentlichen Ansehens hat Reid Pierson viele gesellschaftliche Verpflichtungen, denen sich seine Frau Krista gerne entziehen würde: sie sucht nach mehr Zeit für sich selbst.

    Da Todd bereits im Studium ist und das elterliche Haus verlassen hat, werden nur die beiden Schwestern unmittelbare Zeugen der sich anbahnenden Konflikte zwischen den Eltern. Teils hören sie unfreiwillig verbale Auseinandersetzungen mit und machen sich natürlich Sorgen um ihre eigene Zukunft.

    Die Mutter zieht sich mehr und mehr zurück: sie meidet ihren Gatten, aber auch ihre Kinder. Sie lebt in ihrem eigenen Bereich, wobei – entsprechend den durch die Perspektivenwahl vorgegebenen Grenzen – ihre Motive nicht deutlich werden.

    Auch ein Ausflug am Nationalfeiertag verläuft ohne Krista, die von den Kindern schmerzlich vermisst wird. Als Franky sieht, wie die Kinder ihres Gastgebers in einem kleinen Privatzoo diverse Tiere halten, ohne sich ausreichend um diese zu kümmern, öffnet sie in der Nacht heimlich die Käfige und entlässt sie in die Freiheit. Ihr Vater verliert daraufhin die Selbstberrschung und legt gegenüber seiner Tochter ein geradezu brutales Verhalten an den Tag. Trotz stundenlanger Schmerzen hat sie kein schlechtes Gewissen: sie ist der Überzeugung, korrekt gehandelt zu haben. Sowohl die Aufsässigkeit der Tochter als auch des Vaters Neigung zur Gewalttätigkeit lassen sich als Beispiele für Vorausdeutungen verstehen.

    Dann verbringen Sam und Franky ein paar Tage zusammen mit der Mutter in deren Künstlerhäuschen und erhalten einen Einblick in Kristas Welt. Doch trotz einiger schöner gemeinsamer Erfahrungen misstraut die Erzählerin weiter den Beteuerungen der Mutter hinsichtlich der angeblichen Harmonie in ihrer Ehe. Immer wieder streut Franky kritische Eigenkommentare ein z.B. hinsichtlich der Äußerungen und Verhaltensweisen, die sie ihrem zweiten Selbst zuschreibt. Diese setzen kritische Distanz voraus: offenbar sind die rund eineinhalb Jahre umfassenden Ereignisse aus der Rückschau erzählt.

    Dann erscheint der Vater plötzlich auf der Szene und holt die Töchter zu sich mit der Begründung, dass seine Frau ihn mit einem Liebhaber betrüge. Franky und Sam sind schockiert und entscheiden sie sich dafür, beim Vater zu bleiben. Dies ist praktisch das Ende des ersten Teils ("Crossing Over"), der tagebuchartig mit präzisen Zeitangaben versehen ist.

    Im zweiten Teil ("Missing") tritt das Problem der Initiation hinter der Schilderung einer polizeilichen Untersuchung zurück: Krista sowie ihr angeblicher Liebhaber, der Galerieinhaber Mero Okawa, werden vermisst und polizeilich gesucht. Mit diesem Schwerpunktwechsel wird zusätzliche Spannung erzeugt. Zunächst sagen die Töchter zugunsten des Vaters aus. Sie machen Aussagen, von denen der Leser bereits jetzt weiß oder vermuten muss, dass sie falsch sind. So behauptet Franky, ihr Vater habe sie nie verletzt (p. 92), er werde nie ärgerlich (p. 93) und sie habe auch in der Nacht vor dem Verschwinden der Mutter nicht ihren Vater das Haus verlassen sehen (p. 103). Im Nachhinein wird deutlich, dass Franky in der fraglichen Nacht ihren Vater zwar nicht beim Verlassen des Hauses gesehen hat, wohl aber bei seiner Rückkehr (p.134f). Schließlich findet Franky ein von ihrer Mutter verfasstes Tagebuch, mit dem sie zur Polizei geht: mit dessen Hilfe haben die Behörden wenig Mühe, ein grausames Verbrechen aufzuklären.

    Der dritte, recht summarisch wirkende Teil besteht darin, dass Franky die persönlichen Aufzeichnungen ihrer Mutter zu Ende bringt, wobei sie sich bewusst auf die Fakten und weniger auf ihre Empfindungen konzentriert.

    Die vorliegende Ausgabe wurde besorgt von Arthur Kutsch, der als Herausgeber englischsprachiger Lektüren inzwischen auf breite persönliche Erfahrungen zurückgreifen kann. Die Edition enthält den Originaltext mit Zeilenzählung und mit ausführlichen Annotationen in benutzerfreundlicher Fußnotenform. Die erklärten Stichwörter sind fett gedruckt, und es ist für die Orientierung kaum nachteilig, dass hier keine Zeilenzahl genannt wird. Zur Erläuterung verwendet der Herausgeber im allgemeinen englische Definitionen, gelegentlich zusätzlich deutsche Übersetzungen, in gerechtfertigten Ausnahmefällen auch nur eine deutsche Übersetzung. Bei schwierigen Wörtern wird phonetische Transkription hinzugefügt. Sprachliche und sachlichen Lücken sind in dem vorliegenden Apparat nicht festzustellen.

    Offenbar wurde der Text auch sorgfältig gesetzt. Beim Lesen sind mir lediglich drei Druckfehler aufgefallen: in dem Verb "quetioned" fehlt das "s"; in dem Pronomen "somthing" fehlt das "e" (S. 105). Und auf S. 163 hat eine Figur aus John Steinbecks Kurzgeschichte "Flight" einen falschen Akzent: statt "Pepè" muß es heißen: "Pepé".

    Dazu enthält die Lektüre einen kurzen biographischen Abriss, allerdings keinen Verweis auf den fast zeitgleich erschienenen Schulroman big mouth & ugly girl (2002) derselben Autorin, für den ebenfalls eine Schulausgabe und ein Unterrichtsmodell vorliegt (besorgt von Hoffmann/Steen: cf. Anzeigen, 4 . Hinzu kommt diverses Zusatzmaterial, z.B. zu den Themen "häusliche Gewalt gegenüber Frauen", "Tierhaltung im Zoo oder Zirkus", und Auszüge zur Initiation aus einem klassischen Artikel von Mordecai Marcus aus dem Jahre 1960. Ein ausführliches Lehrerhandbuch (2009) bietet vielerlei methodische Anregungen für die Unterrichtspraxis; cf. Anzeigen, 10.

    Joyce Carol Oates hat ein Werk vorgelegt, das sich nicht eindeutig kategorisieren lässt: es verbindet eine Erzählung über Adoleszenzprobleme (novel of initiation) mit Elementen eines Kriminalromans (crime story). Zu den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens gibt es bekanntlich auf dem Schulbuchsektor zahllose literarische Alternativen. Als Mischung aus Initiations- und Kriminalroman ist m.E. die vorliegende Lektüre ein Einzelfall. Zweifellos handelt es sich um ein Buch, das geeignet ist, die Bereitschaft der Schüler zum extensiven und intensiven Lesen zu fördern. Besonders für die Sekundarstufe I ist es wärmstens zu empfehlen.


    Nick Hornby, Slam (2007)

    Bei diesem Werk handelt es sich offenbar um den neuesten Roman des bekannten englischen Bestseller-Autors. Aus der Sicht des 16jährigen Skateboarders Sam Jones, der in der Schule keine überragenden Leistungen bringt, wird eine sehr witzige und persönliche Initiationsgeschichte erzählt. Er verliebt sich in die ebenso junge Alicia Burns, deren Eltern Andrea und Robert stolz auf ihre akademische Bildung sind und die natürlich auch von ihrer Tochter eine entsprechende Karriere erwarten.

    Als Alicia durch einen "Sekundenirrtum" schwanger wird, setzen die eigentlichen Probleme des Romans ein. Für Sam bricht eine Welt zusammen: er möchte das Geschehen am liebsten ungeschehen machen und vor seiner Verantwortung davon laufen, doch entschließt sich Alicia trotz des Widerstandes auf Seiten ihrer wenig begeisterten Eltern, das Kind zu behalten und auszutragen: sie schenkt einem Sohn das Leben, der den offiziellen Namen Rufus erhält, aber von seinen Eltern nur "Roof" genannt wird. Dieser Name geht auf den amerikanisch-kanadischen Sänger und Songschreiber Rufus Wainwright (geb. 1973) zurück, dessen Musik Alicia zur Entspannung anläßlich der Geburt ihres Sohnes hörte.

    So wiederholt sich für Sam das Schicksal seiner inzwischen geschiedenen Mutter Annie, die ihren Sohn ebenfalls im Alter von 16 Jahren bekam. Damit nicht genug: im Alter von 32 Jahren wird Annie nicht nur Großmutter, sondern auch erneut Mutter, da sie - nach 16 Jahren - von ihrem neuen Partner Mark ein weiteres Kind erwartet: das Mädchen namens Emily, das sie zur Welt bringt, ist natürlich gleichzeitig eine Halbschwester von Sam und die Tante von Rufus. Und wenn sich diese Entwicklung in der Familie fortsetzt, wird Annie mit 48 Jahren Urgroßmutter ...

    Eine solche familiäre Ausgangssituation der Ereignisse mag unwahrscheinlich klingen. Entscheidend für die Qualität des Romans ist indes die höchst amüsante Art und Weise, in der der Autor seine Geschichte erzählt. Diese zeigt sich unter anderem in der Gestaltung der Figur des Erzählers Sam, der gelegentlich Schwierigkeiten hat, die Geschehnisse zusammenhängend wiederzugeben. Einiges erscheint ihm dabei selbst unwirklich: es gibt Sprünge zwischen der Gegenwart und einer Zukunft, in der sein Sohn fast zwei Jahre alt ist. Darüber hinaus bleibt es für den Leser lange offen, ob die Schilderung der Zukunft sich auf unwahrscheinliche Tagträume oder auf auf echte Alpträume bezieht oder aber ob der Erzähler wie ein Zeitreisender in die Zukunft katapultiert wird. Jedenfalls hat dieser gelegentlich das Gefühl, bezüglich seines zukünftigen Lebens Erinnerungslücken zu haben, bevor er einige Ereignisse einer vorgestellten und einer wirklichen Zukunft zuordnet.

    Diese seine Zukunft besteht nicht aus einem happy ending. Genau genommen, hat die Geschichte überhaupt kein Ende. Nach der Geburt von Rufus trennen sich Alicia und Sam. Dieser lebt zusammen mit seiner Mutter, ihrem Partner Mark und der kleinen Emily, geht seiner Ausbildung nach und besucht seinen Sohn mehr oder minder regelmäßig. Unabhängig davon steckt der Roman bis zum Schluß voller unerwarteter und überraschender Wendungen. Der Titel Slam bedeutet für den Erzähler und Protagonisten Sam einen unvermuteten heftigen Sturz bei seinem Lieblingssport (cf. p. 217 und p. 241). Damit drängt sich die Vermutung auf, dass sein sog. "Sekundenirrtum", nach dem für ihn nichts wie vorher war, eine ähnliche Bedeutung für sein Leben hat ... Es sollte indes nachdenklich stimmen, dass lt. Hornby 80 % der Partnerschaften zwischen englischen Sechzehnjährigen, aus denen ein Kind hervorgeht, nicht dauerhaft von Bestand sind.

    Es braucht nicht besonders betont zu werden, dass es Initiationsromane für den Englischunterricht in Hülle und Fülle gibt: hier haben die Lehrkräfte wirklich die Qual der Wahl. Für Hornbys Slam indes spricht die Tatsache, dass er nicht nur ungewöhnlich humorvoll geschrieben, sondern auch außerordentlich gut lesbar ist. Nach wenigen Jahren Englischunterricht sollten selbst durchschnittliche Lernende in der Lage sein, den immerhin rund 340 Seiten langen Text zu bewältigen, in dem Einiges an jugendlichem Slang auftaucht, der heute größtenteils in die Alltagssprache eingegangen ist (piss off, bloody hell, fuck off, drive nuts, bloke, bitch, etc.). Auch die Anspielungen an derzeitige Fußball- oder Filmstars (David Beckham, Henry Thierry, Robbie Williams, Kate Moss ...) dürften den Schülern keinerlei Schwierigkeiten bereiten.

    Es ist das Verdienst des Langenscheidt-Verlags, diesen erst vor zwei Jahren erschienenen Roman in sein Programm für das Jahr 2009 aufgenommen zu haben. Allerdings wird im Rahmen der Reihe English Language Teaching lediglich die originale Penguin-Ausgabe angeboten, die keinerlei didaktische Elemente, weder einen sprachlichen, noch einen sachlichen noch einen methodischen Apparat enthält. Auch für die Hand der Lehrkräfte liegen zur Zeit keine Hilfen vor. Dennoch erscheint es vorstellbar, dass der Einsatz dieses Romans im Unterricht ein Erfolg wird, weil er in starkem Maße jugendliche Leser anspricht.


    Last Updated by Dr. Willi Real on Saturday, 8 August, 2009 at 11:05 AM.

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