[ Hauptseite | Roman | Knapptexte ]


Utopische Romane




H. G. Wells, The Time Machine (1895)

Dieser Roman, der häufig als science fiction oder als scientific romance klassifiziert wurde, gehört zu den am meisten gelesenen Werken von H.G. Wells und wurde nahezu in alle Sprachen übersetzt. Die Handlung beruht auf der Annahme, dass es neben Länge, Breite und Höhe als vierte Dimension die Zeit gibt, in der man sich mit einer entsprechenden Maschine ebenfalls fortbewegen kann. In diesem Werk wird der Ich-Erzähler Zeuge, wie ein Erfinder eine solche Maschine einem interessierten Publikum vorstellt und von einer Reise in die Zukunft berichtet. Da dessen Erlebnisse als direkte Rede in der Ich-Form präsentiert werden, weist der Roman gleich zwei Ich-Erzähler auf.

Mit dem Start der Zeitmaschine verbindet sich zunächst eine Art Schwindelgefühl, weil die Fülle der auf den Zeitreisenden rasch einströmenden Ereignisse kaum noch wahrzunehmen und schon gar nicht mehr zu verarbeiten ist. Dann aber weichen die unangenehmen Empfindungen einem rauschhaften Glücksgefühl, und der Erzähler genießt die neuartige Erfahrung. Nach einer langen Reise hält er schließlich in der fernen Zukunft an und verläßt seine Maschine.

Sogleich trifft er auf menschenähnliche Wesen, die in einem sozialen Paradies zu leben scheinen, umgeben von einer üppigen Pflanzenwelt, in der vor allem die prachtvollen Blumen auffallen. Diese Lebewesen erweisen sich als sehr gastfreundlich und begegnen ihm mit einer kindlich-naiven Neugierde, die allerdings relativ rasch wieder erlahmt. Ferner fällt dem Zeitreisenden auf, wie die Menschen einander sehr ähneln, und allmählich wird ihm bewusst, dass in der scheinbaren Idylle eine intellektuelle Armut herrscht, der Sinn für Kunst verloren gegangen ist und die Menschen sich offenbar zurückentwickelt haben.

Aber das ist nur der Beginn einer ganzen Serie von bedrückenden Erfahrungen und Erkenntnissen. Am zweiten Tage seines Aufenthaltes muss der Zeitreisende plötzlich feststellen, daß seine Maschine verschwunden und ihm damit der Rückzug in die Vergangenheit bzw. Gegenwart abgeschnitten ist. Verantwortlich dafür ist offenbar eine zweite Spezies von Lebewesen, die unter der Erde leben. Die Menschheit ist zweigeteilt in die unterirdischen Herrscher und die über der Erde lebenden Unterworfenen, die der Erzähler als Morlocks und Eloi bezeichnet. Und er macht die schockhafte Entdeckung, dass die Morlocks sich offenbar von den Elois ernähren, also dem Kannibalismus verfallen sind. Diese degenerierten und bösartigen Wesen wollen auch den Erzähler zur Strecke bringen, indem sie seine Zeitmaschine als Falle einsetzen. Doch können sie natürlich nicht ahnen, dass sie ihm gerade dadurch seine Flucht ermöglichen. Während die Zuhörer noch damit beschäftigt sind, die Glaubwürdigkeit dieser Geschichte zu hinterfragen, begibt sich der Zeitreisende erneut in seine Maschine, und dieses Mal kehrt er nicht in die Gegenwart zurück.

Der Roman ist sehr spannend, wobei die Rahmenhandlung dazu dient, den Wahrheitsanspruch des Berichteten zu unterstreichen. Die Handlung selbst weist eine deutliche Steigerung auf: die Begegnung mit einer äußerlich attraktiven und harmlosen Welt wird abgelöst durch die Konfrontation mit Wesen, die Feuer und Licht scheuen und dem Erzähler nach dem Leben trachten. Sein naiver Fortschrittsglaube wird genauso erschüttert wie das möglicherweise ausgeprägte Vertrauen des Lesers in die Zukunft. Der Roman erscheint auch mehr als ein Jahrhundert nach seiner Erstveröffentlichung geeignet, um auf die Lektüre längerer Texte und auf die ausführliche Diskussion utopischer Romane vorzubereiten. Zudem liegen gleich zwei didaktische Ausgaben (Klett/Reclam) vor, die von der Klasse 11/1 an im Englischunterricht eingesetzt werden können.


H. G. Wells, The Invisible Man (1897)

Dieser bereits mehr als ein Jahrhundert alte Roman setzt ein mit der Beschreibung eines Fremden, der in einem kleinen Dorf in Sussex Zuflucht sucht. Das Gesicht des Mannes ist wie nach einem schweren Unfall stark bandagiert. Aufgrund der Tatsache, dass er zahlreiche Flaschen und Reagenzgläser in seinem Gepäck hat, kursieren rasch die wildesten Gerüchte über ihn: bald wird er für einen eigensinnigen Forscher, bald für einen Anarchisten gehalten. Kennzeichnend für die allgemeine Stimmung ist das Verhalten des Hundes im dörflichen Wirtshaus, der dem Neuankömmling mit massiver Aggressivität begegnet.

Schließlich wird deutlich, dass von dem Fremden nur seine Kleidung, nicht aber sein Körper sichtbar ist, dessen Farbe sich perfekt an die Umgebung anpasst. Unabhängig von dieser Eigenschaft ist er ein Mann mit menschlichen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Verhaltensweisen, der indes in Konflikte mit seiner Umwelt gerät. Als man ihn wegen eines mutmaßlichen Einbruchs im Pfarrhaus sucht, entzieht er sich seiner Verhaftung durch die Flucht. Seinem alten Studienfreund Dr Kemp gegenüber gibt er sich als Mr Griffin zu erkennen. Aus dem Gespräch der beiden erfährt der Leser, dass Griffin seinen Vater umgebracht hat, um das für seine Forschungen erforderliche Geld zu bekommen.

Er begreift immer mehr, welche Möglichkeiten und welche Beschränkungen in seiner Unsichtbarkeit liegen: einerseits hat er die Macht, ungestraft Verbrechen zu verüben, andererseits hat er aufgrund der selbst gewollten Abkapselung von der übrigen Menschheit keine Gelegenheit, so elementare Gefühle wie Liebe oder Ehrgeiz zu befriedigen. Griffin indes interessiert nur die Verwirklichung seines Machtstrebens: er hat keinerlei Skrupel, sich selbst zum Herrscher zu proklamieren und (wie viele Antagonisten James Bonds) eine Herrschaft des Terrors anzustreben. Als Dr Kemp die Polizei informiert, beginnt eine gnadenlose Jagd, in welcher der wahnsinnige Griffin schließlich zur Strecke gebracht wird.

Ähnlich wie in The Time Machine geht es auch in diesem Roman um eine utopische Idee. Wird in jenem Werk die Zeit als vierte Dimension aufgefasst, geht es in diesem um eine Reduktion beim Erfassen der Wirklichkeit, indem die visuelle (nicht aber die auditive und taktile) Wahrnehmung ausgeschaltet wird. Zur Erzeugung von Spannung arbeitet Wells einerseits mit dem Mittel der allmählichen Preisgabe von Informationen, andererseits zeichnet er den Protagonisten als gewissenlosen Schurken, als Personifizierung des Bösen, gegen den sich die Menschheit verteidigen muss. Als Ergebnis entsteht ein auch heute noch sehr gut lesbares Buch, das für die Schulung des extensiven Lesens (mit allen seinen Vorteilen für den Fremdsprachenerwerb) geeignet ist. Aufgrund der durch den Umfang und die Sprache gestellten Anforderungen sollte das Werk nicht vor der Klasse 11/2 eingesetzt werden.


H. G. Wells, The War of the Worlds (1898)

Dieses Werk, das vor genau einem Jahrhundert veröffentlicht wurde, ist zum Klassiker der science fiction geworden. Es handelt von einer fiktiven Invasion der Marsmenschen auf der Erde. Ohne dass auch nur der Versuch einer Verständigung gestartet wird, kommt es sofort zu einer kriegsähnlichen Auseinandersetzung, wobei sich in jeder Hinsicht die Überlegenheit der Marsmenschen erweist. Sie verfügen über bis dahin unbekannte Waffen, die man aus heutiger Sicht als Flammenwerfer und Giftkampfstoffe bezeichen könnte. Jeglicher Widerstand der Erdbewohner erweist sich als zwecklos: von den eingesetzten Soldaten verlieren viele ihr Leben. Viele Zivilisten verlassen panikartig die britische Hauptstadt London, auf die sich die Angriffe konzentrieren.

Schon scheint die Ausrottung der Menschheit unmittelbar bevorzustehen, da kommt es plötzlich wie durch ein Wunder zu einer überraschenden Wende. Die Invasoren werden tot aufgefunden: offenbar sind bestimmte Bakterien die Ursache, gegenüber denen die Menschen im Gegensatz zu den Marsbewohnern ausreichende Abwehrkräfte entwickelt haben. Danach normalisiert sich das Leben auf der Erde sehr rasch. Der Erzähler, ein Spezialist für spekulative Philosophie, findet nach Wochen der Trennung seine Frau, so dass es in jeder Hinsicht zu einem happy ending kommt.

Die Beschreibung der durch die Angriffe der Marsmenschen bedingten Katastrophe nimmt den größten Raum der Erzählung ein. Doch ist diese nur unzulänglich in eine geschlossene Abfolge von Geschehnissen integriert. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive eines Augenzeugen, der für sich beansprucht, die besten Informationen über die Invasion zu besitzen, wobei indes teilweise unklar bleibt, wie er in den Besitz dieses Wissens gelangte. Für Freunde der Gattung science fiction stellt das Werk eine interessante Lektüre dar: aus heutiger Sicht ergibt sich die Frage, ob und bis zu welchem Grade die Zukunftsvision des Autors von der Wirklichkeit eingeholt wurde. Dennoch dürfte der sprachlich anspruchsvolle, knapp 200 Seiten lange Text für Unterrichtszwecke kaum geeignet sein, da das Interpretations- und Diskussionspotenzial vergleichsweise gering ist. Zudem ist der Text des Cornelsen-Verlags sehr spartanisch ausgestattet: eine Einleitung, einen sprachlichen, sachlichen und methodischen Apparat sucht man vergebens. Diese Informationen sind allerdings in einem zusätzlich angebotenen Study Guide enthalten.


Aldous Huxley, Brave New World (1932)

Dieser Roman ist ein longseller, ein Klassiker unter den Romanen des 20. Jahrhunderts, der noch heute zu den am häufigsten im Englischunterricht gelesenen Langtexten zählt. Mehrere Unterrichtsmodelle (Cornelsen, Klett, Langenscheidt-Longman und Schöningh) stehen dem Lehrer zur Verfügung. Schüler haben die Wahl zwischen zwei Bänden mit sprachlichen und sachlichen Annotationen des Textes (Cornelsen, Klett) sowie den Vokabularien von Aschendorff. Dabei fanden letztere so reißenden Absatz, dass sie im Jahre 1995 eine 22. (!) Auflage erreichten, wodurch auch die sprachliche Schwierigkeit des Werkes belegt wird.

Nach Huxleys eigenem Eingeständnis weist der Roman künstlerische Schwächen auf; beispielsweise gewinnen die meisten Charaktere kaum individuelles Profil. Andererseits war der Autor stets mehr interessiert an der Propagierung und Erforschung von Ideen als an ihrer formalen Gestaltung. Schon deswegen fordert der Text zum Vergleich zwischen der fiktionalen und der gesellschaftlichen Realität heraus. Bei einer solchen Zugangsweise zeigt sich sehr rasch, dass der Roman nicht nur über ein ungeheuer großes Diskussionspotenzial, sondern über eine nach wie vor unverminderte Aktualität verfügt. Huxley versteht seine Darstellung als düstere Prophezeiung und Warnung vor der Zukunft, die er mit den Mitteln der Ironie und Satire gestaltet.

Bereits in den ersten drei Kapiteln wird der Leser in eine hoch zivilisierte Welt eingeführt, in der nur noch von Menschen gemachte Retortenbabies existieren. Diese werden im Einklang mit den Staatsinteressen systematisch herangezüchtet - in gewünschter Zahl, mit willkürlich begrenzter oder hoher Intelligenz und damit geplanter Zuteilung zu einer der fünf Klassen, die als hierarchisches System (von den hochintelligenten Alphas bis hin zu den nur körperliche Arbeit verrichtenden Epsilons) angeordnet sind. Die Geburt der Babies findet als Befreiung aus einer Flasche statt ("decanting"), d.h. dass chemische Reaktionen natürliche Vorgänge ersetzen. Ebensowenig wie bei der Zeugung der Kinder werden die Eltern bei deren Erziehung benötigt. Auch diese erfolgt durch den Staat, der psychologische Konditionierung einsetzt, um zum Beispiel schon im frühen Kindesalter Hass gegenüber unliebsamen Büchern zu erzeugen.

Auf diese Weise wird Stabilität angestrebt und erreicht, weil jeder Mensch so programmiert wird, dass er mit seiner Kastenzugehörigkeit zufrieden ist und auch die Tätigkeit der Epsilons als unentbehrlich und damit als sinnvoll anerkannt wird. Nach offizieller Staatsdoktrin gehört jeder einzelne jedem anderen und ist in dieser schönen neuen Welt glücklich: jeder leistet bedeutsame Arbeit, jedem steht ein umfangreiches sportliches Freizeitangebot offen, dazu gibt es zur Unterhaltung das Hören, Sehen und Fühlen gleichzeitig ansprechende Filme ("Fühlkinos"), und sexuelle Promiskuität ist nicht nur sozial sanktioniert, sondern sogar obligatorisch. Wenn dennoch ein Mensch emotionale Probleme hat, verfügt er durch die Einnahme der Droge Soma jeder Zeit über eine vorübergehende Rückzugsmöglichkeit aus der als unerfreulich empfundenen Wirklichkeit. Zehn Weltkontrolleure verfügen über die Macht, die sie offensichtlich verantwortungsvoll ausüben.

Auf den ersten Blick mag diese Welt faszinierende Aussichten eröffnen, zumal nach offizieller Aussage auch Krieg nicht mehr möglich ist. Dennoch sind natürlich auch viele Aspekte dieses Staatsgefüges kritikbedürftig. Zum Einen ist es fraglich, ob das Glück aller Menschen rein auf intellektuellen Überlegungen gegründet werden kann. Obwohl das Unterdrücken von emotionalen Problemen durch Soma angeblich keine schädlichen Nebenwirkungen aufweist, führt die übermäßige Einnahme dieser Droge in kurzer Zeit zum Tod. Zum Anderen geht mit der totalen Kontrolle durch den Staat eine vollkommene Entmündigung der Menschen und damit ein Verlust der menschlichen Entwicklungsfähigkeit Hand in Hand. Das Glück, die politische Stabilität, die soziale Konfliktfreiheit werden dadurch erreicht, dass den Menschen die Möglichkeit zur freien Willensentscheidung und damit zur moralischen Verantwortung entzogen wird: jede Individualität muss der Anpassung an die Aufgaben der jeweiligen Kaste weichen.

Wenn jeder jedem anderen gehört, muss auch der Umkehrschluss gelten, dass niemand nur für einen Partner oder nur für sich selbst da sein kann. Jeder Dissident wird aus der 'Zivilisation' verbannt und zum Leben auf einer einsamen Insel gezwungen. Und auch Kunst, Religion und Wissenschaft haben in diesem Weltstaat keinen Platz, da sie neue Erkenntnis, Wandel und Fortschritt bringen können und deswegen eine Bedrohung der Stabilität darstellen. Anders gesagt: Der Preis für das versprochene Glück ist ungemein hoch. Das sog. Glück ist wichtiger als Schönheit und Wahrheit, als Kunst und Wissenschaft. Die schöne neue Welt ist deswegen un-menschlich, weil sie die menschlichen Möglichkeiten erheblich reduziert.

In seinem 1946 verfassten Vorwort vertritt der Autor die Überzeugung, dass wir schon zu diesem Zeitpunkt vielen Merkmalen des von ihm beschriebenen totalitären Weltstaates sehr nahe gekommen seien. Wie es mehr als ein halbes Jahrhundert später damit bestellt ist, fordert zu offenen und intensiven Diskussionen im Unterricht heraus. Aufgrund der Schwierigkeit und Komplexität der Themen sollten diese in den Klassen 12/2 oder 13/1 stattfinden.
Vgl. auch
Konkrete Arbeiten und Anzeigen, 8 und 9.


George Orwell, 1984 (1948)

Im Jahre 1984 befindet sich eine dreigeteilte Welt ständig im Krieg. In Ozeanien herrscht ein totalitäres Regime, die allmächtige Partei - mit dem Großen Bruder an der Spitze. Wichtigstes Instrument der Überwachung ist der sog. Televisor, der jedes Wort, jede Geste, jede Tat der Bürger kontrolliert. In diesem perfekten Überwachungssystem lebt das Parteimitglied Winston Smith, ein Außenseiter und Individualist, der einen jahrelangen, quälenden Monolog mit sich selbst führt. Er hegt Zweifel gegenüber den paradoxen Thesen des Propagandaministeriums, gegenüber der Manipulation der Vergangenheit und dem Anspruch der Partei auf das Wahrheitsmonopol. Schließlich findet Smith eine Nische, um, vom Televisor unbeobachtet, ein Tagebuch zu schreiben, in dem er seine Kritik am Großen Bruder schriftlich festhält. Angesichts seiner totalen Isolation werden die Tagebucheinträge zum Dialogersatz und sichern ihm zumindest vorübergehend einen bescheidenen persönlichen Freiheitsraum.

Dann lernt er Julia kennen, eine offenbar perfekt angepasste Parteigenossin, die nicht an politischer Auflehnung interessiert ist, sondern lediglich für sich und für Smith ein angenehmes Leben schaffen will. Doch trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bleibt ihre Beziehung nicht lange unentdeckt. Smith wird verhaftet und im sog. Liebesministerium umerzogen. Dabei wird seine Individualität so weit zerstört, dass er auch seine Liebe zu Julia preisgibt. Der Roman endet mit der ironischen Feststellung: "He [Smith] had won the victory over himself. He loved Big Brother." Die Rebellion des einzelnen gegen die Allmacht des Staates hat sich als aussichts- und wirkungslos herausgestellt.

Der Titel des Buches erklärt sich bekanntlich aus der simplen Tatsache, dass die beiden Endziffern seines Entstehungsjahres umgestellt wurden: so entstand aus 1948 der Titel 1984. Auch wenn wir inzwischen mehr als zwei Jahrzehnte nach Orwells fiktiver Realität leben, ist der Roman noch immer aktuell. Allem Anschein nach wird das Werk zur Zeit im Unterricht weniger gelesen als die Anti-Utopien Goldings oder Huxleys. Das mag einerseits damit zusammenhängen, dass nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der früheren Sowjetunion die Gefahr des totalitären Machtmissbrauchs für uns in weite Ferne gerückt und die Menschheit heutzutage eher durch subtilere Manipulationstechniken gefährdet zu sein scheint. Andererseits befinden sich noch immer zwei ausgearbeitete Unterrichtsmodelle (Klett, Langenscheidt-Longman) und zweisprachige Vokabularien (Aschendorff) auf dem Markt. Somit ist auch von den mediendidaktischen Voraussetzungen her Orwells Anti-Utopie noch immer eine empfehlenswerte Option, die von der Stufe 12/2 im Englischunterricht realisiert werden kann.


John Wyndham, The Day of the Triffids (1951)

Der Ich-Erzähler des Romans, William Masen, ist ein Biochemiker, der bei einer Firma arbeitet, die aus einem neu gezüchteten Pflanzentyp Öl herstellt. Aufgrund seiner hohen Qualität leistet dieses zur Sicherung der Ernährung der Menschheit einen wertvollen Beitrag.

Zufällig trägt William Masen nach einer Operation einen schützenden Augenverband, als ein plötzlich von Meteoriten ausgestrahltes, intensives Licht die Mehrzahl der Menschen tötet oder aber erblinden lässt. Am gleichen Tage machen sich Exemplare der neuen Pflanze, die im Titel genannten "Triffids", selbständig: das heißt, sie bewegen sich und greifen gezielt Menschen an, indem sie ein tödliches Gift versprühen. Der Erzähler verfügt in dieser gefährlichen Situation zwar noch über sein Augenlicht, doch gelingt ihm in der schlagartig von Grund auf veränderten Welt (Zusammenbruch des Verkehrs und des öffentlichen Lebens, Unterbrechung der Energieversorgung ...) zunächst nur mit Mühe die Orientierung. Ein ernster Überlebenskampf beginnt.

In London trifft er auf die ebenfalls noch über ihre Sehkraft verfügende Josella Playton, in die er sich verliebt. In der Stadt gibt es nur wenige Überlebende, die sich zum Teil in Bars mit Getränken und in Supermärkten mit Lebensmitteln versorgen. Andere sehen darin nur eine vorübergehende Lösung; sie denken langfristiger, verlassen London, um auf dem Lande eigene Nahrungsmittel zu produzieren. Dabei werden einige Gruppen von einer rätselhaften Krankheit befallen, die - der mittelalterlichen Pest vergleichbar - viele dahinrafft.

Und überall, wo Menschen sind, versammeln sich auch die Triffids: sie reagieren auf Geräusche, vermehren sich mit rasanter Geschwindigkeit, warten geduldig auf Opfer und versprühen bei jeder Gelegenheit ihr gefährliches Gift. Es ist, als wenn intelligente, aggressive Wesen alles Menschliche zu vernichten bestrebt sind. Blinde Menschen sind ihnen ohnehin schutzlos ausgeliefert, und darüber hinaus lernen die mörderischen Pflanzen aus für sie negativen Erfahrungen.

Die letzten Kapitel werden raffend erzählt. Während Städte zerfallen, Straßen kaum noch benutzbar sind, die allgemeine Lage trostlos erscheint, haben einige Gruppen von Menschen der Bedrohung durch die Triffids erfolgreich getrotzt. Dazu gehören auch William Masen und Josella Playton, die inzwischen ein Paar geworden sind, sowie einige ihrer Freunde. Sie nehmen Verbindung mit einer Organisation auf der Isle of Wight auf, der in ihrem Lebensraum die Ausrottung der Triffids gelungen ist, da für diese offenbar das Wasser ein unüberwindliches Hindernis darstellt. Der Erzähler erhält den Auftrag, die Triffids mit wissenschaftlichen Mitteln zu vernichten. Am Ende des Horrorszenarios überwiegt das Prinzip Hoffnung. Es scheint, als ob der menschliche Überlebenswille über die Aggressivität der Triffids triumphiert.

Wyndhams Roman hat eine breite Leserschaft erreicht. Die Ausgangssituation ist durch die kosmische Katastrophe gekennzeichnet, die offenbar von den menschengemachten Pflanzen unverzüglich ausgenutzt wird, um die Weltherrschaft anzustreben. Jedenfalls erweist sich das intelligente Verhalten und strategische Vorgehen der Triffids als eine unheimliche und daher gefährliche Bedrohung. Diese phantastische Idee mag auch auf heutige Leser ihre Wirkung nicht verfehlen. Fest steht indes, dass der Autor sie nicht als Aufhänger benutzt, um die systematische Konzeption einer neuen Staatsform oder eines alternativen menschlichen Zusammenlebens zu entwickeln. Durch die kosmische und zugleich biochemische Katastrophe wird die Menschheit auf eine desolate Entwicklungsstufe zurückgeworfen und orientiert sich beim Wiederaufbau im wesentlichen am Vorbild der bisherigen Zivilisation.

Was Wyndham präsentiert, ist teils phantasievolle, teils spannende, wenn auch manchmal langatmige science fiction, die zur Schulung des extensiven Lesens bestens geeignet ist. Mit seinen rund 275 Seiten Umfang erschließt sich der Roman dem fremdsprachlichen Leser erst im fortgeschrittenen Lernstadium. Für die Praxis liegt zwar ein ausführlicher Erfahrungsbericht vor (vgl. Bibliographie). Dem Lehrer aber, dem es im Unterricht um die gedankliche Auseinandersetzung mit einer utopischen Staatskonzeption geht, stehen eine Reihe von Optionen zur Verfügung, die für die Lernenden ein größeres Identifikations- und Diskussionspotenzial aufweisen.


Ray Bradbury, The Martian Chronicles (1950)

Wie der Titel bereits andeutet, beschreibt Ray Bradbury in diesem Werk die Besiedlung des roten Planeten durch die Menschen. Dabei entstand die Chronik, die in den fünfziger Jahren eine ungeheure Popularität erreichte, als zufälliges Produkt der Nachfrage seines Verlegers vor mittlerweile mehr als einem halben Jahrhundert. In Anbetracht der Tatsache, dass die Genese des Werkes einige Zeit vor dem Aussetzen der ersten Erdsatelliten sowie der Landung der Amerikaner auf dem Mond stattfand, bietet es erstaunlich phantasiereiche Visionen. Auch wenn die einzelnen Episoden, welche die Jahre von 1999 bis 2026 abdecken und somit inzwischen ausschließlich in der Vergangenheit spielen, sich nicht zu einem geschlossenen Ganzen zusammenfügen, bieten sie doch unterhaltsamen und anregenden Lesestoff.

Die ersten drei menschlichen Marsmissionen scheitern. Zwar gelingt jeweils die Landung der Raketen, aber die über telepathische Fähigkeiten verfügenden Marsbewohner ahnen, dass die Eindringlinge nicht in friedlicher Absicht kommen und bringen diese mit Hilfe ihrer überlegenen Intelligenz um. Dennoch ist die Eroberung des Mars nicht aufzuhalten. Mit der vierten Expedition beginnt die erfolgreiche Kolonisation des Planeten, da die Martianer größtenteils einer Epidemie zum Opfer gefallen sind (ironischerweise sterben sie an einer Infektion durch Windpocken), und somit können sie den Neuankömmlingen keinen Widerstand mehr entgegensetzen. Was sich nun auf dem Mars mit atemberaubender Geschwindigkeit vollzieht, ist ein Spiegelbild der Erschließung des nordamerikanischen Kontinents und eines Stücks Zivilisationsgeschichte, die allerdings ausschließlich von Amerikanern geschrieben wird.

Zu den ersten Unterdrückten, die auf dem Mars ihre Freiheit suchen, gehören zahlreiche Schwarzamerikaner, aber auch andere Minderheiten sowie viele alte Menschen verlassen fluchtartig die Erde. Doch erweist sich der rote Planet nicht als das erhoffte Paradies: auch hier ist die Freiheit nicht grenzenlos. Auf dem Mars beschränken bzw. verhindern mächtige bürokratische Kontrollinstanzen die Entfaltung des Individuums (vgl. etwa die in deutlicher Anspielung an E.A. Poe mit "Usher II" betitelte Episode). Das Motiv der Bücherverbrennung, das später in Fahrenheit 451 zentrale Bedeutung erlangte, ist bereits hier Ausdruck der Zivilisationskritik Bradburys.

Das Ausmaß der Ironie und Parodie des amerikanischen Traums erreicht seinen Höhepunkt, als auf der Erde ein Atomkrieg ausbricht, der fast die Ausrottung der Menschheit bedeutet, während gleichzeitig auf dem Mars ein geschäftstüchtiger Verkäufer von hot dogs das Geschäft seines Lebens wittert und einige der friedfertigen letzten Martianer in totaler Verblendung erschießt. Somit repräsentiert diese Mischung aus Chronik und science fiction des Autors pessimistisches Menschenbild. Ob auf der Erde oder auf dem Mars: das Maß der von den Menschen angerichteten Zerstörung kennt kaum Grenzen, auch wenn Bradbury offenbar vor der letzten Konsequenz, der Vernichtung allen Lebens, zurückschreckt. In den Martian Chronicles entkommen zwei Familien (mit drei Söhnen bzw. vier Töchtern) der atomaren Katastrophe: ihnen bleibt es vorbehalten, einen Neuanfang menschlicher Zivilisation einzuleiten.

Seit 1999 liegt das ca. 300 Seiten umfassende Werk in dem bei Reclam üblichen kleinen Format vor. Der Text wurde von Hans-Joachim Lehnig annotiert, kommentiert und mit einem sehr lesenswerten Nachwort versehen, so dass für deutsche Leser/Schüler keine gravierenden Verständnisbarrieren mehr bestehen dürften. Das Werk kommt etwa von der Klasse 12/1 an vor allem für die extensive Lektüre in Frage. Für eine intensive Besprechung im Unterricht lohnen sich vor allem die Passagen, von denen sich eine Beziehung zum amerikanischen Traum ergibt. Der Lehrer, der an einem kohärenten Entwurf eines utopischen Staates interessiert ist, trifft mit der Entscheidung für Fahrenheit 451 des gleichen Autors eine bessere didaktische Wahl.


Ray Bradbury, Fahrenheit 451 (1953)

Fahrenheit 451 ist ein utopischer Roman, der eine noch immer aktuelle Schreckensvision eines zukünftigen Staates heraufbeschwört und der nicht nur durch die Verfilmung des französischen Regisseurs François Truffaut aus dem Jahre 1965 (mit Julie Christie und Oskar Werner) einen hohen Bekanntheitsgrad erreichte. Im Gegensatz zu Orwell und Huxley entwirft Bradbury nicht das Bild eines totalitären Staates, sondern das eines Gemeinwesens, welches das Ergebnis einer demokratischen Entwicklung darstellt: Politik ist zur totalen Show degeneriert, und von den Bürgern wird absolut angepasstes, staatskonformes Verhalten erwartet.

Dies wird auch deutlich an der beruflichen Tätigkeit des Protagonisten Guy Montag: er ist ein professioneller Feuerleger. Nach Auffassung seines Vorgesetzten Beatty kommt diesem Beruf eine hohe soziale Relevanz zu: Guy Montag und seine Kollegen haben die Aufgabe, Bücher zu verbrennen, die nach offizieller Einschätzung ein so hohes Konfliktpotenzial für die Menschen enthalten, dass sie gezielt vernichtet werden müssen (Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Bücher in Brand geraten). Dann aber muss Montag erleben, wie eine alte Frau sich lieber zusammen mit ihren Büchern verbrennen lässt als sich von ihnen zu trennen. Aus diesem Grunde verstärken sich bei ihm aufgekommene Zweifel am Sinn seiner beruflichen Tätigkeit: statt Freude an seiner Arbeit empfindet Montag zum erstenmal Schuldgefühle. Er gerät in eine persönliche Krise, wird zum Außenseiter und schließlich zum Staatsfeind, der sich offen auflehnt, seinen Vorgesetzen tötet und daher fliehen muss.

Montags Flucht wird zu einer live im Fernsehen gezeigten Menschenjagd und dient wie eine Show oder der Sport zur Unterhaltung der abgestumpften Massen. In Bradburys Vision ist die Kultur abgeschafft, die Literatur auf comics und sex magazines reduziert. Das angebliche Glück der Menschen beruht auf einer oberflächlichen Nivellierung der Gefühle und weitgehender Ausschaltung des Denkens. Die Büchervernichtung ermöglicht zudem eine verfälschte (systemkonforme) Darstellung der Vergangenheit.

Auf seiner Flucht wird der Protagonist von einem gefährlichen Roboter verfolgt. Schließlich gelingt es ihm, diesen dadurch abzuschütteln, dass er den Fluss durchquert, der die denaturierte Zivilisation von der noch immer intakten Natur trennt. Montag gelangt zu den Gegnern des Systems, die gemeinsam durch Auswendiglernen den Inhalt von Büchern zu bewahren versuchen. Montag wird Teil dieser Gemeinschaft der Bücherfreunde, die auf den nächsten (unmittelbar bevorstehenden) Krieg warten, um im Anschluss daran die Gesellschaft zu reformieren ...

Bradburys Roman ist für deutsche Lernende der englischen Sprache weder in lexikalischer noch in syntaktischer Hinsicht eine Überforderung; vom Umfang erscheint das Werk zumutbar und vom Aufbau leicht durchschaubar. Hinzu kommt eine spannende Handlung und eine aktuelle Problematik mit einem hohen Diskussionspotenzial, das direkt an den Vorstellungshorizont der Schüler anschließbar ist. Fahrenheit 451 ist unter den literarisch anspruchsvollen utopischen Romanen eine attraktive Wahl, die von der Jahrgangsstufe 12/1 an empfohlen werden kann.
Vgl. auch Konkrete Arbeiten.


William Golding, Lord of the Flies (1954)

Lord of the Flies ist einer der klassischen utopischen Romane, die sofort nach ihrem Erscheinen eine nachhaltige Resonanz auslösten und sich noch heute beim Lesepublikum großer Popularität erfreuen. Auch als Unterrichtsgegenstand ist das Werk noch immer beliebt. Dies ist mindestens zum Teil dadurch bedingt, dass die ausschließlich jugendlichen Charaktere in besonderer Weise eine Identifizierung mit annähernd gleichaltrigen Lesern nahelegen.

Zu Beginn des Romans hat eine Gruppe von Jungen einen Flugzeugabsturz überlebt und ist auf diese Weise mit knapper Not der schrecklichen Realität des zweiten Weltkriegs entkommen. Sie landen auf einer unbewohnten tropischen Insel, auf der das Leben in einem augenscheinlichen Paradies eine völlige Neuorientierung von ihnen erfordert. Die Kinder scheinen zunächst die Welt der Erwachsenen zu kopieren, d.h. sie suchen nach zivilisatorischen Normen, um das soziale Miteinander zu regeln. Aber bald entstehen Konflikte. Die Angst einiger von ihnen scheint stärker zu sein als alle Argumente der Vernunft. Demokratische Abstimmungen werden von Machtgelüsten überlagert, und die zum Überleben notwendige Disziplin weicht immer stärker einem übermächtigen Spieltrieb.

Allmählich wird deutlich, dass die Jugendlichen regressiven Tendenzen unterliegen, oder anders gesagt: die Zivilisation erfährt eine Rückentwicklung bis hin zur Barbarei. Die Jagd dient nicht mehr allein der Nahrungsbeschaffung, sondern der Befriedigung von aggressiven Trieben: Das Erlegen von Tieren erfolgt wie im Rausch, und bald werden ebenso auch Menschen getötet. Im Machtkampf dominiert die Irrationalität, das Gute unterliegt, der Verlust aller moralischen Maßstäbe droht. Eine ironisch zu deutende deus-ex-machina Lösung beschließt die Handlung: Die Spuren der Zerstörung (der Rauch der Flammen) locken ein Kriegsschiff an, das die Kinder vor dem Rückfall in die totale Anarchie bewahrt. Zweifellos ist das dem Werke zugrunde liegende pessimistische Menschenbild durch die persönlichen Kriegserfahrungen des Autors bedingt. Golding benutzt seinen Roman als Parabel, um vor solch einer möglichen Entwicklung zu warnen.

Lord of the Flies ist ein Roman, der sich aufgrund seines Umfangs, seiner Sprache, seiner Thematik sowie seiner entwicklungspsychologischen Angemessenheit seit langem im Englischunterricht bewährt hat. Der Einsatz ist von der 12. Jahrgangsstufe an zu empfehlen. Einige mediendidaktische Publikationen erleichtern dem Lehrer die Unterrichtsvorbereitung (vgl. bibliographische Übersicht); auch die aus dem Jahre 1963 stammende Schwarz-Weiß-Verfilmung (Regie: Peter Brook) ist immer noch sehr sehenswert.
Cf. Anzeigen 7.


Nevil Shute, On the Beach (1957)

Dieses Werk, das als das bedeutendste des Autors gilt, handelt von der Auslöschung des menschlichen Lebens auf der Erde. Nach einem ursprünglich zwischen China und Russland geführten Atomkrieg, in den auch der Westen hineingezogen wurde, sehen alle Menschen dem sicheren Strahlentod entgegen. Der Roman On the Beach erzählt das Schicksal von fünf Personen in den letzten Monaten, Wochen und Tagen ihres Lebens. Diese sind der Kommandeur eines amerikanischen U-Bootes, Dwight L. Towers, seine Freundin Moira Davidson, der australische Verbindungsoffizier Peter Holmes, seine Frau Mary und ihre gemeinsame kleine Tochter Jennifer.

Zu Beginn des Romangeschehens herrschen in Australien noch normale Lebensbedingungen, doch schreitet die atomare Verseuchung unaufhaltsam weiter fort. Peter Holmes nimmt an einer Fahrt des amerikanischen U-Bootes teil, das den Auftrag hat, strahlungsfreie Gebiete und möglicherweise auch Überlebende der Katastrophe zu finden, dabei aber zu rein negativen Ergebnissen kommt. Während auf der Nordhalbkugel offenbar bereits kein menschliches Leben mehr existiert, bleibt den Menschen in der südlichen Hemisphäre noch eine Galgenfrist, während der sie sich ganz unterschiedlich verhalten.

Zunächst fällt auf, dass keine öffentliche Reinigung der Straßen mehr erfolgt, dann schließen mehr und mehr Geschäfte. Viele Menschen verdrängen den Gedanken an ihren Tod, indem sie sich in Alltagsroutine flüchten, andere sehen ihm bewusst ins Auge und nutzen die ihnen verbleibende Zeit ein letztes Mal für Dinge, die ihnen besonders am Herzen liegen. Zu emotionalen, unkontrollierten Reaktionen, zu allgemeiner Panik zum Beispiel, kommt es nicht.

Die Regierung gibt kostenlos Tabletten aus, welche die zu erwartenden Leiden (Übelkeit, Erbrechen, langsames Siechtum, Sterben) abkürzen. Die Familie Holmes wird von der tödlichen Krankheit gleichzeitig erfasst und geht gemeinsam in den Tod. Commander Towers erhält als letzten Auftrag, mit seiner bereits arg geschwächten Mannschaft sein U-Boot auf Grund zu setzen. Zu dem Zeitpunkt, zu dem er den Auftrag erfüllt, setzt auch Moira Davidson ihrem Leben ein Ende. Angesichts dieser absolut sinnlos erscheinenden Ereignisse bleibt nur die vage Hoffnung, dass die Menschen die Erde frei machen für klügere Wesen, als sie selbst es waren.

Der Roman entstand auf dem Hintergrund des Kalten Krieges, doch ist die Gefahr der Verstrahlung genau so aktuell wie damals, wenn man an Störfälle bei der Betreibung atomarer Kaftwerke denkt (vgl. etwa die Katastrophe von Tschernobyl). Ob die fiktionale Gestaltung dieses delikaten Themas gelungen ist, darf bezweifelt werden. Eigentlich wird in Shutes Roman, der in vielerlei Hinsicht an O'Briens Z for Zachariah erinnert (s.u.), keine Geschichte erzählt, sondern eine Situation beschrieben. In nüchtern-sachlicher und unpathetischer Form wird der Zustand allgemeiner Resignation und Hoffnungslosigkeit dargestellt. Das Werk erschien schon 1968 in gekürzter und annotierter Form (ca. 95 Seiten/Hueber), ist aber noch immer erhältlich. Aufgrund der sprachlichen Anforderungen und der thematischen Brisanz erscheint eine Lektüre etwa von der Klasse 11/2 bzw. 12/1 an möglich.


Anthony Burgess, A Clockwork Orange (1962)

Im ersten Teil dieses utopischen Romans wird dargestellt, wie mehrere Jugendlichen aus purer Lust an Zerstörung und Gewalttätigkeit andere Menschen überfallen und misshandeln. Schließlich wird infolge von Konflikten innerhalb der Bande der Anführer und Ich-Erzähler Alex [a-lex (lat.)= außerhalb des Gesetzes] von der Polizei gefasst und zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Nach zwei Jahren Haft sieht der Erzähler für sich eine Möglichkeit, schnell wieder in Freiheit zu kommen. Er meldet sich freiwillig für eine experimentelle Behandlung, die ihn innerhalb kürzester Zeit von allen kriminellen Neigungen befreien soll: er wird gezwungen, bis zum Überdruss brutale Filme anzusehen, die seinen eigenen Verbrechen ähnlich sind, wobei ein Ausweichen oder Wegschauen unmöglich ist und die visuelle Prozedur durch eine medikamentöse Behandlung (Injektionen) unterstützt wird. Der Erfolg der Behandlung sieht so aus, dass beim Erzähler eine dauerhafte Angst vor physischem Ekel zurückbleibt, jegliche Neigung zu Gewalttätigkeit, aber auch die Bereitschaft zur Selbstverteidigung unterdrückt wird (Teil II).

Wieder in Freiheit erweist sich die Behandlung als allzu perfekte Manipulation, denn zuverlässig wie ein Uhrwerk reagiert der Erzähler nur in sozial akzeptabler Weise, so dass er von der Polizei, unter der sich ein ehemaliger Kumpel befindet, brutal zusammengeschlagen wird. Der ursprüngliche Täter ist zum Opfer geworden, welches ausgerechnet in einem Hause Zuflucht suchen muss, das früher von ihm und seiner Bande überfallen wurde. Hier wird ihm Hilfe zuteil, aber keineswegs in uneigennütziger Weise. Während sich die Regierung der Erfolge ihres Reformprogramms rühmt, sieht die Opposition im Schicksal des Erzählers die Chance, auf die Fragwürdigkeit der Manipulationen hinzuweisen. Beim Versuch zu entfliehen, verletzt sich der Erzähler so schwer, dass er eine Woche lang bewusstlos im Krankenhaus liegt. Wiederum fühlt er sich merkwürdig verändert: einerseits spürt er erneut den Wunsch nach aggressivem Verhalten, andererseits fühlt er eine merkwürdige Sanftheit in sich: der Roman weist ein offenes Ende auf (Teil III).

Clockwork Orange ist ein sehr spannender und anspruchsvoller Roman, der zu einer Diskussion eines vernünftigen Menschenbildes herausfordert. Schon im Titel, der einem Slang-Ausdruck entlehnt ist ("as queer as a clockwork orange = very queer indeed"), wird eigentlich Widersprüchliches zusammengebracht: entweder der Mensch entwickelt sich wie eine natürliche Frucht, oder aber er unterliegt den unumstößlichen Gesetzen der Mechanik. Hinzu kommt eine überschaubare Länge (ca. 150 S.). Dennoch ist der Text sicherlich für deutsche Schüler nicht leicht zu lesen, da der Erzähler sich eines relativ stark verfremdeten Englisch bedient (das von Burgess als 'Dialekt' bezeichnet wird). Hier wäre für Schüler ein annotierter und kommentierter Text, wie er etwa im Reclam-Verlag vorliegt, unverzichtbar (einige Hinweise zur Sprachgestaltung finden sich auch in der Einleitung der Penguin-Ausgabe aus dem Jahre 1996). Vom thematischen Anspruch her käme eine Lektüre in der 12. Jahrgangsstufe in Frage. Die Verfilmung durch den namhaften Regisseur Stanley Kubrick fand zwar nicht des Autors Zustimmung, da sie auf der amerikanischen, um das Schlusskapitel gekürzten Romanfassung beruhte, ist aber dennoch sehr sehenswert.

Kurt Vonnegut, Cat's Cradle (1963);
Kurt Vonnegut, Slaughterhouse Five (1969)
:
Diese Werke wurden unter die postmoderne Literatur eingeordnet.

John Christopher, The Guardians (1970)

Wie in Daz 4 Zoe und wie in Fahrenheit 451 wird auch in diesem Roman eine zweigeteilte Welt vorgestellt, deren Bereiche strikt voneinander getrennt sind. Die Handlung setzt ein in der Stadt
(conurb): hier lebt der jugendliche Rob nach dem Tode seiner Eltern praktisch in völliger Isolation und wird in ein staatliches Internat eingewiesen. In dieser Schule herrscht eine strenge Disziplin und ein ausgeprägtes System an Strafen, um die politischen Erziehungsziele durchzusetzen.

Da Rob aus einem Brief seiner Mutter weiß, dass sie auf dem Lande geboren wurde, beschließt er, seinen eigenen Ursprung zu erforschen und aus der Stadt zu fliehen. Tatsächlich gelingt es ihm, die angeblich durch einen Elektrozaun gesicherte Grenze zu überwinden und in die freie Natur zu gelangen. In seiner immer noch prekären Lage wird ihm unverhoffte Hilfe zuteil. Zunächst wird Mike Gifford sein Freund, dann wird er in dessen Familie als ein angeblich entfernter Verwandter aus Nepal aufgenommen.

Der folgende Teil der Romanhandlung ist von einem Kontrast zwischen Rob und Mike gekennzeichnet. Während Rob sich gut einlebt und sich als Teil der Familie und der Gemeinschaft akzeptiert fühlt, entfernt sich Mike innerlich immer mehr von den Grundlagen der Gesellschaft. Er wird zum Dissidenten und nimmt an einer Revolte gegen die Regierung teil, die aber rasch niedergeschlagen wird. Mike flieht in die Stadt, um die Realisierung seiner Ziele weiterzuverfolgen. Rob erhält das Angebot, einer jener Wächter zu werden, welche die Macht innehaben und die für das politische Gleichgewicht des Staates sorgen. Nach einigem Zögern widersteht Rob der Versuchung der Macht. Er verlässt ebenfalls das Land und folgt Mike in die Stadt.

Dieses Werk ist mehr als ein Jugendbuch; vielmehr handelt es sich um einen utopischen Roman mit jugendlichen Charakteren. Das Leben in der Stadt ist durch ein endloses Angebot von Sport- und Massenveranstaltungen gekennzeichnet. Dabei ist der Einzelne hilflos der Zerstörungswut der Hooligans ausgesetzt, deren Aggressivität um des Ziels der politischen Stabilität willen toleriert wird. In der Stadt leben die Unterprivilegierten, von deren Arbeit der reiche Landadel lebt. Die Angehörigen dieses Standes empfinden nichts als Verachtung für die Stadtbewohner.

Bei ihnen ist das Problem der Aggressivität auf eine andere Art gelöst, d.h. dass ihre aggressiven Triebe (ähnlich wie bei McMurphy in One Flew Over the Cuckoo's Nest) operativ beseitigt wurden. Daraus resultiert ein vermeintlich goldenes Zeitalter für die Mehrzahl der Menschen, da Revolten kontrolliert und nur in geringem Maße als Sicherheitsventil von den Machthabern gestattet werden. Der Nachteil dabei ist nur, dass alle moralischen Maßstäbe verloren gegangen sind: in diesem totalitären System gibt es für die Menschen kein Glückstreben sowie keine persönliche Zukunftsperspektive mehr. Die Wächter sind gewissenlose Machthaber.

Die Handlungsführung innerhalb dieses Romans ist linear, die Konstellation der Figuren und der Umfang des Werkes überschaubar. Der Steilheitsgrad ist niedrig, die Syntax unkompliziert. Die Erzählperspektive erlaubt zudem eine Identifizierung mit dem jugendlichen Protagonisten. Insofern liegt auch die Problematik innerhalb des Vorstellungshorizontes der Schüler: es geht um grundlegende Vorstellungen vom menschlichen Zusammenleben, um Normen und Werte, um Manipulierbarkeit der menschlichen Natur.

The Guardians bietet mehr als eine spannende Story; als Roman ist das Buch aufgrund der oben genannten Charakteristika im Englischunterricht früher einsetzbar als die Utopien Orwells, Huxleys und Bradburys. Die Klett-Ausgabe ist allerdings um mehr als ein Drittel auf rund 100 Seiten gekürzt, so dass sowohl das Profil des Protagonisten als auch die Konturen des utopischen Staates an Schärfe verlieren. Durch die Kürzungen und die Konzentration auf das Geschehen wird eine Lektüre schon in den Klassen 10/2 und 11/1 möglich, da die Edition für die Schule sowohl Sprach- und Sachannotationen als auch Einleitung und Zusatzmaterial aufweist.


Robert O’Brien, Z for Zachariah (1975)

Die Handlung dieses posthum veröffentlichten Romans besteht aus den knapp drei Monate abdeckenden Tagebuchaufzeichnungen der sechzehnjährigen Ann Burden, die offenbar als einzige einen atomaren Weltkrieg überlebt. Sie verdankt ihre Rettung der zufällig sehr günstigen geographischen Beschaffenheit ihrer Umgebung: sie lebt in einem von der Außenwelt abgeschnittenen, enklaveartigen Tal, das von radioaktivem Niederschlag verschont blieb. Eines Tages taucht jedoch ein weiterer Überlebender auf, ein gewisser Mr. Loomis, ein Strahlenschutzexperte, der an der Entwicklung eines radioaktiven Schutzanzuges beteiligt war. Er ist im Besitz des einzigen existierenden Prototpys, nachdem er offenbar in einer tödlichen Auseinandersetzung um diese Erfindung einen Arbeitskollegen beseitigte.

Als Mr Loomis so unvorsichtig ist, in einem radioaktiv verseuchten Gewässer zu baden, wird er sehr schwer krank und von Ann Burden aufopferungsvoll gepflegt. Während seiner langwierigen Genesung schmieden die beiden Pläne für die Zukunft, doch kann Ann ein grundsätzliches Misstrauen nicht überwinden. Als er eines Nachts in ihr Schlafzimmer schleicht und zudringlich wird, flüchtet sie in eine nahe gelegene Höhle und lebt fortan in sicherer Distanz von ihm. Doch muss sie erkennen, dass ihr Überleben im nächsten Winter nahezu unmöglich sein wird. Daher beschließt sie, seinen Schutzanzug zu stehlen, das Tal zu verlassen und im Westen nach weiteren Überlebenden zu suchen.

Der Titel des Werkes ist an ein Kinderbuch angelehnt, in dem mit Hilfe der Bibel die Kenntnis des Alphabets vermittelt wird: A steht für Adam, und Z steht für Zacharias. Die Ausgangslage ist ebenso deprimierend wie die Handlung. Zwei Menschen, die als einzige einer globalen Katastrophe entgehen, finden keinen modus vivendi: Mangel an Vertrauen, Angst und Bedürfnis nach Sicherheit sind die das Mädchen beherrschenden Gefühle. Nicht zwischenmenschliche Solidarität, sondern ein vollkommen auf die eigene Person gerichteter Selbsterhaltungstrieb ist der Auslöser ihres Handelns.

Die Perspektive des Mannes wird nicht deutlich im Text. Sicher ist nur, dass er keinerlei Dankbarkeit für Anns selbstlose Hilfe zeigt, dass er sie als Person nicht respektiert, sie vielmehr zur Unterwerfung zwingen möchte. So bleibt die Begegnung zwischen den beiden eine vorübergehende Episode: die Trennung ist die einzige Alternative zu einem Kampf auf Leben und Tod. Offenbar hat der Autor ein sehr pessimistisches Menschenbild.

Der Roman bezieht seinen Reiz aus der Auseinandersetzung zweier Menschen, die sich in einer Grenzsituation befinden, und den daraus resultierenden psychologischen Spannungen. Zwar ist das Werk aufgrund seiner Ausgangslage als utopisch einzustufen, dennoch bietet der Autor keinen Entwurf einer alternativen Form des menschlichen Zusammenlebens, denn auf die atomare Katastrophe folgt kein Neuanfang. Zwar besitzt das Werk einerseits ein relativ geringes Diskussionspotenzial, ist aber andererseits durch ein hohes Maß an Spannung gekennzeichnet. Mit seinen fast 200 Seiten erscheint ein Einsatz von der Klasse 11/2 an möglich, wobei der Schwerpunkt auf der Schulung des extensiven Lesens liegen sollte.


Ernest Callenbach, Ecotopia (1975)

Mit diesem 1975 erschienenen Werk leitet der amerikanische Erzähler Ernest Callenbach eine Wiederbelebung der positiven Utopie ein, für die allenfalls Aldous Huxleys letzter Roman Island als Vorläufer fungieren kann. In Einklang mit der Bedeutung seines Namens begibt sich der Journalist William Weston von seiner New Yorker Arbeitsstätte nach Westen, um den noch jungen Staat Ecotopia zu bereisen und für seine Zeitung darüber zu berichten.

Dieses neue ökologische Gemeinwesen, das sich etwa auf dem ehemaligen Territorium der Bundesstaaten Kalifornien und Oregon befindet, hat sich als unabhängige Einheit von der Union gelöst, ohne dass sich daraus wie im 19. Jahrhundert ein blutiger Bürgerkrieg entwickelte. Über seine Beobachtungen und Erkenntnisse schreibt William Weston auf zweierlei Weise. Zum einen verfasst er eine Artikelserie, die in der Times Post, dem Pressemedium seines Auftraggebers, veröffentlicht wird. Zum anderen hält er seine subjektiven Eindrücke in zahlreichen Tagebucheinträgen fest, so dass die sachlich-neutrale Berichterstattung durch stärker persönlich und emotional gefärbte Passagen eindrucksvoll ergänzt wird.

Weston hat eine Fülle von Einsichten zu verarbeiten. Zunächst mutet seine Reise wie eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit an. Für die Bewohner von Ecotopia ist der oberste Handlungsgrundsatz die Bewahrung der Natur, ein Prinzip, das an die traditionelle Einstellung der indianischen Ureinwohner erinnert: Diese sehen sich nicht als Herrscher, sondern als Teil der Natur. Daher geht es entgegen der christlichen Überlieferung nicht länger darum, sich die Erde zu untertan zu machen, sondern in Einklang mit ihr zu leben, um auch künftigen Generationen die Existenzgrundlage zu sichern. Anders gesagt: die Natur wird zum kostbarsten Gut überhaupt, die Biologie zur zentralen Wissenschaft.

Daraus ergeben sich eine Reihe von Konsequenzen. So werden etwa aufwändige, aber umweltbelastende Errungenschaften wie Auto und Flugzeug abgeschafft und umgekehrt umweltfreundliche Technologien wie Wind-, Wasser- und Wellenenergie gefördert. Die Bewahrung der Natur bedeutet aber auch für den Einzelnen Einschränkung der Reisefreiheit, Konsumverzicht und Opferbereitschaft. So impliziert etwa die Einführung der 20-Stunden-Woche zwar eine Verdoppelung der Arbeitsplätze, gleichzeitig aber auch eine Halbierung des Verdienstes. Solche Folgen werden von den Ecotopiern nicht nur in Kauf genommen, sondern sogar bereitwillig akzeptiert, da nach ihrer Überzeugung nur so die Stabilität ihres Gemeinwesens sicher gestellt werden kann, welche die Basis für das Glück und die Zufriedenheit der Menschen bildet.

Dem Individuum kommt in diesem System nur eine geringe Bedeutung zu. Die Menschen leben in Großfamilien, in denen das Prinzip der Kooperation herrscht und die von daher an Huxleys Idee der Adoptionsgemeinschaften erinnert (vgl. Island). In dem neuen Staat ist zudem die Emanzipation der Frau Wirklichkeit geworden: die Frauen haben im Bereich der Familie und des Berufes einen ebenso maßgeblichen Einfluss wie in der Politik, und so kann es nicht überraschen, dass eine Frau die Präsidentin des Landes ist.

Die Kindererziehung ist frei von Repressionen und das Sexualverhalten von einer sehr liberalen Einstellung geprägt. Der Sport dient nur noch der Motivation der Sportler, nicht aber der Schaulust eines Massenpublikums. Die Krankenpflege beruht auf einer Kombination von Medizin und Psychologie, und die Vorbereitung auf den Tod kann auch eine Entscheidung über den Zeitpunkt des eigenen Ablebens einschließen. Der Erzähler übernimmt immer mehr sowohl die Mentalität als auch die Normen und Wertvorstellungen der Ecotopier und ringt sich schließlich dazu durch, einer der Ihrigen zu werden.

Es ist offensichtlich, dass viele der von Ernest Callenbach dargestellten Aspekte noch heute aktuell sind, da sie beispielsweise im Zusammenhang mit Stichwörtern wie Innovation und ökologische Erneuerung diskutiert werden. Doch bleibt es eine offene Frage, ob die Integration seines Entwurfs eines alternativen Staates in eine Erzählhandlung als gelungen einzustufen ist. Der Roman weist sehr viele deskriptive und reflektorische, aber sehr wenige dialogische Passagen auf. Die Figuren bleiben flach, die Handlung weist kaum Spannungsmomente auf, und Zusammenhänge werden nur allmählich sichtbar. Das Interesse des Lesers muss sich daher aus der Thematik selbst ergeben. Für Unterrichtszwecke ist eine selektive Lektüre zu empfehlen; die bei Reclam erschienene (wie üblich kleinformatige) Ausgabe weist ca. 340 Seiten Text, dazu sorgfältige Annotationen und ein informatives Nachwort auf (Verfasser Klaus Degering). Ein Einsatz einzelner Kapitel erscheint von der Jahrgangsstufe 12 an denkbar.


Margaret Atwood, The Handmaid’s Tale (1985)

Mit diesem Werk, dessen Titel in deutlicher Anspielung auf Geoffrey Chaucers Canterbury Tales gewählt wurde, ist der Autorin ein beeindruckender Bestseller gelungen, der auch in Deutschland einen hohen Bekanntheitsgrad erreichte. Der Roman wird aus der subjektiv begrenzten Perspektive der Magd Offred erzählt. Sie lebt gegen Ende des zweiten Jahrtausends unserer Zeitrechnung in dem totalitären Staat Gilead (der Name bezieht sich in der Bibel auf eine fruchtbare Gegend östlich des Jordan) - auf dem Territorium des ehemaligen Bundesstaates Massachusetts, der u.a. stark vom Puritanismus geprägt wurde.

Hier darf Offred weder einen eigenen Beruf ausüben noch über eigenes Geld oder Besitz verfügen. Einmal am Tag geht sie zum Einkaufen, und obwohl Krieg herrscht, scheint die Versorgungslage der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln befriedigend zu sein. Einmal im Monat muss sie sich ihrem Gebieter (im Text als "Commander" bezeichnet) hingeben und hoffen, von ihm schwanger zu werden, weil es ihr einziger Lebenszweck ist, als eine besondere Art von Ersatzmutter zu fungieren. Dabei folgt der Staat dem biblischen Vorbild von Rachel und ihrer Magd Bilhah (vgl. Genesis 30:1-3 sowie das erste Motto des Romans).

Erst im Laufe der Erzählung werden die Hintergründe für diese Ausgangslage aufgedeckt. In Gilead sind offenbar die Geburten so stark rückläufig, dass der Fortbestand des Staates gefährdet ist. Zahlreiche chemische und vor allem atomare Unfälle mit ihren Folgen der radioaktiven Verseuchung sind verantwortlich dafür, dass das Erbgut vieler Menschen beschädigt ist und nur noch schwache Chancen bestehen, gesunde Kinder zur Welt zu bringen. In dieser Lage wird die menschliche Sexualität zu einer staatlich geregelten Angelegenheit. Frauen, die über gesunde Eierstöcke verfügen, werden für Zeugungszwecke rekrutiert und die sexuelle Vereinigung der Geschlechter wird zu einer rein auf Fortpflanzung gerichteten Tätigkeit instrumentalisiert.

Um dieses Verfahren möglichst effektiv zu gestalten, herrscht bei der Zuweisung der Mägde zu ihren Gebietern das Rotationsprinzip, und mit der Weiterleitung zu einem neuen "Commander" wird der bisherige Name der Magd dem des neuen Besitzers angepasst (Offred ist zu verstehen als "Of Fred") - ein untrüglicher Hinweis darauf, dass ihr keinerlei Individualität zugestanden wird. Hat eine Magd ein gesundes Baby geboren, wird es in der Familie des Kommandanten aufgezogen, während der einzige Lohn für die Mutter darin besteht, dass ihr die Abschiebung in eine der gefürchteten (weil atomar verstrahlten) Strafkolonien erspart bleibt.

Damit wird bereits deutlich, dass in diesem Staat die Mägde praktisch rechtlos sind. Ihnen ist nicht nur jeglicher Genuss von Alkohol und Nikotin verboten, sondern auch der Zugang zur Bildung, z.B. ist jede Form des Lesens untersagt. In dieser Hinsicht ist das deutliche Züge eines religiösen Fanatismus tragende System so konsequent gestaltet, dass selbst die von den Mägden zu kaufenden Waren nicht mit Worten, sondern mit Bildern bezeichnet werden. Zudem ist auch das Sprechen, die Kleidung, die Körperhaltung strengstens normiert, formalisiert bzw. reglementiert. Verbote, Vorschriften und Beschränkungen bestimmen das tägliche Leben, das zu einem ständigen Albtraum wird. Als Kontrollorganisation fungieren kinderlose und unfruchtbare Frauen (die "Aunts"), die 'freiwillig' Dienst tun, um der gefürchteten Verbannung zu entgehen.

Gesetzesübertretungen werden hart bestraft, die Teilnahme an Exekutionen ist obligatorisch, und die toten Opfer werden zur Abschreckung eine Zeitlang in der Öffentlichkeit aufgehängt. Aber dennoch reizen Verbote zum Übertreten, und trotz des ausgeklügelten Kontrollsystems gibt es offenbar eine Untergrundorganisation, die eine Änderung der Machtverhältnisse anstrebt.

Offred denkt oft an die Zeit vor der Übernahme der Macht durch die Fundamentalisten, als es noch Kontakte, Kommunikation, Zuwendung und Liebe gab. Vergeblich hat sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter versucht, über die Grenze nach Kanada zu entkommen. Auf der Flucht wurde sie von ihrer Familie getrennt, und letztlich bleibt das Schicksal aller ungewiss. Manchmal wünscht sich Offred Gewissheit bezüglich des Schicksals ihres Mannes, den sie für tot hält. Sie erhofft sich davon eine Verringerung ihrer Scham- und Schuldgefühle. Schließlich gerät sie selbst in Bedrängnis: offiziell wird sie von zwei Männern wegen angeblicher Verletzung von Staatsgeheimnissen abgeholt. Ob hier das Regime zugeschlagen hat oder ob Männer aus dem Untergrund dem zuvorkamen, geht aus dem Text des Romans nicht eindeutig hervor.

Für Margaret Atwood bleibt noch die Aufgabe, eine Erklärung dafür zu liefern, wie ihr Manuskript in die Öffentlichkeit gelangen konnte. Dies geschieht in einer Art Epilog, in dem die Autorin über ein wissenschaftliches Symposium aus dem Jahre 2195 berichtet. Auf dieser Veranstaltung referiert ein Historiker darüber, wie der Text des Romans als eine Sammlung von ca. 30 Tonkassetten im damaligen amerikanischen Bundesstaat Maine gefunden und in mühseliger Kleinarbeit für die Publikation transkribiert wurde. Für den Wissenschaftler ist dies deswegen eine lohnende Aufgabe, weil Offreds Schilderungen aus historischer Sicht als authentisch gelten müssen.

Trotz eines Umfangs von knapp 400 Seiten ist die Lektüre dieses Romans fesselnd und faszinierend von der ersten bis zur letzten Zeile. Dies liegt nicht an einer dramatischen Handlungsführung mit überraschenden Wendungen und Glücksumschwüngen, sondern vielmehr an der inneren Spannung. Das Erzählen aus einer stark eingeschränkten Perspektive erfordert das Mitdenken des Lesers: Andeutungen und Aussparungen sprechen seine Imagination an und aktivieren ihn zum Mitvollzug. Präsentiert wird nicht eine utopische Welt in systematischer Vollständigkeit, angeboten werden vielmehr Mosaiksteinchen, die sich zu einem organischen Ganzen zusammenfügen.

Margaret Atwood schreibt keinen Ideenroman, sondern die subjektive Geschichte einer betroffenen Frau, und deren fiktionale Gestaltung ist einzigartig. Wie in Aldous Huxleys Brave New World ist die Frage nach der menschlichen Fortpflanzung zentral. Doch während man in Huxleys Roman der drohenden Überbevölkerung der Erde durch gentechnische Manipulationen begegnet, wird in Atwoods Werk das drohende Aussterben der eigenen Nation durch Rückgriff auf die letzten biologischen Ressourcen bekämpft. Das bedeutet, dass in einem hierarchisch gegliederten Gemeinwesen die Regierung den Körper der Frau kontrolliert: ihr Wert richtet sich einzig und allein nach der Funktionstüchtigkeit der lebensspendenden Organe. In beiden Romanen sind Individualität und Privatsphäre zu Fremdwörtern geworden, die der Vergangenheit angehören.

Zweifellos stellt Margaret Atwoods Roman in thematischer Hinsicht hohe Ansprüche an jugendliche Leser; sein großes Diskussionspotenzial macht Schwerpunktsetzungen bei der Unterrichtsarbeit unvermeidlich. Insgesamt ist The Handmaid’s Tale ein sehr wertvoller Text, der für den Einsatz von der Klasse 12/2 an wärmstens empfohlen werden kann. Sehr sehenswert ist auch die Verfilmung durch Volker Schlöndorff mit Natasha Richardson, Faye Dunaway und Robert Duvall in den Hauptrollen.
Vgl. auch Konkrete Arbeiten und Anzeigen 5 und 6.


Doris Lessing, The Fifth Child (1988)

Dieser 1988 erstmals publizierte und schon drei Jahre später in einer Schulausgabe erschienene Roman erzählt eine ungewöhnliche (utopische?) Familiengeschichte über rund zwei Jahrzehnte hinweg. In den 60er Jahren lernen sich Harriet und David kennen, verlieben sich auf den ersten Blick und beschließen zu heiraten. Im Vergleich zur allgemeinen Einstellung gegenüber der Sexualität zu dieser Zeit (Begrüßung der neuen Freiheit durch die Pille und andere Verhütungsmittel) wirken Harriet und David wie zwei Exzentriker: sie wollen unbedingt eine große Familie, und tatsächlich bekommen sie in sechs Jahren vier Kinder. Obwohl Harriet physisch und psychisch sehr angespannt ist, besteht der Wille des Ehepaares nach weiteren Kindern unverändert fort.

Doch als es zu einer weiteren Schwangerschaft kommt, erlebt Harriet diese von Anfang an anders. Sie spürt in ihrem Körper sehr rasch die ungeheure Energie des Foetus, der ihr große Schmerzen verursacht. Schließlich bringt sie einen kräftigen, manchmal gar nicht menschlich aussehenden Jungen zur Welt, dessen Aggressivität nicht zu kontrollieren ist. Da Ben auf Zuwendung nicht reagiert und sowohl andere Kinder als auch Haustiere angreift, löst er Furcht und Abscheu in seiner Umwelt aus. Auf den Druck der Familie und der Verwandten hin wird er in eine Anstalt eingewiesen.

Doch nach wenigen Tagen wird Harriet von ihren Schuldgefühlen getrieben, sich über Bens dortige Lebensbedingungen zu informieren. Als sie sieht, wie er ständig unter Drogen gesetzt und nur unzureichend ernährt wird, entschließt sie sich, ihn wieder mit sich nach Hause zu nehmen. Diese Entscheidung leitet den Zerfall der Familie ein: Harriet kümmert sich nur noch um Ben, die übrigen Kinder werden vom Vater versorgt, besuchen zum Teil am Wohnort der Großeltern eine Schule, um das Elternhaus verlassen zu können. Ben wächst heran, ohne dass ihm jemand in der Lage wäre, ihn zu erziehen. Schließlich wird er Mitglied einer jugendlichen Bande, und die Mutter kann sein Abgleiten in die Kriminalität nicht verhindern. Mit dieser Aussicht schließt die Romanhandlung.

Bens Perspektive wird dem Leser nie zugänglich gemacht. Er wird im Text als "alien child" bezeichnet, als käme er von einem fremden Stern oder Planeten (das ist der Grund, warum dieses problematische Werk hier unter die utopischen Romane eingereiht wurde). Sein Interesse konzentriert sich vor allem auf die Befriedigung der Primärbedürfnisse Essen und Trinken, und die Palette seiner Gefühle scheint sich wie bei einem fremdartigen, pseudo-menschlichen Ungeheuer auf Angst, Wut und Angriffslust zu beschränken. Hinzu kommt, dass seine Sprachbeherrschung und Lernfähigkeit sehr rudimentär ausgebildet sind. Während ihn alle Familienmitglieder ablehnen, entscheidet sich Harriet für seine Person. Zwar kann auch sie ihn nicht lieben, aber dennoch möchte sie nicht zulassen, dass er hinter Anstaltsmauern sein Leben lässt.

Der Roman umfasst in der Longman-Ausgabe 122 Seiten Text. Obwohl dieser nicht in Teile, Kapitel oder ähnliches untergliedert ist, lassen sich die Stufen der Handlung mühelos anhand der chronologischen Entwicklung rekonstruieren. Auch die Konstellation der Charaktere ist als Einstieg in die Textarbeit gut geeignet, wenn man etwa von einer Skizze des Familienstammbaums ausgeht und diese schrittweise vervollständigt. Thematisch bietet der Roman aufgrund seiner Mischung aus realistischen und utopischen Elementen ein reiches Diskussionspotenzial: denkbar sind Diskussionen zum Wert der Familie für die Heranwachsenden, zur Verantwortung der Eltern, zu Möglichkeiten und Grenzen der Erziehung, zur Abschiebung von Behinderten in eine Anstalt .... The Fifth Child ist ein schockierendes, faszinierendes und zugleich bedrückendes Buch. Sprachlich ist es sicher schon in der 11. Klasse zu bewältigen. Aufgrund seiner anspruchsvollen Thematik erscheint ein Einsatz des Romans eher in der 12. Jahrgangsstufe angebracht zu sein.


Robert Swindells, Daz 4 Zoe (1990)

Dieser Roman päsentiert (wie The Guardians) dem Leser eine zweigeteilte utopische Welt, in der die Kontraste kaum größer sein können. Auf der einen Seite leben die Menschen in wohlhabenden Vorstädten, auf der anderen Seite stehen die Bewohner eines verfallenen Stadtkerns, die unter unzumutbaren hygienischen Verhältnissen ohne politische Rechte unterhalb der Armutsgrenze dahinvegetieren. Beide Bereiche sind strikt voneinander getrennt; die wenigen Kontakte zwischen den Bewohnern werden streng reglementiert und von der Polizei scharf kontrolliert. Die Bewohner der Vorstädte begegnen den Unterprivilegierten mit verbaler Aggressivität, offener Ablehnung und deutlicher Diskriminierung.

Vor diesem Hintergrund erzählt der Autor die Liebesgeschichte zweier Jugendlicher (vgl. Titel), die aus den unterschiedlichen Lagern stammen (vgl. Joan Lingard, Bernard MacLaverty). Bei einem unerlaubten Discobesuch in der City lernt die aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Zoe den gleichaltrigen Daz kennen. Zwischen den beiden jungen Leuten entwickelt sich Liebe auf den ersten Blick. Wie sie die zwischen ihnen bestehenden Barrieren und das Trennende der Vorurteile ihrer Umgebung überwinden, bildet den Kern der Handlung. Das persönliche Geschehen hat zugleich eine soziale Komponente: in beiden Teilen der Gesellschaft gibt es seit langem Widerstandsbewegungen gegen das herrschende System. Und wenn Daz und Zoe zum Schluss zueinander finden, entsteht bei ihnen der Eindruck, dass die bestehenden gesellschaftlichen Grenzen allmählich verschwinden.

Erzählt wird (wie bei Miklowitz und Zindel) aus einer doppelten Ich-Perspektive: Daz und Zoe beschreiben die Ereignisse Stück für Stück jeweils wechselnd aus ihrer ganz persönlichen Sicht. Ihr Sprachprofil entspricht ihrer Herkunft, ihrem Milieu und ihrer Schulbildung. Während Zoe sich an die Normen des Standard British English hält, ist Daz’ Sprache sehr stark dialektal und konsequent mit phonetischer Schreibweise durchsetzt (vgl. in dieser Hinsicht Forrest Gump). Wenige Zeilen mögen als Beispiel dienen: "i start finking mebbe i got the rong place plus i’m ded cold then i heer some littel fing lyke some 1 kick a stoan. i luck owt and i see 2 guys coming lyke mooving shadders ... " (p. 110 der Longman-Ausgabe; 'Lösung' s.u.).

Der Sprachkommentar des Longman-Verlages ist wohl eher auf die Bedürfnisse englischer Jugendlicher als auf die deutscher Leser ausgerichtet; jedenfalls wird das Einlesen in Daz’ Sprache dem Englisch lernenden Schüler nicht erleichtert. [In das Standard British Englisch übertragen, lauten die obigen Zeilen etwa folgendermaßen: "I start thinking, maybe I got the wrong place, plus I’m dead cold. Then I hear some little thing like someone kick a stone. I look out and I see two guys coming like moving shadows."] Besser gelungen ist die didaktisch-methodische Aufbereitung. Insgesamt gesehen, liegt ein zweifellos attraktiver, aber in sprachlicher Hinsicht nicht unproblematischer Text vor. Ein möglicher Einsatz des Romans sollte nicht vor der Jahrgangsstufe 11/2 erfolgen.


Paul Auster, In the Country of Last Things (1987)

Der Roman Moon Palace des amerikanischen Erzählers Paul Auster hat sich offenbar in kurzer Zeit einen festen Platz im fremdsprachlichen Literaturunterricht erobert. Inzwischen liegen bereits in drei verschiedenen Verlagen didaktische Ressourcen zu diesem Werk vor (vgl. Bibliographie). Im letzten Monat des Jahres 2001 ist ein weiterer Roman des Autors in einer Schulausgabe erschienen, der als Zukunftsroman eingeordnet werden kann und den Titel trägt: In the Country of Last Things.

Die Erzählerin der Geschehnisse ist die 19jährige Anna Blume, die sich auf die Suche nach ihrem verschollenen Bruder begibt. Dabei gerät sie in eine Stadt, aus der kein Entrinnen möglich ist, in der - offenbar als Folge einer nuklearen Katastrophe - eine unvorstellbare Armut, das allgemeine Chaos und ein unaufhaltsamer Verfall regieren. Viele Verbrechen sind so sehr an der Tagesordnung, dass sie nicht mehr als Delikte verfolgt und auch nicht mehr als kriminell empfunden werden. Die Regierungen sind so schwach und wechseln so häufig, dass sie nie Herr der Lage sind.

Für jeden Einzelnen geht es nur um das nackte Überleben von einem Tag zum nächsten; dabei ist jedes Heute schlechter als jedes Gestern. Es gibt keinerlei Zukunftsperspektive mehr, und der endgültige Zusammenbruch ist vorprogrammiert. Die menschliche Wahrnehmung ist so sehr getrübt, dass die Erinnerung an eine vergangene und bessere Welt zu erlöschen droht. Viele Menschen suchen freiwillig in Gruppen den Tod und entwickeln Rituale des Sterbens, um sich ein einziges Mal wenigstens kollektiv selbst auszudrücken.

Die jüdische Erzählerin hält ihre Erfahrungen in einer Art Tagebuch fest, wobei sie nicht davon ausgehen kann, dass ihr Bericht je einen Leser finden wird - darin ist sie der Protagonistin Offred in Margaret Atwoods The Handmaids Tale nicht unähnlich. Für Offred wie für Anna Blume hat das Schreiben aber auch die persönliche Funktion, die täglichen deprimierenden Ereignisse zu verarbeiten. In ihrem schier hoffnungslosen Überlebenskampf hat die Erzählerin oft auch das Glück auf ihrer Seite.

Als sie einmal eine alte Frau rettet, findet sie bei dieser und ihrem Mann eine Zeitlang Unterschlupf. Als sie ein anderes Mal zum Opfer in einem menschlichen Schlachthaus werden soll, vermag sie sich mit einem verzweifelten Sprung durch ein geschlossenes Fenster zu retten, verletzt sich dabei aber schwer. Unter nie ganz geklärten Umständen wird sie danach in ein privates Hospiz aufgenommen, gesund gepflegt und erhält schließlich dort sogar Arbeit. Unglücklicherweise muss diese Stätte aufgrund finanzieller Not geschlossen werden.

Der Schluss des Buches bleibt offen. Anna gelingt es nicht, ihren Bruder zu finden. Es bleibt unklar, ob sie dem Chaos entkommen kann. Sie beschreibt viele Aspekte, die schockieren und Tabus verletzen. In der Welt, in der Anna lebt, gilt ein Menschenleben nichts mehr; aber auch der Respekt vor den Toten gehört der Vergangenheit an. Jeder menschliche Leichnam wird durch Verbrennen zur Energiegewinnung benutzt und so paradoxerweise für das Überleben anderer instrumentalisiert. Daher sind einerseits traditionelle Bestattungen natürlich verboten, andererseits aber wird Kannibalismus offenbar nicht mehr verfolgt. Als Anna einmal vergewaltigt zu werden droht, erwürgt sie mit letzter Kraft beinahe ihren Peiniger und empfindet dabei ein ungeheures Freiheits- und Glücksgefühl.

In macherlei Hinsicht erscheint Austers Darstellung überzogen, so dass sich beim Leser eher eine ratlose Distanzierung als eine innere Betroffenheit einstellt. Und das Unglück der zahlreichen Namenlosen bleibt vage und schwer fassbar. Nur eines ist klar: der Selbsterhaltungstrieb des Menschen ist stark, seine Hoffnung stirbt zuletzt. Kritiker sehen in dem Werk eine apokalyptische Parabel, in der sich auch der familiäre Bezug des Autors zum Holocaust widerspiegelt.

Annas Bericht ist schlicht und schnörkellos; in ihm gibt es keine einzige Unterteilung in Abschnitte oder Kapitel. Ob es gelingt, im Unterricht zwischen Zukunft und Gegenwart eine Brücke zu schlagen, ob es gelingt, die albtraumartigen Erfahrungen der Erzählerin an den Erfahrungs- und Vorstellungshorizont der Schüler anzuschließen, ist m.E. zweifelhaft: sowohl das Diskussions- als auch das Identifikationspotenzial des Textes erscheint mir eher gering.

Von der Sprache her ist dieses Werk Paul Austers weitaus anspruchsvoller als der erst kürzlich veröffentlichte Zukunftsroman The Giver von Lois Lowry und müsste von daher auf der Sekundarstufe II eingesetzt werden. Bei Diesterweg liegt jetzt eine annotierte und kommentierte Schulausgabe vor, die zwar einen zuverlässigen Text, aber weder eine Einleitung, noch Zusatzmaterial, noch einen methodischen Apparat aufweist. Der Lehrer, der sich für diesen Roman entscheidet, hat daher eine Fülle von didaktisch-methodischen Problemen zu lösen. Allerdings verfügt er auch über einen beträchtlichen Entscheidungsspielraum.


Lois Lowry, The Giver (1993)

The Giver ist ein preisgekröntes, utopisches Jugendbuch. Es ist das Verdienst des Klett-Verlages, wenige Jahre nach seiner Erstveröffentlichung diesen attraktiven Roman in einer annotierten Schulausgabe fremdsprachlichen Unterrichtszwecken zugänglich gemacht zu haben.

Die Geschehnisse werden aus der Sicht des zwölfjährigen Jonas berichtet, der scheinbar ein ganz normales Leben führt. Er lebt in einer vierköpfigen, offenbar intakten Familie, in der beide Eltern berufstätig sind, keine materielle Not herrscht und Eltern und Kinder offenbar weitgehend konfliktfrei zusammenleben. Schon bald aber fällt auf, dass das Leben aller zahlreichen Normen, Regeln und Riten unterworfen ist. So muss man sich beispielsweise für die geringste Kleinigkeit bedanken, sich für jedes Vergehen sofort entschuldigen, und der Angesprochene hat die Entschuldigung zu akzeptieren.

Dieser Forderung kommen sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder nach, denn die dreimalige Übertretung von Regeln kann den Ausschluss aus der Gemeinschaft nach sich ziehen. Die Rechte und Pflichten der Kinder sind zudem nach Altersgruppen geordnet. Mit 12 Jahren wird jedem - seinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechend - vom Ältestenrat ein Beruf zugewiesen, auf den unmittelbar danach die systematische Vorbereitung beginnt. Somit ist für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft das Leben durchgeplant und wohl geordnet.

Der Erzähler erhält mit 12 Jahren das sehr ehrenvolle Amt des "Gedächtnisempfängers" ("Receiver of Memory"), das neben vertrauten Kriterien wie Intelligenz, Integrität und Mut eine besondere Begabung voraussetzt, über die Jonas verfügt. Gemeint ist eine Art innerer Sehkraft, vergleichbar mit der Fähigkeit, Dinge vor seinem geistigen Auge zu sehen, und aufgrund dieses Talents soll Jonas zum lebenden Gedächtnis der Gemeinschaft werden. Sein Lehrer ist der im Titel genannte "Geber", der sein Wissen auf Jonas überträgt, welches dieser fortan in seiner Erinnerung speichert.

Diese Ausbildung bedeutet für den Zwölfjährigen eine ungeheure Bewusstseinserweiterung, eine zunächst beglückende, dann aber auch zunhehmend eine bedrückende Erfahrung. In dem Maße wie er neue Einsichten gewinnt und die entsprechenden Begriffe für sie lernt, fühlt er sich immer stärker von seinen Freunden, seiner Familie, der Gemeinschaft isoliert. Der Empfänger ist der einzige, der Zugang zu Büchern und damit zur Vergangenheit hat, dessen Rat gefragt ist und der in dieser Gemeinschaft leidet.

Zugleich erkennt Jonas immer deutlicher die Begrenztheit seines bisherigen Lebens, in dem es nur oberflächliche Gefühle, kaum individuelle Unterschiede, keine Wahlmöglichkeiten und vor allem keine Liebe gibt. Doch ist das Leben der Gemeinschaft nicht nur von engen Grenzen und Uniformität, sondern auch von Inhumanität geprägt. In ihr gibt es ständige Kontrollen, psychischen Druck und sogar für alte Menschen körperliche Züchtigungen. Mehr noch: was offiziell als Ausschluss aus der Gemeinschaft ("release") bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit mit einer ritualisierten Liquidierung gleichbedeutend. So werden beispielsweise körperlich schwache Babies nicht ausgewiesen, sondern unauffällig getötet. Die vorgestellte utopische Welt erweist sich als barbarisch.

Jonas versucht, ein Pflegekind aus seiner Famlie vor dem sicheren Tod zu bewahren, indem er mit ihm flieht. Ob es ihm gelingt, eine andere humanere Welt zu erreichen, bleibt offen. Mit seiner Flucht vergisst er gleichzeitig das von seinem Geber Gelernte, d.h. dass die Erinnerungen an die Vergangenheit bei allen Menschen zurückkehren.

In diesem Jugendroman werden die Merkmale der utopischen Welt dem Leser Stück für Stück vermittelt: die Integration ihrer Darstellung in die Erzählung ist überzeugend gelungen. Aus der Sicht des Erzählers findet eine ausgeprägte Verfremdung der geschilderten Ereignisse statt, welche die Spannung und die Lesemotivation weckt und aufrechterhält. Der Roman zeichnet sich durch sprachliche Einfachheit aus, ist bei einem Umfang von ca. 135 Seiten von der Klasse 11/1 an gut einsetzbar und auch als Vorbereitung auf utopische Klassiker (Golding, Huxley, Orwell) bestens geeignet. Man möchte dem Buch viele (nicht nur jugendliche) Leser wünschen.


Last Updated by Dr. Willi Real on Monday, 29 January 2007 at 9.35 AM.

[ Hauptseite | Roman | Knapptexte ]