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Minderheitenromane in den U.S.A.




Richard Wright, Native Son (1940)

Dieses Werk bildet eine Wasserscheide in der literarischen Szene der U.S.A.: mit ihm erlangt ein schwarzamerikanischer Autor zum ersten Mal nationale Anerkennung und und internationale Berühmtheit. Im Zentrum des in den Slums von Chicago spielenden Romans steht der Farbige Bigger Thomas, der als Chauffeur bei dem weißen Millionär Dalton arbeitet. Durch eine Verkettung unglückseliger Umstände kommt es dazu, dass Bigger Thomas in Panik die junge Mary Dalton in Anwesenheit ihrer blinden Mutter umbringt und die Spuren seiner Tat dadurch zu beseitigen sucht, dass er ihren Leichnam im Heizungsofen verbrennt. Doch sehr bald wird Bigger Thomas der Tat verdächtigt. Nach einer langen Flucht wird er schließlich verhaftet, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt.

Der Roman ist in drei Sektionen aufgeteilt: Fear, Flight und Fate. In den ersten beiden Teilen wird mit naturalistischer Präzision eine ungemein spannende crime story geschildert, der dritte Teil indes besteht fast ausschließlich aus der Gerichtsverhandlung. Einerseits hat der Leser somit aufgrund seiner Textkenntnis die Möglichkeit, die Wahrheit eines jeden Anklagepunktes zu überprüfen, andererseits wirkt der dritte Teil streckenweise wie ein langatmiger theoretischer Überbau. Mit über 400 Seiten ist das Werk sehr umfangreich für den Einsatz im Unterricht. Der Lehrer, der sich für diesen Klassiker entscheidet, sollte die Behandlung des dritten Teils straffen. Ein Einsatz erscheint von der Jahrganggstufe 12/1 an möglich.


James Baldwin, Go Tell It on the Mountain (1954)

Richard Wright, James Baldwin und Ralph Ellison sind auf dem Gebiete des Romans die ersten anerkannten Vertreter einer eigenständigen schwarzamerikanischen Literatur. Während Richard Wrights berühmtestes Werk Native Son aufgrund seines Umfangs zu unterrichtspraktischen Problemen führt, ist Ralph Ellisons einziger Roman Invisible Man aufgrund seiner Sprache und seiner literarischen Ansprüche für den schulischen Fremdsprachenunterricht wenig geeignet. Von daher bietet es sich an, auf James Baldwins Go Tell It on the Mountain zurückzugreifen, ein Werk, das einen wichtigen Meilenstein in der Enwicklung der amerikanischen Literatur markiert.

Baldwins Roman sollte von vornherein nicht als Protestliteratur verstanden werden; es geht dem Autor nicht um Auflehnung gegen rassische Diskriminierung, und schon von daher darf die fiktive Wirklichkeit keinesfalls mit der empirischen Realität gleichgesetzt werden. Zwar wird gelegentlich Misstrauen gegenüber den Weißen laut und auch an ihrem Verhalten wird Kritik geübt, doch geht es Baldwin primär um die Lösung von zwischenmenschlichen Spannungen und Problemen, wobei letztlich die Hautfarbe der Figuren keine Rolle spielt und auch der Einbettung des Geschehens in den Schauplatz New York nur eine periphere Bedeutung zukommt. Im Fall des vorliegenden Textes geht es um die literarische Darstellung eines Vater-Sohn-Konfliktes, der noch dazu autobiographische Wurzeln hat.

Das Geschehen setzt ein im März 1935, als John Grimes in Harlem seinen 14. Geburtstag feiert. Angesichts der Vorliebe des Autors für flashbacks ist es indes nicht verwunderlich, dass die Ereignisse über insgesamt drei Generationen hinweg bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Eine ausführliche Rückblende ist dabei Gabriel Grimes gewidmet, einem angesehenen Prediger der "Kirche der mit Feuer Getauften" ("Temple of the Fire Baptized"). Dieser hatte einst eine kurze Verbindung mit einer Frau, aus der ein Sohn hervorging.

Um sein Versagen nicht öffentlich eingestehen zu müssen und um sein Ansehen als Prediger nicht zu gefährden, hatte Gabriel seiner Zeit die Affäre vertuscht, seiner Geliebten Geld gegeben und sie veranlasst, die Gemeinde zu verlassen. Aber beim Abschied hatte sie ihn verflucht und ihm prophezeit, dass ihn eines Tages seine Vergangenheit wieder einholen würde. Und in der Tat verflucht ihn auch sein ehelicher Sohn Roy, als Gabriel sich dazu hinreißen lässt, seine Frau Elizabeth zu schlagen. Trotz seines Ansehens als Prediger wird Gabriel als sehr hartherziger und selbstgerechter Mensch dargestellt, der sich auch seinem Stiefsohn John gegenüber als ein sehr strenger Vater erweist.

Erstaunlicherweise werden an John und seinen Halbbruder Roy gänzlich unterschiedliche Verhaltenserwartungen gestellt. Während sich niemand darüber wundert, dass der leibliche Sohn dem verderblichen Einfluss der Straße ausgesetzt und wiederholt in gewaltsame Auseinandersetzungen verwickelt ist, erwartet man allgemein vom Stiefsohn John, dass er wie sein Vater ein Prediger werden wird. Tatsächlich kniet er an seinem 14. Geburtstag am Altar nieder, doch muss man beinahe glauben, dass John lediglich dem öffentlichen Druck nachgibt und dass er die von ihm erwarteten Verhaltensmuster internalisiert hat. Letztlich bleibt es wohl offen, ob John sich auf Dauer der Religion und der Kirche zuwendet. Seine Initiation ist eingeleitet, aber seine Identitätsbildung noch nicht zum Abschluss gekommen.

Wegen seiner zahlreichen Rückblenden und des dadurch bedingten, kunstvollen Aufbaus ist der Text nicht leicht zu lesen. Hinzu treten zahlreiche biblische Anspielungen (vgl. Titel), die nicht nur in den rhetorisch sehr eindrucksvollen Predigttexten zu finden sind, sondern den gesamten Roman durchziehen. Eine Schulausgabe des Werkes ist zur Zeit nicht verfügbar. Andererseits ist der Steilheitsgrad sehr gering, und die wenigen Varianten des black English dürften die Schüler vor keine großen Probleme stellen. Wer sich für diesen Roman entscheidet, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er einen anspruchsvollen Text wählt, der nicht vor der Jahrgangsstufe 12/2 eingesetzt werden sollte.


Bernard Malamud, The Assistant (1957)

Der Roman beschreibt die Beziehungen zwischen der jüdischen Emigrantenfamilie des Morris Bober und ihrem nicht-jüdischen Gehilfen Frank Alpine. Auf beiden Seiten bestehen anfangs Vorurteile. Die Romanhandlung setzt damit ein, dass Frank sich zur Teilnahme an einem maskierten Überfall auf den vermeintlich reichen Kaufmann überreden lässt und danach von seinem schlechten Gewissen zur Wiedergutmachung an den Bobers getrieben wird. Vor allem Ida, die Frau des Morris, begegnet zunächst Frank mit Misstrauen und Ablehnung, und das um so mehr, als Frank sich um ihre Tochter Helen bemüht.

Durch unglückliche Umstände, besonders durch die Krankheit des Morris bedingt, wird Frank zum unentbehrlichen Helfer der Bobers. Als Kaufmann ist Morris ein Versager, als Jude, Mensch und Vater wird er Franks Vorbild. Fairness, Ehrlichkeit, ein gutes Herz den Kunden gegenüber ist im New York der Großen Depression nicht mehr gefragt, und doch bleibt Morris seinen ethischen Grundsätzen (dem kategorischen Imperativ) treu. Der einzelne gilt nichts mehr im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das für die Bobers zum Land der nicht eingehaltenen Versprechungen wird. Als Morris stirbt, tritt Frank in seine Fußstapfen. Er wird Jude, ein zweiter Morris Bober, der durch großen persönlichen Einsatz - ganz im Sinn des Morris - Helen die Finanzierung eines Studiums ermöglicht. Es bleibt offen, ob die beiden ein Paar werden. Die Tatsache, dass Frank seine Vorurteile gegen die Juden überwindet, ist offensichtlich.

The Assistant ist aus mehreren Gründen für den Einsatz im Englischunterricht hervorragend geeignet. Dazu zählt der überschaubare Umfang (ca. 200 Seiten), eine gut verständliche Sprache und vor allem die Thematik des Romans (Kritik des Amerikanischen Traums und Problem der Vorurteile gegenüber Minderheiten), die an die Erfahrungswelt auch jugendlicher Leser anknüpft. Ebenso ist die literarische Gestaltung (Wechsel der Erzählperspektive, Metaphorik, Symbolik ...) so komplex, dass hinreichende Gründe für ergiebige unterrichtliche Diskussionen bestehen. Der Roman ist für die 12. oder 13. Jahrgangsstufe wärmstens zu empfehlen. Bedauerlicherweise ist die einzige didaktische Ausgabe des Werkes seit einiger Zeit vergriffen. Da laut Auskunft des Verlages Schöningh keine Neuauflage geplant ist, bleibt dem interessierten Lehrer nur die Möglichkeit, auf eine englische oder amerikanische Taschenbuchausgabe zurückzugreifen.
Vgl. auch
Konkrete Arbeiten.


Philip Roth, Goodbye, Columbus (1959)

Auf dem literaturdidaktischen Markt ist es derzeit eine häufig anzutreffende Tendenz, hochaktuelle Romane mit zum Teil brisanten Themen nur wenige Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung für Unterrichtszwecke zugänglich zu machen. Bei der ersten didaktischen, im Langenscheidt-Verlag erschienenen Ausgabe von Goodbye, Columbus des jüdischen Erzählers Philip Roth ist das genaue Gegenteil der Fall. Der ursprünglich bereits 1959 publizierte Kurzroman wird allgemein als literarisches Meisterwerk angesehen, das in der Literaturgeschichte seinen festen Platz hat und das zugleich in den U.S.A. als die berühmteste Liebesgeschichte der fünfziger Jahre gilt.

Im Zentrum des Geschehens stehen der 23jährige Bibliothekar Neil Klugmann und die Studentin Brenda Patimkin. Beide sind jüdisch, beide sind sehr sportlich und haben viele gemeinsame Interessen. Da Neils Eltern wegen ihres Asthmas nach Arizona verzogen sind, lebt er im Haushalt seiner Tante Gladys in Newark. Während Neil aus einfachen Verhältnissen stammt und auch sein Verdienst eher bescheiden ist, wohnt Brendas Familie in einer vornehmen Gegend der Vorstadt und kann sich praktisch jeden erdenklichen Luxus leisten, so dass sich zwischen den Familien soziale Schranken auftun. Doch spielen Geld und Besitz offenbar in der Beziehung der jungen Leute keine Rolle: die beiden verlieben sich fast auf den ersten Blick ineinander und verleben zusammen einen sehr harmonischen Sommer.

Viele Kontakte spielen sich dabei in Brendas Familie ab. Ein Ereignis von besonderer Bedeutung ist die Hochzeit von Brendas Bruder Ronald (Ron), die mit großem Aufwand gefeiert wird. Auch Ron und Neil verstehen sich gut. Ron war als Teammitglied der Columbus-Universität Ohio ein gefeierter Star im American Football: am Tage seines Abschieds (vgl. Titel) wird ihm zur Erinnerung die Aufnahme einer Reportage seiner sportlichen Leistungen überreicht, die er Neil nicht ohne Stolz vorspielt.

Der Herbst bringt für Brenda und Neil eine erste Belastung, da sie ihr Studium in Boston fortsetzt: die räumliche Distanz macht die Pflege regelmäßiger Kontakte schwierig. Dass Tante Gladys Neils Beziehung wiederholt kritisiert, deutet ebenfalls auf ein eher unglückliches Ende voraus. Wie es zum Scheitern des Verhältnisses kommt, ist zwar nur aus dem zeitgeschichtlichen Hintergrund der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts nachvollziehbar, stellt aber auch heute noch unterhaltsamen Lesestoff dar, wozu auch die witzige und an Wortspielen reiche Sprachgebung beiträgt.

Für den Einsatzes dieses Texts im Englischunterricht spricht vor allem sein überschaubarer Umfang: der Roman umfasst im kleinformatigen Zuschnitt des Langenscheidt-Verlages aus dem Jahre 2005 rund 150 Seiten. Der von Druckfehlern leider nicht ganz freie Text wird ungekürzt präsentiert; für alle fett gedruckten und schwierig auszusprechenden Wörter werden (ähnlich wie in Reclams Roter Reihe) in Fußnotenform Übersetzungs- und Aussprachehilfen angeboten. Daher dürfte für Schüler mit fortgeschrittenen Englischkenntnissen (ab Klasse 11) eine kursorische Lektüre problemlos möglich sein.


Harper Lee, To Kill a Mockingbird (1960)

Der Roman spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in der Kleinstadt Maycomb (Alabama), also im Süden der Vereinigten Staaten. Das Buch wurde praktisch unmittelbar nach seiner Veröffentlichung unter der Regie von Robert Mulligan verfilmt. Diese brachte nicht nur dem Schauspieler Gregory Peck für die Rolle des Atticus (s.u.) eine Oskarprämierung ein, sondern trug auch entscheidend zu seiner erfolgreichen Rezeption bei.

In Maycomb gibt es eine Kastengesellschaft. Abgesehen von der Trennung in Schwarze und Weiße erfolgt in der amerikanischen Provinz auch noch die Aufspaltung in Begüterte und Arme, in die privilegierten Weißen und den sozialen Abschaum ('white trash'). Zu den wohlhabenden Weißen gehört der Rechtsanwalt Atticus Finch, sein Sohn Jem, seine Tochter Jean Louise (Scout) sowie nach dem frühen Herztod seiner Frau die schwarze Köchin Calpurnia (Cal). Im Mittelpunkt des Geschehens stehen die Erlebnisse von Jem, Scout sowie ihrem Cousin Dill, mit dem sie gemeinsam die Sommerferien verbringen. Für die drei Kinder ergeben sich intensive Spannungen zwischen ihrem Leben in der Familie und dem sozialen Klima. Atticus' Schwester Alexandra indessen identifiziert sich mit der Mehrheitsmeinung in der Stadt: von ihr wird ausgesagt, sie passe zu Maycomb wie die Hand zum Handschuh (Mandarin Paperbacks, 1989, p. 145).

Der Roman wird aus der Sicht des sechsjährigen Mädchens Jean Louise (Scout) Finch erzählt, dem jüngsten Familienmitglied, das durch seine vielen Fragen auch einen Beitrag zur Welt- und Wirklichkeitserfahrung des Lesers leistet. Scout wendet sich mit ihren Problemen vor allem an ihren Vater, dem stets geduldigen, seine Emotionen kontrollierenden Anwalt Atticus, der immer wieder von seinen Kindern verlangt, sich vorzustellen, sie befänden sich "in den Schuhen des Gegenübers" (p. 33, p. 308). Ähnliches tut auch die im Titel erwähnte Spottdrossel, die in der deutschen Übersetzung fälschlicherweise zur Nachtigall mutierte: mit ihren Gesang ahmt sie andere Vögel nach.

Der Sinn dieser Forderung nach Empathie liegt vor allem darin, dass die Kinder für die Außenseiter der Gesellschaft Verständnis entwickeln. Eine solche Außenstehende ist beispielsweise die in völliger Abkapselung lebende, krebskranke Mrs Dubose. Dazu zählt ebenso der retardierte Boo Radley, der aufgrund eines Jugendvergehens im elterlichen Haus dauerhaft eingesperrt lebt. Dazu gehört aber auch vor allem der Schwarzamerikaner Tom Robinson, der zu Unrecht wegen der Vergewaltigung einer weißen Frau angeklagt und verurteilt sowie bei einem Fluchtversuch erschossen wird.

In seinem leidenschaftlichen Plädoyer für die Unschuld Tom Robinsons greift Atticus auf einen Satz zurück, der auf Thomas Jefferson zurückgeht und integrierter Bestandteil der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wurde: "There is one way in this country in which all men are created equal ... That institution, gentlemen, is a court" (p. 226). Dafür kämpft Atticus als Anwalt, und dadurch wird er sowohl zum Hoffnungsträger der Schwarzamerikaner als auch zum Identifikationsmodell für viele Leser.

To Kill a Mockingbird ist ein faszinierendes und unterhaltsames Plädoyer für Toleranz, das auch literarische Ansprüche stellt. Aufgrund seines Umfangs, der Sprache und der Vorurteilsthematik ist es für den Einsatz ab Klasse 12/1 sehr gut geeignet. In Niedersachsen gehört der Roman zu den obligatorischen Abiturtexten für das Jahr 2010. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat die Autorin nichts Weiteres veröffentlicht. Dann erschien im Juli 2015 der Roman Go Set a Watchman, der ebenfalls in Maycomb, Alabama angesiedelt ist und der möglicherweise die unterrichtliche Bechäftigung mit To Kill a Mockingbird ergänzen kann; vgl. dazu Konkrete Arbeiten.


John Howard Griffin, Black Like Me (1961)

John Howard Griffin ist ein aus Dallas in Texas stammender Journalist und Schriftsteller weißer Hautfarbe. Angesichts der mangelnden Kommunikation zwischen den Schwarzamerikanern und den Weißen im amerikanischen Süden während der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entschließt er sich zu einem damals nicht ungefährlichen Projekt. Mit Hilfe einer speziellen medizinischen Behandlung läßt er seine Haut schwarz färben, so dass er als vermeintlicher Schwarzer von Ende Oktober bis Mitte Dezember 1959 sechs Wochen lang unter den Afro-Amerikanern leben und seine Erfahrungen in einem Tagebuch schriftlich festhalten kann. Auf diese Weise entsteht, wie im Fall des noch im gleichen Jahrzehnt erschienenen Werkes Soul Sister von Grace Halsell (1969), ein authentisches Dokument bezüglich der damaligen Rassenbeziehungen. Dieses steht im Zentrum des vorliegenden Bandes aus der Reihe Diesterwegs Neusprachliche Bibliothek.

Die Erfahrungen des Autors erstrecken sich auf verschiedene Staaten des tiefen Südens der U.S.A. (Louisiana, Mississippi, Alabama, Georgia, etc.). Die Ereignisse spielen zunächst in New Orleans im Bundesstaat Louisiana in der Zeit kurz vor der Bürgerrechtsbewegung; der Autor bleibt unerkannt, erfährt von vielen Weißen eine freundliche Behandlung, wenn er zum Beispiel auf der Suche nach einem Job ist, obwohl diese bei allen potenziellen weißen Arbeitgebern erfolglos bleibt. Mit einem schwarzen Partner arbeitet Griffin daher als Schuhputzer am Straßenrand.

Dann aber nehmen die Dinge eine entscheidende Wendung: ein Gericht in Mississippi weigert sich, gegen die Mitglieder eines weißen Lynchmobs Anklage zu erheben. Trotz der Warnung seines schwarzen Partners entschließt sich Griffin, diesen Bundesstaat aufzusuchen und am 14. November 1959 nach Hattiesburg aufzubrechen. Schon im segregierten Bus herrscht eine äußerst angespannte Atmosphäre. Wohlgesonnene Mitreisende verraten dem Autor ein paar für das Leben in Mississippi wichtige Verhaltensregeln. So tut ein Schwarzamerikaner etwa gut daran, keine weiße Frau anzusehen, stattdessen lieber die Augen auf die Erde zu richten und vor Straßendiebstählen auf der Hut zu sein. Zwar ist der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft der Schwarzamerikaner in dieser Region des Landes sehr ausgeprägt, aber dennoch ist der Autor höchsten psychischen Belastungen ausgesetzt: fast jeder Schritt zur Bewältigung des Alltags wird zur Überlebensfrage. Es herrscht eine Atmosphäre der Feindseligkeit und des Hasses, so dass Spannungen jeder Zeit in Gewalt umschlagen können.

Noch am Abend seiner Ankunft in Hattiesburg sieht sich Griffin so sehr unter Druck, dass er die Hilfe eines befreundeten weißen Journalisten in Anspruch nimmt. Es handelt sich um Percy Deal East, einem liberalen, entschlossenen Kämpfer für die Gleichheit der Rassen. Bei ihm übernachtet Griffin. Aufgrund seiner politischen Haltung bekommt East alle traditionellen Vorurteile zu hören: er ist ein 'Nigger-lover', ein 'Jew-lover', ein Kommunist, etc. Viele Leser kündigen infolgedessen eine von ihm edierte Zeitschrift und ziehen ihre Werbeanzeigen zurück.

Percy Deal East fährt den Autor in seinem Wagen nach New Orleans zurück. Von da geht Griffins Reise weiter in die Küstenstadt Bilox im tiefen Süden (Mississippi) und nach Mobile (Alabama). Wenn Griffin als Anhalter in den Autos Weißer mitfährt, sind diese nur an einem einzigen Gesprächsthema, nämlich Sex mit Schwarzen, interessiert. Sie hegen die abenteuerlichsten Vorstellungen bezüglich deren Sexualkraft, deren angeblich übergroßen Genitalien und ausgeklügelten sexuellen Techniken. Immer wieder stößt der Autor auf die Heuchelei und die im Süden der U.S.A. weitverbreitete Doppelmoral der Weißen bezüglich ihres Sexualverhaltens. Die Verbindung weiße Frau-schwarzer Mann gilt als Verbrechen; umgekehrt ist die Verbindung weißer Mann-schwarze Frau völlig 'natürlich', weil sie weißes Blut in die schwarze Rasse bringt. Diese Erfahrungen sind auch in dem einflußreichen Buch des schwarzamerikanischen Soziologen Calvin Hernton, Black and White Sex (1965) belegt.

Daneben erfährt der Autor aber auch schwarze Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Durch persönliche Erfahrungen kommt er zu der Überzeugung, dass die beiden gängigsten Vorurteile über die Schwarzen unwahr sind: die vermeintliche sexuelle Unmoral und die angebliche geistige Unterlegenheit der schwarzen Rasse. Damit nimmt der weiße Mann den Afro-Amerikanern ihr Selbstwertgefühl. Für diese wiederum ist eine gute Erziehung die einzige Möglichkeit, den herrschenden Teufelskreis zu überwinden. Nur über bessere Bildung sind für sie attraktivere Jobs, bessere Verdienstmöglichkeiten, mehr Zusammenhalt in den Familien und größere Anerkennung durch die Weißen zu erreichen.

In Montgomery (Alabama) formiert sich passiver Widerstand, angeführt von Dr. M.L. King. Noch immer gilt: die Schwarzen haben Pflichten als Steuerzahler und Soldaten, aber keine Rechte als Bürger. Angesichts dieser Erfahrungen kehrt der Autor in die weiße Gesellschaft zurück (er setzt das eingenommene Medikament ab, so dass allmählich die Pigmentierung seiner Haut wieder weiß wird). Indes sind in Atlanta durchaus Fortschritte erkennbar: hier gibt es viele schwarze Führungspersönlichkeiten, eine schwarzenfreundliche Verwaltung, eine für die Sache der Schwarzen engagierte Zeitung sowie eine richtige Einschätzung bezüglich der Wichtigkeit des Wahlrechts. In New Orleans werden viele Erfahrungen des Autors nachträglich durch Photos dokumentiert, dann geht es nach sieben Wochen per Flugzeug zur Familie zurück.

Es folgt ein Kapitel "The Aftermath 1960", ein für den Englischunterricht sehr interessanter Abschnitt. Der Autor macht seine Erfahrungen in ausführlichen Radio- und Fernsehinterviews sowie in Printmedien öffentlich: die Texte sind heute zum Teil im Internet nachzulesen. Viele Weiße beklagen die Diffamierung ihrer Rasse und sehen nicht, dass der Autor auch in ihrem Interesse zu handeln bemüht war. Es kommt zu Drohanrufen, seine Familie wird unter Polizeischutz gestellt und in Dallas in Sicherheit gebracht. Die Eltern des Autors wandern nach Mexiko aus, um dort unerkannt ein neues Leben zu beginnen. Lediglich in Briefen erfährt der Autor auch von vielen weißen Südstaatlern Unterstützung, doch bestimmt noch immer eine radikale weiße Minderheit das öffentliche Klima in den Rassenbeziehungen. Andererseits schießen militante schwarze Führer nun ihrerseits über das Ziel hinaus und sprechen von einer schwarzen Überlegenheit. Damit beschreibt der Autor auch die unmittelbare Resonanz, die sein Tagebuch auslöst, d.h. dass ein Stück Rezeptionsgeschichte des Werkes im Englischunterricht thematisiert werden kann.

Ein Epilog aus dem Jahre 1976 enthält eine konzentrierte Darstellung der Entwicklung in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Bürgerrechtler werden diffamiert und mit Hilfe erfundener Anschuldigungen und Schikanen kriminalisiert. Der Ku Klux Klan ist immer noch stark; die 60er Jahre bedeuten aber auch Hoffnung und Fortschritt, die Bildung eines Bewusstseins für schwarze Individualität sowie das Aufkommen schwarzen Stolzes. Trotz des Martyrertodes von Dr. Martin Luther King wird indessen noch keine allgemeine Anerkennung schwarzer Führer erreicht. Mit gezielten Gerüchten werden Unruhen und bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen provoziert, und Misstrauen besteht nach wie vor auf beiden Seiten. Weiße Südstaatler fürchten schwarze Aggressionen: für sie sind angeblich schwarze Agitatoren und Kommunisten die Ursache der Gewalt, und die Gleichheit der Rassen ist immer noch ein schöner Traum.

Ein kurzes Kapitel aus dem Jahre 1979, das mit "Beyond Otherness" überschrieben ist, schließt das Tagebuch ab. Durch die Veränderung seiner Hautfarbe erkennt der Autor seine eigenen Vorurteile: als er mit veränderter Pigmentierung zum ersten Mal in den Spiegel schaut, meint er, einen Fremden zu sehen. Daraus leitet sich seine zentrale Erkenntnis ab: "There is only one universal We [...] The Other is simply oneself in all the significant essentials" (p. 250f). Dies ist das letzte Kapitel des Werkes, das von Griffin selbst stammt und das ein Jahr vor seinem Tod entstand.

Der Band enthält darüber hinaus eine Reihe weiterer Teile, die ihn für den fortgeschrittenen Englischunterricht besonders attraktiv machen. In dem kurzen Vorwort von "Studs" Terkel wird die These aufgestellt, dass Griffins Black Like Me auch für unsere Zeit relevant sei (p. 5). Natürlich sind viele von Griffin beschriebene Aspekte des Rassismus nicht neu. Das, was früher unter der Bezeichnung Colour Problem subsumiert wurde und heute eher als Afro-American Experience bezeichnet wird, dürfte vielen älteren Lehrenden als landeskundlicher Dauerbrenner aus zahllosen Lehrwerken und Kursmaterialien bestens bekannt sein. Viele Lernende indes, die in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren wurden, werden sich angesichts der Tatsache, dass mit Barrack Obama zum ersten Mal ein schwarzer Präsident die Geschicke Amerikas lenkt und leitet, die vor ca. 50-60 Jahren alltäglichen Probleme gar nicht mehr vorstellen können.

Daraus indes läßt sich keinesfalls folgern, der Rassismus in den U.S.A. habe sich inzwischen überlebt. Nach dem ersten Jahr der Regierung Obamas zeigte sich mancherorts auch neuer bzw. verstärkter Widerstand gegen die Schwarzamerikaner. Und der Rassismus ist nach wie vor nicht nur im Süden aktuell. Schon Grace Halsell machte in den Gettos des Nordens ganz ähnliche Erfahrungen wie John Howard Griffin: ihr o.g. Werk Soul Sister kann als adäquate Ergänzung zu Black Like Me gelesen werden. Aber auch der preisgekrönte Episodenfilm Film Crash (2004), der in Los Angeles (Kalifornien) spielt und sich mit den Problemen des Zusammenlebens in einer multikulturellen Gesellschaft befasst (cf. "films for intercultural learning, part I"), zeigt die ganze Tragweite des Problems. Mit dem Einsatz des Films im Unterricht ergäbe sich eine attraktive mediale Ergänzung zu Griffins Text und auf jeden Fall reichliches Diskussionspotenzial.

Darüber hinaus enthält die Publikation des Diesterweg-Verlages ein ausführliches Nachwort (27 S.) aus dem Jahre 2006 von Robert Bonazzi, dem Biografen Griffins; es besteht aus wichtigen biografischen Informationen, aber auch aus genauen Hinweise zur Genese von Black Like Me, dessen Titel einem Gedicht von Langston Hughes entnommen ist. Unmittelbar nach seinem Experiment schrieb Griffin eine Artikelserie für die einmal im Monat erscheinende Zeitschrift Sepia, die sich vorwiegend an ein schwarzes Lesepublikum wandte. Die endgültige Druckversion seines Buches entstand wenig später in Mexiko.

Der vorliegende Band wird durch ein Literaturverzeichnis abgerundet, das schwerpunktmäßig weitere Werke Griffins empfiehlt, ferner durch kurze Auszüge aus diversen Rezensionen und einigen anerkennenden persönlichen Briefen an den Autor. Somit ist der vorliegende Band viel mehr als ein Tagebuch: er ist eher mit einer Anthologie vergleichbar, die weit über die Präsentationen eines einzelnen Textes hinausgeht. Nicht nur in dieser Hinsicht beeindruckt die vorliegende Schulausgabe durch ihre Qualität.

Angesichts der Authentizität des Tagebuchs wäre es m.E. ideal, wenn der Autor die Fakten für sich selbst sprechen ließe. Das ist indes nicht immer der Fall. Dass er ab und zu persönlich Stellung bezieht, mag noch hingenommen werden. Aber es gibt auch Beispiele dafür, dass Griffin den Zeigefinger erhebt und Moral predigt, wenn er etwa von der Kraft der Kindesliebe, die Menschen verwandeln kann oder von der Bedeutung der Nächstenliebe als Grundlage für moralisches Verhalten spricht (p. 128f). An anderer Stelle plädiert der Autor dafür, den Schwarzen ihre legitimen Rechte und Gleichheit vor dem Gesetz zuzugestehen, anstatt durch paternalistische Vorurteile ihre Würde zu verletzen (p. 171). Mit einer solchen Vorgehensweise reduziert der Autor für die Schüler die Möglichkeit, sich zu Rassismus und Vorurteilen ihre eigene Meinung zu bilden. Interpretatorisch ist der Text somit nicht sehr anspruchsvoll; von den textanalytischen Anforderungen her ist er schon zu Beginn der S II, u. U. auch selektiv, zu lesen.

Dagegen ist die sprachliche Gestaltung sehr anspruchsvoll: der Autor verfügt über ein ungewöhnlich großes Vokabular, das sich in einer sehr differenzierten Darstellungsweise niederschlägt und hohe Anforderungen an die Schüler stellt. Um diese zu bewältigen, bietet der Herausgeber Thomas Rau ebenso ausführliche wie sorgfältige Annotationen an, die in aller Regel einsprachig verfasst und gut verständlich sind. Genauso sorgfältig ist der Sachkommentar: die konzentrierten und für das Textverständnis relevanten Informationen sind in benutzerfreundlicher Fußnotenform angeordnet und erfassen sämtliche Bestandteile des Buches. Vorbildlich ist auch Textedition, in der mir kein einziger Druckfehler aufgefallen ist. Sowohl die Lernenden als auch die Lehrenden, die diesen Band im Englischunterricht benutzen werden, sollten dem Herausgeber für seine herausragende Leistung dankbar sein. In Amerika gehört das Buch heute an vielen Highschools und Universitäten standardmäßig zum Lehrplan. Auch in Deutschland wird es seine schulischen Leser finden: zumindest in Hessen (2010-2011) und Niedersachsen (2011) ist es als Abiturtext vorgesehen. Unabhängig davon sind dem Werk viele aufgeschlossene Leser zu wünschen.


Rudolfo Anaya: Bless Me, Ultima (1972)

Dass ein Roman aus der Sicht einer jugendlichen oder gar einer kindlichen Erzählerfigur berichtet wird, ist nichts Ungewöhnliches. Dies ist zum Beispiel in Harper Lees einzigem Roman To Kill a Mockingbird (s.o.) oder auch in einem der gelungeneren Werke des Bestsellerautors John Grisham mit dem Titel A Painted House der Fall. Im vorliegenden Roman von Rudolfo Anaya werden die Geschehnisse, die etwa zwei Jahre gegen bzw. nach Ende des zweiten Weltkriegs umfassen, aus der Sicht des sieben bis neun Jahre alten Erzählers Antonio Marez geschildert, der jugendlichen Lesern durchaus als Identifikationsfigur dienen kann. Er erlebt als I-narrator-as-witness viele Dinge, die er erst einmal verarbeiten muss. So wird Antonio wiederholt mit dem Tode konfrontiert, beispielsweise gleich zu Beginn des Romans, als der Mörder Lupito von den Stadtbewohnern umgebracht wird. Dieses Ereignis wird indes vom Erzähler gleichsam aus der Ferne wahrgenommen, wobei er die 'Bestrafung' des Kriminellen als gerechtfertigt ansieht.

Später tritt bei einem ähnlichen Ereignis eine größere emotionale Betroffenheit Antonios ein, als er aus nächster Nähe miterlebt, wie der rachsüchtige und gewalttätige Tenorio den harmlosen, aber hilfsbereiten Trunkenbold Narciso umbringt. Wiederum bleibt die Polizei im Hintergrund; die Vertreter des Gesetzes spielen kaum eine Rolle in diesem Roman.

Eine besondere Belastung stellt zudem das Schicksal seines Freundes Florence dar: Florence beklagt sich darüber, dass Gott ihm in der Kindheit seine Eltern nahm, als er diese am meisten brauchte. Auf Florences Frage, wieso Gott so etwas zulassen könne, wo er doch angeblich allgegenwärtig sei, wird weder vom Erzähler noch vom Autor im Romantext eine definitive Antwort zu geben versucht. Schießlich verliert auch der Freund bei einem Badeunfall sein Leben.

Das Erwachsenwerden schließlich steckt voller Schwierigkeiten. Antonio muss einerseits einen Platz unter den Gleichaltrigen finden; andererseits muss er aber auch lernen, gegenüber seinen Eltern eigene Entscheidungen zu treffen. Das Verstehen des Lebens impliziert einen langen, endlosen Lernprozess. In seiner Familie ist Antonio verschiedenen Einflüssen ausgesetzt. Als ehemaliger vachero (Cowboy) versucht Antonios Vater, seinen Sohn von der Idee der Freiheit zu überzeugen: er träumt immer noch den amerikanischen Traum, nach Westen, d.h. nach Kalifornien, zu gehen.

Im Denken seiner Mutter ist die katholische Religion zentral: sie möchte, dass ihr Sohn Priester wird. Auch wenn sich die naive Erwartung des Jungen nicht erfüllt, dass die Erstkommunion die Antwort auf alle seine Fragen an das Leben bedeutet, bleibt seine Entscheidung im Text offen. Vielmehr versucht Antonio, einen Kompromiss zu finden, der dem Charakter der Familien beider Elternteile gerecht wird.

Die im Titel genannte Ultima ist mit Sicherheit für die Entwicklung Antonios am bedeutsamsten. Von seinem siebten Lebensjahr lebt die alte Frau in Antonios Familie, in der sie wie in der Gemeinschaft überhaupt hohes Ansehen genießt: als curandera (Heilerin) glaubt sie an nicht nur übersinnliche Kräfte, sondern sie verfügt auch über besondere Gaben, Mittel und Methoden der erfolgreichen Krankenbehandlung. Ihre Eule, die mit ihrer Weisheit und ihren Warnungen vor Gefahr der Familie sowie den Mitgliedern der Gemeinschaft Vertrauen sowie Antonio in seiner eigenen persönlichen Welt Geborgenheit vermittelt, ist wie ihr zweites Ich. Einmal wird die Eule vom Autor gar als Ultimas Geist, als ihre Seele bezeichnet, welche die Verbindung der Heilerin mit dem Universum darstellt.

Als Tenorio Ultimas Eule erschießt und dieser Umstand auch den Tod der curandera nach sich zieht, endet jäh und unvermittelt Antonios Kindheit. Da sich Tenorio somit erneut als eine Bedrohung für die Gemeinschaft erweist, wird er seinerseits von Antonios Onkel Pedro getötet, und verständlicherweise wird sein Tod mit allgemeiner Erleichterung aufgenommen.

Die Interpretation des Textes stellt durchaus eine Herausforderung für jugendliche Leser dar: sie setzt die Begegnung mit einer andersartigen, fremden Welt voraus, die ein hohes Maß an Empathie erfordert: ein Sich-Hineinversetzen in die Mentalität der spanischstämmigen Figuren. Diese ist charakterisiert durch eine Mischung aus tiefer Religiosität, die Hilfsbereitschaft, praktische Nächstenliebe einerseits einschließt, aber andererseits durch Wunder-, Aberglauben, Furcht vor Hexen und die Bereitschaft bestimmt ist, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen. So ergibt sich ebenso eine Synthese aus katholischen Glaubensvorstellungen und überlieferten Mythen wie auch eine Verbindung aus realistischer Wirklichkeitsdarstellung und übersinnlichen Überzeugungen.

Diese Art der Darstellung, die auch als magischer Realismus bezeichnet wird, schafft eine zusätzliche Ebene für die literarische Bedeutungsanalyse. Auch wenn einige Aspekte auf den ersten Blick nicht mehr aktuell zu sein scheinen, hat dieser höchst bemerkenswerte Roman sicherlich ein hohes Diskussionspotenzial für junge Leser. Auf jeden Fall ist das Werk, das heute zu den meist gelesenen mexikanisch-amerikanischen Romanen zählt, im Kontext des interkulturellen Lernens eine attraktive Wahl.

Von seinem Umfang und von seinem sprachlichen Schwierigkeitsgrad her ist der Roman einem Kurs eingangs der Sekundarstufe II ohne Weiteres zuzumuten: einige rekurrente Elemente des Spanischen sind größtenteils aus dem Kontext zu erschließen. Der authentische und lebensnah wirkende Roman ist wie eine Autobiographie episodisch angelegt und hat daher den didaktischen Vorteil, dass er gut in thematische Einheiten zu untergliedern ist; auch ein selektives Vorgehen bzw. eine gezielte Schwerpunktwahl ist somit sehr gut möglich. Aus diesen Gründen ist der Text für den Einsatz im Englischunterricht ab Klasse 11 besonders zu empfehlen.
Vgl. auch Konkrete Arbeiten.


Amy Tan: The Joy Luck Club (1989)

The Joy Luck Club ist der bemerkenswerte Erstlingsroman einer chinesischstämmigen Amerikanerin. Darin wird das Schicksal von vier chinesischen Müttern und ihren Töchtern dargestellt, wobei jede Figur aus ihrer eigenen Perspektive berichtet, so dass diese sich ständig wandelt. Dadurch, dass jede Figur zwei Kapitel erzählt, ergeben sich vier Teile mit je vier Kapiteln, aus denen mosaiksteinartig allmählich ein Gesamtbild entsteht. Weil die Mütter auch Überliefertes aus ihrer Familiengeschichte schildern, reicht die Zeitspanne vom vorrevolutionären China vor dem ersten Weltkrieg bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Der Titel bezieht sich auf die wöchentlichen Treffen der Familien in Amerika zu Essen, Kartenspiel und Kommunikation.

Fast zwangsläufig enthält der Roman starke Kontraste. Das hängt zunächst einmal damit zusammen, dass sich die chinesische Mentalität von der amerikanischen völlig unterscheidet. Erstere ist von Tradition, Phantasie, alten Geschichten, Volksweisheiten, Glauben und Aberglauben bestimmt, die sich in zahlreichen ungewöhnlichen Metaphern ausdrücken. Da naturgemäß die jüngere Generationen der amerikanischen Lebensweise aufgeschlossener gegenüber steht als die eher der chinesischen Tradition verhafteten Eltern, ergeben sich mancherlei Konflikte. In China waren die Frauen rechtlos, die Eltern wählten früh die Gatten für die Töchter aus, und deren Wert hing von der Einschätzung ihrer Männer ab. Der Gehorsam der Frau war selbstverständlich, ein Aufbegehren unmöglich, und eine Witwe durfte nicht wiederheiraten. Während Konkubinen gesellschaftlich akzeptabel waren, blieb Emanzipation in China stets ein Fremdwort.

In Amerika dagegen sind die Frauen berufstätig, sie studieren und üben akademische Berufe aus. Darüber hinaus wissen sie sich zu wehren und sich gegenüber den eigenen Männern und den Eltern zu behaupten. Die Mütter haben teilweise ehrgeizige Ziele für ihre Töchter: Jing-Mei Woo soll zum Beispiel ein Wunderkind im Schachspiel werden, doch sie widersetzt sich dem mit Erfolg. Die Eltern sind weder mit der Partnerwahl ihrer Töchter noch mit deren Trennungsentscheidungen einverstanden. Rose Hsu kann ihre Scheidung von dem Architekten Ted nicht verhindern, aber sie wehrt sich mit Erfolg gegen die versuchte Demütigung, dass sie mit 10.000 Dollar abgespeist werden soll.

Im ersten Kapitel erhält Jing-Mei Woo, ein Mitglied des Joy Luck Clubs, den Auftrag, einen Wunsch ihrer verstorbenen Mutter zu erfüllen und in China nach ihren Zwillingsschwestern zu suchen, welche diese auf der Flucht vor den anrückenden Japanern verlor. Tatsächlich wurden die Zwillinge von einem armen Bauernehepaar gerettet und aufgezogen, so dass die Tochter im letzten Kapitel das erlebt, was der Mutter verwehrt blieb: ihre inzwischen erwachsenen Schwestern zu sehen und kennenzulernen. Damit schließt sich der Kreis der Erzählungen.

Der Roman vermeidet konsequent jede Schwarz-Weiß Zeichnung und praktiziert eine wohltuende Zurückhaltung bei Werturteilen: schon diese Tatsache macht seine Lektüre für jeden aufgeschlossenen Leser überaus angenehm. Das Werk ist einerseits ist seit einiger Zeit als gekürzter Text auf dem Schulbuchmarkt zu haben (Hrsg. Hans-Georg Noack, Lernmaterialien, Cambridge Literature). Ein ungekürzter Text aus der Reihe Cambridge Literature, der neben ausführlichen resource notes, einem auf britische Schüler abgestimmten Glossar auch praktische Aufgaben und Aktivitäten für den Unterricht enthält, wird neuerdings im Klett-Verlag angeboten.

Der Roman bietet aufgrund seiner ungewöhnlichen Erzählstruktur und der damit verbundenen Perspektivenvielfalt zweifelsohne ein reichhaltiges Diskussionspotenzial für interkulturelles Lernen; zugleich stellt er eine attraktive Alternative zu vielen Beispielen der sog. mainstream literature dar. Die sprachlichen Schwierigkeiten dürften die Schüler nicht überfordern. M.E. ist das Werk von der Klasse 11 an sehr zu empfehlen.


Lorri Hewett, Coming of Age (1991)

Dieser erst vor knapp 20 Jahren erstmalig publizierte Roman handelt von einer Gruppe schwarzer Jugendlicher, die in Denver (Colorado) eine integrierte Schule besuchen und kurz vor dem Abschluss stehen. Im Mittelpunkt stehen AJ, Erika, Ruthie und ihre jeweiligen Freunde, wobei die ständig wechselnde Perspektiven in den einzelnen Kapitelüberschriften zum Ausdruck kommen. Am klarsten erscheint AJs weiterer Lebensweg vorgezeichnet, da er aufgrund seines fußballerischen Talents bereits von vielen Colleges umworben wird.

Zu Beginn des Romangeschehens ist er mit der hellhäutigen Erika befreundet, die zwar eine begabte Sängerin ist, aber auch zu häufigen Streitereien neigt. Die dunkelhäutige Ruthie wird als intelligente und zielstrebige Schülerin vorgestellt, die aber wegen ihrer Herkunft aus gutbürgerlichen Verhältnissen und wegen ihrer gepflegten Sprache Kontaktschwierigkeiten mit den anderen hat; sie wirkt noch wie eine Außenseiterin auf der Suche nach sich selbst. Erika hat zahlreiche Auseinandersetzungen mit den Eltern, während AJ nach dem Tode seiner Mutter vor allem an seinem wesentlich jüngeren Bruder Anthony hängt. Dagegen ist sein älterer Bruder Franco Mitglied einer mafiaähnlich operierenden Bande, die mit Rauschgifthandel offenbar gute Geschäfte macht.

Als AJ und Ruthie im Chemieunterricht ein Arbeitsteam bilden, lernen sie sich allmählich besser kennen und verstehen. Um Anthony dem schädlichen Einfluss des großen Bruders Franco zu entziehen, stimmt AJ zu, dass sich Ruthies Familie seiner annimmt. Aus einer vorläufigen Entscheidung wird eine Dauerlösung, da auch Anthonys Vater einverstanden ist. Ruthies Eltern behandeln Anthony wie einen eigenen Sohn. Als AJ sich in Ruthie verliebt, kommt es mit Erika ausgerechnet an dem Abend zum Eklat, als diese bei einer Schulaufführung von George Gershwins Porgy and Bess einen persönlichen Triumph feiert. Erika verpasst Ruthie nicht nur ein blaues Auge, sondern wird auch so sehr von Hassgefühlen beherrscht, dass sie ihre Rivalin umbringen möchte.

Aber Ruthie weiß sich zu wehren, und Erika lässt von ihren Racheplänen ab. Sie flüchtet sich zunächst in die Arme ihres Ex-Freundes Dane, dann sucht sie Vergessen bei AJs Bruder Franco und zeitweise Trost in Alkohol- und Drogenkonsum. Nach der Graduierung werden Ruthie und AJ durch eine Distanz von rund 3000 Meilen getrennt, da AJ in Florida und Ruthie in Stanford studieren wird. Erika und Ruthie versöhnen sich schließlich.

Bei der ersten Lektüre fällt die ungewöhnliche Sprache des Romans auf, die (ähnlich wie in Forrest Gump oder Sozaboy) durch regelmäßige Abweichungen vom Standard American/British English gekennzeichnet ist. Es ist durchaus eine das Textverständnis erleichternde Maßnahme, dass die wichtigsten Sonderformen in einem Anhang der Schulausgabe (Cornelsen-Verlag) zusammengestellt sind. In thematischer Hinsicht bietet der Text Ansatzpunkte für zahlreiche Diskussionen: es geht um Probleme des Erwachsenwerdens, der Identitätsfindung, der Rassenbeziehungen, des stereotypen Denkens, der Toleranz, etc. (vgl. hierzu die im gleichen Verlag erschienene Lehrerhandreichung), also um Aspekte, welche die Initiation schwarzamerikanischer Jugendlicher betreffen.

Aber weder als novel of initiation noch als black literature stellt die vorliegende Neuerscheinung eine Option da, zu der es keine Alternativen gibt. Aufgrund des in der o.g. didaktischen Ausgabe vorhandenen Sprachkommentars, der relativ einfachen Syntax und der Dominanz der leicht lesbaren Dialoge ist der Roman von der Jahrgangsstufe 11/2 an verwendbar.


Ernest J. Gaines, A Lesson Before Dying (1993)

Das Romangeschehen spielt in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts im Süden der U.S.A., und zwar im Bundesstaat Louisiana. Der junge Schwarzamerikaner Jefferson wird Zeuge, wie ein weißer Kneipenbesitzer und zwei seiner Kunden erschossen werden. Obwohl er selbst völlig unbeteiligt ist, wird er wegen Mordes angeklagt und nach kurzer Beratung von einem Schwurgericht zum Tode verurteilt. Diese Ereignisse werden in geraffter Form im Eingangskapitel dargestellt und bilden die Grundlage des gesamten übrigen Romans.

Vor Gericht wird Jefferson von seinem Pflichtverteidiger als primitives Wesen, ja sogar als Tier hingestellt, das zu einem Mord gar nicht fähig sei. Als Schlüsselwort dafür taucht gleich auf der ersten Seite des Texts der Terminus "hog" auf (p. 7). Diese Wortwahl erweist sich nicht nur als ein juristisch-strategischer Fehlschlag, sondern zugleich auch als eine psychologisch-menschliche Katastrophe. Jefferson ist in seiner Würde als Mensch innerlich schwer getroffen und zutiefst verletzt: er fühlt sich geradezu wie stigmatisiert.

Berichtet werden die Ereignisse aus der Perspektive des Ich-Erzählers Grant Wiggins, der sämtliche schwarzamerikanische Kinder des Viertels unter recht ungünstigen Bedingungen in einer nur für Schwarze bestimmten Kirche unterrichtet. Da seine Eltern nach Kalifornien abgewandert sind, lebt er bei seiner Tante Lou. Grant Wiggins hat als einziger seiner ethnischen Gruppe eine akademische Ausbildung, und gerade deshalb werden in ihn besondere Erwartungen gesetzt: Miss Emma, Jeffersons Patentante, die bisher für ihn gesorgt und die sich für ihn verantwortlich fühlt, hat den Wunsch, dass Wiggins ihren Patensohn im Gefängnis besucht und auf ihn einwirkt, damit dieser wie ein Mann in Würde stirbt. Bis zur Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl, die schließlich auf den zweiten Freitag nach Ostern festgesetzt wird, verbleiben nur wenige Monate Zeit.

Obwohl Grant Wiggins auch von seiner Tante und von seiner Geliebten Vivian gedrängt wird, Miss Emmas Wunsch zu entsprechen, willigt er zunächst nur widerstrebend in den heiklen und undankbaren Auftrag ein. Er sieht sich in eine Erlöserrolle gedrängt, die eine Art von Druck mit sich bringt, dem er zunächst nur mit Ablehnung zu begegnen weiß. Doch trotz aller Bedenken und Zweifel läßt er schließlich nichts unversucht, um Jefferson zu helfen. Es geht also im Kern der Romanhandlung primär nicht um die Willkür des Gerichtsurteils, nicht um das Leben des Verurteilten, allenfalls am Rande um sein Seelenheil, sondern vor allem darum, ihm seine menschliche Würde zurückzugeben.

Wiggins' Versuche bleiben lange Zeit erfolglos. Jefferson reagiert immer wieder mit Apathie, Feindseligkeit und verbaler Aggression, indem er jede wirkliche Kommunikation konsequent verweigert. Doch mit Geduld und Hartnäckigkeit gelingt es Wiggins, das Vertrauen des Verurteilten zu gewinnen, ihn von seinen freundschaftlichen Absichten zu überzeugen, so dass dieser sich schließlich überwindet, mit dem Lehrer in ein Gespräch einzutreten. Ein Radio, das Wiggins als Geschenk mitbringt, dient als willkommene Abwechslung gegenüber der Eintönigkeit des Alltags im Gefängnis. Ein Notizbuch und ein Bleistift ermöglichen Jefferson das Führen eines Tagebuchs. Schließlich gewinnt er den Glauben an sich zurück, schließt Frieden mit sich selbst und öffnet sich zudem seiner Patentante Miss Emma und dem schwarzen Pfarrer Ambrose gegenüber. Auch wenn Jefferson so seine Lektion lernt (vgl. Titel) und er sich der Situation seiner Hinrichtung gewachsen zeigt, bleiben viele Fragen offen.

A Lesson Before Dying ist ein ungewöhnlicher Text zu dem scheinbar nur allzu vertrauten Thema des Rassismus in den Vereinigten Staaten. Seine Formen und Auswirkungen sind im alltäglichen Leben gut im Text festzumachen, z. B. an der konsequenten Segregation, die getrennte Schulen für schwarze und weiße Kinder, desgleichen getrennte Kirchen, Kinos, Restaurants, Toiletten etc., für die unterschiedlichen Ethnien bedeutet. Dieser Zustand wurde bekanntlich erst nach der von Dr. Martin Luther King ins Leben gerufenen Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre überwunden. Man kann angesichts der Tatsache, dass inzwischen ein Schwarzamerikaner Präsident der Vereinigten Staaten geworden ist, natürlich fragen, ob der Roman gegenwärtig noch aktuell ist. M.E. sollte man das Werk indes nicht nur als landeskundlich-geschichtlichen Kontrast zum heutigen Zustand betrachten. Vielmehr liegt der Reiz in der Konzentration auf die zwischenmenschliche Problematik, auf den Vorbildcharakter des vermeintlichen Mörders, auf die Anteilnahme der Schwarzamerikaner an seinem Schicksal, auf deren Solidarität untereinander, auf Ansätze eines Brückenschlages zwischen einzelnen Vertretern unterschiedlicher Hautfarbe ...

Der 1993 erschienene Roman ist sprachlich leicht, insgesamt ca. 220 Seiten lang und durch die sorgfältigen und sachkundigen Annotationen des Herausgebers Hartmut K. Selke leicht zugänglich. Eine Ausnahme bildet lediglich das schwer verständliche Kapitel 29 (pp. 198-205), das Jeffersons Tagebuch enthält: es steckt voller orthographischer und grammatischer 'Fehler' und ist dennoch als Jeffersons authentisches Vermächtnis für close reading im Englischunterricht unverzichtbar. Neben Text und Annotationen weist Selkes Ausgabe eine knappe, aber informative biographische Skizze auf, die auch ein Photo des Autors enthält. Bezüglich des Sachkommentars ist mir an einer Stelle aufgefallen, dass einige Bibelzitate nicht lokalisiert werden (Kapitel 5, p. 33), eine Lücke, die man mit Hilfe einer Konkordanz oder mit Hilfe des Internets leicht schließen kann. M.E. bildet das vorliegende Werk eine attraktive Option zu einem häufig im Englischunterricht behandelten Thema, dessen Einsatz von Beginn der Sekundarstufe II an wärmstens zu empfehlen ist. Für das Jahr 2010 gehört der Roman zu den obligatorischen Abiturtexten in Niedersachsen.


Walter Dean Myers, Monster (1999)

Das vorliegende Werk stellt ein Beispiel für die immer häufiger anzutreffende Tendenz dar, schon wenige Jahre nach der Erstveröffentlichung didaktische Ausgaben auf den Markt zu bringen. In dem Roman Monster des afro-amerikanischen Schriftstellers Walter Dean Myers steht der schwarze Jugendliche Steve Harmon im Zentrum, dem die Beteiligung an einem Raubmord zur Last gelegt wird: ein angesehener schwarzer Geschäftsmann wurde überfallen und mit seiner eigenen Waffe umgebracht.

In struktureller Hinsicht sind zwei konstituierende Elemente zu unterscheiden. Einerseits besteht das Werk aus Tagebucheintragungen des Protagonisten, d.h. aus narrativen, deskriptiven und reflektierenden Passagen. Andererseits wird mosaikartig die Gerichtsverhandlung dargestellt, die naturgemäß überwiegend dialogischen Teile aufweist. Somit ist das Werk im Grenzbereich zwischen Roman und Drama angesiedelt und stellt ein interessantes Beispiel für Gerichtsliteratur dar, die in der amerikanischen Literaturgeschichte von Theodore Dreisers An American Tragedy (1925) über Richard Wrights Native Son (1940) bis hin zu diversen aktuellen Romanen von John Grisham eine lange Tradition aufweist. Diese impliziert nicht nur ein hohes Maß an Spannung, sondern verlangt auch nach close reading, damit der Leser aus den gegensätzlichen Darstellungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung sein eigenes Urteil bilden kann.

Das Besondere des Romans liegt zudem darin, dass der Protagonist die Gerichtsverhandlung seines eigenen Falles in filmischen Sequenzen nachbildet, d.h. dass er ein Skript über sein eigenes bisheriges Leben schreibt. Zwar wird Steve Harmon schon zu Prozessbeginn von der Staatsanwältin als Ungeheuer (vgl. Titel) verurteilt, doch erweist er sich im Text als ein phantasiebegabter und sensibler Jugendlicher, der seine Emotionen und Befürchtungen über das Medium Film ausdrückt, so zum Beispiel seine Angst vor der Verurteilung, aber auch seine Furcht vor Gewalt und sexueller Nötigung, die im Gefängnis an der Tagesordnung sind. Die Handlung spielt somit auf zwei verschiedenen Ebenen: zwischen der fiktionalen Realität und der filmischen Wirklichkeit gibt es fließende Grenzen.

Ungewöhnlich ist auch das lay-out des Romans. Die Tagebucheintragungen Steve Harmons sind grundsätzlich in Schreibschrift wiedergegeben, die auf diese Weise die Authentizität des Falles suggeriert. Die Ereignisse in der Gerichtsverhandlung sind in Druckschrift gesetzt und werden gelegentlich durch Anweisungen für den Filmregisseur ergänzt. Zudem wurde das Werk durch Christopher Myers, einen Sohn des Autors, illustriert: d.h. dass zahlreiche geschickt gewählte und ausdrucksstarke Photos einen integrierten Bestandteil des Textes bilden.

Es ist fast nebensächlich, dass Steve Harmon zum Schluss freigespochen, sein Komplize dagegen zu 25 Jahren Haft verurteilt wird. Trotz des Freispruchs bleibt Steves Verhältnis zu seiner Anwältin und zu seinen Eltern distanziert. Und so wird das Filmprojekt zum Mittel der Selbstsuche.

Monster ist ein höchst attraktives, faszinierendes Jugendbuch. Die wichtigsten Formen des black slang werden in der Klett-Ausgabe vorab erläutert, der Text insgesamt sorgfältig annotiert. Zudem finden sich im Anhang Glossare zu filmischen und juristischen Fachtermini in englischer Sprache, die für systematische Wortschatzarbeit im Englischunterricht genutzt werden können. Der Einsatz des Werkes ist von der Jahrgangsstufe 11 an höchst empfehlenswert.


Ann Jaramillo, La Línea (2006)

Der Roman beginnt am Geburtstag des 15jährigen Ich-Erzählers Miguel in San Jacinto (Mexiko): als Geschenk zu diesem Anlass trifft eine lang ersehnte, schriftliche Nachricht seines Vaters Domingo aus den U.S.A. ein, dass sein Sohn sich aufmachen und ihm nach Kalifornien folgen solle. Miguel und seine eineinhalb Jahre jüngere Schwester Elena leben seit sieben Jahren allein bei ihrer Großmutter Abuelita in Mexiko. Infolge der hier herrschenden Armut haben die Eltern ihre Heimat und ihre Kinder verlassen, um im gelobten Land des Nordens Arbeit zu finden, dort genügend Geld zu verdienen und ihre Kinder nachkommen zu lassen. Jetzt wendet sich Miguel im Auftrag seines Vaters an den Fluchthelfer Don Clemente, dem Domingo einst das Leben rettete. Dessen Stolz läßt es nicht zu, sozusagen als Gegenleistung Don Clementes Dienste unentgeltlich in Anspruch zu nehmen: er besteht darauf, ihn angemessen zu bezahlen, was das mögliche Wiedersehen von Vater und Sohn faktisch weiter hinausschiebt.

Für Miguel gibt es ein Abschiedsfest und -geschenke. Dann macht er sich auf die Reise, die mit mancherlei Gefahren verbunden ist; es wird gemunkelt, dass bei illegalen Grenzüberschreitungen auch Entführungen, Todesfälle, Organ- und Babyhandel im Spiele sind. In der Tat hat er viele kritische Situationen zu überstehen: zunächst geht es mit dem Bus nach Norden, in dem er zu seiner Überraschung – in der Tracht der Indios - seine Schwester Elena antrifft, die ihren Willen durchsetzt, den Bruder zu den Eltern zu begleiten.

Nach einer ersten Kontrolle durch die Polizei sollen sie genauso wie andere Reisende nach Guatemala gebracht werden. Zwar können sie fliehen, doch werden sie in der ersten Nacht, die sie im Freien verbringen müssen, fast vollständig ausgeraubt. Der Verzweiflung nahe, nehmen sie am nächsten Tag als einzige ihnen verbliebene Option illegal einen Güterzug, der sie trotz vieler Gefahren, die von Soldaten und bewaffneten Banden drohen, ein gutes Stück nach Norden bringt. Sie machen gemeinsame Sache mit Javier (Javi), einem Auswanderer aus El Salvador, der ebenfalls in Richtung U.S.A. unterwegs ist. Zugleich wird auch deutlich, dass sich viele mexikanische Jugendliche in der gleichen Lage befinden: sie nehmen große Gefahren auf sich, um endlich die Zerrissenheit ihrer Familien zu überwinden. Dabei wird Miguel sich während der Reise bewusst, dass er infolge der sieben Jahre langen Trennung keine Bindung mehr zum Vater hat: stattdessen wird er von einem Gefühl der absoluten emotionalen Leere beherrscht.

Die Reise umfasst noch eine Reihe weiterer Stationen: die Mitfahrt auf einem LKW, die Kontaktaufnahme mit einem Fluchthelfer, einen langen und anstrengenden Fußmarsch durch die Wüste, der Kampf mit den extremen Temperaturen, die Konfrontation mit Hunger, Durst und Tod. Dabei ist die Schilderung der einzelnen Begebenheiten von so realistisch-naturalistischer Präzision, dass sie nicht nur eindrucksvoll, sondern vor allem auch glaubwürdig wirkt. Natürlich hofft der Leser mit den Protagonisten, doch anstelle eines klischeehaften happy ending ist der Schluss nicht ganz von Überraschungen frei ...

Dieser ungemein spannende Roman ist das Erstlingswerk der Schriftstellerin Ann Jaramillo, die in Südkalifornien lebt und vor allem mexikanischen Immigrantenkindern Sprachunterricht erteilt. Zudem ist sie mit einem in El Paso, also nahe der amerikanischen Grenze aufgewachsen Mexikaner verheiratet, so dass sie aus erster Hand mit dem Schicksal der mexikanischen Einwanderer bestens vertraut ist. Nichts zeigt die Aktualität der Thematik besser als die Tatsache, dass der Roman 2006 erschien und schon Mitte 2008 die didaktische Ausgabe des Klett-Verlags in den Schulen eingesetzt werden kann.

Die Erzählung ist mit ca. 120 Seiten Text gut überschaubar, in zahlreiche, kurze Kapitel eingeteilt, welche die Strukturierung im Unterricht erleichtern. Dazu ist sie sprachlich nicht zu kompliziert. Zwar ist das Englische mit zahlreichen spanischen Ausdrücken durchsetzt, die aber in den Fußnoten erklärt werden und das Leseverständnis somit nicht erschweren. Zugleich verstärken sie den Eindruck der Authentizität des Textes. In einer persönlichen Stellungnahme (vgl. "About This Book") betont die Autorin zwar den fiktiven Charakter der Erzählung, aber zugleich deren Verwurzelung in den Fakten.

La Línea ist für den Englischunterricht besonders zu empfehlen: das Werk ist meines Wissens für den Einsatz zu Ende der S I konkurrenzlos. Bezüglich dieser Problematik sind mir lediglich die folgenden beiden annotierten Kurzgeschichtensammlungen bekannt: Marga Munkelt (Hrsg.), Mexican-American Stories (Stuttgart, Reclam, 2004) sowie Sylvia Mayer/Graham Wilson (Hrsg.),T.C. Boyle: After the Plague and Other Stories (Stuttgart: Reclam 2006). Beide können sowohl zur Einführung als auch zur Ergänzung der von Ann Jaramillo behandelten Problematik eingesetzt werden. In den gleichen Kontext gehört natürlich auch T.C. Boyles Roman The Tortilla Curtain (1997); vgl. Sozialkritische Romane, aber dieses Werk eines amerikanischen Angehörigen der Mittelklasse sollte von Umfang und Anspruch eher in einer der Abschlussklassen der S II gelesen werden.


Last Updated by Dr. Willi Real on Thursday, 25 November, 2010 at 9:15 AM.

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