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Sozialkritische Romane




Nathanael West, Miss Lonelyhearts (1933)

Es gibt sie nicht nur in den U.S.A.: die agony column, den Kummerkasten, den viele Zeitschriften - angeblich als Service für ihre Leser - anbieten. Nathanael West lässt in seiner novella von Beginn an keine Zweifel bezüglich seiner Einstellung gegenüber solchen Unternehmungen aufkommen: nach seiner Auffassung geht es den Verlegern nicht darum, rat- und trostsuchenden Menschen Hilfe zu gewähren, sondern darum, wie man aus vielfältigen Notlagen der Leser materiellen Gewinn ziehen kann, indem man aufgrund einer attraktiven Kolumne die Auflagen in die Höhe treibt. In diesem Zusammenhang ist es weniger wichtig, dass sich hinter der im Titel angesprochenen Ratgeberin für einsame Herzen ein Mann verbirgt.

Bedeutsam ist aber, dass dieser in der Regel seine Spalten formuliert, ohne die täglich eintreffenden, zahlreichen Zuschriften überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, in denen sich oft die Leidensgeschichte eines ganzen Lebens widerspiegelt. In seinem Bestreben, einen spektakulären Ratschlag zu geben, rät Miss Lonelyhearts einmal sogar einem hilfesuchenden Leser zum Selbstmord. Damit wird Wests zugespitzte, satirisch verzerrte Darstellungsweise überdeutlich.

Die Handlung des Werkes lässt sich mit wenigen Worten wiedergeben: sie zeigt Miss Lonelyhearts Unfähigkeit, seine persönlichen Beziehungen zu regeln. Nachdem seine Freundin Betty seinen Heiratsantrag annahm, versucht er, sie konsequent zu meiden, ohne deswegen ihr gegenüber irgendwelche Schuldgefühle zu empfinden. Er scheint unfähig, Liebe zu empfinden und versucht zudem permanent, die Probleme zu verdrängen, die sein Beruf mit sich bringt. Er ist bestrebt, diesen zu entfliehen, indem er sich von seinem Arbeitsplatz in ein Landhaus flüchtet. Es zeigt sich, dass derjenige, der Hilfe leisten soll, selbst äußerst hilfsbedürftig ist. Er, der sich als Humanist versteht, ist mit dem Job eines modernen Seelsorgers restlos überfordert.

Zudem begeht Miss Lonelyhearts einen Fehler, der ihm schließlich zum Verhängnis wird. Nachdem er vergeblich versuchte, die Frau seines Vorgesetzten, die angeblich noch Jungfrau ist, zu verführen, trifft er sich mit Mrs Fay Doyle, einer ratsuchenden Leserin, deren Mann ein Krüppel ist, und wird schon beim ersten Treffen mit ihr intim. Dann erhält er aber auch von Mr Peter Doyle einen Brief, in dem ihm dieser von seinem harten Job und seinen vielfältigen Leiden im Alltag berichtet. Als Miss Lonelyhearts deswegen das Verhältnis mit Mrs Doyle nicht fortsetzen will und ihr gegenüber wegen ihrer Zudringlichkeit sogar handgreiflich wird, bezichtigt sie ihn der Vergewaltigung. Daraufhin schießt Mr Doyle auf Mrs Lonelyhearts, und die schwangere Freundin Betty muss hilflos mitansehen, wie beide die Treppe hinunterstürzen. Damit schließt die groteske Handlung.

Die Charaktere dieses Werkes bleiben ausnahmslos flach; sie sind im Grunde genauso nebensächlich wie die Story. Offenbar geht es Nathanael West um ein satirisches Portrait des modernen Lebens, von dem man sagen kann, das es seit dem ersten Erscheinen des Werkes nichts an Aktualität eingebüßt hat. Auf der einen Seite gibt es offenbar einen ungeheuren Gesprächs- und Beratungsbedarf. Viele Menschen sind auf der Suche nach Zuwendung, nach einer Person, die Zeit zum Zuhören hat. Auf der anderen Seite wird diese menschliche Notlage nicht unter therapeutischen, sondern nur unter finanziellen Aspekten gesehen und skrupellos ausgenutzt.

Eine didaktische Ausgabe des Werkes liegt seit einiger Zeit bei Reclam vor; angesichts des relativ hohen Steilheitsgrades und des Verweisungsreichtums erscheinen sprachliche Annotationen unverzichtbar, wenn man den Text im Englischunterricht besprechen möchte. Ob jugendliche Leser imstande sind, Wests Darstellung zu genießen und zu reflektieren, ist m.E. indes zweifelhaft. Allenfalls der geringe Umfang (65 Seiten als Taschenbuchausgabe) lässt etwa von der 12. Jahrgangsstufe an den Einsatz für Unterrichtszwecke möglich erscheinen.


Christopher Isherwood, Goodbye to Berlin (1939)

Bei diesem Werk handelt es sich um einen narrativen Langtext besonderer Art. Goodbye to Berlin sind die erfolgreichen, autobiographischen Erinnerungen Christopher Isherwoods, der Anfang der dreißiger Jahre in Berlin lebte, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Zu der Zeit arbeitet er zwar an einem Roman, aber er ist noch kein etablierter Autor, sondern er arbeitet als interessierter Beobachter der politischen Szenerie in Deutschland.

Isherwood verdient mit dem Erteilen von Privatstunden seinen Lebensunterhalt und kommt mit Angehörigen unterschiedlicher Schichten und Herkunft in Berührung. Eine Zeitlang mietet er ein Bett bei der sechsköpfigen Familie der Nowaks, die in einer slumähnlichen Gegend über eine Zwei-Zimmer-Wohnung verfügt. Einer der Söhne ist arbeitslos, während die Mutter an Lungenentzündung leidet. Aber er unterhält auch Kontakte zu der reichen, jüdischen Familie der Landauers, die in Berlin mit Erfolg ein Kaufhaus betreiben. Aus der Zeitung erfährt er schließlich vom Tod des jungen Bernard Landauer, der offiziell an Herzversagen starb, aber wahrscheinlich ein Opfer psychischer Repressalien von Seiten der Nazis wurde, während Vater und Tochter sich nach Frankreich in Sicherheit bringen konnten.

Aus den Berichten des Erzählers entsteht keine zusammenhängende Handlung. Wenn es überhaupt etwas gibt, das dem Werk Einheit verleiht, dann ist es die anhaltende Verschlechterung des politischen Klimas und der wachsende Antisemitismus, der sich in diskriminierenden Äußerungen, Übergriffen auf jüdische Kaufhäuser und Personen sowie Deportationen in Konzentrationslager äußert. In diesem Kontext erweist sich Isherwood als ein sensibler und unparteiischer Zeitzeuge der politischen Entwicklung in Deutschland, die bekanntlich nach dem Brand des Reichstages und den Notstandsgesetzen zur nationalsozialistischen Machtergreifung führte. Insofern ist das vorliegende Werk, das 1960 eine fünfte Auflage erreichte, ein aufschlussreiches landeskundliches und historisches Dokument. Als das angespannte und aufgeheizte Klima seinem Höhepunkt zustrebt, verlässt der Autor die deutsche Hauptstadt, um nach England zurückzukehren.

Trotz eines Umfangs von fast 320 Seiten ist der Bericht zügig zu lesen. Die lexikalischen und syntaktischen Anforderungen sind vergleichsweise niedrig, die vielen Dialoge leicht zugänglich. Gelegentlich streut der Autor - wohl zur Verstärkung des Eindrucks der Authentizität - deutsche Zitate ein, und ebenso ist es für den deutschen Leser recht reizvoll, wenn Isherwods Schüler beim Erlernen des Englischen über für Deutsche typische Probleme stolpern. Dennoch stellt sich die kritische Frage, ob es den Aufwand rechtfertigt, wenn man einen solchen narrativen Langtext unter landeskundlich-historischen Aspekten im Unterricht einsetzt. Auch wenn eine didaktische Ausgabe im Reclam-Verlag vorliegt, erscheint mir eine Auswahl relevanter Textstellen dringend geboten. Persönlich würde ich allenfalls den sechsten und letzten Teil von der Jahrgangsstufe 11/2 an für Lernzwecke einsetzen.


Arthur Koestler, Darkness at Noon (1941)

Wie dem Vorspann zu entnehmen, widmet sich Koestlers Roman den sog. Moskauer Prozessen. Sein Protagonist ist eine Synthese aus den Personen verschiedener Angeklagter, deren Schicksal dem Autor persönlich bekannt war. Somit besteht die Romanhandlung aus authentischen Ereignissen in fiktionaler Gestaltung.

Das gesamte Romangeschehen spielt sich im Gefängnis ab. Es setzt ein mit Rubashovs Verhaftung, eines ehemaligen Führungsmitglieds der kommunistischen Partei und Kommandeurs in der revolutionären Armee, erstreckt sich dann über verschiedene Verhöre bis zur summarischen Darstellung seines Prozesses und endet mit der Vollstreckung des Todesurteils. Im Prinzip wird Rubashovs Schicksal rückblickend erzählt.

Vierzig Jahre lang hat er für die Revolution gekämpft, die zunächst in seiner Vorstellung sozialen Fortschritt für die Menschheit bedeutete. Doch kommen ihm mit der Zeit immer größere Zweifel am Sinn der revolutionären Idee, in der es keine Emotionen, keine Moral mehr gibt, in der Ehre und Anstand durch die Vernunft ersetzt werden. So gelangt er zu der bedrückenden Einsicht, dass Politik und Humanismus unvereinbar sind. Er weiß aber auch, dass schon ein geringes Abweichen von der Parteilinie die eigene Liquidierung nach sich zieht. Rubashovs Biographie spiegelt somit nicht nur ein Stück Parteigeschichte wider, sie illustriert zugleich die paradoxe historische These, dass die Revolution ihre eigenen Kinder frisst.

Im Anfang werden die Verhöre vom Genossen Ivanov geleitet, der eine ganz ähnliche Parteikarriere gemacht hat wie Rubashov selbst. Ivanov leitet die Verhöre in sehr verbindlicher Form und gewährt dem Häftling sogar einige Privilegien. Dann aber wird er eines Tages wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht von seinen Aufgaben entbunden und wenig später erschossen. Spätestens jetzt wird klar, dass auch Rubashovs Schicksal vorgezeichnet ist.

Der neue Untersuchungsbeamte erfüllt seine Pflicht mit konsequenter Härte. Zwar setzt er keine physische Folterung ein, aber er zermürbt Rubashovs Widerstand durch nahezu ununterbrochene Dauerverhöre. Rubashov wird u.a. vorgeworfen, an konterrevolutionären Aktivitäten wie Hochverrat, Konspiration, Putschversuchen und Mordanschlägen auf die Nummer Eins der Partei maßgeblich beteiligt gewesen zu sein. Rubashovs Geständnis und der ihm gemachte Prozess haben nur noch den Zweck, den Zerfall der Partei zu verhindern und den Massen einen Sündenbock zu liefern. Ansonsten sind seine Verurteilung und Exekution reine Formsache. Für ihn enden 40 Jahre Parteiarbeit in Sinnlosigkeit.

Dieses ca. 260 S. umfassende Werk stellt in syntaktischer und lexikalischer Hinsicht im fortgeschrittenen Englischunterricht keine zu hohen Anforderungen an die Schüler. Für jugendliche Leser allerdings bietet es sicher ein nur geringes Identifikationspotenzial, so dass ein unmittelbarer affektiver Zugang kaum möglich ist. Andererseits ist die Thematik des Romans auch fast 60 Jahre nach dem ersten Erscheinen leider noch immer aktuell, wenn man etwa an das Schicksal politischer Gefangener in totalitären Staaten denkt, wie sie sich beispielsweise in der Arbeit von Amnesty International manifestiert. So ist dieses Werk etwa von der Jahrgangsstufe 12/1 an für extensives Lesen zu empfehlen; im Aschendorff-Verlag steht ein entsprechender Band mit Vokabularien zur Verfügung.


George Orwell, Animal Farm (1945)

Dieses Werk ausführlich vorzustellen, hieße, Eulen nach Athen tragen. Die Thematik ist - auch aufgrund diverser Verfilmungen - hinlänglich bekannt. Auf der Manor Farm erheben sich die Tiere gegen den menschlichen Eigentümer, verjagen ihn und bewirtschaften danach die Farm in eigener Regie. Doch ist es nach der Vertreibung des Ausbeuters rasch mit der Einigkeit vorbei: sehr bald bricht unter den Tieren ein Machtkampf aus, in dem sich schließlich die schlauen Schweine durchsetzen. So gibt es auf der Farm der Tiere erneut Privilegierte und Untertanen, Machthaber und Unterdrückte. Orwells Ironie gipfelt in der zum geflügelten Wort gewordenen Feststellung: "All animals are equal, but some are more equal than others."

Animal Farm dürfte der einzige der hier vorgestellten Romane sein, der schon in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts zum Klassiker avancierte. Der gut überschaubare und leicht zu lesende Text wurde sehr gern als erste längere Prosalektüre im 10. Schuljahr eingesetzt und dürfte noch heute seine Liebhaber finden. Doch muss auch gesagt werden, dass der didaktische Markt inzwischen zu diesem Dauerbrenner zahlreiche attraktive Alternativen bietet.


Evelyn Waugh, The Loved One (1948)

In diesem Roman, der den Untertitel trägt: "An Anglo-American Tragedy", gewinnen die gesellschaftskritischen Töne gegenüber den humorvollen Elementen die Oberhand.

Der junge Brite Dennis Barlow ist Mitarbeiter des Bestattungsunternehmens Happier Hunting Ground in Los Angeles, das sich um verstorbene Haustiere kümmert. Das heißt, es hebt Gräber aus, stellt Särge bereit, führt Urnenbestattungen durch, organisiert spektakuläre Trauerfeiern für die toten tierischen Lieblinge der Menschen. Gegen entsprechende Bezahlung wird jedem Wunsch der Tierhalter Rechnung getragen. Diese Tätigkeit wird von Barlow nur des Geldes wegen durchgeführt und deswegen von ihm geheim gehalten; eigentlich möchte er Dichter werden, und daneben treibt er auch noch theologische Studien, um mittelfristig seinen sozialen Status zu verbessern.

Als sein Wohnungsgeber Sir Francis Hinsley freiwillig aus dem Leben scheidet, wendet sich Barlow an das Beerdigungsinstitut Whispering Shades, das für die Ausrichtung einer luxuriösen Bestattung die Verantwortung übernimmt. Bei dieser Gelegenheit lernt er Miss Aimée Thanatagenos kennen, die ihn in allen Einzelheiten fachkundig berät. Dennis Barlow verliebt sich in sie und schickt ihr zum Beweis seiner Liebe zahlreiche Gedichte, die er jedoch nicht selbst verfasst, sondern aus einer bekannten Anthologie abgeschrieben hat. Aber auch ein älterer und in seinem Beruf sehr tüchtiger Kollege namens Joyboy bemüht sich um Aimée, wobei allerdings seine übergroße, geradezu neurotische Bindung an seine Mutter sehr rasch deutlich wird. Als deren Papagei stirbt, nimmt sie mit dem Unternehmen Happier Hunting Ground Kontakt auf, wodurch Barlows berufliche Tätigkeit aufgedeckt wird.

Aimée weiß nicht, für wen sie sich entscheiden soll und wendet sich zum wiederholten Mal an einen von der örtlichen Zeitung beschäftigten Guru, der in allen Lebenslagen Rat geben soll. Von ihren zahlreichen Anfragen genervt, rät ihr dieser, von einem Hochhaus zu springen. Tatsächlich setzt Aimée ihrem Leben ein Ende: sie vergiftet sich in Joyboys Arbeitsraum. Da dieser nun um seine berufliche Karriere und zugleich die Reaktion seiner Mutter fürchtet, sucht er Hilfe bei seinem Rivalen Barlow. Gemeinsam verbrennen sie die Leiche Aimées im Happier Hunting Ground, und anschließend setzt Barlow sich nach England ab.

Diese bizarre Liebesgeschichte kann nur als eine satirische Darstellung der Kommerzialisierung amerikanischer Begräbnissitten verstanden werden. Skrupellose Unternehmer erweisen sich als sehr einfallsreich, wenn es gilt, aus den persönlichen Gefühlen des Verlusts und der Trauer finanziellen Gewinn zu erzielen. Besonders die zahlreichen, bis ins Detail entwickelten Parallelen in den Bestattungsriten für Mensch und Tier (bis hin zu blasphemischen Gebeten) provozieren den Leser. Der von seiner Zeitung gefeuerte Ratgeber (das Motiv erinnert bekanntlich an Nathaniel Wests Miss Lonelyhearts) löst im entscheidenden Moment die Katastrophe aus, da er zu sehr mit seinen eigenen privaten Problemen beschäftigt ist. Aber auch der Möchtegern-Dichter erweist sich als ein kaltblütiger und egoistischer Mensch, der genau wie der von seinen Ängsten geplagte Joyboy (vgl. die Ironie der Namensgebung) nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.

Der sprachliche Einstieg in diesen mit 125 Seiten überschaubaren Roman ist nicht leicht; zudem erweisen sich zahlreiche literarische, kulturelle und zeitbezogene Anspielungen zu Anfang als Verständnisbarrieren für den fremdsprachlichen Leser. An der Lektüre dieses Werkes, die frühestens von der Klasse 12 an möglich erscheint, dürften sich die Geister scheiden. Als Interpretations- und Diskussionsgegenstand für Unterrichtszwecke ist der Text kaum zu empfehlen.



Nevil Shute, A Town like Alice (1950)

Dieser Roman, der auf wahren Begebenheiten während des Zweiten Weltkriegs beruht, wird aus der Perspektive des Londoner Anwalts Noel Strachan erzählt. Strachan verwaltet das Vermögen eines gewissen Macfadden, der in Ermangelung naher Verwandter und infolge bestimmter Umstände seine Nichte Jean Paget zu seiner Alleinerbin gemacht hat. Sie hat ihre Jugend in Malaysia verbracht und erlebt dort als junge Frau den Zweiten Weltkrieg mit, in dem sie mit einer Gruppe von Frauen und Kindern schnell in japanische Gefangenschaft gerät.

Die Japaner geben vor, die Frauen in ein Lager schicken zu wollen, doch werden diese über mehrere Monate hinweg von einem Ort zum andern, letztlich ziellos im Kreise herumgeschickt, da niemand die Verantwortung für sie übernehmen will. Dabei haben sie unzählige Strapazen und Schikanen zu erdulden: sie werden ständig von Moskitos sowie von Fieber, Durchfall, Malaria und anderen Krankheiten heimgesucht, so dass viele aus der Gruppe sterben.

Nur Joe Harman, ein australischer Soldat und ebenfalls ein Kriegsgefangener der Japaner, versucht ihnen zu helfen, indem er sie mit Medizin, Seife und Fleisch versorgt, doch müssen Frauen und Kinder mitansehen, wie er dafür an einem Baum gekreuzigt und zu Tode geprügelt wird. Und weiter wird die Gruppe in Bewegung gehalten, auch wenn ihre Moral auf den Nullpunkt gesunken ist. Als ihr japanischer Bewacher stirbt, finden die Frauen und Kinder schließlich Aufnahme in einem kleinen Dorf: sie arbeiten drei Jahre auf den Reisfeldern, überleben dort den Krieg und kehren danach nach England zurück.

Über diese Ereignisse wird Mr Strachan von Jean Paget unterrichtet. Sie erzählt ihm ihre Erfahrungen, um zu erklären, warum sie erneut nach Malaysia will: mit einem Teil des geerbten Vermögens will sie den hilfreichen Dorfbewohnern einen Brunnen bauen lassen. Tatsächlich kann sie dieses Vorhaben in die Tat umsetzen. Und dann erfährt die Handlungsführung eine unerwartete Wendung: von den Brunnenbauern hört Jean Paget, dass der hilfreiche Australier Joe Harman überlebt hat. Während sie sich sofort in seine Heimat begibt, um ihm für seine Hilfe zu danken, ist dieser nach London gereist, um sie wiederzusehen. Mit Hilfe des Anwalts finden sie dann aber doch noch zueinander und werden ein glückliches Paar. Was als sehr ungewöhnliche, kritische Darstellung des Krieges in Malaysia begann, endet als konventioneller Liebesroman (der Titel bezieht sich auf eine aufstrebende australische Stadt).

Auch in der gekürzten Ausgabe des Hueber-Verlages umfasst der Roman noch knapp 200 Seiten. In den ersten zwei Dritteln wird die Unmenschlichkeit und Sinnlosigkeit des Krieges aus der Sicht betroffener Frauen und Kinder dargestellt; im letzten Drittel ist eigentlich das glückliche Ende vorprogrammiert. Abgesehen davon, dass die Textpräsentation durch einige Schwarz-Weiß-Federzeichnungen unterbrochen wird, enthält die Hueber-Ausgabe keinerlei didaktische Elemente: weder gibt es eine Einleitung oder eine biographische Skizze, noch sprachliche und sachliche Annotationen noch einen methodischen Apparat. Offenbar ist die Ausgabe ursprünglich für englische Jugendliche konzipiert worden und wird nun in unveränderter Form auch in Deutschland angeboten. Insgesamt ist das Buch eher für die extensive, private Lektüre als für die Unterrichtsarbeit geeignet. Vom Schwierigkeitsgrad ist es von der Klasse 11/2 an einsetzbar.


John Wain, Hurry on Down (1953)

Im Mittelpunkt der Handlung dieses Romans steht der Jugendliche Charles Lumley, der zwar eine gute Schulbildung genossen hat, jedoch auf der Suche nach sich selbst aus den Bahnen seines bisherigen Lebens ausbricht und sich entschließt, als Fensterputzer seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei trifft er auf einen alten Bekannten, Edwin Froulish, welcher intensiv mit der Arbeit an seinem ersten Roman beschäftigt ist und sich deswegen von seiner Freundin Betty aushalten lässt. Charles ist froh, dass er als Untermieter bei diesem merkwürdigen Pärchen einziehen kann, das in einem verschlagartigen Wohnung lebt, in der es nicht einmal fließendes Wasser gibt.

Eines Tages beschließt Charles, mit einem gewissen Ernie Ollershaw gemeinsame Sache zu machen. Die Partnerschaft zwischen den beiden verläuft reibungslos, bis Ernie - für Charles völlig überraschenderweise - verhaftet und verurteilt wird, weil er mit einer Autoschieberbande zusammengearbeitet hat. Doch wirkt Ernies Schicksal auf Charles keineswegs abschreckend, sondern bewirkt das genaue Gegenteil: auch Charles lässt sich als Fahrer anwerben. Während seine ersten Fahrten im Rahmen der Legalität erfolgen, sieht er bald eine Möglichkeit, an das große Geld zu kommen, in dem er sich als Fahrer am Drogenhandel beteiligt.

Durch Zufall macht er die Bekanntschaft Mr Blearneys, einer einflussreichen Figur auf dem Unterhaltungssektor. Dieser macht ihn mit dem betuchten Unternehmer Bernard Roderick und dessen Nichte Veronica bekannt, in die sich Charles sofort verliebt. Und mit dem Geld, das er verdient, hofft er, auf Veronica Eindruck zu machen. Doch gehen die illegalen Fahrten nicht lange gut. Ein Journalist, der sich auf der Jagd nach einer guten Story befindet, bringt die Organisation in Schwierigkeiten. Auf der Flucht vor der Polizei wird Charles von einem Kumpel aus dem fahrenden Auto gestoßen, verliert das Bewusstsein und landet relativ schwer verletzt im Krankenhaus. Über den Unfall erscheint ein Bericht in der Zeitung, doch besteht kein Verdacht gegen Charles: jedenfalls nimmt die Polizei gegen ihn keine Ermittlungen auf. Bernard Roderick bezahlt ihm die teure Unterkunft auf der Privatstation. Doch anlässlich eines Besuches dort teilt er dem Patienten mit, dass Veronica nicht seine Nichte, sondern seine Geliebte ist, und damit rückt diese in noch weitere Ferne für Charles.

Nach seiner Gesundung nimmt Charles einen Job im Krankenhaus an. Die Schwester Rosa verliebt sich in ihn; auch ist ihre Familie bereit, Charles zu akzeptieren. Eine Zeitlang scheint es so, als sei Charles auf der Suche nach einem neuen Zugehörigkeitsgefühl und für einen Neuanfang bereit. Aber da er Rosa nicht wirklich liebt, sagt er sich von ihr los und nimmt den Posten eines Chauffeurs an. Zugleich ist er entschlossen, die Idee vom Aufstieg auf der sozialen Stufenleiter aufzugeben und bezeichnet sich selbst mit einem Hauch von Selbstironie als "Laus im Skalp der Gesellschaft."

Unglückliche Umstände zwingen ihn, auch diesen Job aufzugeben, aber wieder fällt er auf die Füße. In London wird er durch die Hilfe Mr Blearneys vorübergehend Rausschmeißer in einer Bar. Hier trifft er seinen alten Freund Edwin Froulish wieder, der für seine Arbeit Milieustudien durchführt. Der Leser erfährt nicht, was aus seinem Roman geworden ist, aber im Augenblick arbeitet Edwin in einem Team, das für eine wöchentliche Fernsehshow eine festgelegte Anzahl von Gags und Sketchen produziert. Durch Edwins Vermittlung wird Charles ebenfalls für dieses Unternehmen aktiv, und er erhält als Anerkennung für seine Arbeit einen Dreijahresvertrag. Eines Tages erscheint Veronica Roderick bei Charles. Mit der Frage, ob eine Verbindung der beiden eine Chance habe in der Zukunft, schließt die Romanhandlung.

Hurry on Down ist somit die Geschichte eines Aussteigers und Außenseiters, der eine ganze Reihe von verschiedenen Berufen ausübt, dabei aber eigentlich stets unter seinen Möglichkeiten bleibt. Zum Schluss des Romans hat Charles Lumley das Gefühl, dass seine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft unentschieden ausgeht. In dem an Figuren und Ereignissen relativ reichen Werk bleiben in der Tat viele Fragen offen. Dies gilt nicht nur für den Ausgang, sondern auch für einzelne Stränge der Handlung. So erfährt der Leser nichts über die Hintergründe des kriminellen Verhaltens der Autoschieber und der Drogenhändler, nichts über Ernie Ollershaws weiteres Schicksal.

Aus heutiger Sicht muss bezweifelt werden, ob der Text für jugendliche Leser noch ein großes Identifikations- und Diskussionspotenzial enthält. Aufgrund seiner thematischen Ausrichtung ist das Werk mit den Romanen von John Brain, Kingsley Amis und Keith Waterhouse vergleichbar. Aufgrund seines Umfangs von rund 250 Seiten (Penguin-Ausgabe) und seiner sprachlichen Anforderungen ist der Text von der Stufe 12/1 an einsetzbar; wie bei den genannten vergleichbaren Werken stehen im Aschendorff-Verlag Vokabularien zur Verfügung.


Kingsley Amis, Lucky Jim (1954)

Der Roman handelt von dem jungen Assistenten James (Jim) Dixon, der am Historischen Seminar einer nicht näher bezeichneten englischen Universität mittelalterliche Geschichte lehrt. Seine persönliche Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass er nur einen Zeitvertrag hat, d.h. dass er unter dem Druck steht, sich beruflich bewähren und bei seinen Vorgesetzen einen guten Eindruck machen zu müssen. Dixon ist nicht unintelligent, aber ungeschickt und in vielen Situationen einfach vom Pech verfolgt. Dadurch ist er dauerndem Stress ausgesetzt, so dass sein Nikotin- und Alkoholkonsum ständig steigt. Zugleich erweist er sich (wie ein akademischer "Billy Liar") als ein Meister im Erfinden von Ausreden, Ausflüchten und Lügengeschichten.

Zu einem geselligen und musikalischen Wochenende wird Dixon in das Haus von Professor Welch und seiner Frau eingeladen. Dabei trifft er nicht nur auf die befreundete Kollegin Margaret Peel, die sich hier von einem Selbstmordversuch erholt, sondern auch auf den Sohn seines Chefs, den ambitionierten Maler Bertrand und dessen Freundin Christine Callaghan. Zu den Freunden der Welchs gehört auch der reiche Gore-Urquhart, den Bertrand gern als Mäzen gewinnen würde. In der Nacht hat Dixon Glück im Unglück, als er mit einer Zigarette 'nur' einige Löcher in sein Bettzeug brennt. Gemeinsam mit Christine versucht er vergeblich, den Schaden zu vertuschen, wird dabei aber von der eifersüchtigen Margaret beobachtet.

Um seine Chancen für eine Vertragsverlängerung zu erhöhen, reicht Dixon beim Herausgeber einer (noch zu gründenden) Fachzeitschrift einen Artikel ein. Die Veröffentlichungszusage, die er erhält, ist praktisch wertlos, weil sie ohne ein konkretes Publikationsdatum erfolgt. Dixons nächste Bewährungsprobe liegt darin, dass er damit beauftragt wird, zu Ende des akademischen Jahres eine Festrede zu halten, zu der neben den Studierenden auch Lehrende aller Fakultäten und öffentliche Würdenträger der Stadt erwartet werden.

Bei der Formulierung seines Vortrags gerät Dixon zunächst infolge anderer beruflicher Verpflichtungen in Zeitnot, dann holt er sich bei einer tätlichen Auseinandersetzung mit dem unsympathischen und grundlos eifersüchtigen Bertrand ein blaues Auge, bekämpft daraufhin sein Lampenfieber mit zuviel Whiskey und Sherry und parodiert schließlich beim Halten seiner Rede den Vortragsstil seines Vorgesetzten, bis er schwindlig wird und das Bewusstsein verliert. Natürlich ist unter diesen Bedingungen an eine Weiterbeschäftigung nicht zu denken.

Merkwürdigerweise fühlt sich Dixon indes nicht unglücklich, sondern geradezu von einer großen Last befreit. Und augenblicklich hört seine Pechsträhne auf. Ohne eigene Initiative erhält er von Gore-Urquhart, der Dixons Abneigung gegenüber Bertrand teilt, einen gut bezahlten Job als eine Art Privatsekretär. Und wiederum ohne eigenes Zutun erfährt er, dass Margaret ihren Selbstmordversuch bewusst inszeniert hat: er fühlt sich von ihr getäuscht und stattdessen frei für Christine. Diese wiederum löst sich von Bertrand, der einerseits rigide Besitzansprüche an sie stellt, andererseits aber hinter ihrem Rücken Beziehungen zu einer anderen Frau unterhält. So kommt es trotz aller Komplikationen für den Titelhelden sowohl auf der beruflichen als auch auf der privaten Ebene zu einem versöhnlichen Ausgang.

Der Roman wird durchgehend aus dem Bewusstsein Jim Dixons verfasst und ist für die englische Prosa der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts repräsentativ. Die Sozialkritik, die der Autor äußert, erfordert manchmal ein gewisses Maß an Insider-Informationen, wenn zum Beispiel der Zwang, sich durch Publikationen profilieren zu müssen (publish or perish), aufs Korn genommen wird. Trotz einer gewissen Langatmigkeit kann der Roman auch heute noch eine amüsante Lektüre darstellen. Ob es indes gelingt, jugendliche Leser für die Thematik zu motivieren, muss bezweifelt werden, da das Gesprächs- und Diskussionspotenzial im Vergleich zu moderneren Romanen als gering einzuschätzen ist. Immerhin liegen Vokabularien (Aschendorff) zu dem in der Penguin-Ausgabe 250 Seiten umfassenden Text vor, so dass für motivierte Leser der Einsatz von der Klasse 12/1 an denkbar erscheint.


John Braine, Room at the Top (1957)

Die Handlung dieses Romans besteht aus einer Liebesgeschichte, in der sich deutliche Elemente von Sozialkritik finden. Der Protagonist ist der aus der Arbeiterklasse stammende Joe Lampton, dessen Eltern bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg getötet wurden und der deshalb im Hause einer Tante aufwächst. Nach seiner Zeit bei der Air Force verlässt er seinen Heimatort Dufton, mietet ein Zimmer, verfügt damit über private Unabhängigkeit und zudem über einen sicheren Arbeitsplatz bei der Stadtverwaltung von Warley.

Anlässlich eines Theaterbesuchs verliebt er sich in die 19jährige Susan Brown, die Tochter eines Fabrikbesitzers und Millionärs, die jedoch von ihrem ebenfalls sehr reichen Freund Jack Wales sehr eifersüchtig bewacht wird. Joe Lampton ist zwar der Ansicht, dass er ebenfalls auf Geld, Sportwagen, Luxus jeder Art und eine entsprechend ausgestattete Freundin ein Anrecht hat, doch weiß er nicht, wie er die Klassenschranken überwinden soll, um mit ihr in Kontakt zu treten. Stattdessen baut er eine Beziehung auf zu Alice Aisgill, einer rund 10 Jahre älteren, verheirateten Frau, die er als Kollegin in einer Laienspielschar kennen und schätzen gelernt hat. Bei ihr findet er regelmäßig sexuelle Befriedigung, doch liebt er nach wie vor die jüngere und attraktivere Susan, die für ihn immer noch unzugänglich zu sein scheint. Schließlich überwindet er seine Hemmungen und lädt Susan zu einem Ballettabend ein, und von da an gehen die beiden regelmäßig zusammen aus.

Doch regen sich auch Widerstände, die Joe deutlich die Grenzen seiner Kontakte zu Susan aufzeigen. Zum Bürgerball beispielsweise muss Susan mit ihrem Freund Jack Wales gehen. Zudem wird Joe Lampton bei dieser Gelegenheit sowohl von Jack Wales als auch von Mr Brown mit deutlicher Herablassung behandelt, und selbst Susan scheint die Rollenzwänge nicht durchbrechen zu können. So flüchtet sich Joe wieder in die Arme von Alice, und die beiden schmieden sogar Heiratspläne für ihre Zukunft. Nach vier gemeinsamen Tagen in einem Ferienhaus in Dorset scheint ihr Glück vollkommen: Alice ist entschlossen, sich von ihrem Mann zu trennen, um mit Joe ein neues Leben beginnen zu können.

Doch dazu kommt es nicht. Alice erkrankt und muss zur Behandlung zwei Monate in eine Klinik. In dieser Zeit nimmt Joe wiederum mit Susan Verbindung auf, wobei er spürt, dass seine Liebe von ihr erwidert wird. Als Mr Brown sich einschaltet und Joe in seinem Club ein gemeinsames Mittagessen vorschlägt, befürchtet dieser das schlimmste. Tatsächlich macht Mr Brown Joe Lampton ein sehr verlockendes finanzielles Angebot, um Joe die Trennung von seiner Tochter nahezulegen. Als dieser empört ablehnt, sich kaufen zu lassen, ist überraschenderweise Mr Brown mit dessen Verhalten sehr zufrieden. Das Angebot diente nur als Test; Mr Brown ist in Wirklichkeit an einer schnellen Heirat von Joe und Susan interessiert, offenbar auch, weil sie schwanger ist.

Von Mr Brown erfährt Joe zudem, dass sein Rivale Jack Wales ebenfalls zu Alices Liebhabern gehörte. Diese Information benutzt er als Vorwand, um sich endgültig von ihr loszusagen. Alice akzeptiert zwar diese Entscheidung, spricht aber noch am gleichen Abend zu sehr dem Alkohol zu und setzt ihrem Leben durch einen gewollten Unfall ein Ende. Joe Lampton ist tief betroffen. Obwohl ihm niemand Vorwürfe macht, gibt er sich die Schuld an ihrem Tod. Zwar gibt es nun keinerlei Hindernisse mehr, die seinem sozialen Aufstieg und seiner ursprünglichen Vorstellung von Glück im Wege stehen, aber ob dieses Glück realisiert wird, bleibt zum Schluss des Romans eine offene Frage.

Das Werk umfasst in der Penguin-Ausgabe 235 Seiten, ist einerseits sprachlich nicht allzu schwierig, andererseits aber auch nicht sehr spannend. Erzählt wird aus der Perspektive des Protagonisten, doch erscheint es eher zweifelhaft, ob dieser als Identifikationsfigur für jugendliche Leser dienen kann. Letztlich ist dessen Verhalten wie auch die gesamte Handlungsführung mit ihren überraschenden Wendungen nur schwer nachvollziehbar. Beide Verbindungen entsprechen nicht den Konventionen der Arbeiterklasse. Auch wenn Susans und Joes Liebe auf Gegenseitigkeit beruht, steckt hinter seinen Gefühlen von Anfang an ein starkes strategisches Element. Umgekehrt gilt, dass Joe angesichts Alices Tod, die für ihn eigentlich nur die vorübergehende zweite Wahl darstellt, nachhaltige Betroffenheit zeigt. So stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Hauptfigur und der Geschehnisse.

Natürlich kann man anzweifeln, ob solche Romane der 50er Jahre des 20. J. überhaupt noch im Englischunterricht gelesen werden sollten. Meines Erachtens lassen sich aber auch in diesem literarischen Kontext bei Amis, Sillitoe, Waterhouse ... geeignetere Titel finden. Möglich ist der Einsatz dieses Romans von der Klasse 12/1 an, und wie im Falle von Lucky Jim stehen zweisprachige Vokabularien (bei Aschendorff) zur Verfügung.


Alan Sillitoe, The Loneliness of the Long-Distance Runner (1958)

Dieser Kurzroman, der vielleicht Sillitoes bekanntestes Werk darstellt und auch im Jahre 1962 erfolgreich verfilmt wurde, ist ein Stück Jugendliteratur der besonderen Art. Die Handlung wird in der ersten Person, und zwar aus aus der Sicht eines jugendlichen Kriminellen erzählt, welcher der Arbeiterklasse angehört und den Namen Smith trägt. Die Geschehnisse setzen in dem Jugendgefängnis Borstal ein, und dann wird mit Hilfe einer Rückblende erzählt, wieso es zu der Einweisung des Protagonisten in diese Anstalt kam. Smith beging einen Einbruch in eine Bäckerei, raubte die Kasse aus und wurde schließlich von der Polizei gefasst sowie überführt.

Dennoch hat er durchaus seine eigenen moralischen Grundsätze. Sein oberster Wert ist "honesty": darunter versteht er nicht so sehr Respekt vor fremdem Eigentum, sondern vor allem Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst, eine Haltung, die ihm die Bewahrung seiner Selbstachtung ermöglichen soll. Den Leiter des Jugendgefängnisses sieht er als Verkörperung des Klassenfeindes schlechthin. Als dieser, auf sportliche Betätigung als Mittel zur gesellschaftlichen Resozialisierung bauend, Smith auch außerhalb der Anstaltsmauern für einen Geländelauf trainieren lässt und ihm weitere Vergünstigungen in Aussicht stellt, wenn er das öffentliche Rennen für das von ihm geleitete Borstal gewinnt, geht Smith zum Schein auf dieses Angebot ein.

Er trainiert sehr hart, ist viel allein unterwegs (vgl. den Titel), und tatsächlich hat er am entscheidenden Tag die Möglichkeit, das Rennen zu gewinnen. Aber wenige Meter vor dem Ziel stoppt er ab, bleibt stehen und verzichtet bewusst auf den Sieg. Auf diese Weise verwirklicht er seine ganz persönlichen Moralvorstellungen: er, der sich als Opfer im Klassenkampf sieht, hat sich eine Option erkämpft, die er nutzt, um einen moralischen Triumph über den verhassten Vertreter der anderen Seite zu erringen ('us' vs. 'them'). Selbst die unerhoffte Nebenwirkung wird aus der Rückschau noch positiv gedeutet: durch das Verharren in der Kälte zieht er sich eine Rippenfellentzündung zu, die ihn für den Wehrdienst untauglich macht. So hat er einmal mehr der staatlichen Autorität getrotzt und seine Selbstachtung gewahrt.

Diese vor rund 40 Jahren erschienene Erzählung ist unverändert aktuell. Die Konsequenz des jugendlichen Delinquenten beeindruckt auch heutige Leser; der Konflikt zwischen den beiden Seiten ist so stark ausgeprägt, dass keine Harmonisierung der Standpunkte möglich erscheint. Vom Umfang her ist der Text gut zu bewältigen, allerdings erfordert er erst ein gewisses Einlesen in Sillitoes Sprachprofil, das den Slang der Arbeiterklasse in den nördlichen Midlands widerspiegelt. Trotz des hohen Bekanntheitsgrades liegt erst seit wenigen Jahren eine Schulausgabe des Originaltexts vor (Reclam). Allerdings besteht die Möglichkeit, auf eine Veröffentlichung des Werkes als Easy Reader (Klett, Stufe D, d.h. ein vorausgesetzter Wortschatz von 2500 Wörtern) zurückzugreifen, in dem zwar die syntaktischen Konstruktionen vereinfacht und die Slangformen überwiegend beseitigt wurden, der aber insgesamt dem literarischen Originaltext sehr nahe kommt. Die an dieser Ausgabe interessierten Lehrkräfte können den Kurzroman schon in der Klasse 10 einsetzen, der auf jeden Fall als Vorbereitung auf die Besprechung von full-length novels empfohlen werden kann.


Alan Sillitoe, Saturday Night and Sunday Morning (1958)

Dieser Roman, der praktisch zeitgleich mit The Loneliness of the Long-Distance Runner veröffentlicht wurde, kann als zeitgenössiche Chronik des working-class life gelesen werden. Auf über 200 Seiten entsteht ein Bild des Protagonisten Arthur Seaton, dessen Verhalten als Individuum und als Mitglied der Gesellschaft stark abhängig ist von seinem Milieu.

Mit Hilfe einer auf Kontraste angelegten Erzähltechnik führen die ersten Kapitel in Arthurs Lebenswelt ein, die vom Vergnügen am Samstagabend und von der Arbeitsroutine am Wochenanfang geprägt ist. Neben den regelmäßigen Kneipenbesuchen und dem damit verbundenen ausgiebigen Alkoholgenuss hat Arthur ein Verhältnis mit Brenda, der Frau seines Arbeitskollegen Jack, als deren 'Beschützer' er sich gerne aufspielt. Als diese ungewollt schwanger wird, bürdet Arthur ihr die Verantwortung für das gemeinsame Verhalten auf. Als im Grunde innerlich unbeteiligter Zuschauer erlebt er die Abtreibung des gemeinsamen Kindes und beginnt noch am gleichen Abend ein Verhältnis mit Brendas ebenfalls verheirateter Schwester Winnie. Doch deren Mann, der in der Armee dient, lässt sich nicht so leicht täuschen wie Jack und schlägt Arthur eines Tages zusammen. Im zweiten Teil des Romans (Sunday Morning) schließlich heiratet Arthur Doreen, gibt sich weniger dem Alkohol und häufiger seinem Hobby, dem Angeln, hin, denkt über sein Leben nach und resigniert offenbar.

Schon aus dieser kurzen Zusammenfassung wird deutlich, dass dem Roman ein Höhepunkt fehlt. Die Struktur ist nicht durch eine geschlossene, steigende und fallende Handlung, sondern eher durch eine Aneinanderreihung von Episoden gekennzeichnet. Arthur Seatons Leben verläuft zwar in geregelten Bahnen, aber es macht ständige Auf- und Abwärtsbewegungen durch. Der Arbeitsplatz bietet natürlich materielle Sicherheit, doch bedeutet die Arbeit selbst eine unerbittliche Monotonie und Belastung, die durch immer wiederkehrende Fluchtreaktionen und durch Investitionen in Vergnügen und Vergessen im Alkohol kompensiert wird.

Da Arthur die einzige Gestalt des Romans ist, die individuelles Profil gewinnt, liegt es nahe, im Unterricht die Textarbeit auf ihn zu konzentrieren. Dabei kann er indessen nicht als Leit- oder Identifikationsfigur dienen. Es gilt mit den Schülern zu diskutieren, wo für sie die Grenze zwischen Verstehen und Akzeptieren einerseits und Nicht-Verstehen und Ablehnen Arthurs andererseits liegt.

M.E. sind mindestens zwei Aspekte in seinem Verhalten fragwürdig. Wie in seiner Einstellung Brenda gegenüber deutlich wird, so zeigt sich Arthur Seaton generell den Frauen gegenüber als Vertreter einer ausgesprochenen Doppelmoral. Er sieht sich als Oberhaupt der Familie und die Frau in einer absolut untergeordneten Rolle, der er Dinge verbietet oder (großzügigerweise!) gestattet, während er nur sich selbst gegenüber Rechenschaft schuldig ist und sich beispielsweise sexuelle Freizügigkeit einräumt.

Darüber hinaus ist Arthur Seaton, ähnlich wie Smith in The Loneliness of the Long-Distance Runner, als Vertreter der Arbeiterklasse der Gesamtgesellschaft gegenüber sehr kritisch eingestellt: er ist gegen die staatlichen Behörden, die Armee, die Polizei, etc. und sieht sich als Opfer in einer gefängnisgleichen Gesellschaftordnung. Aber diese Einsichten bleiben folgenlos: er tut nichts, um Klassenschranken zu überwinden, um die bestehenden Verhältnisse in seinem Sinne zu beeinflussen. So ist er ein verbaler Rebell, der letztlich in Passivität verharrt.

Eine solche kritische Rezeption des Romans kann für Schüler durchaus motivierend sein. Sprachliche Hindernisse (Slangformen der Arbeiterklasse) und lexikalische Probleme lassen sich überwinden, zumal sowohl eine Schulausgabe (Reclam) als auch Vokabularien (Aschendorff) vorliegen. Der Roman ist von der Klasse 12/2 an im Englischunterricht einsetzbar. Für die sehenswerte Schwarz-Weiß-Verfilmung (Albert Finney als Arthur Seaton; Regie: Karel Reisz) schrieb der Autor selbst das Drehbuch.


Keith Waterhouse, Billy Liar (1959)

Dieser vor rund 45 Jahren veröffentlichte Roman ist konsequent aus der begrenzten Perspektive der Titelfigur geschrieben: Billy Fisher stellt sich vor als Familienmitglied, Arbeitskollege und Liebhaber und entwickelt dabei ein positives Bild von sich selbst. Dabei wird von Anfang an deutlich, dass der Erzähler eine subjektive Auswahl und Bewertung der Ereignisse vornimmt, die den Leser zur Parteinahme veranlassen soll. Doch letztlich erweist sich Billy als ein unzuverlässiger Erzähler, der in zahlreichen Situationen zu Ausreden, Halbwahrheiten und Lügen Zuflucht sucht.

Die Handlung ersteckt sich auf einen einzigen Tag in Billys Leben, einen allerdings sehr ereignisreichen Samstag. Am Morgen träumt Billy von seinem Phantasieland Ambrosia, in dem er allgemeine soziale Anerkennung und Bewunderung genießt. Natürlich steht die fiktionale Wirklichkeit dazu in schroffem Kontrast. Schon beim Frühstück kommt es in seiner Familie zu verbalen Auseinandersetzungen. Auch die Lage an seinem Arbeitsplatz ist frustrierend: gegen seinen Willen macht Billy eine Lehre bei einem Bestattungsunternehmen. Deshalb hat er für diesen Tag geplant, sein Kündigungsschreiben einzureichen, um anschließend nach London zu gehen und in seinem Traumjob als Skriptautor für einen berühmten Entertainer zu arbeiten: von diesem liegt ihm allerdings nur ein unverbindliches Schreiben ohne konkretes Stellenangebot vor. Billys Kündigung indes wird von seinem Arbeitgeber nicht akzeptiert, weil Billy es versäumt hat, eine Anzahl von zu Werbezwecken produzierten Kalendern auf die Post zu geben, d.h. dass er sich zunächst noch wegen einer Dienstverfehlung verantworten muss.

Mehrere gleichzeitige Liebschaften machen auch sein Privatleben kompliziert. Mit der extrovertierten Serviererin Rita verbindet ihn wenig, da sie auf sein sprachliches Verhalten nur mit Hilflosigkeit zu reagieren vermag. Demgegenüber unterliegt sein Verhältnis zu der prüden Barbara festen Regeln der Kommunikation. Die einzige, mit der er offen reden kann, ist Liz: sie ist ebenso wie Rita und Barbara abends im örtlichen Tanzlokal The Roxy anwesend. Die Lage wird insofern prekär, als Rita und Barbara im Gespräch miteinander einige von Billy Fishers Lügen aufdecken, so dass er zusammen mit Liz in ein nahes Waldgebiet flüchtet.

Als Billy schließlich nach Hause kommt, erfährt er, dass seine Großmutter nach einem ihrer Anfälle zur stationären Behandlung ins Krankenhaus gebracht wurde. Dieser Umstand ändert nichts an seinem Entschluss, nach London zu gehen, allerdings möchte er vorher noch einmal mit ihr sprechen. Dazu kommt es nicht mehr, weil die alte Frau aus ihrer Bewusstlosigkeit nicht mehr erwacht. Billy begibt sich zum Bahnhof, doch kurz vor der Abfahrt seines Zuges steigt er aus und kehrt nach Hause zurück.

Auf den ersten Blick ist Billy Liar ein Roman, der deutlich macht, dass Billy Fisher keineswegs erwachsen wird. Im Laufe der Geschehnisse spielt er viele Rollen, ist aber nie er selbst, und sein regressives Verhalten zum Ausgang signalisiert, dass er von seiner persönlichen Identität noch weit entfernt ist.

Insofern bietet es sich eher an, den Roman als sozialkritisches Werk zu lesen. Für Billy Fisher gibt es keine Alternative zu der ihm aufgezwungenen Arbeitsstelle; seine Realität in der provinziellen Kleinstadt ist von Monotonie, Erwartungen und Zwängen bestimmt, die Billy zwar durchschaut, die er aber nicht abschütteln kann. Zudem gibt es in einer Gemeinschaft, in der jeder beinahe jeden kennt, keine Privatsphäre: selbst als Billy und Liz sich im Wald lieben, gibt es einen Arbeitskollegen und dessen Freunde, die sich als Voyeure über die Szene amüsieren. In diesem Zusammenhang ist auch Billys sprachliches Verhalten zu deuten, das in bezug auf Kollegen und Freunde ganz anders ausfällt als gegenüber Vorgesetzten. Es wird immer wieder deutlich, wie zwischen Billys Denken und Fühlen und seinem Sprachgebrauch sowie der ihn umgebenden Realität ein deutlicher, komischer Kontrast besteht und dass Billy Fisher oft durch sein Sprachverhalten seine Hilflosigkeit kompensiert.

Mit seinen ca. 180 Seiten (Penguin-Ausgabe) ist der Roman nicht zu lang, andererseits stellt er aufgrund seiner sprachlichen Gestaltung erhebliche Ansprüche an den fremdsprachlichen Leser. Die Lektüre sollte im Englischunterricht von der Klasse 12/1 an möglich sein.


Ken Kesey, One Flew Over the Cuckoo's Nest (1962)

Dieser Roman, dessen Titel an einen Kinderreim erinnert, wurde ein langandauernder Verkaufserfolg, wozu nicht zuletzt auch die Verfilmung aus dem Jahre 1975 (Regie Milos Forman) beitrug, in der Jack Nicholson in unnachahmlicher Weise die Rolle des Protagonisten McMurphy interpretiert. Erzählt wird aus der Perspektive des indianischen Häuptlings Bromden, der erst vorgibt, nicht sprechen zu können, sich aber schließlich McMurphy anvertraut und sein Freund wird.

Die Handlung spielt in einer psychiatrischen Klinik, in der zunächst offenbar alles geregelt und geordnet zugeht. Im Buch wie im Film beeindruckt unter anderem die Individualisierung der Patienten (vgl. Harding, Cheswick, Sefelt, Billy, etc. ...), die in gruppentherapeutischen Sitzungen ihre Probleme zu Sprache bringen können und in denen nach demokratischen Prinzipien regelmäßige Abstimmungen stattfinden.

Im Prinzip haben jedoch diese therapeutischen Gespräche etwas von Schauprozessen an sich: sie führen zu Schuldeingeständnissen der Patienten, die ihnen Erleichterung bringen sollen. Doch besteht ihre 'Schuld' lediglich darin, anders zu sein, von den Normen der Gesellschaft abzuweichen und Lebensangst zu haben. Deswegen werden sie wie Tiere in einen Käfig gesperrt, wie kleine Kinder behandelt, durch Medikamente - ohne Rücksicht auf mögliche Nebenwirkungen - ruhig gestellt, und sie müssen selbst bekunden, dass alle Maßnahmen natürlich nur zu ihrem eigenen Besten getroffen werden.

Alles wird anders mit der Einlieferung McMurphys. Er ist derjenige, der sich gegen die unmenschliche Ordnung auflehnt. Was zunächst wie ein Spiel beginnt, wird schnell blutiger Ernst. McMurphy, der seinen Wahnsinn nur vorgegeben hat, um nicht eine Gefängnisstrafe verbüßen zu müssen, ergreift die Initiative und geht als erster wirklich auf die Bedürfnisse und Interessen der Anstaltsinsassen ein. Die etablierten Prinzipien werden so sehr in Frage gestellt, dass sie immer mehr ins Wanken geraten: es kommt zu einem erbitterten Machtkampf zwischen Patienten und Führung der Anstalt, repräsentiert durch die leitende Schwester Miss Ratched (schon durch die Assoziation mit "wretched" ist diese Figur negativ besetzt). Sie wird von einigen schwarzen Wärtern unterstützt, die zur Einschüchterung der Patienten ständig Polizeiuniformen tragen.

Aber auch die Ärzte handeln nicht zum Wohl der Insassen: der Erzähler und der Protagonist müssen eine Behandlung mit Elektroschocks über sich ergehen lassen. McMurphy gibt vor, die Behandlung könne ihm nichts anhaben und beugt sich ihr nicht. Mrs Ratched, die auch Big Nurse genannt wird, sieht die Gefahr für ihre Autorität und möchte daher seine Unterwerfung erzwingen. Sie will ihm und den anderen beweisen, dass er wie jeder andere ein verwundbarer, schwacher Mensch ist. Doch erweist sich McMurphy als unerwartet willensstark: er ist entschlossen, sich lieber umbringen zu lassen als nachzugeben und wird daher weiteren Behandlungen mit verstärkten Elektroschocks unterzogen.

Die entscheidende Frage im Schlussteil des Romans ist, wie sein Beispiel auf die übrigen wirkt, ob beispielsweise ihre Einschüchterung erreicht wird. Genau das Gegenteil trifft ein. Heimlich planen alle Patienten der Station für den Abend als Abwechslung zum Anstaltsalltag eine Party, zu der auch zwei Prostituierte eingeladen werden. Der Abend wird aus der Sicht der Beteiligten ein großer Erfolg, und es spricht für ihr gewachsenes Selbstbewusstsein, dass die Station dabei in ein komplettes Chaos verwandelt wird.

Natürlich wird McMurphy für diese Ereignisse verantwortlich gemacht. Er muss sich einer Operation (Lobotomie) unterziehen, bei der ein Teil des Gehirns entfernt wird, um ihn von seinen angeblichen aggressiven Neigungen zu heilen. Für jeden auf der Station ist sichtbar, dass durch diese Behandlung McMurphys Persönlichkeit zerstört und er selbst zu einem menschlichen Wrack wird. Chief Bromden erlöst seinen Freund von seinem menschenunwürdigen Dasein, flieht danach aus der Anstalt und wagt sich in die Freiheit. Andere Patienten setzen ihre Verlegung in eine andere Abteilung oder ihre Entlassung durch. McMurphys Beispiel hat die Autorität der Big Nurse und die Ordnung auf der Station für immer zerstört.

Zu diesem Roman sind seit einiger Zeit Annotationen bei Aschendorff zu beziehen. Es ist sehr erfreulich, dass damit der Text für Unterrichtszwecke aufbereitet wurde. In sprachlicher Hinsicht, in bezug auf den lexikalischen und grammatischen Schwierigkeitsgrad, ist der Text leicht zugänglich, zumal nur wenige Abweichungen von den Normen des amerikanischen Englisch vorkommen. Mit seiner Toleranz gegenüber Andersartigkeit und seinem Eintreten für andere ist der Protagonist eine mögliche Identifikationsfigur, durch die ein affektiver Zugang zu den fiktionalen Geschehnissen geschaffen wird. Zudem verfügt der Roman über eine spannende Handlung und eine ernste Problematik, die dem Leser mit den Mitteln des schwarzen Humors nahe gebracht wird. Es geht nur vordergründig um die Verantwortung der Ärzte und ihre Behandlungsmethoden in einer psychiatrischen Klinik, in der die Gesellschaft vor vermeintlich gefährlichen Patienten geschützt werden soll.

Der Roman impliziert die Frage, ob die Anstalt nicht als Abbild des modernen Amerika zu verstehen ist. Das bedeutet, dass moralische Grundwerte, demokratische Prinzipien wie Freiheit, Solidarität, Toleranz und Menschenwürde, letztlich die Werte der Gesellschaft insgesamt auf dem Spiele stehen. Der Roman erfordert reife Leser, sollte aber in den Klassen 12/2 und 13/1 mit Gewinn zu intensiver Kommunikation zu nutzen sein.


Fay Weldon, The Fat Woman's Joke (1967)

Bei diesem Roman handelt es sich um Fay Weldons Erstlingswerk, das zu einem Zeitpunkt entstand, als die Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre des 20. J. noch in den Anfängen steckte. Weldons literarische Darstellung ist viel mehr als eine Fiktionalisierung feministischer Studien (vgl. z. B. Betty Friedans The Feminine Mystique aus dem Jahre 1963 mit dem bezeichnenden Titel der deutschen Übersetzung Der Weiblichkeitswahn). Die Autorin stellt die Frage nach dem weiblichen Rollenverständnis, ohne indes eine definitive Antwort zu versuchen. Vielmehr entwickelt sie mehrere einander ergänzende und kontrastierende Frauenbilder.

Im Zentrum steht Esther Sussmans Fresssucht und ihre Selbstabkapselung in einer Londoner Souterrainwohnung. Nach einer ihr von ihrem Mann aufgezwungenen, aber gemeinsam durchgeführten vierzehntägigen Diät hat sie sich von ihrer Familie getrennt, fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben völlig frei und stopft in ihrer elenden Wohnung alles Essbare wahllos in sich hinein. So verständlich Esthers Aufbegehren gegen die traditionell vom männlichen Geschlecht gesetzten Normen auch sein mag, so unverständlich erscheint dem Leser ihre Freude: was ihr als Befreiung vom konventionellen Schlankheits- und Schönheitsideal vorkommt, ist nichts anderes als eine nicht mehr kontrollierbare Gier.

Im Dialog mit ihren Besuchern wird die zweiwöchige Diät Tag für Tag rekonstruiert. Dabei geht es um solche Themen wie das Bild der Frau, Ehe und Familie, soziales Zusammenleben und Sexualität, Selbstverwirklichung und Fremdbestimmung. The Fat Woman's Joke ist ein Roman, bei dessen Lektüre einem häufig das Lachen im Halse stecken bleibt und in emotionale Betroffenheit umschlägt. Die Autorin stellt mit den Mitteln des schwarzen Humors, der Parodie und Satire zeitgenössische Gesellschaftsprobleme dar.

Aufgrund des überschaubaren Umfangs und aufgrund der in der Reclam-Ausgabe vorhandenen sprachlichen Annotationen erscheint die Lektüre des Werkes Schülern ohne weiteres zumutbar. Allerdings fehlt in Weldons Roman eine ausgeprägte, spannende Handlung; über weite Strecken des Texts dominiert die dialogische Form, so dass sich die Lesemotivation der Schüler aus dem Interesse für die Thematik ergeben muss. Das Werk, das ein großes Gesprächs- und Diskussionspotenzial besitzt, erscheint als Alternative zu im Englischunterricht erprobten und bewährten Texten von der Jahrgangsstufe 12 an vorstellbar.


Jerzy Kosinski, Being There (1970)

Dieses Werk ist einer der bekanntesten Romane des in Polen geborenen und 1991 in den U.S.A. gestorbenen Autors Jerzy Kosinski. Der Protagonist mit dem sprechenden Namen "Chance" ist Analphabet, der, zwischen Arbeit und Fernsehen wechselnd, ein Leben in völliger Abgeschiedenheit geführt und seinen Unterhalt als Gärtner verdient. Als sein Arbeitgeber stirbt, muss er dessen Haus verlassen, wird bei einem Unfall leicht verletzt und von der Frau eines reichen Wall Street-Experten aufgenommen.

Durch sie und ihren Mann lernt er maßgebliche Politiker kennen, hält im Fernsehen eine optimistische klingende Rede, die er auf den von ihm gepflegten Garten bezieht, die aber von allen Zuschauern auf das wirtschaftliche Wachstum der Nation übertragen wird. Danach beginnt eine unfreiwillige Karriere: selbst wenn Chance seine Defizite zugibt, wird ihm das als Stärke ausgelegt, und zum Schluss scheint er deswegen der geeignetste Präsidentschaftskandidat zu sein, weil er ein absolut unbeschriebenes Blatt ist, unbelastet von Skandalen aus der Vergangenheit. Er wirkt durch sein bloßes Dasein (vgl. Titel).

Der Roman liest sich wie eine Parabel, wie eine Satire, die sehr geradlinig geschrieben, in der alles auf das eine Thema hin ausgerichtet und daher sehr zügig zu lesen ist. Von daher kann das Werk gut zur Schulung des extensiven Lesens eingesetzt werden, doch für Diskussionen und kreative Aufgabenstellungen ist es nicht sehr ergiebig. Vom Umfang (ca. 100 S.) und von der sprachlichen Schwierigkeit kann es sicher schon auf der Sekundarstufe I bewältigt werden. Darüber hinaus gibt es eine berühmte Verfilmung mit Peter Sellers in der Hauptrolle.


Anita Brookner, Hotel du Lac (1984)

Anita Brookner ist eine beim Lesepublikum wie bei der Literaturkritik gleichermaßen geschätzte Autorin. Hotel du Lac ist ein preisgekrönter, zu ihren frühen Werken zählender Roman.

Seine Protagonistin Edith Hope ist eine 39jährige Schriftstellerin, die unter dem Pseudonym Vanessa Wilde fortlaufend romantic fiction produziert, so dass ihre finanzielle und private Unabhängigkeit gesichert ist. Aus der Großstadt London hat sie sich in die Abgeschiedenheit eines Schweizer Hotels begeben, um die Arbeit an einem weiteren Roman zu vollenden. Es ist Herbst, und zum Saisonausklang gibt es in dem Ferienort nur wenig Möglichkeiten zur Ablenkung und Unterhaltung der Gäste: ein Besuch im Café, ein Spaziergang am See, eine Bootsfahrt, eine Geburtstagsfeier bilden die wesentlichsten Elemente eines wenig spektakulären Geschehnisablaufs.

Der Schwerpunkt der Darstellung liegt indessen auf der Innensicht der Protagonistin und auf der Figurenkonstellation. Edith Hope ist zwar erfolgreich und wird von ihrem Verleger zu weiteren literarischen Produktionen gedrängt, doch ist sie persönlich nicht glücklich. Nachdem sie kurz vor ihrer Hochzeit vor dem Jawort zurückschreckte, fühlt sie sich wie im Exil, und das Verfassen ihres neuen Buches bedeutet keinerlei Erfüllung mehr für sie. Eine melancholische Grundstimmung beherrscht ihr Denken; das Gefühl der fortdauernden Isolation ist gleichbedeutend mit einer existentiellen Krisensituation. Und Edith Hope verfügt über ein hohes Maß an Fähigkeit zur Selbstreflexion, die sie zwar von den anderen weiblichen Figuren des Romans abgrenzt, aber ihre eigenen Probleme eher noch verstärkt.

Im Hotel versucht die Autorin, wie sie es in ihrem gesamten bisherigen Leben zu tun pflegte, nach besten Kräften auf die Interessen, Wünsche und Erwartungen ihrer Umwelt einzugehen. Da ist zunächst die Hundebesitzerin Monika, welche Edith zu ihrer Freundin erklärt und die ihre Einsamkeit durch ihre übermäßige Esssucht kompensiert. Da sind ferner Mutter und Tochter Pusey, die auf ihren zahlreichen Reisen ihrer schrankenlosen Konsumsucht nachgeben. Doch die zentralen Gespräche führt Edith Hope mit Philip Neville, dem einzig männlichen Hotelgast, einem begüterten, nach deutlicher Dominanz strebenden Charakter. Dieser macht Edith einen Heiratsantrag, obwohl er sie nicht liebt. Anders gesagt: er sucht eine Frau für sein Haus, als Teil seines Besitzes und zur Ergänzung seiner sozialen Position.

Edith erbittet sich zwar Bedenkzeit, scheint aber grundsätzlich bereit, seinen Antrag anzunehmen, doch verlässt er vor ihr das Hotel, ohne auf ihre Entscheidung zu warten. Sie schreibt ihrem Geliebten David Simmonds einen Abschiedsbrief, da sie vermutet, dass dieser seine beruflichen Pflichten und seine Stellung als Familienvater benutzt, um die Zahl der Kontakte mit ihr gering zu halten. Doch schickt sie diesen Brief nicht ab. Die telegraphische Ankündigung ihrer Rückkehr nach London beschließt die Handlung und verleiht dem Roman ein offenes Ende. Die Beziehungskonflikte der Figuren bleiben somit ungelöst. Zwar wird aus der Sicht der Schriftstellerin erzählt, doch ist diese eher eine scheinbar emanzipierte Antiheldin als eine Sympathieträgerin, mit der dem Leser die vorbehaltlose Identifizierung gelingt.

In der Fachliteratur ist dieser Roman als Einstieg für die Lektüre von Ganzschriften empfohlen worden (vgl. Bibliographie: Nünning, 1993). Für eine solche Wahl sprechen nicht nur der überschaubare Umfang des Werkes sowie das ausgefeilte Sprachprofil, das Schüler der Sekundarstufe II keinesfalls überfordern sollte, sondern auch die Tatsache, dass die mediendidaktische Aufbereitung des Texts in der Langenscheidt-Longman-Ausgabe als gelungen bewertet werden darf. In thematischer Hinsicht kommt darüber hinaus zweifellos dem Problem der geschlechtlichen Identität und der Darstellung von Rollenklischees für Jugendliche eine hohe Bedeutung zu.

Dagegen erfordern die Sprache, die vielen deskriptiven und reflektorischen Passagen, die wenig dynamische Handlungsführung vom Leser die Bereitschaft, Geduld aufzubringen, sich in die Sichtweise der Figuren hineinzudenken und sich auf Anita Brookners spezifische Darstellungsweise einzulassen. Ob Hotel du Lac zu einem erfolgreichen Unterrichtsroman wird, muss die Zukunft zeigen. In jedem Fall liegt hiermit eine erprobenswerte Alternative zu etablierten, kanonischen Texten des Englischunterrichts vor.


Doris Lessing, The Good Terrorist (1985)

Der Roman handelt von einer englischen, kommunistischen Terrorgruppe. Im Mittelpunkt steht Alice Mellings, die mit Energie und Tatkraft ein zum Abbruch bestimmtes Haus für die Gruppe bewohnbar macht. Diese Aktivitäten bestimmen den gröten Teil des Buches; die Ideologie und Moral der Terroristen bleiben weitgehend außen vor. Versuche, mit der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) und mit Moskau Kontakte aufzunehmen, scheitern. Die politischen Aktionen der Gruppe beschränken sich auf die Teilnahme an politischen Demonstrationen gegen das als "faschistisch" eingestufte Regime der Thatcher-Ära. Hinzu kommen Bombenanschläge auf öffentliche Einrichtungen. Höhepunkt ist ein Anschlag mit einer Zeitzünder-Bombe, bei der fünf Menschen ums Leben kommen, darunter auch ein Mitglied der Gruppe selbst. Alice Mellings, die gute Terroristin, ist eigentlich gegen diese Aktion, kann sie aber nicht verhindern. Danach geht die Gruppe aus taktischen Gründen zumindestens vorübergehend auseinander...

Der Roman umfasst knapp 400 S. mit einer ungewöhnlichen Thematik; zwar mag er als realitätsnahe Lektüre interessant, für einen Einsatz im Fremdsprachenunterricht indes dürfte er kaum ergiebig genug sein.


Winston Groom, Forrest Gump (1986)

Dieser in nur sechs Wochen verfasste und im Jahre 1986 erstmalig erschienene Roman erzielte den Durchbruch erst durch die acht Jahre später realisierte Verfilmung mit Tom Hanks in der Titelrolle (Oscars für den besten Schauspieler, den besten Film und die beste Regie). Der Titelheld Forrest Gump, wie der Autor ein Kind des amerikanischen Südens, erzählt aus der Sicht eines geistig Behinderten sein wechselvolles Leben. Trotz seiner Behinderung verfügt der Protagonist über ein breites Potenzial von Möglichkeiten.

Zunächst macht er eine erfolgreiche Karriere im Hochschulsport (American football), wird dann als Soldat im Vietnamkrieg mit einer Tapferkeitsmedaille geehrt, nimmt dennoch an einer Demonstration gegen eben diesen Krieg teil und wird dabei verhaftet. Als man sein Talent im Tischtennisspielen entdeckt, reist er im Rahmen der sog. Ping-Pong-Diplomatie nach China und wird zum Lebensretter Maos. Obwohl er sich in China als Volksheld etabliert hat, landet er bei seiner Rückkehr in den USA erneut im Gefängnis. Als der Richter seine Einweisung in eine geschlossene Anstalt verfügt und hier sein mathematisches Genie entdeckt wird, interessiert sich sofort die NASA für ihn und bildet ihn zum Astronauten aus. Infolge eines Scheiterns der Mission landet er bei den Kannibalen und entgeht nur knapp dem Tode. In die Heimat zurückgekehrt, startet er eine zweite sportliche Karriere als professioneller Catcher, wird schließlich auch noch ein erfolgreicher Unternehmer und verdient am Ende in der Begleitung alter Freunde durch seine musikalischen Fähigkeiten seinen Lebensunterhalt.

Forrest Gump ist ein gutmütiger Jasager, der stets das Beste will und der aufgrund seiner Naivität ein Mensch ohne Vorurteile ist. Die Auflistung seiner Lebensstationen erfolgt additiv-chronologisch, wobei die eingeschränkte Perspektive eine verfremdete Darstellung nach sich zieht. Szenen von beindruckender Ausdruckskraft und umwerfender Komik verbinden sich gelegentlich mit einem Abgleiten ins Groteske und Alberne. Forrest Gump ist ein Mitglied der Unterschicht, dessen moralisch-kritische Sicht der Gesellschaft deutlich wird, auch wenn der Autor nach eigener Aussage keine 'Botschaft' vermitteln wollte. Winston Grooms 'Held' verwirklicht für sich auf den verschiedensten Sektoren der Gesellschaft den amerikanischen Traum.

Somit liegt ein aktueller Roman vor, dessen didaktisch-methodische Aufbereitung in der Reclam-Ausgabe (Hg. Dieter Hamblock) durchaus gelungen erscheint. (Unabhängig davon existiert eine vereinfachte Ausgabe des Werkes als Penguin Reader, level 3.) In thematischer Hinsicht ist die Behandlung des Werkes als Parodie und Satire des amerikanischen Traums vorstellbar, wenn die Schüler über entsprechende landeskundliche Hintergrundkenntnisse verfügen. Dennoch ist m.E. der Einsatz des Romans im Englischunterricht nicht unproblematisch. Das Englisch des Erzählers weist nicht nur zahlreiche Abweichungen von elementaren grammatischen Konventionen auf, sondern auch durchgehend phonetisch orientierte Schreibweisen, die zunächst einmal das Verständnis erschweren und möglicherweise den Lernenden verunsichern (vgl. in dieser Hinsicht Swindells utopischen Jugendroman Daz 4 Zoe). Die Lehrkräfte, die sich dennoch für den Roman entscheiden, sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie in spachlicher Hinsicht ein besonderes Wagnis eingehen.

Sicherlich wird auch mancher Kenner des Buches an der o.g. Verfilmung interessiert sein. Wie im Fall von Dead Poets Society liegt im Schöningh-Verlag, verfasst von Nelles/Witsch, ein ausführliches Unterrichtsmodell zur Filmanalyse vor: cf. films critical of society. Doch bestehen - im Gegensatz zu Kleinbaums Werk - zwischen Druck- und Filmfassung von Forrest Gump erhebliche substantielle Unterschiede. Daher liegt es nahe, im Unterricht schwerpunktmäßig entweder den gedruckten Text oder dessen visuelle Gestaltung zu analysieren.


David Lodge, Nice Work (1988)

Der Roman setzt ein mit der detaillierten Schilderung eines ganz normalen Arbeitstages im Leben von Victor Wilcox: er ist der Direktor der Autozulieferer-Firma Pringles & Sons, fährt einen Jaguar und ist verheiratet: mit seiner Frau Margaret hat er zwei Söhne und eine Tochter. Das zweite Kapitel stellt ebenso ausführlich Dr. Robyn Penrose vor: sie hat einen befristeten Arbeitsvertrag als Dozentin an der Universität von Rummidge. Dr. Penrose ist eine progressive, manchmal radikale Feministin, die über den industriellen Roman des 19. Jahrhunderts forscht und lehrt. Da alle Universitäten unter starkem Sparzwang stehen und vor allem den Geisteswissenschaften immer wieder ihr Elfenbeinturmcharakter vorgeworfen wird, ergeht eines Tages an die Universität Rummidge die Aufforderung, einen Vertreter zu benennen, der sich über die Bedürfnisse der Industrie vor Ort ein persönliches Bild machen soll. Wie nach dem Bisherigen zu erwarten, wird die junge Robyn Penrose mit dieser Aufgabe betraut und dem erfahrenen Victor Wilcox zugeordnet.

Diese ungewöhnliche Ausgangssituation zeigt, dass der Roman als soziale Komödie, als Parodie der Wirklichkeit angelegt ist: die für alle geltenden Sparzwänge bringen absurde Ideen hervor, die sowohl für die Vertreter der Industrie als auch für die Vertreter der Wissenschaft mehr als reine Zeitverschwendung bedeuten. Als Robyn Penrose anlässlich ihres erstes Besuches bei einer Managerversammlung lernt, dass dem indischen Arbeiter Danny Ram Fehler unterstellt werden sollen, um einen Kündigungsgrund gegen ihn zu konstruieren, zögert sie nicht, ihn zu warnen. Daraus resultiert eine spontane Arbeitsniederlegung, die in einen verlustreichen Streik auszuufern droht. Daher verlangt Victor Wilcox mit Erfolg ein Dementi von Robyn: sie hat ihre Warnung als ein Missverständnis darzustellen. Als Gegenleistung muss er das Unmoralische seiner Taktik einsehen und versprechen, solche Praktiken in Zukunft zu unterlassen.

Trotz dieses Konflikts werden die Kontakte zwischen Victor und Robyn einmal pro Woche fortgeführt. Allmählich lernen sie sich besser zu verstehen. Robyn fängt an, ihre wöchentlichen Ausflüge in die 'reale' Welt zu schätzen: sie ist eine Person, die schnell lernt, interessierte Fragen stellt, so dass die anfängliche Animosität und Ablehnung allmählich durch Vertrauen und Wertschätzung ersetzt werden. Mehr noch: Victor verliebt sich sogar in sie. Er lädt sie ein, ihn auf einer Dienstreise nach Frankfurt zu begleiten, und, wie fast zu erwarten, findet der erfolgreiche Abschluss eines Dienstgeschäftes mit einer Bettgeschichte seine Fortsetzung: die überzeugte Feministin lässt sich mit einem verheirateten Chauvinisten ein, der in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil von ihr selbst ist. Darüber hinaus wird ganz nebenbei angedeutet, dass die in Deutschland gekaufte Maschine ein paar Arbeitern den Job kosten wird, z.B. Danny Ram.

Obwohl Victor Wilcox bereit ist, seine Familie aufzugeben und sich scheiden zu lassen, kommt es nicht zu einem glücklichen Ende zwischen den ungleichen Protagonisten. Es spricht für die Virtuosität des Autors bezüglich der Handlungsführung, dass die eine Frankfurter Liebesnacht eine ganze Kettenreaktion von neuen Ereignissen auslöst. Eigentlich sieht wegen der verordneten Rationalisierungsmaßnahmen Robyns berufliche und persönliche Zukunft sehr düster aus, doch überraschenderweise verfügt sie zum Ausklang des Romans gleich über mehrere Optionen. Umgekehrt wird der scheinbar mächtige und einflussreiche Manager Victor Wilcox von heute auf morgen arbeitslos, weil die von ihm geleitete Firma hinter seinem Rücken an die Konkurrenz verkauft wird. Doch hat er schon eine Idee für die Gründung seines eigenen Unternehmens ... Und unabhängig von der Haupthandlung geht es auch noch um das Schicksal zahlreicher Nebenfiguren. Somit erreicht der Autor auf der einen Seite, dass die Rezeption von Nice Work bis zum Schluss äußerst unterhaltsam bleibt.

Auf der anderen Seite aber erfordert der Roman auch viele Vorkenntnisse, damit man dessen Humor genießen kann. Konzepte wie Postmodernismus, Dekonstruktion, Intertextualität werden als bekannt vorausgesetzt. Vorstellungen, dass die Autorintention für die Interpretation wichtig sei oder eine einzige Interpretation eines Textes existiere, werden als überholt dargestellt. Stattdessen sollen Studierende Leer- und Unbestimmtheitsstellen aufspüren und interpretieren, was nicht im Text steht. Dazu sind ausgedehnte Kenntnisse über die englische Sozialgeschichte und englische Autoren des 18. bis 20. Jahrhunderts vonnöten: die Zahl der literarischen Anspielungen ist Legion. Das ist aber noch nicht alles. Auch für die moderne Literaturtheorie bedeutende Gelehrte wie Jacques Derrida und Jacques Lacan sollten dem Leser bekannt sein. Zudem spielt der 1988 erschienene Roman zur Zeit der Thatcher-Ära, zu der die heutige Schülergeneration kaum einen persönlichen Bezug haben dürfte. Hilfreich, wenn auch nicht unverzichtbar wäre darüber hinaus die Kenntnis von David Lodges Roman Changing Places, aus dem einige Figuren in Nice Work wiederkehren.

Ohne Zweifel bietet der Roman für Studenten der Literatur, für ausgebildete Lehrkräfte oder für andere Leser mit Insider-Kenntnissen der englischen Literaturszene einen höchst unterhaltsamen Lesestoff. Dennoch ist es nicht einfach, die Geschehnisse des Werkes in den Horizont deutscher Schüler zu bringen. Was über den Klett-Verlag erworben werden kann, ist lediglich die eigentlich für englische Leser bestimmte Penguin-Edition, keine für Unterrichtszwecke annotierte oder irgendwie didaktisch aufbereitete Ausgabe. Dazu gibt es bisher kein Lehrerhandbuch, in dem die Auswahl dieses Romans begründet wird – beispielsweise mit Hinblick auf die Formulierung der wesentlichen Lernziele. So amüsant die Lektüre von Nice Work auch sein mag, es bleibt dennoch zu fragen, wie unter diesen Voraussetzungen ein sinnvolles Arbeiten mit einem 384 Seiten umfassenden Text im Englischunterricht möglich sein soll.


Paul Auster, Moon Palace (1989)

Bei diesem Werk des bekannten amerikanischen Erzählers handelt es sich um einen sehr komplexen Roman, in dem sich die Erzählzeit von der erzählten Zeit deutlich unterscheidet. Letztere umfasst nicht weniger als drei Generationen, reicht damit weit in die amerikanische Geschichte zurück, während sich das aktuelle Geschehen bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts erstreckt, wobei viele Details die Belesenheit und den Kenntnisreichtum des Autors dokumentieren.

Erzählt wird aus der Sicht des etwa zwanzigjährigen, mittellosen Studenten Marco Fogg, der bei seinem Onkel aufwächst, nach dessen Tod aus der Bahn gerät, eine Zeitlang als Obdachloser in New York lebt und schließlich von Freunden vor dem Absturz ins Bodenlose bewahrt wird. Zu denen, die sich liebevoll um ihn kümmern, gehört auch die chinesische Tänzerin Kitty Wu. Nachdem er mit Übersetzungsarbeiten ein wenig Geld verdient hat, erhält er über die studentische Arbeitsvermittlung eine Stelle als persönlicher Diener und Sekretär eines alten, an seinen Rollstuhl gefesselten und zugleich blinden Mannes, bei dem er gegen sehr großzügige Bezahlung auf alle Wünsche einzugehen hat.

Dazu gehört auch, dass Marco Fogg über mehrere Wochen hinweg aus erster Hand die hier nur skizzierbare, bewegte Lebensgeschichte des alten Mannes ausführlich niederschreibt, der seinen wirklichen Namen verbirgt, sich Thomas Effing nennt und ursprünglich von Beruf Maler war. Seine Behinderung rührt daher, dass er Opfer eines Überfalls wurde, dessen Ursache und näheren Umstände im Dunklen bleiben. Einst hatte er sich nach Westen aufgemacht, eine Zeitlang in der Felswüste von Utah (Nevada) in einer Höhle gelebt und gemalt, in der sich angeblich noch zahlreiche Bilder von ihm befinden sollen.

Effing hat zudem eine gescheiterte Ehe hinter sich, aus der ein Sohn - Solomon Barber - hervorging, zu dem der Vater nie Kontakt aufnimmt, weil er seinen Sprössling, der es immerhin bis zum Professor für Geschichte gebracht hat, als Versager bezeichnet. Nach eigener Aussage legt Effing gegenüber Fogg zum ersten Mal dar, wieso er zu unverhofftem Reichtum gelangte, der ihm indes wenig bedeutet: kurz vor seinem Tod verteilt er sein ganzes Geld an die Armen von New York. Und auch Fogg erbt eine nicht unerhebliche Summe.

Nach dem Tod seines Arbeitgebers nimmt Marco Fogg mit Solomon Barber Kontakt auf. Zwischen beiden entwickelt sich ein freundschaftliches Verhältnis, wobei dem Professor allmählich klar wird, dass Marco Fogg sein eigener Sohn ist, der aus der flüchtigen Verbindung mit einer Studentin hervorging, die sehr jung an den Folgen eines Autounfalls starb, so dass Marco Fogg als Waise heranwuchs. Es ist einem bloßen Zufall zu verdanken, dass er ausgerechnet bei seinem Großvater Arbeit fand, wobei Effing und Fogg, ohne je von den bestehenden verwandtschaftlichen Bindungen zu erfahren, durchaus ein Vertrauensverhältnis zueinander entwickeln.

Doch ist dem Professor und dem Protagonisten kaum gemeinsame Zeit vergönnt: in dem Augenblick, als sie die letzte Ruhestätte der Geliebten bzw. der Mutter besuchen und beiden die bestehende Vater-Sohn Beziehung klar wird, stürzt Barber so unglücklich in ein frisch ausgehobenes Grab, dass er zwei Monate später stirbt. Von seinem Sohn wird er nach jüdischem Ritus bestattet. Als Kitty Wu von Marco ein Baby erwartet, vertritt sie die Auffassung, dass in der gemeinsamen Beziehung kein Platz für ein Kind ist und lässt es gegen den Willen ihres Partners abtreiben. Kittys und Foggs Beziehung zerbricht daran, und Fogg macht sich auf, um in Utah die Gemälde des Großvaters zu suchen, doch bleibt es offen, ob dieses Vorhaben von Erfolg gekrönt sein wird.

Dass keine noch so gute Zusammenfassung die Textlektüre selbst ersetzen kann, gilt von Moon Palace in ganz besonderer Weise (der Titel bezieht sich auf ein dem Erzähler bekanntes New Yorker Chinarestaurant). Der lange Mittelteil zeigt den exzentrischen, skurrilen, teils karikaturhaften Charakter des früheren Malers. Aber auch die Handlung ist wenig realitätsnah und - wie in anderen Werken des Autors - stark von der Rolle des Zufalls bestimmt, der Angehörige dreier Generationen zusammenführt, die indes existierende Kommunikationsbarrieren nicht überwinden können. Die partnerschaftlichen Beziehungen sind ebenso wenig intakt wie das Verhältnis der Generationen untereinander. Die menschlichen Begegnungen innerhalb des Romans bilden eine Sequenz von flüchtigen Kontakten und verpassten Möglichkeiten. Daher können die Schwierigkeiten des Erzählers und Protagonisten bei seiner Identitätssuche nicht überraschen.

Aber auch auf der thematischen Ebene ergeben sich eine Reihe von Anknüpfungspunkten: etwa die Bedeutung des Konzepts der frontier für die amerikanische Geschichte (von der Erschließung des Kontinents bis zur Eroberung des Weltraums), das Problem der Gewalt und der Aggressionen in der Gesellschaft (so etwa die Konflikte und Attentate in den 60er Jahren), die Proteste gegen den Vietnamkrieg, die Kritik des Amerikanischen Traumes, etc. Aus diesen Gründen erfolgt hier die Einordnung in die Rubrik der gesellschaftskritischen Romane.

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die das Verständnis des Romans erschweren. Dazu gehört einmal der große Umfang (mehr als 300 Seiten in der klein gedruckten Penguin-Ausgabe), aber auch die zahlreichen geschichtlichen, literarischen, kulturellen und politischen Anspielungen und nicht zuletzt eine auffällige Dialogarmut. Diese bewirkt zusammen mit minuziösen Beschreibungen und einer stark raffenden, auf das Wesentliche konzentrierten Erzählweise eine so ausgeprägte Dichte und Kompaktheit des Textes, dass der nicht-muttersprachliche Leser zur Konzentration, d.h. zu einem langsamen Lesetempo, gezwungen wird.

Für die Lehrkräfte stellt sich damit die Frage, ob und wenn ja, unter welchen Umständen (z.B. durch Führen eines Lesetagebuchs) sie ihren Schülern die Vorauslektüre dieses Romans zumuten möchten, zumal eine natürliche Verbindung zu ihrem Erfahrungshorizont nicht ohne Weiteres gegeben ist. Denkbar ist ein Einsatz des Werkes frühestens in der Jahrgangsstufe 12/2 oder kurz vor dem Abitur (in Baden-Württemberg zählt der Roman zu den sog. obligatorischen Sternchenthemen, seit kurzem ist der Text auch in Niedersachsen und NRW verbindliches Abiturthema). Der Klett-Verlag hat auf diese Tatsache mit der Veröffentlichung eines ausführlichen Bandes von sorgfältigen Annotationen und Study Aids reagiert. Auch bei Diesterweg und Cornelsen sind didaktische Ausgaben bzw. Lehrerhefte erschienen, die sicher eine wertvolle Arbeitshilfe darstellen (vgl. Bibliographie). Unabhängig davon ergeben sich für die praktische Umsetzung eine Fülle von didaktisch-methodischen Problemen, die für jede praktizierende Fachkraft eine große Herausforderung darstellen.


Kazuo Ishiguro, The Remains of the Day (1989)

Kazuo Ishiguro wurde 1954 in Nagasaki geboren, kam aber schon mit sechs Jahren nach England. Hier wuchs er auf und studierte er; hier verfasste und publizierte er bisher fünf Romane. Die Ereignisse in seinem wohl bekanntesten Werk, dem 1989 erschienenen The Remains of the Day, setzen im Jahre 1956 ein: sie werden aus der Ich-Perspektive des betagten Butlers Mr Stevens geschildert, sind mit dessen langjährigen Arbeit verbunden und reichen daher bis in die zwanziger und dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück.

In Stevens’ Leben ist eine entscheidende Veränderung eingetreten: der reiche Amerikaner Mr John Farraday hat das Anwesen Darlington Hall gekauft, nachdem dessen ehemaliger Eigentümer Lord Darlington vor drei Jahren gestorben ist. Das bedeutet für den Butler, dass er vom neuen Besitzer übernommen wird und dass er, wenn auch unter veränderten Bedingungen, seine alte berufliche Tätigkeit weiter ausführen darf. Da Mr Farraday nicht sogleich nach England übersiedelt, bietet er dem Butler an, während seiner Abwesenheit im alten Ford Lord Darlingtons eine Urlaubsfahrt zu unternehmen. Dieses Angebot eröffnet Mr Stevens zugleich die Möglichkeit, seine langjährige frühere Arbeitskollegin Miss Kenton zu besuchen, die seiner Zeit intensive Gefühle für ihn hegte, doch von ihm konsequent auf Distanz gehalten wurde.

Der erste Tag seiner Reise führt ihn nach Salisbury. Doch schreibt Stevens bezeichnenderweise lediglich einen Satz über die berühmte Kathedrale dieses Ortes und kaum mehr über die Schönheit der umgebenden Landschaft. Das Schwergewicht der Ausführungen liegt eindeutig auf den Reflexionen des Erzählers: die Reise wird für ihn zum Anlass, zurückzublicken, Erinnerungen aufzufrischen und persönliche Bilanz zu ziehen. Dadurch, dass er in epischer Breite große Teile seines Lebens Revue passieren lässt, führt er den Leser detailliert in seine Gedankenwelt und sein Wertgefüge ein. Anders gesagt: die Reiseeindrücke des Butlers werden zur meditativen Sinnsuche.

Es kann nicht überraschen, dass dabei auch sein Selbstverständnis deutlich wird. Das Verhältnis zwischen Lord Darlington und seinem Butler Stevens ist nicht nur von der Abhängigkeit eines Untergebenen von seinem Arbeitgeber bestimmt. Stevens ist sich vielmehr dessen bewusst, dass er eine absolute Vertrauensstellung bekleidet. Daher ist er immer dienstbereit und stets bemüht, Professionalität, Loyalität und Würde auszustrahlen sowie seine persönlichen Empfindungen sogar seinem Vater gegenüber zu unterdrücken, der als sein Vorbild fungiert.

Zugleich ist es für seine Selbstachtung wichtig, dass er für eine einflussreiche und hochgestellte Persönlichkeit arbeitet. Im Jahre 1923 fand beispielsweise auf Darlington Hall eine inoffizielle internationale Konferenz statt, mit der Lord Darlington das Ziel verfolgte, die für Deutschland negativen Folgen des Friedensvertrags von Versailles zu mildern. Auch in den dreißiger Jahren bemühte der Lord sich um eine Versöhnung mit Hitler-Deutschland. Im Vertrauen auf die Urteilskraft seines Herrn war Stevens in dieser Zeit fest von seinem Privileg überzeugt, im Rad der Geschichte eine wichtige Rolle zu spielen und zum Wohle der Menschheit zu arbeiten.

Während des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach war Lord Darlington starken Anfeindungen durch die Presse ausgesetzt, die seinen gesundheitlichen und nervlichen Ruin bedeuteten. Für Stevens geht es nach dem Zusammenbruch seiner naiven und idealistischen Überzeugungen unter seinem neuen Arbeitsgeber darum, aus dem Rest seiner Tage (vgl. Titel) das Beste zu machen.

Seit kurzem (2005) liegt eine von Peter Freienstein und Paul Maloney besorgte didaktische Ausgabe bei Cornelsen vor. Sie enthält, wie in der Senior English Library üblich, eine biographische Skizze (mit Autorenphoto) und sprachliche Annotationen. Wie die obige Zusammenfassung zeigt, ist von der vergangenheitsorientierten Thematik des Romans her eine Anschließbarkeit an gängige curriculare Inhalte der Oberstufe kaum vorstellbar. Ebenso wenig existieren im Text natürliche Identifikationsfiguren oder Berührungspunkte mit der Erfahrungs- und Vorstellungswelt der Schüler. Zweifellos bedeutet der stilistisch ansprechende Roman eine angenehme Lektüre. Dennoch vermag ich nicht zu erkennen, wie der Roman erfolgreich im Englischunterricht einzusetzen ist. Eine wie immer geartete Lehrerhandreichung liegt zur Zeit nicht vor. Es wäre interessant zu erfahren, wie die Herausgeber die Auswahl des Romans begründen und welche Lernzielvorstellungen sie damit verbinden. Auch die relativ textgetreue Verfilmung von James Ivory (mit Anthony Hopkins als Butler Stevens) ist höchst eindrucksvoll, doch ergeben sich m.E. bei ihrem unterrichtlichen Einsatz die gleichen Probleme; cf. films critical of society.


Jean Ure, Who Says Animals Don’t Have Rights? (1993)

Die dreizehnjährige Penny Monnery besucht regelmäßig ihren steinreichen Onkel Norman Ivor Monnery in London, der allgemein Uncle Patches genannt wird. Dabei wird sie eines Tages das Opfer einer Entführung. Doch verlangen die Kidnapper kein Lösegeld, sondern sie wollen gegen das protestieren, was sich in den Laboratorien des Onkels abspielt. Dieser lässt eine Fülle von unterschiedlichen Experimenten mit Tieren durchführen, um mit der Herstellung von Kosmetika und Medikamenten viel Geld zu verdienen.

Die Entführer sehen viele der Versuche als überflüssige Tierquälerei und wollen mit Hilfe der Medien auf die Problematik aufmerksam machen und die Öffentlichkeit wachrütteln (vgl. Titel). Sie halten daher die junge, naive und ahnungslose Penny Monnery so lange gefangen, bis mehrere große britische Zeitungen mit Bildern und Artikeln ausführlich ihre Leserschaft unterrichten. Penny selbst, die auf ihre Entführung eher verärgert als verängstigt reagiert, wird in der Gefangenschaft rücksichtsvoll behandelt, führt mit einem ihrer Entführer eine Reihe von Streitgesprächen und macht in wenigen Tagen einen intensiven Lernprozess durch.

Zweifellos widmet sich der 1993 erschienene Jugendroman einer noch heute aktuellen Problematik, und zweifellos enthält er ein großes Diskussionspotenzial. Zwar wird das Engagement und die Sympathie der Autorin für die misshandelten Tiere im Text deutlich, und junge Leserinnen und Leser werden geneigt sein, sich mit der Protagonistin zu identifizieren. Aber es bleibt beispielsweise doch das Problem offen, ob die Tierschützer zum Einsatz von Gewalt berechtigt sind und ob eine Entführung nicht mehr bedeutet als ein paar Tage Unbequemlichkeit. Insofern ist nicht nur eine affirmative, sondern auch eine kritische Rezeption des Romans angebracht.

Seit 1997 liegt bei Diesterweg eine gelungene didaktische Ausgabe vor (Herausgeber Dieter Smolka). Der überschaubare, rund 100 Seiten lange Text ist fast durchgehend mit einsprachigen Annotationen versehen, die in benutzerfreundlicher Fußnotenform angeordnet sind, in denen leider die phonetische Transkription fehlt. Nach jedem Kapitel gibt es einen methodischen Apparat mit Verstehens-, Diskussions- und kreativen Schreibaufgaben, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Darüber hinaus wird reichliches Zusatzmaterial angeboten, das neben einer biographischen Skizze, einem Interview mit der Autorin weiterführende Texte enthält, so dass eine vertiefende, möglicherweise fächerübergreifende Behandlung der Problematik eingangs der 11. Klasse möglich sein sollte.

Da meines Wissens thematisch vergleichbare Romane auf dem mediendidaktischen Markt zur Zeit nicht erhältlich sind, ist der Einsatz des Werkes im Fremdsprachenunterricht wärmstens zu empfehlen.


T. Coraghessan Boyle, The Tortilla Curtain (1995)

"They ain't human. A human being wouldn't live like they do.
A human being couldn't stand it to be so dirty and so miserable."

Dieses Zitat, das T.C. Boyle für sein o.g. Werk als Motto gewählt hat, stammt aus John Steinbecks berühmten Roman The Grapes of Wrath, der vor mehr als 70 Jahren erstmalig veröffentlicht wurde. Darin beschreibt der Autor das Schicksal von Farmern aus Oklahoma, die - aus ihrer Heimat vertrieben - nach Westen ziehen und vergeblich in Kalifornien ihr Glück zu machen versuchen. Sie werden zu Opfern von Vorurteilen, Feindseligkeit, Fremdenfurcht und Fremdenhass.

In ähnlicher Weise geht es in Boyles Roman um die inzwischen größte Minderheit in den U.S.A., um die mexikanischen Einwanderer (ihre Zahl wird auf 10,5 Millionen geschätzt), die ebenfalls in Kalifornien das gelobte Land sehen, dort ihren Lebensunterhalt verdienen wollen und daher oft illegal die im Titel genannte Grenze überschreiten. Aber im Gegensatz zu Steinbeck sind Boyles Figuren nicht nur in menschenunwürdigen Verhältnissen lebende, nicht sesshafte Gelegenheitsarbeiter, sondern aufgrund ihrer Herkunft tun sich zusätzlich für sie ethnische und sprachliche Barrieren auf. Aus dem Zusammenprall zweier ganz unterschiedlicher Kulturen resultiert ein bedrückendes Konflikt- und Gewaltpotenzial.

In The Tortilla Curtain konzentriert sich der Autor auf die Darstellung des Schicksals zweier Familien. Zum einen leben die Mossbachers in einer vornehmen, den weißen Amerikanern vorbehaltenen Wohngegend in der Nähe von Los Angeles: Kyra Mossbacher arbeitet als erfolgreiche Immobilienmaklerin, Delaney Mossbacher ist Naturliebhaber, freischaffender Journalist und Hausmann, der sich um den gemeinsamen, sechs Jahre alten Sohn Jordan kümmert. Demgegenüber stehen der 33jährige Mexikaner Cándido und seine siebzehnjährige, schwangere Geliebte América, die in Kalifornien durch alle Arten von Gelegenheitsarbeiten soviel Geld verdienen wollen, dass sie es sich leisten können, das illegale Campen aufzugeben und in eine Wohnung zu ziehen. Die Geschehnisse setzen damit ein, dass Delaney Mossbacher den Mexikaner Cándido mit seinem Wagen erfasst und den Schwerverletzten mit der Zahlung von zwanzig Dollar abspeist.

Auf rund 300 Seiten folgt eine zweisträngige Handlung, die kontrapunktisch die unterschiedliche Perspektive der wohlsituierten Einheimischen und der mittellosen Zugewanderten darstellt. Einerseits machen die Ärmsten der Armen Schweres durch: sie werden zum Beispiel Opfer von Überfällen, Raub, Vergewaltigung, Hunger und Todesangst, doch ihr Überlebenswille ist ebenso stark ausgeprägt wie ihre Leidensfähigkeit, und sie geben die Hoffnung auf ein besseres Dasein nicht auf.

Andererseits haben aber auch die Reichen ihre Probleme. Im ersten Teil des Romans wird beschrieben, wie einer der beiden Hunde der Mossbachers von einem Kojoten getötet wird. Im weiteren Verlauf des Romans wird der Name dieses anpassungs- und überlebensfähigen Tieres auch im Zusammenhang mit den Schleusern gebraucht, welche die Mexikaner für gutes Geld illegal über die Grenze in die U.S.A. bringen. In Teil II,5 wird ausgeführt, dass die Menschen für das aktuelle Verhalten der Kojoten die Verantwortung tragen. Aber dieses Problem wird von der Mehrheit der Menschen nicht gesehen, und darüber kommt es auch zum Streit zwischen Kyra und Delaney Mossbacher. So entstehen gegenüber den Kojoten wie auch gegenüber der wachsenden Zahl der Immigranten und durch deren zum Teil aggressives Auftreten allgemeine Ressentiments. Da die die Einheimischen um ihre Besitztümer fürchten, umgeben sie ihre Häuser mit Mauern, deren Bau ironischerweise auch den Mexikanern Jobs bringt.

In den so geschaffenen Ghettos sehen sich die Begüterten persönlich einem wachsenden Gefühl der Bedrohung ausgesetzt, und der Fremdenhass sowie das Verlangen nach einem Sündenbock steigern sich bis zur Hysterie. Während die ersten beiden Teile in epischer Breite erzählt werden, greifen im letzten Teil die beiden Handlungsstränge ineinander, so dass die bisherigen Geschehnisse eine eindrucksvolle dynamische Entwicklung erfahren, die unter die Haut geht. Wie es angesichts einer gewaltigen Naturkatastrophe für die betroffenen Figuren zu einer dramatischen Konfrontation kommt, stellt für Unterrichtszwecke einen ebenso spannenden wie aktuellen Lesestoff dar.

Zudem ist die sprachliche Gestaltung sehr anspruchsvoll: das Verstehen des Werkes erfordert ein langsame Lektüre, ein hohes Maß an Konzentration und Durchhaltevermögen. Dazu streut Boyle immer wieder Elemente des Spanischen in die sporadischen Dialoge ein, die nur zum Teil aus dem Kontext erschlossen werden können. Die unten genannten Publikationen des Schöningh- und des Cornelsen-Verlages tragen diesem Problem mit einem kleinen, aber hinreichenden spanischen Glossar Rechnung. Ein ungekürzter, nicht annotierter Text hingegen dürfte in der Regel die Schüler überfordern.

Verschiedene Unternehmen haben kürzlich den Roman für verlegerische Aktivitäten entdeckt. Zum einen liegt beim Schöningh-Verlag seit 2000 ein Unterrichtsmodell vor, das die üblichen Merkmale der Reihe EinFach Englisch aufweist (Informationen zum Inhalt, bio-bibliographischer Abriss, Klausurvorschläge, detaillierte Verlaufsbeschreibungen, etc.; cf. Anzeigen, 1). Zum anderen sind bei Aschendorff Vokabularien in Vorbereitung. Darüber hinaus ist im Cornelsen-Verlag eine annotierte und kommentierte sowie mit einer Zeilenzählung versehene Schulausgabe erschienen, in der jeweils zwei Textseiten in einem Fußnotenblock erfasst werden. Dazu gibt es inzwischen eine Lehrerhandreichung im gleichen Verlag und ein Teacher's Guide bei Klett (Bruck, 2006). Dieses massive Interesse verschiedener Verlagshäuser spricht nicht nur für die didaktischen Qualitäten des Romans, sondern es erleichtert auch den Lehrenden den Unterrichtsalltag. Somit ist T.C. Boyles Werk für leistungsstarke Kurse der letzten beiden Jahrgangsstufen sicherlich eine gute Wahl.


Last Updated by Dr. Willi Real on Friday, 20 September, 2013 at 11:00 AM.

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