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Romane aus den früheren Commonwealth-Ländern
(New English Literatures)




Joan Lindsay, Picnic at Hanging Rock (1968)

Die Handlung dieses in Australien spielenden Romans beruht auf wirklichen Ereignissen und lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen. Am 14.2.1900 (dem Valentinstag) unternehmen die Mädchen eines Internats wie jedes Jahr einen Ausflug zum Hanging Rock. Dabei verlassen drei Schülerinnen und eine Lehrerin die Gruppe in der vermutlichen Absicht, den hängenden Felsen näher kennenzulernen und so weit wie möglich zu besteigen. Da sie zum vereinbarten Zeitpunkt nicht wieder zur Stelle sind, müssen die Übrigen ohne sie zum Internat zurückkehren.

Nach diesem Ereignis nimmt ein Unheil seinen Lauf, dessen Ursachen und Hintergründe niemals aufgeklärt werden. Polizeiliche und private Suchaktionen bleiben zunächst erfolglos. Erst nach einer Woche wird die Schülerin Irma Leopold bewusstlos aufgefunden, aber sie hat keine Erinnerungen an das gemeinsame Picknick und kann bei den Ermittlungen nicht weiterhelfen. Im Laufe des Jahres kehren Lehrer dem Kollegium den Rücken, Schülerinnen verlassen die Schule, die Atmosphäre dort wird immer unerträglicher, das Schulgebäude fällt einem Buschfeuer zum Opfer, und die Schulleiterin setzt am hängenden Felsen ihrem Leben ein Ende. Eine komplette Zusammenfassung der Ereignisse findet sich auch im Schlusskapitel des Romans in Form eines Zeitungsartikels.

Es ist das Verdienst des Langenscheidt-Longman Verlages, im Jahre 1991 eine didaktische Ausgabe dieses Romans veröffentlicht zu haben. Sie umfasst eine ausführliche Einleitung, ein für englische Leser bestimmtes Glossar und einen darin integrierten Aufgabenapparat. Dennoch bestehen erhebliche Zweifel an der Eignung des Romans für fremdsprachliche Unterrichtszwecke. Zunächst einmal ist das Vorgehen der Autorin durchgehend dokumentarisch: sie schreibt über rätselhafte Ereignisse, ohne eine Lösung zu versuchen oder die Perspektive der Opfer darzustellen. Zudem scheint ein Einstieg in den Romantext weder über die Handlung noch über die Konstellation der Charaktere sinnvoll; überhaupt lässt sich das Romanganze nur schwer in sinnvolle didaktische Teileinheiten strukturieren. Letzlich sind die konkreten Ereignisse sekundär; die imaginative Leistung (die Umwandlung der Fakten in Fiktion) und die sprachliche Gestaltung (vgl. z.B. die beeindruckenden Beschreibungen der Natur und der Atmosphäre) machen den eigentlichen Charakter des Romans aus.

Somit liegt ein Text vor, der nicht nur ein fernes Land und eine ferne Epoche möglicherweise lebendig werden lässt, sondern auch zum (wiederholten) Lesen, aber nicht so sehr zum Diskutieren und Analysieren einlädt. Der Roman fordert nicht zur Auseinandersetzung mit den erzieherischen Normen von 1900 heraus, sondern stellt vielmehr ein attraktives Angebot an Literaturliebhaber dar. Vieleicht wird die Beschäftigung mit gut gewählten Ausschnitten einige interessierte Schülerinnen und Schüler zur Lektüre motivieren.


Ruth Prawer Jhabavla, Heat and Dust (1975)

Dieser Roman beschreibt das Schicksal einer britischen Frau in Indien. Im Zentrum steht Olivia Rivers, verheiratet mit Douglas Rivers, dem Großvater der Ich-Erzählerin des Romans (ihr Vater ist ein Sohn des Douglas aus zweiter Ehe). Olivias Schicksalsjahre liegen in den frühen Zwanzigern des letzten Jahrhunderts, als Indien unter britischer Verwaltung steht. Douglas ist ein pflichtbewusster und effizienter Beamter, der morgens früh zur Arbeit aufbricht und abends spät heimkommt, während seine Frau oft lange und vergeblich auf ihn wartet. Mit anderen Worten: sie fühlt sich zu Recht von ihrem Gatten vernachlässigt; ihre Rolle ist die der passiven Unterordnung, und die Vorstellung von der weiblichen Selbstverwirklichung liegt außerhalb des allgemeinen Bewusstseinshorizontes.

So entwickelt sich zwischen Olivia und dem undurchsichtigen indischen Fürsten Nawab zunächst eine Freundschaft, später ein Liebesverhältnis. Sie fühlt sich offfenbar von ihm als Frau ernst genommen und unterliegt der Ausstrahlung seiner Persönlichkeit, auch wenn das Gerücht umgeht, dass bewaffnete Banden für ihn Beutezüge machen und er bei verschiedenen Unruhen seine Hand im Spiel hat. Als sie schwanger wird, freuen sich sowohl Douglas als auch Nawab auf ihre Vaterrolle. Olivia indes lässt, ohne dass es zu einer Aussprache mit Douglas kommt, das Kind abtreiben und kehrt aus dem Krankenhaus nicht zu ihrem Mann zurück. Die Ich-Erzählerin rekonstruiert zwei Generationen später aus Briefen und verschiedenen anderen Quellen das Schicksal ihrer Stiefgroßmutter Olivia, reflektiert aber auch ihrerseits über das moderne Indien, das die englische Herrschaft abgeschüttelt hat (der Roman erschien erstmalig 1975).

Diese erst im letzten Drittel geschilderte Handlung bildet einen schwach ausgeprägten fiktionalen Rahmen für das eigentliche Anliegen des Romans. Es geht der Autorin nicht um eine Erzählung spannender Ereignisse, sondern um eine Beschreibung des Landes, um eine Analyse der indischen Mentalität, seiner Kultur, seiner Geschichte und seiner verschiedenen Religionen. In dem anspruchsvollen, dialogarmen Text überwiegen die Reflexionen, wobei die aus Europa stammende, aber mit einem Inder verheiratete Autorin eine durchaus ambivalente Haltung zu Indien erkennen lässt. Das Lesen des Romans erfordert die Bereitschaft, sich auf eine ferne und fremde Welt einzulassen.

Die erste didaktische Ausgabe erschien 1995 in der Langenscheidt-Longman-Verlagsgemeinschaft: sie enthält eine informative Einleitung und einen hilfreichen Fragenkatalog, während das Glossar eher an den Bedürfnissen muttersprachlicher Leser orientiert ist. Inzwischen sind bei Klett und bei Cornelsen weitere Ausgaben erschienen, zu denen jeweils auch ein Teacher's Guide gehört, der den Kolleginnen und Kollegen für die Unterrichtsvorbereitung des nicht immer leicht zugänglichen Texts reichhaltige Anregungen liefert. Auch im Schöningh-Verlag liegt inzwischen in der Reihe EinFach Englisch ein ausführliches Unterrichtsmodell vor; Vf. ist Michael Groschwald. Die Verlage reagieren damit offenbar auf die Tatsache, dass der Roman in Niedersachsen zumindest für die Jahre 2008 und 2009 zum Abiturthema gewählt wurde.


Nadine Gordimer, July’s People (1981)

Nadine Gordimer, Trägerin des Nobelpreises für Literatur, ist zwar europäischer Abstammung, aber sie wurde im Jahre 1923 in der Nähe von Johannesburg geboren und hat praktisch ihr gesamtes bisheriges Leben in Südafrika verbracht. Nicht zu Unrecht steht sie in dem Ruf, dass sie wie niemand sonst über dieses Land zu schreiben vermag. Mit Südafrika ist die Vorstellung von der jahrelangen Herrschaft der Weißen sowie der Diskriminierung und Unterdrückung der schwarzen Südafrikaner durch das System der Apartheid untrennbar verbunden.

In ihrem 1981 veröffentlichten Roman July's People geht Nadine Gordimer von einer veränderten politischen Konstellation aus. In Johannesburg und anderswo kommt es zu Unruhen, Konflikten und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Es gibt so viele Aufständische, dass sie nicht alle verhaftet werden können und weiße Südafrikaner um ihr Leben fürchten müssen. In dieser kritischen Situation verlassen auch Bam und Maureen Smales mit ihren drei Kindern Johannesburg, wobei ihr langjähriger Diener July, der eine gute Bezahlung erhielt und mancherlei Privilegien genoss, für sie zur Schlüsselfigur wird. Gemeinsam flüchten sie zu seinem Stamm und zu seiner Familie im Innern des Landes.

Aus dem radikalen Wandel der Machtverhältnisse folgt eine ebenso grundlegende Veränderung ihrer persönlichen Existenz. Nichts genügt mehr den Ansprüchen der Zivilisation, mit der sie nur noch durch ein Transistorradio verbunden bleiben, mit dessen Hilfe ihnen Nachrichten von weiteren Unruhen und Aufständen übermittelt werden. Zusammen mit ihren Kindern leben sie in dem einen Raum einer engen Lehmhütte, die jede Form von Privatsphäre unmöglich macht.

Die hygienischen Verhältnisse lassen sehr zu wünschen übrig, und häufige Regenfälle bedeuten noch dazu eine gesundheitliche Gefährdung. Die Smales versuchen, sich nützlich zu machen, indem Bam einen Tank für das Sammeln von Regenwasser einrichtet und Maureen mit den Frauen auf den Feldern arbeitet. Dennoch wird ihr Abhängigkeitsverhältnis von ihrem Diener immer deutlicher, der im Gegensatz zu früher selbständige Entscheidungen trifft und auch als Dolmetscher fungieren muss.

July ist es auch, der eine Audienz bei dem Häuptling des Stammes vermittelt. Selbst wenn Bam diese zunächst als Höflichkeitsbesuch interpretieren möchte, erscheinen die Weißen als Bittsteller um ihr Bleiberecht. Der Häuptling, der bei seinen Leuten ein hohes Maß an Autorität genießt und den Smales durchaus gewogen ist, scheint mit der sich abzeichnenden Situation des politischen Umbruchs überfordert zu sein. Jedenfalls ist er daran interessiert, von der bisherigen Regierung Waffen zu bekommen und mit seinem Volk gegen die Aufständischen zu kämpfen. Insofern erscheint den Smales ihre Lage sehr unsicher, und als darüber hinaus noch Bams Pistole gestohlen wird, fühlen sie sich mehr oder weniger hilflos, zumal July sich weigert, bei der Suche nach dem Dieb zu helfen. Als ein Hubschrauber mit englisch sprechenden Insassen in der Nähe landet, läuft Maureen wie neu geboren ihnen entgegen. Damit schließt die Handlung des Romans.

Die Lektüre dieses ca. 160 S. langen Texts ist sprachlich nicht einfach. Zudem ist das Werk relativ arm an Ereignissen und konzentriert sich eher auf die Eindrücke, Gedanken und Gefühle der handelnden Personen. Reizvoll für die unterrichtliche Arbeit ist sicherlich die rollentheoretische Analyse der Figurenkonstellation. Reizvoll wäre aber auch ein Vergleich zwischen der fiktionalen Vision der Autorin aus dem Jahre 1981 und dem inzwischen vollzogenen demokratischen Machtwechsel. Im Longman-Verlag wird eine didaktische Ausgabe dieses attraktiven Romans angeboten, der von der Klasse 12/1 an für Unterrichtszwecke zu empfehlen ist.


Melina Marchetta, Looking for Alibrandi (1982)

Die Konstellation der Charaktere in diesem Roman ist sehr ungewöhnlich: im Mittelpunkt stehen drei in Sidney lebende australische Frauen italienischer Abstammung, bei denen es sich um die Großmutter Katia, ihre Tochter Christina und ihre Enkelin Josephine (Josie) Alibrandi handelt. Die Ereignisse werden aus der Sicht Josies beschrieben, die zu Beginn des Romans etwa 17 Jahre alt ist und eine von Nonnen geleitete, katholische Schule besucht. Die Erzählung besteht aus einzelnen Erfahrungen in ihrem Leben, die chronologisch geordnet sind und einen eher episodischen Charakter haben. Doch gewinnt man als Leser zunehmend den Eindruck, dass Josie eine positive Entwicklung durchmacht, sich selbst ihre Fehler (z. B. ihren Egoismus gegenüber ihrer Mutter) eingesteht und die Beziehungen zu ihrer näheren Umwelt und ihrer Familie enger und freundschaftlicher werden lässt.

In der Schule fühlt sich Josie zunächst als Außenseiterin: es bestehen Reibungsflächen zwischen den südeuropäischen Einwanderern (Italienern und Griechen) und den Australiern britischer Abstammung, die sich aufgrund ihrer längeren Verbindung mit dem Land als Einheimische fühlen. Aber auch Josie und ihre Familie sehen sich als Australier, selbst wenn sie einige Bräuche ihrer italienischen Tradition beibehalten wollen. Ferner gibt es immer wieder Konflikte mit den Lehrerinnen bzw. der Schulleitung, da Josie die Traditionen, die Vorschriften und den herrschenden Erziehungsstil nicht akzeptieren kann. Darüber hinaus ist Josie ein 'illegitimes' Kind: ihre Mutter, von Beruf Sekretärin und Übersetzerin, ist alleinerziehend. Obwohl sie vom Vater ihres Kindes im Stich gelassen wurde, verzichtete sie aufgrund ihrer Bindung an die Traditionen der katholischen Kirche auf einen Schwangerschaftsabbruch und bemühte sich ungewöhnlich engagiert um die Erziehung ihrer Tochter.

Von ihrer eigenen Mutter kannte sie nur eine überschwängliche Fürsorge, die zum angeblichen Besten des Kindes eine permanente Kontrolle einschloss. Da auch die Großmutter ihre Enkeltochter mit unerwünschten guten Ratschlägen und bestimmten Verhaltenserwartungen überhäuft, ist anfangs Josies Verhältnis zu ihr eher gespannt, während zwischen Josie und ihrer Mutter trotz mancher Konflikte eine intensive Bindung besteht.

Für Josie wird zum Problem, dass nach 17 Jahren plötzlich ihr Vater Michael Andretti auftaucht, dem sie zunächst mit schroffer Ablehnung begegnet. Doch erweist er sich mehr als einmal als Josies Helfer, gewinnt so allmählich ihr Vertrauen und kann sie auch bei ihren beruflichen Plänen unterstützen, da sie wie er Jura studieren und später als Anwältin arbeiten möchte. Als Josie sich zum ersten Mal verliebt, scheint auch ihrem persönlichen Glück nichts mehr im Wege zu stehen.

Dennoch lösen sich all ihre Probleme keineswegs in Wohlgefallen auf. Für Josie ist es ein tiefer Schock, dass ein langjähriger Schulfreund seinem Leben ein Ende setzt: offenbar wollte und konnte er den Verhaltensdruck von Seiten des Vaters nicht länger ertragen. Darüber hinaus zerbricht ihre erste große Liebe zu einem Australier, der sich zunächst sehr intensiv um sie bemüht, dann auf einmal Bindungsangst entwickelt und sich von ihr trennt. Josie erlebt aber auch, wie ihre Eltern nach über 17jähriger Trennung zueinander finden, so dass sie sich als Mitglied einer intakten Familie fühlen kann.

Seit 2005 liegt bei Klett eine Schulausgabe vor, die mit manchmal etwas knappen Annotationen in Fußnotenform und zudem auch mit einem Photo der Autorin versehen ist. Man hätte sich zudem eine biographische Skizze, einen methodischen Apparat und Zusatzmaterial zum Hintergrund des Romangeschehens gewünscht. Aber auch in der vorliegenden Form ist dieser in einer multikulturellen Gesellschaft spielende Initiations- und Entwicklungsroman äußerst angenehm zu lesen. Aufgrund seines großen Diskussionspotenzials ist sein Einsatz von der 11. Klasse an sehr empfehlenswert.


Beverley Naidoo, Journey to Jo'burg (1985)

Dabei handelt es sich um das Erstlingswerk einer weißen Autorin europäisch-jüdischer Abstammung, die in Südafrika lebt und die sich gegen das vom Apartheidsregime verursachte Unrecht engagiert. Die Handlung des Kurzromans ist fiktiv, könnte sich jedoch wirklich so zugetragen haben, wie auch eine in der Schulausgabe vorhandene Fotodokumentation eindrucksvoll belegt. Die Geschwister Naledi und Tiro befinden sich in der Obhut von Großmutter und Tante, da ihr Vater bei der Arbeit in einer Goldmine ums Leben gekommen und die Mutter daher gezwungen ist, im entfernten Johannesburg Geld zu verdienen.

Als ihre kleine Schwester ernsthaft erkrankt, beschließen die 13jährige Naledi und ihr vier Jahre jüngerer Bruder Tiro, die Mutter zur Hilfe zu holen, und sie machen sich zu Fuß auf den über 300 km langen Weg. Am zweiten Tag nimmt sie ein hilfsbereiter schwarzer Lastkraftwagenfahrer in seinem Fahrzeug mit nach Johannesburg. Hier machen sie die ersten Erfahrungen mit der Polizei und den Auswirkungen der Apartheid, hören von der Auflehnung gegen modernes Sklaventum, finden aber doch in der Großstadt schließlich glücklich ihre Mutter. Gemeinsam fahren sie mit dem Zug in ihren Heimatort zurück, und die Mutter setzt ihr gesamtes Geld ein, damit ihre kranke Tochter ärztliche Hilfe bekommt. Dann muss sie an ihren Arbeitsplatz zurück, da sie um ihre Stellung fürchtet und da jeder Tag für sie einen kaum zu verkraftenden Dienstausfall bedeutet. Die Tochter Naledi indes hat viel gelernt über ihr Leben in Südafrika. In ihr erwacht der Wunsch, Ärztin zu werden und kranken Kindern zu helfen.

Wie im Fall Harper Lees im Süden der Vereinigten Staaten und wie im Fall Nadine Gordimers in Südafrika setzt sich eine Autorin gegen bestehendes Unrecht ein. Der Umfang des Werkes ist überschaubar (54 S.) und die Sprache so gut verständlich, dass der Kurzroman schon in der 10. Klasse eingesetzt werden kann. Auch wenn sich die politische Lage in Südafrika in den letzten Jahren entscheidend verändert hat, dürfte die Thematik dieses authentischen Textes noch immer aktuell sind, da Rassismus und Vorurteile im Denken vieler Menschen außerordentlich zählebig sind. Dieser Text bietet eine willkommene Alternative zur traditionellen Behandlung des colour problem.


Ken Saro-Wiwa, Sozaboy. A Novel in Rotten English (1985)

Hierbei handelt es sich um eine relativ neue Publikation im Langenscheidt-Longman Verlag (1994), die der Serie "Longman African Writers" zuzurechnen ist. Die Handlung spielt im nigerianischen Bürgerkrieg (1967-70): es wird vage angedeutet, dass es um die Sezession Biafras geht.

Das Romangeschehen wird, ähnlich wie in Forrest Gump und Daz 4 Zoe, aus einer naiven Ich-Perspektive geschildert: es umfasst die Erlebnisse des jungen Afrikaners Na Mene als Soldat (soza = soldier). Der Erzähler, der eigentlich Lastwagenfahrer werden möchte, hat völlig wirklichkeitsferne Vorstellungen vom Soldatentum: die schönen Uniformen beeindrucken ihn tief, der Besitz einer Waffe erfüllt ihn mit Stolz und erweckt in ihm die Hoffnung auf den Respekt seiner Umgebung.

So lässt er sich in der nicht weiter hinterfragten Überzeugung für die Armee anwerben, dass die Tapferen im Krieg nicht sterben. Die Realität sieht freilich anders aus: es fehlt an Essen, Trinken und Medizin, und geringe Verfehlungen werden mit geradezu brutalen Strafen geahndet. Der Erzähler ist wie ein afrikanischer Candide: seine Sicht der Welt wird immer wieder neu erschüttert: immer wieder verwirren ihn neue Erfahrungen, die er weder einzuordnen noch zu bewerten weiß. Immer wieder wird deutlich, dass Na Mene zu sehr dem Augenschein vertraut und voreilig zu optimistische Folgerungen gezogen hat.

Angesichts so vieler bedrückender Erfahrungen zieht es ihn nach Hause zu seiner Frau und seiner Mutter zurück. Er desertiert daher, landet als Kriegsgefangener im Lazarett des Feindes und wird schließlich von der feindlichen Armeeführung als LKW-Fahrer eingesetzt, d.h. die Grenzen zwischen Freund und Feind werden aufgehoben. Inzwischen zweifelt Na Mene am Sinn des Kriegs, zumal er immer wieder die Erfahrung macht, dass ein Menschenleben nichts gilt, und schließlich entgeht er selbst nur knapp der Hinrichtung (zu seinem Glück geht dem Henker im richtigen Moment die Munition aus).

Doch das glückliche Ende stellt sich nicht ein. Zwar hat der Erzähler den Krieg überlebt, aber danach ist nichts mehr, wie es einmal war. Seine Familie ist tot, und in seinem Heimatort wird er wie ein Aussätziger behandelt, da ihn der Medizinmann für zahlreiche (wohl durch die Kriegsfolgen bedingte) Todesfälle verantwortlich macht. So durchläuft der Erzähler einen schmerzvollen Lernprozess, in dem sich seine Einstellung zum Krieg grundlegend wandelt. Na Mene ist ein gutwilliger, naiver Soldat, den der Krieg in eine totale Isolation sowie in ein Leben treibt, das keine Richtung und keinen Sinn mehr aufweist. Die Konzeption des Werkes als Anti-Kriegsroman geht eindeutig aus dem Text hervor.

Die Sprache des Romans spiegelt die Denkweise des Erzählers wider: sie weist tautologische Formulierungen, Wiederholungen ganzer Sätze, Wortdoppelungen zur Intensivierung der Aussage und generell eine sehr einfache Syntax aus. Das heißt, die Sprachgebung ist Ausdruck seiner undifferenzierten Wahrnehmungsgewohnheiten und Wertvorstellungen. In der Sprache vermischt sich zudem das Englische mit zahlreichen afrikanischen Pidgin-Formen (vgl. Untertitel). Dabei können komische Effekte zum Teil nicht ausbleiben, aber diese Art von Humor lässt das Lachen des Lesers rasch verstummen. Gerade die naiv-beschränkte Perspektive führt zu einer Aussagekraft eigener Art. Der Longman-Ausgabe ist ein afrikanisches Glossar beigefügt, welches das Verständnis erheblich erleichtert. Leider erfolgt keine didaktisch-methodische Aufbereitung. Aufgrund der Sprache ist m.E. sinnvoll, den Roman in Auszügen zu lesen, und dies sollte vorzugsweise im Englischunterricht der S II geschehen.


Dalene Matthee, Fiela’s Child (1986)

In diesem während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Südafrika spielenden Roman wächst ein weißer Junge in einer schwarzen Familie auf: er wurde ungefähr im Alter von drei Jahren von Fiela Komoetie gefunden und von dem Zeitpunkt an wie ein eigenes Kind von ihr versorgt. Eine Volkszählung bringt neun Jahre später Unruhe in die Familie. Der inzwischen zwölf Jahre alte Benjamin muss vor dem Magistrat erscheinen und wird als leiblicher Sohn von den van Rooyens beansprucht, denen unter mysteriösen Umständen vor Jahren ein Kind abhanden gekommen ist. Da Benjamin von seiner 'richtigen' Mutter identifiziert wird, wird er ihr zugesprochen, ohne dass die Komoeties auch nur mit einem Wort darüber informiert werden. Beschwerden gegen den richterlichen Beschluss bleiben erfolglos, und der Schock sitzt bei allen Komoeties sehr tief.

Danach muss sich Benjamin Komoetie - nun als Lucas van Rooyen - in einer ihm fremden Umgebung völlig neu orientieren. Während die Komoeties als Farmer vor allem mit der Straußenzucht ihren Lebensunterhalt verdienen, leben die van Rooyens im Urwald und verdienen mit Holzfällerei und Holzverarbeitung ihr Geld.

Als Erwachsener verlässt Lucas seine Familie und sucht eine Arbeit an der Küste. Hier trifft er Nina wieder, eine Tochter der van Rooyens, die sich ebenfalls von ihrer Familie gelöst hat und zu der er sich fast gegen seinen Willen hingezogen fühlt. Rastlos sucht er seine Herkunft zu klären. Schließlich erfährt er, dass Barta von Rooyen nicht seine leibliche Mutter ist: sie hat mit Hilfe eines Beamten vor dem Magistrat einen Meineid geschworen, der nicht nur das Leben aller Beteiligten grundlegend geändert, sondern bei ihr selbst selbst schwere Schuldgefühle ausgelöst hat. Zwar bleibt Benjamins/Lucas’ Herkunft somit letztlich ungeklärt, doch scheint sich zum Schluss des Romans für ihn sein Identitätsproblem zu lösen: er fühlt sich als Fielas Kind und ihrer Familie zugehörig, als er sich aufmacht, um Nina von Rooyen zu suchen.

Am Anfang des Konfliktes stehen die Vertreter der Bürokratie, die für einen Irrtum der richterlichen Behörde verantwortlich sind: sie spielen Barta von Rooyen die Informationen zu, die es ihr ermöglichen, 'ihr Kind' zu erkennen. Die Ursache dafür liegt im Überlegenheitsanspruch der Weißen: für sie ist es unerträglich, dass ein weißes Kind in einer schwarzen Familie aufwächst. Die Autorin entlarvt diesen rassistischen Anspruch als reinen Mythos: im Kreise der Komoeties erfährt Benjamin alle Zuwendung und Zuneigung, die ein Kind braucht. Diese Erfahrungen kann er bei den van Rooyens nicht vergessen: hier wird er sehr rasch zur Arbeit herangezogen und mehr als einmal für geringfügige Vergehen brutal bestraft.

In der Familie der Komoeties dominiert die Mutter Fiela, mit ihrem Weitblick, ihrer Tatkraft und ihrer Warmherzigkeit. In der Familie der van Rooyens herrscht der Vater Elias, mit Autorität, mit Strenge und Egoismus. Dieser auf einer wahren Begebenheit beruhende Roman beschreibt die Beziehungen zwischen Weiß und Schwarz auf andere Art, d.h. aus einer anderen Perspektive und in einem anderen Kontext. Der Roman lebt von seiner Sprache, von der Beschreibung der Atmosphäre und der Charaktere.

Seit 1996 liegt eine Schulausgabe des Romans vor. Gegen die Lektüre des Romans im Englischunterricht spricht nur ein Faktor: der relativ große Umfang von 350 Seiten. Doch ist der Text leicht und zügig zu lesen; ein Glossar und ein methodischer Apparat erleichtern den Zugang. Dass sich die Diskussion der Thematik nahtlos in Unterrichtsreihen zum Problem "Rassismus und Vorurteile" einfügt, liegt auf der Hand. Der Einsatz des Romans ist m.E. von der Klasse 12/1 an empfehlenswert.


Richard Rive, Buckingham Palace, District Six (1986)

Der Roman setzt im Jahre 1955 ein, als Südafrika noch Teil des britischen Empire ist und spielt in den Slums von Kapstadt, die ironischerweise mit dem Sitz des englischen Königshauses verglichen werden. Damit deutet sich bereits an, dass auch der Humor in diesem Buch nicht zu kurz kommt. Es besteht insgesamt aus drei Teilen. Jeder von ihnen beginnt mit einem kursiv gesetzten Kapitel, in dem ein Erzähler der ersten Person auftritt, der wie ein Augenzeuge die Geschehnisse wiedergibt, so dass automatisch der Eindruck eines authentischen Berichts entsteht.

Im ersten Teil wird eine Gruppe von skurrilen Figuren vorgestellt, die manchmal an Steinbecks 'Helden' aus Tortilla Flat erinnern. Sie alle sind auf ihre Art Lebenskünstler, menschliche Individuen, die sich von Tag zu Tag durchschlagen und dabei, dank gelegentlicher Aussetzer ihres Gewissens zumindest bei einigen von ihnen, durchaus auf ihre Kosten kommen.
Da ist zum Beispiel Mary, die musikalisch begabte Tochter eines Baptistenpfarrers. Als sie von ihrem Mann verlassen wird, macht sie ein Bordell auf, was sie aber nicht daran hindert, praktizierendes und zahlendes Mitglied ihrer Kirche zu bleiben. Da ist Zoot September, der sich stets in Konflikt mit den Autoritäten befindet, der jedoch auch einmal ein altes Ehepaar aus den Flammen ihrer bescheidenen Hütte rettet. Sein besonderes Talent ist es, über jeden Gegenstand und zu jeder Gelegenheit ein Gedicht verfassen zu können. Zoot hat eine kurze Beziehung mit der Lehrerin Jennifer, die seine Gedichte bewundert, doch intrigieren seine Freunde mit Erfolg gegen diese Verbindung. Da sind ferner die Jungle Boys, die ihren Spitznamen aus der Tatsache beziehen, dass sie gemeinsam das Recht des Stärkeren durchzusetzen pflegen; ihre aggressiven Neigungen reagieren sie regelmäßig mit fiesen Tricks beim Rugby-Spiel ab. Da ist Pretty Boy, der sich Zoot anschließt, um angeblich zusammen mit ihm leichter die Miete aufbringen zu können. Da ist der weiße Mr. Wilkens, der eine Zeitlang die einzige Schwester der Jungle Boys (Moena) ausführt; als sie schwanger wird und er sie verläßt, wird er von den Brüdern verprügelt. Da ist schließlich Mrs. Knight, die einen Bazar zu organisieren hilft, weil das Dach der Kirche undicht ist. Die Bewohner des District Six bestehlen solange die ortsansässigen Geschäftsleute, bis diese 'freiwillig' Artikel für den Bazar spenden ...

Nach der mehr oder minder humorvollen Präsentation der Figuren deuten sich im zweiten Teil erstmalig (1960) die Auswirkungen der Apartheid-Politik an. Das Distrikt wird zu einem weißen Viertel erklärt (1965), eine Maßnahme, welche die weitere Handlung des Romans maßgeblich beeinflussen wird, auch wenn zunächst das alltägliche Leben in den Slums weiter seinen gewohnten Gang nimmt. Eines Tages versucht Marys Gatte, der sie vor 16 Jahren verließ und inzwischen zum Bischof avanciert ist, wieder mit ihr Kontakt aufzunehmen, um 'ihre Seele zu retten'. Doch finden die Freunde heraus, dass er in Bigamie lebt und Vater dreier Kinder ist. Als der Bischof mit diesen Fakten konfrontiert wird, verschwindet er für immer aus Marys Leben. Andere Episoden handeln von einem Picknick am Strand zur Jahreswende, von einer Geburtstags-Überraschungsparty für Marys Vater, von einem Schönheitswettbewerb im Distrikt unter der Schirmherrschaft der Kirche ... Noch sind die sozialen Strukturen intakt, doch droht die Zerstörung des Viertels durch Bulldozer.

Der dritte und letzte Teil spielt wiederum einige Jahre später (1970). Nach der politischen Einstufung des Distrikts als Wohngebiet für Weiße wird nun die praktische Umsetzung dieses Gesetzes geschildert. Zunächst werden alle farbigen Bewohner namentlich erfasst, anschließend erfolgt die Zwangsumsiedlung und die Zerstörung der Slums, wobei allein die steinernen Gotteshäuser ausgespart bleiben. Die Slumbewohner indessen verlieren nicht nur ihre bescheidenen Domizile, sondern auch ihre Vergangenheit, da durch die neue Politik die Menschen in alle vier Himmelsrichtungen, d.h. vom Zentrum in die Randgebiete der Stadt, zerstreut werden. Das Gefühl der Gemeinschaft und der Zusammengehörigkeit existiert somit nicht mehr: die Seele des Distrikts ist zerstört. Zugleich gibt es in den neuen, für die Schwarzen bestimmten Mietwohnungen nicht nur viele bauliche Mängel, sondern anstelle nachbarschaftlichen Zusammenhalts auch gewaltsame Übergriffe, so dass der Alltag zur Hölle wird. Resignation, Verbitterung, Hilf- und Hoffnungslosigkeit machen sich breit, ausgelöst durch völliges Unverständnis für das Verhalten der Regierung.

Seit 2006 liegt im Cornelsen-Verlag als Teil der Senior English Library eine didaktische Ausgabe vor, welche, wie in der Reihe üblich, für jeweils eine Doppelseite einen Fußnotenblock sowie einen authentischen Text mit Zeilenzählung enthält. Diese werden durch eine biographische Skizze des Autors (1930-1989) sowie sehr informatives Zusatzmaterial ergänzt. Letzteres macht zum Beispiel deutlich, dass von der Politik der Apartheid nicht nur die Schwarzafrikaner, sondern auch alle übrigen Farbigen, das heisst, Angehörige unterschiedlicher Rasse, Religion und Kultur aus aller Welt betroffen sind.
Es ist das Verdienst des Herausgebers Albert-Reiner Glaap, ein ungewöhnliches Buch für Unterrichtszwecke zugänglich gemacht zu haben. Seinen Lesern dürfte rasch deutlich werden, dass es um mehr geht als um Grundzüge der südafrikanischen Form der Rassendiskriminierung. Mit Hilfe der Figur des Juden Katzen ergeben sich beispielsweise auch Verbindungen zur deutschen Vergangenheit und damit Parallelen zu Nationalsozialismus und Judenverfolgung. Solomon Katzen wurde unter Hitler als 'Untermensch' vertrieben und floh nach Kapstadt: er ist der einzige Weiße, der die Schwarzen unterstützt, indem er sich weigert, seine Wohnungen und Geschäfte zu verkaufen. Doch als der schwer herzkranke Mann stirbt, setzt sich sein Sohn, ein geschäftstüchtiger Anwalt, über den Willen seines Vaters hinweg ... Somit bringt der Roman zum Ausdruck, dass mit dem Prinzip der strikten Rassentrennung persönliche Tragödien verbunden sind. Er macht exemplarisch deutlich, wie Individuen Opfer von Rassismus und Vorurteilen werden: im District Six von Kapstadt wird ein menschlich, sozial und religiös intaktes Gefüge unwiederbringlich zerstört: es bleibt lediglich die Erinnerung daran.

Aufgrund dieser nach wie vor aktuellen Thematik, aufgrund seines Umfangs und seiner sprachlichen Anforderungen ist der Roman für den Englischunterricht eingangs der Sekundarstufe II sehr zu empfehlen.


Mark Behr, The Smell of Apples (1993)

Dieser Erstlingsroman Behrs, für den der Autor von der Kritik mit Lob überschüttet wurde, spielt zur Zeit des Apartheid-Regimes in der südafrikanischen Union. Mark Behr wurde in Tansania geboren, wuchs in Südafrika auf, studierte in den Vereinigten Staaten und lehrt heute als Dozent in Johannesburg. Sein erstes Werk, das hier unter die Commonwealth-Literatur eingeordnet wird, ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert.

Die Geschehnisse des Romans werden aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschildert. Genau genommen bestehen sie aus zwei Handlungssträngen, die alternierend erzählt werden. Da ist zum Einen die im Jahre 1973 angesiedelte Haupthandlung, die sich mit der Kindheit des elfjährigen Marnus Erasmus befasst, einem aufgeschlossenen und begabten Jungen, der zugleich über eine sehr gute Beobachtungsgabe verfügt. Und da ist zum Anderen eine Handlung, die sich auf kriegerische Ereignisse im südlichen Angola bezieht, die 15 Jahre später (also 1988) stattfinden, an denen Marnus als Leutnant teilnimmt und in deren Verlauf er offenbar schließlich den Tod findet. Dadurch, dass die beiden Handlungen in unterschiedlichen Drucktypen gesetzt sind, fällt schon bei der ersten Lektüre die Orientierung nicht schwer.

Marnus Erasmus stammt aus einer wohlsituierten und kultivierten weißen Familie, in der moralisch strenge Maßstäbe gelten. Der Vater Johan, der sich voller Verständnis intensiv um die Erziehung seines Sohnes bemüht, ist General und zugleich ein überzeugter Anhänger des herrschenden Apartheid-Regimes. Die Mutter Leonore hat eine Ausbildung als Sängerin hinter sich, hat aber ihre Karriere zugunsten ihrer Familie aufgegeben und erteilt stattdessen einzelnen Privatschülern Gesangsunterricht. Marnus’ ältere Schwester Ilse ist musikalisch und sportlich begabt, hat ein Stipendium für einen sechswöchigen Aufenthalt in Holland gewonnen und wird zur Schülersprecherin gewählt. Marnus zeichnet sich im Schreiben von Aufsätzen sowie durch gute schulische Leistungen aus und verbringt viel Zeit mit seinem besten Freund und Blutsbruder Frikkie Delport. Zusätzlich ist ein geheimnisvoller 'Mr Smith', ein General aus Pinochets Chile, eine Zeitlang Gast der Familie Erasmus.

Der Reiz der Lektüre besteht unter anderem darin, dass nach und nach immer mehr Risse in der scheinbar perfekten Fassade des Familienlebens sichtbar werden. So wirft beispielsweise Leonore Erasmus ihrer Tochter Ilse ausgerechnet am Tage ihrer Auszeichnung vor, sich gegen die Erwartungen der Gesellschaft aufzulehnen. In ähnlicher Weise erfährt der Leser, dass die liberal eingestellte Tante Karla aus der Gemeinschaft der Familie ausgeschlossen wurde, weil sie ihre Schwester beschuldigte, dem traditionellen Rollenverständnis zu folgen und sich in jeder Beziehung dem Willen ihres Mannes zu beugen. Und schließlich ist es für den naiven Marnus ein gewaltiger Schock, als er eines Nachts erlebt, wie sein Vater seinen besten Freund sexuell missbraucht. Parallel zu den Kindheitserfahrungen werden Episoden vom Kriegsschauplatz Angola geschildert, die in einem schroffen Kontrast zu der Phase der scheinbaren Geborgenheit in der Familie stehen.

Viele Gründe sprechen für den Einsatz von The Smell of Apples im Englischunterricht der Sekundarstufe II: zum Einen der überschaubare Umfang und die gut verständliche Sprache, zum Anderen die übersichtliche Figurenkonstellation und dazu eine spannende Thematik, die den Schülern ein großes Motivationspotenzial anbietet und die darüber hinaus für interkulturelles Lernen sowie die Problematisierung von Rassismus und Vorurteilen bestens geeignet ist. Zusätzlich lässt sich das Werk, wie viele andere Beispiele für young adult fiction, als Initiationsroman interpretieren.

Allerdings liegt bisher keine annotierte und kommentierte Schulausgabe des Romans vor. Es existiert lediglich ein gut gelungenes Unterrichtsmodell (vgl. Anno Ortmeier, Schöningh-Verlag, 2001). Neben den üblichen Bestandteilen, die in der Reihe EinFach Englisch zu finden sind, wie Informationen zum Autor, zur Figurenkonstellation und zum Inhalt, können die Lehrkräfte auf erprobte Unterrichtsvorschläge zurückgreifen. Sie beziehen sich auf die Textrezeption (die detaillierte Schwerpunktsetzungen vorsieht), auf die Überprüfung der Textkenntnis (mit Hilfe eines Auswahl-Antwort-Tests), auf die übersichtliche Zusammenfassung der Textarbeit und Textdiskussion in Tafelbildern, auf einzelne kreative Aufgabenstellungen, etc.

Was lediglich m.E. fehlt, ist ein ausführlicher Sachkommentar, d.h. eine Erläuterung der relativ zahlreichen Anspielungen in Bezug auf die Bibel, populäre Musiker, Sportler, Politiker, Zeitereignisse, etc. Stellte man einen solchen Kommentar in Form eines Arbeitsblattes zu Beginn der Vorablektüre den Lernenden zur Verfügung, würden wahrscheinlich die psychologischen Barrieren gegenüber einem eigentlich für einheimische Leser bestimmten Text schnell überwunden und möglicherweise in erhöhte Motivation umschlagen. Die Beschaffung einer englischen Taschenbuchausgabe über den Buchhandel ist zur Zeit kein Problem.


Garry Disher, The Apostle Bird (1997)

Obwohl dieser Roman erst vor knapp eineinhalb Jahrzehnten erschien, spielt die Handlung in einer räumlich und zeitlich fernen Welt, nämlich etwa zur Zeit der Weltwirtschaftskrise im Jahre 1934, und zwar in einer exotischen Niederlassung am Noltenius Creek, einem fiktionalen Fluss in Australien. Die Geschehnisse, die Elemente eines Abenteuer-, Kriminal- und Initiationsromans kombinieren, werden aus der subjektiven Perspektive des fünfzehnjährigen Neil Warner erzählt und setzen ein mit dem klassischen Abenteuerthema der Goldsuche.

Die verarmte Familie Warner arbeitet dabei für Bartle Allen, einem begütertem Großgrundbesitzer und Schafszüchter, von dem sie Schürfrechte und Werkzeug erworben hat. In der Goldgräbergemeinde leben aber auch sehr merkwürdige Glücksritter und Angehörige vieler unterschiedlicher Nationen. Dazu gehört etwa der geheimnisvolle Spook, der bisher vergeblich mit seiner Wünschelrute nach Gold sucht. Dazu gehört aber auch der nicht mehr praktizierende chinesische Anwalt Hooky Chen, der wie der legendäre Captain Hook der Comic-Szene einen Haken als Armersatz trägt. Dazu zählen aber auch der Amerikaner Ivan, ein angeblicher Killer oder Bankräuber und seine Tochter Kitty, die Gerüchten zufolge auf der Flucht vor der Polizei an den Noltenius Creek gekommen sind. Die Charakteristik dieser und weiterer Figuren wie etwa der sehr aggressiven Brüder Willy und Fergus Gent nimmt im ersten Drittel des Romans einen breiten Raum ein.

Der Ich-Erzähler berichtet aber auch ausführlich von seinen eigenen Erfahrungen, die viele bekannte Aspekte des Erwachsenwerdens betreffen. Neil Warner ist mit Humphrey Allen, dem Sohn ihres reichen Arbeitgebers, befreundet, der zunächst die Beziehung eindeutig dominiert. Bei verschiedenen Gelegenheiten tyrannisiert und demütigt Humphrey Neil Warner so sehr, dass dieser sogar Verachtung für sich selbst empfindet. Die beiden sind zudem ungleiche Rivalen um die Gunst Kittys, bei der Humphrey mehr als einmal Neil Warner lächerlich macht.

Dann aber spitzen sich die Ereignisse am Noltenius Creek dramatisch zu. Als Fergus Gent, der angeblich Gold gefunden hat, zunächst vermisst und wenig später tot aufgefunden wird, geraten die Fremden, d.h. Ivan, Kitty und Chen Hooky in Verdacht, Fergus ausgeraubt und ermordet zu haben, und sein Bruder Willy organisiert eine regelrechte Menschenjagd. Latenter Rassismus schlägt um in offenen Hass und Bereitschaft zur Selbstjustiz, bei der Chens Behausung verwüstet wird und die Amerikaner nur mit Neils Hilfe ihren Verfolgern entkommen und nach Neuseeland fliehen können. Dadurch erringt Neil zwar Kittys Achtung und Zuneigung, doch ist ihrer Beziehung kein glückliches Ende beschieden. Die Polizei beweist schließlich, dass Fergus Gents Tod kein Mord war, sondern auf einem Unfall beruhen musste: offenbar war er unter Alkoholeinfluss gestürzt und im Fluss ertrunken.

Somit gibt es niemanden unter den Goldsuchern, der sein Glück machen und seinen Traum von Reichtum und Wohlstand verwirklichen kann. Vielmehr ist das Verhältnis der Menschen untereinander durch tief sitzendes Misstrauen, Gerüchte, Vorverurteilungen und offene Gewaltbereitschaft bestimmt. Die Fremden geraten zu Unrecht in Verdacht, Fergus Gent getötet und beraubt zu haben; eine Zeitlang müssen sie um Leib und Leben fürchten. Aber auch als Mr Warner fünfzig Pfund für ein Stück Gold bekommt, verliert er das Geld sogleich wieder im Glücksspiel. Und Fergus Gent betrog bei seiner Gier nach Gold sogar seinen eigenen Bruder. Es muss zum Schluss wie verborgene Ironie erscheinen, dass der alte Spook ganz nahe vor der Entdeckung einer überaus ergiebigen Goldader zu stehen glaubt.

Nur der Apostelvogel, auf dem im Titel angespielt wird und der seinen Namen von daher bezieht, dass er in Australien immer in Zwölfergruppen auftritt, ist am Ende glücklich dran: der Erzähler hatte ihn versehentlich mit einer Steinschleuder getroffen und einen Flügel verletzt, doch wird er von Chen Hooky gesund gepflegt und zum Schluss in die Freiheit entlassen.

Die Reclam-Ausgabe (Herausgeber Arthur Kutsch) weist ein Glossar auf, das auf Dieter Hamblocks im gleichen Verlag erschienenen Englischem Wörterbuch beruht, das bekanntlich 4700 grundlegende lexikalische Einheiten als bekannt voraussetzt. Damit sollte die nicht immer ganz einfache, aber gewiss lohnende Lektüre des Romans (130 Seiten in dem seit Jahren bekannten kleinen Reclam-Format) von der 11. Klasse an im Englischunterricht problemlos möglich sein. Zu empfehlen ist auch das gelungene Nachwort des Herausgebers, das den Leser in den geschichtlichen, literarischen und biographischen Kontext einführt.


Garry Disher, The Divine Wind (1998)

Zwei Gemeinsamkeiten mit The Apostle Bird (s.o.) sind unübersehbar: Dishers Roman The Divine Wind spielt ebenfalls in einem relativ weit zurückliegenden geschichtlichen Kontext, nämlich in den Tagen des heraufziehenden und einsetzenden zweiten Weltkriegs. Zudem werden die Geschehnisse wiederum aus der subjektiven Perspektive eines Heranwachsenden dargestellt: der Erzähler ist Hartley (Hart) Penrose, der sowohl über seine persönliche Lebensgeschichte als auch über die seiner Familie berichtet. Darüber hinaus geht er ebenso auf das Verhältnis von Australiern und Japanern, aber auch auf die Beziehungen zwischen weißen Australiern und farbigen Ureinwohnern kritisch ein.

Schauplatz des Geschehens ist die (real existierende) Hafenstadt Broome in Western Australia. Hier besitzt Michael Penrose, der wohlhabende Vater des Erzählers, eine Flotte, mit deren Hilfe er nach Perlen tauchen lässt. Unter seinen Arbeitern befinden sich auch viele Japaner, unter ihnen Imazaki Sennosuke, genannt 'Zeke'. Noch vor dem Ausbruch des Krieges kommt es bei der schweren und gesundheitlich belastenden Aufgabe des Perlentauchens zu einem folgenschweren Unfall: Hartley Penrose wird vom Sturm erfasst und überlebt schwer verletzt, während sein Retter Zeke umkommt. Michael Penrose wird von heftigen Schuldgefühlen geplagt: er gibt sich die Schuld an Zekes Tod, verkauft seine Flotte, um Zekes Frau Sadako und Tochter Imazaki, genannt 'Mitsu' oder 'Mitsy', wenigstens finanziell entschädigen zu können.

Inzwischen ist in Europa der Krieg ausgebrochen. Die Ehe der Penroses ist zerrüttet. Ida Penrose begibt sich nach England, um ihre im Sterben liegende Mutter zu besuchen und kommt bei einem Luftangriff auf London ums Leben. Aufgrund seiner dauernden Gehbehinderung kann Hartley nicht am Krieg teilnehmen. Seine um ein Jahr jüngere Schwester Alice wird Krankenschwester und kümmert sich unter großen Strapazen um verletzte Frontsoldaten. Mitsys Freund Jamie Kilian meldet sich als Freiwilliger zur Luftwaffe und nimmt als Pilot aktiv an Kämpfen teil.

Für Mitsy, ihre Mutter und die in Broome lebenden Japaner wird die Lage immer schwieriger. Der Krieg untergräbt persönliche Beziehungen. Aus Freunden werden Fremde oder sogar Feinde. Misstrauen und Fremdenfeindlichkeit breiten sich aus: nach dem Angriff auf Pearl Harbor sind Australier und Japaner offizielle Kriegsgegner. Die in Broome tätigen Gastarbeiter werden der Spionage verdächtigt. Man erklärt sie zum offiziellen Sicherheitsrisiko und zieht sie in Lägern zusammen. Hartley liebt Mitsy; sie und ihre Mutter leben eine Zeitlang bei den Pemroses, doch wird der öffentliche Druck so stark, dass sich die beiden Frauen entschließen, zu ihrer eigenen Sicherheit ebenfalls in ein Lager zu gehen.

Mit dem Angriff der Japaner auf Broome am 3.3.1942 erreichen die Kampfhandlungen ihren Höhepunkt, mit vielen Opfern unter Zivilisten und Flüchtlingen. Der Titel des Romans The Divine Wind, der eine Übersetzung des japanischen Begriffs Kamikaze darstellt, drückt die ganze Sinnlosigkeit des Krieges aus. In den ersten Friedensjahren erscheint es dem Erzähler als sehr schwierig, zur Normalität zurückzufinden und zu Mitsy wenigstens eine freundschaftliche Beziehung zu unterhalten.

Der Roman liest sich wie eine geradlinige, nüchterne, authentisch wirkende (hier nur unvollständig zusammengefasste) Chronik, in der sich die geschichtlich-politischen Hintergrundereignisse mit Einzelschicksalen und persönlicher Betroffenheit verbinden. Aufgrund seiner sprachlichen Anforderungen, aber auch auch aufgrund der relativ schwer durchschaubaren Figurenkonstellation dürfte fremdsprachlichen Lesern einerseits der Zugang zu diesem Werk nicht ganz leicht fallen. Andererseits liegt bei Diesterweg (Herausgeber Arthur Kutsch) eine annotierte und kommentierte Textausgabe vor, die zudem eine bio-bibliographische Skizze und interessantes Zusatzmaterial enthält. Es ist keine Frage, dass der Roman etwa von der 2. Hälfte des 11. Jahrgangs für den Einsatz im Fremdsprachenunterricht zu empfehlen ist. Für die konkrete Stundenvorbereitung hat der Verlag zudem einen Teacher’s Guide to Interpretation (Verfasser Arthur Kutsch) im Angebot.


James Moloney, Angela (1998)

Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um einen australischen Roman, der die Geschichte zweier junger Frauen unterschiedlicher Herkunft erzählt. Da ist zum einen die von den Ureinwohnern abstammende Gracey, die ein hartes Schicksal erleidet: ihre Mutter ist gestorben, ein älterer Bruder hat sich im Gefängnis das Leben genommen, während der jüngere Bruder Dougy in der Familie einer Tante lebt. Die andere ist die weiße Titelfigur Angela, aus deren Perspektive die vorliegende Geschichte erzählt wird. Die begabte und sportlich talentierte Gracey ist Angelas beste Freundin: gemeinam machen die beiden ihren Abschluss am Hamilton College von Brisbane, und als beide zusammen an der Queensland University ein Studium beginnen, wird Gracey von Angelas Eltern gastfreundlich aufgenommen.

Doch an der Universität kommt es rasch zu verschiedenen Belastungsproben für ihre Freundschaft. Während Angela sich zum ersten Mal verliebt, gerät Gracey unter den Einfluss der politischen Aktivistin Rhondra Haines, die sich nicht nur für die Rechte der australischen Ureinwohner engagiert, sondern auch Gracey zur Trennung von Angela rät. Dennoch fahren die beiden in den Semesterferien nach Sidney, wobei Angela ihre Großeltern und Gracey ihren jüngeren Bruder besuchen möchte. Die Entfremdung der Freundinnen setzt sich indessen fort. Schließlich verzichtet Gracey nicht nur auf eine vielversprechende sportliche Karriere, sondern auch auf die Fortsetzung ihres Jurastudiums und eine mögliche spätere berufliche Tätigkeit als Anwältin. Stattdessen entscheidet sie sich dafür, fern ab von der Zivilisation, 2000 Kilometer von Sidney entfernt, in der Kleinstadt Hamilton ihr Leben mit den "Aborigines" zu teilen.

Diese Entscheidung vermag Angela erst zu akzeptieren, als sie genauere Informationen über deren Schicksal erhält. In der Vergangenheit wurden viele Kinder der Ureinwohner gegen den Willen ihrer Eltern von ihren Familien getrennt und nach weißen Maßstäben und Vorstellungen erzogen. Mehr noch: Angela erfährt, dass ihr eigener Großvater in solches Unrecht verwickelt war. Somit erkennt sie schließlich, was es für Gracey bedeutet, wenn sie sich als erwachsener Mensch entschließt, zu ihrem Volk und zu ihrer Familie zurückzukehren, von deren Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidarität sie in Sidney aufgrund eigener Anschauung einen Eindruck gewinnen konnte. So trennen sich zum Schluss des Romans die Wege der beiden jungen Frauen. Dabei ist Angela ganz sicher, dass ihre Freundschaft trotz der eingeschränkten Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten Bestand haben wird.

Mit der Wahl einer Erzählperspektive ist grundsätzlich die Einladung zur Übernahme einer bestimmten Position verbunden. Im vorliegenden Fall wird der Roman zwar aus Angelas Blickwinkel erzählt, doch bemüht sie sich intensiv um ein Verständnis der Probleme ihrer Freundin. Da Gracey darüber hinaus wiederholt Gelegenheit erhält, in ausführlichen Dialogen ihren Standpunkt darzulegen, erreicht der Autor eine erfreulich sachliche und ausgewogene Darstellung. Somit ist es zu begrüßen, dass nach der Verlagsgemeinschaft Langenscheidt-Longman auch der Klett-Verlag die New English Literatures als potenzieller Gegenstand des Fremdsprachenunterrichts entdeckt und bereits drei Jahre nach der Erstveröffentlichung eine von Peter Bruck besorgte didaktische Ausgabe vorlegt, die sowohl sprachliche Annotationen als auch eine sachliche Kommentierung aufweist.

Die Thematik des Romans ist indes nicht neu. Nach Romanen zum colour problem in den Vereinigten Staaten (Baldwin, Wright, Lee), in Großbritannien (Jones) und in Südafrika (Gordimer, Matthee, Naidoo) liegt nun auch ein australischer Roman vor, in dem es um das Verhältnis von Mehrheit und Minderheit geht. Auch in diesem Werk ist die Rede von historischem Unrecht (von dem die Mehrheit der "Aborigines" betroffen war, wie aus dem Anhang der Klett-Ausgabe hervorgeht), von den Auswirkungen auf die Gegenwart, von Vorurteilen, Rassismus und weißem Überlegenheitsanspruch. Die damit verbundenen Probleme sind nicht nur in gelungener Weise in den Roman integriert, sondern sie machen auch die verschlungene, nie vorhersehbare Handlung stets gut nachvollziehbar und bilden ein durchaus attraktives Diskussionspotenzial für den Englischunterricht. So liegt ein etwa 180 Seiten umfassendes Werk der australischen young adult fiction vor, das ohne Einschränkungen für die Jahrgangsstufe 11 empfohlen werden kann.


John Maxwell Coetzee, Disgrace (1999)

Nun hat auch der Literaturnobelpreisträger aus dem Jahre 2003 mit einem seiner bekanntesten Werke Einzug in den Englischunterricht gehalten: soeben (= November 2010) ist bei Reclam eine didaktische Ausgabe seines Romans Disgrace erschienen. Unabhängig davon ist das Werk vielleicht dem deutschen Publikum in der Übersetzung von Reinhild Böhnke (2001) oder auch in der filmischen Version von Steve Jacobs (2008) bekannt. Nach Nadine Gordimer (July's People) ist Coetzee somit der zweite südafrikanische Nobelpreisträger für Literatur, der auf fremdsprachiges Interesse stößt. Die südafrikanische Gegenwartsliteratur ist im Englischunterricht ferner durch Markus Behrs The Smell of Apples, Richard Rives Buckingham Palace und Gilian Slovos Red Dust vertreten; alle Titel werden in dieser Datei vorgestellt.

Das in 24 Kapitel gegliederte, im Wesentlichen chronologisch erzählte Geschehen des Romans Disgrace spielt in Südafrika während der ersten Jahre der Post-Apartheid. Im Mittelpunkt steht David Lurie, ein zweimal geschiedener Literaturprofessor mittleren Alters und Frauenheld, der sich wegen einer sexuellen Affaire mit einer schwarzen Studentin zahlreichen Angriffen ausgesetzt sieht. Aufgebrachte Eltern, ein eifersüchtiger Liebhaber, eine feindselige, sich mit dem Opfer solidarisierende Studentenschaft, eine bürokratische Universitätsverwaltung und eine tendenziöse Berichterstattung in den Medien - die gebündelte Wirkung all dieser Faktoren übt auf Lurie einen so starken Druck aus, dass er 'freiwillig' den Dienst quittiert. Der Rückzug zu seiner einzigen Tochter Lucy auf deren entlegene, scheinbar idyllische Farm ist indes kein Schlusstrich unter die Vergangenheit, sondern für ihn der erste Schritt zu einem kontinuierlichen Abstieg für den Rest seines Lebens.

Eines Tages werden Vater und Tochter Opfer eines brutalen Überfalls, bei dem Lucy vergewaltigt und ihr Vater fast getötet sowie seines Autos beraubt wird. In der Reaktion auf dieses Ereignis tritt eine deutliche Distanz zwischen beiden zutage, aus der sich im Verlauf des Romans schier unüberwindliche Kommunikationsbarrieren entwickeln. David Lurie setzt in traditioneller Manier all seine Hoffnung auf eine formelle Anzeige bei der Polizei, während seine Tochter Lucie zu den Strafverfolgungsbehörden kein Vertrauen hat und ihre Vergewaltigung als verständliche Reaktion auf die Verhältnisse der Vergangenheit erklärt. David fühlt plötzlich Angst vor dem Altern und der Zukunft. Lucy will trotz ihrer Angst die Farm nicht verlassen und baut auf die Hilfe und den Schutz ihres ehrgeizigen schwarzen Nachbarn Petrus, einem früheren Bediensteten, den David nicht ganz zu Unrecht der Mitwisser- oder gar Mittäterschaft verdächtigt. So hartnäckig wie Lucy sich gegenüber ihrem Vater verhält, so anpassungsfähig erweist sie sich gegenüber Petrus. Wie der Konflikt zwischen Vater und Tochter sich weiter entwickelt, ob bzw. wie er gelöst wird, all das ist ein ungewöhnlich interessanter Lesestoff.

Das Ende der Apartheid, d.h. die Überwindung der Unterdrückung der schwarzen Mehrheit auf demokratischem Wege, bedeutet nicht das gleichzeitige Erreichen eines stabilen sozialen Friedens. Hass und Rachsucht bilden eine gefährliche Hinterlassenschaft. Nach dem Verschwinden der weißen Minderheitsregierung Südafrikas werden die Konflikte und die Suche nach neuen Spielregeln des Zusammenlebens zwischen den verschiedenen Ethnien in der Regel mit latenter, zeitweise aber auch mit offener Aggressivität ausgetragen. Dazu zählt nicht nur, dass man den Weißen ihre früheren Privilegien abspricht, sondern auch, dass man beispielsweise Verbrechen wie Einbruch, Diebstahl und Raub als Umverteilung von Eigentum rechtfertigt. Die schwarze, weiße und farbige Bevölkerung Südafrikas sucht nach einem neuen Rollen- und Selbstverständnis. Insofern birgt der Roman auch brisantes Diskussionspotenzial für interkulturelles Lernen.

Mit den Charakteristika der Roten Reihe des Reclam-Verlages dürften viele Leser sicherlich bestens vertraut sein, da sie seit langem unverändert geblieben sind. Dazu gehören das unverwechselbare, sehr handliche Format, eine editorische Notiz zum Text, deutsche Worterklärungen und Sachkommentar in Fußnotenform, ein Nachwort des Herausgebers sowie Literaturhinweise. Dem vorliegenden Text liegt das ungekürzte englische Original zugrunde (Secker & Warburg, 1999); die Lektürehinweise beziehen sich sowohl auf Quellen zu Südafrika im Allgemeinen als auch auf weiterführende Sekundärtitel zu Coetzees Werk im Besonderen (S. 340-342).

Der Nutzen für Lehrer und Schüler dürfte vor allem von der Qualität des Sprach- und Sachkommentars abhängig sein. Eine systematische Überprüfung ergab, dass dieser keine Wünsche offen lässt: die Erläuterungen von literarischen, religiösen, musik- und zeitgeschichtlichen Annotationen sind lückenlos, adäquat und informativ. Die Übersetzungen entsprechen dem Sinn und dem Kontext der Vorlage: sie erfassen nicht nur Einzelwörter, sondern auch Redewendungen und dürften somit auch Grundkurs-TeilnehmerInnen ein angemessenes Textverständnis ermöglichen. Ein Nachteil liegt lediglich darin, dass Reclams Rote Reihe keine phonetische Transkritption vorsieht. Bei Wörtern wie uxorious (S. 5), harassment (S. 63), adjournment (S. 86) oder vibracrete (S. 253) zum Beispiel wäre die Angabe der Aussprache durchaus hilfreich.

Zudem legt der Herausgeber Arthur Kutsch ein sehr sachkundiges und sorgfältig recherchiertes Nachwort vor, das in konzentrierter und überschaubarer Form den zum Verständnis erforderlichen geschichtlichen und sozialen Hintergrund vermittelt. Mit der vorliegenden Edition hat Kutsch das zur Zeit zugängliche Spektrum fremdsprachiger didaktischer Texte ein weiteres Mal um einen attraktiven Roman bereichert. Dieser Neuerscheinung sind viele aufgeschlossene und interessierte Leser zu wünschen.


Gilian Slovo, Red Dust (2000)

Dieser Roman spielt in einem höchst ungewöhnlichen Kontext: er beschreibt den Wandel Südafrikas vom rassistischen Apartheidsregime zu einer funktionierenden jungen Demokratie. Dieser Prozess begann 1990, vier Jahre später kam es zu den ersten freien Wahlen, aus denen Nelson Mandela als Sieger hervorging, während der vorliegende Roman im Jahre 2000 auf den Markt kam und bereits im Jahre 2006 als didaktische, d.h. annotierte und kommentierte Ausgabe im Klett-Verlag erschien (Hrsg. Peter Bruck).

Eine Bedingung der Machtübergabe an die schwarze Mehrheit war die Einsetzung der sog. Wahrheitsfindungskommission, deren Aufgabe nicht darin bestand, zur Verfolgung von früheren Straftaten, sondern im Gegenteil zur Amnestierung von weißen Armee- und Polizeiangehörigen beizutragen, wenn diese den Opfern bzw. Angehörigen der Opfer vor der Kommission wahrheitsgemäß über ihr Verhalten berichteten. Über eine von dieser Kommission durchgeführte Anhörung, die nicht mit einem Gerichtsverfahren zu verwechseln ist, berichtet das Romangeschehen. Es kommt zu einer direkten Konfrontation zwischen Dirk Hendricks, einem ehemaligen Angehörigen der weißen Sicherheitspolizei, und dem schwarzen politischen Aktivisten Alex Mpondo, also zu einer Gegenüberstellung von Peiniger und Opfer, von Zeugen und Anwälten: es soll untersucht werden, wer für das Verschwinden und den Tod des jungen Stephen Sizela, dem Sohn eines schwarzen Schulleiters, die Schuld trägt.

Dabei geht es zum Einen um eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, um juristische und moralische Verantwortung, um durch Folter ausgelöste Traumatisierung und ihre Folgen. Es geht zum Anderen aber auch um menschliche und emotionale Bindungen zwischen Folterern und Gefolterten, um posttraumatische Stressbewältigung der Opfer, um Möglichkeiten und Grenzen der Wahrheitsfindungskommission sowie um den sozialen Frieden in dem noch jungen demokratischen Staat Südafrika. All das dürfte für junge Leser eine spannende und motivierende Lektüre bedeuten. Angesichts einer solchen Fülle von Problemen steht ein happy ending kaum zu erwarten.

Charakteristisch für die Erzählweise ist der ständige Perspektivenwechsel, der sich oft von einem Kapitel zum nächsten, aber gelegentlich sogar innerhalb eines Kapitels vollzieht. Dadurch tritt der Leser nicht nur in die Gedanken- und Gefühlswelt aller Hauptfiguren ein, sondern diese Technik steuert auch seine Urteilsbildung in maßgeblicher Weise: es ergibt sich ein natürliches Gefälle an Informationen und Einsichten von der Leserschaft zu den Figuren, deren Sicht des Geschehens naturgemäß subjektiven Beschränkungen unterliegt. In dieser Erzähltechnik liegt gerade eine Chance für jugendliche Leser, so dass die Fiktionalisierung der Ereignisse als gelungen gewertet werden darf.

Ebenfalls im Klett-Verlag ist ein von Peter Bruck verfasster zugehöriger Teacher's Guide erschienen. Dieser ist klar strukturiert: er gliedert die 48 Kapitel des Romans in drei Teile und verfolgt eine durchaus attraktive didaktische Konzeption. Der erste Teil wird in gemeinsamer Arbeit besprochen, dann aber erfolgt die Lektüre von Teil II und III in häuslicher Arbeit. In einer eigens dafür angesetzten Doppelstunde werden Analyseaufgaben an die Schüler (Gruppenarbeit) verteilt, die über ihren Arbeitsfortschritt genauso berichten wie über die von ihnen erzielten Ergebnisse. Das bedeutet, dass für Teil II und III das Unterrichtsgeschehen konsequent schülerorientiert angelegt ist. Dazu enthält der Band Zusatzmaterial, Klausurvorschläge, Arbeitsblätter und einen Vergleich zwischen Verfilmung und Roman.

Die Palette der methodischen Anregungen ist umfassend; alle für die praktische Umsetzung relevanten Maßnahmen werden auf Englisch verfasst. Positiver, d.h. leserfreundlicher und letztlich sogar leichter für den Verfasser wäre es m.E., durchgehend die Zielsprache zu benutzen. Zudem vermisse ich eine Analyse des Schwierigkeitsgrades dieses sprachlich anspruchsvollen Werkes und eine damit verbundene Empfehlung für eine bestimmte Leistungsstufe oder einen Kurstyp. Dennoch ist die Publikation dieses Romans ohne Zweifel eine verdienstvolle Leistung.

Peter Bruck hat sich übrigens auch für den Einsatz der Verfilmung von Red Dust im Englischunterricht eingesetzt; aber das ist eine andere Geschichte; cf. films for intercultural learning (part I).


Bali Rai, (un)arranged marriage (2001)

Bei diesem Roman handelt es sich um das Erstlingswerk eines noch jungen, d.h. 1971 geborenen Schriftstellers, das seit seinem Erscheinen zahlreiche Preise gewonnen hat. Es erzählt aus der Ich-Perspektive einen entscheidenden Abschnitt aus dem Leben eines Jungen, der in Leicester geboren ist und dort aufwächst, dessen Familie jedoch aus dem nordindischen Punjabi-Gebiet stammt. Nach dem Willen des Vaters soll er wie sein Brüder mit spätestens 17 Jahren eine von der Familie ausgesuchte Frau heiraten, die ihm bestenfalls von einem Photo her bekannt ist. Auf diese Problematik wird bereits im Titel angespielt. In einem Prolog wird sodann geschildert, dass die geplante Heirat unmittelbar bevorsteht, der Betroffene Manjit, der sich bezeichnenderweise lieber Manny nennt, aber auch Gegenmaßnahmen getroffen hat, um sich dem Familienwillen zu entziehen. Der Konflikt ist somit vorprogrammiert, und der völlig offene Ausgang bildet die Spannungsgrundlage für die Lektüre des Buches.

Der zu Beginn der Handlung 13jährige Manjit, das jüngste unter zahlreichen Kindern, ist ein Außenseiter in der Familie. Von der Mutter wird er mit Gleichgültigkeit behandelt, von seinen älteren Brüdern gehänselt und nicht ernst genommen, vom alkoholabhängigen Vater regelmäßig verprügelt, misshandelt und gedemütigt. Für sie alle stellt die Solidarität der Großfamilie, auch mit Onkeln, Tanten, Vettern und Kusinen, ein hohes Gut dar, dem sich jeder unterzuordnen hat. Der Vater hat zwar das einen hohen Immigrantenanteil aufweisende Leicester als Wohnort gewählt, aber das hindert ihn nicht daran, die weiße Zivilisation heftig zu kritisieren. Er ist ein jegliche Integrationsbemühungen ablehnender, rassistischer und engstirniger Einwanderer, der nur an Arbeit, Geldverdienen und Zwangsverheiratung seiner Kinder interessiert ist. Mit anderen Worten: er erzieht seine Söhne zu Duplikaten seiner selbst. Die Heirat wird als eine Frage der Familienehre aufgefasst: sie zählt mehr als die davon betroffenen Individuen.

Manny geht gern zur Schule und möchte einmal Schriftsteller werden: er verfasst Geschichten über sein eigenes Leben; hier deuten sich die autobiographischen Wurzeln des Romans an. Sein Mitschüler Ady, der aus Jamaika stammt, ist sein einziger Freund. Manny stellt ihn und sich selbst keineswegs als Musterknaben dar: gemeinsam begehen sie beispielsweise Ladendiebstähle. Einerseits ist ein solches Verhalten für sie eine Mutprobe, andererseits ein Mittel, um an Geld zu kommen. Manny spricht offen über solche Taten: er erweist sich in jedem Fall als ein sehr ehrlicher, selbstkritischer Erzähler.

Adys Freundin Sarah entstammt einer mixed family: ihr Vater ist Spanier, Mannys Freundin Lisa ist Engländerin. Sie hat sehr verständnisvolle Eltern, die den Jungen akzeptieren, während seine Angehörigen nichts von der gemeinsamen Beziehung wissen. Mit zunehmendem Alter wird seine innere Auflehnung und die Entfremdung von der Familie größer. Die Leistungen in der Schule sacken bedrohlich ab; der Schulbesuch wird unregelmäßig; die Lehrer sind ratlos. Zugleich wird die Zuneigung zu Lisa immer stärker. Nach seinem Schulverweis sind Manny und Lisa faktisch getrennt, Manny sitzt wie ein Gefangener zu Hause, und seine Angehörigen üben starken emotionalen Druck auf ihn aus; u.a. droht seine Mutter, sich wegen der möglichen Schande für die Familie das Leben zu nehmen. Damit endet der 2. Teil in diesem sehr ereignisreichen Roman.

Der 3. Teil schildert einen Besuch bei der Großfamilie in Adumpur (Punjabi), dem Heimatdorf seines Vaters – mit zahlreichen Hinweisen auf die Probleme des Landes (Chaos, Armut, Kastenwesen, Prostitution, Drogen ...). Dadurch soll Manny sowohl die Wurzeln seines Vaters kennen- und akzeptieren lernen als auch nach dessen Vorstellung sich zu einem richtigen Mann entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt ist man als Leser kaum geneigt, der zukünftigen Beziehung von Lisa und Manny noch irgendeine Chance zu geben. Wie sich die Konflikte im 4. Teil lösen, stellt nicht nur für jugendliche Leser eine überaus spannende und attraktive Lektüre dar.

Zwar wurde dieser Roman Bali Rais in England veröffentlicht. Im Zentrum aber steht natürlich der jugendliche Immigrant aus einem früheren Commonwealth-Land. Daher wurde dieses Werk als ein besonderes Paradigma für young adult fiction unter die New English Literatures eingeordnet. Die Erzählweise ist sehr realistisch, detailreich, tagebuchartig und wirkt dadurch sehr authentisch. Das Buch ist sowohl leicht zugänglich als auch gut nachvollziehbar und enthält aufgrund seiner hoch aktuellen, brisanten Thematik ein für Unterrichtszwecke schwerlich zu überschätzendes Diskussionspotenzial. Zugleich ist es eine gute Vorbereitung auf im Augenblick viel diskutierte Filme wie East is East; cf. films for intercultural learning (part I) und Bend it like Beckham; cf. films for intercultural learning (part II); eine Zusammenfassung des gleichnamigen Romans findet sich weiter unten.

Nach der Erstveröffentlichung des Romans im Jahre 2001 liegt seit 2007 bei Klett eine von Mechtild Hesse besorgte didaktische Ausgabe vor. Die sprachlichen Annotationen könnten gelegentlich ausführlicher sein, z.B. hinsichtlich der Punjabi-durchsetzten Sprechweise des Erzählers und diverser Charaktere. Die übliche bio-bibliographische Skizze, die auch die jüngsten Werke des Autors umfasst, ist gut überschaubar und sehr informativ. Statt der sonst vielfach angebotenen ergänzenden Texte weist die Ausgabe nützliches Zusatzmaterial auf: Zahlen und Fakten zur Bevölkerungsentwicklung in Großbritannien, statistische Angaben und Graphiken zur britischen Bevölkerungsstruktur, einschließlich geographischer Karten von England und Indien. Insgesamt ist der Roman für den Unterricht zu Ende der S I oder zu Anfang der S II sehr zu empfehlen.


Narinder Dhami, Bend it like Beckham (2002)

Obwohl dieses Werk in England veröffentlicht wurde und die Handlung in einem Londoner Vorort spielt, erscheint die Einordnung unter Commonwealth-Literatur angebracht. Der Grund dafür liegt darin, dass die indische Sikh Familie Bhamra im Zentrum steht, für die Turban und Sari Bestandteile ihrer kulturellen Tradition und Identität sind, die sie auch in Großbritannien bewahren wollen.

Die Geschehnisse werden aus der Sicht der Tochter Jesminder (genannt Jess) erzählt, die als Fußballspielerin eine professionelle Karriere machen möchte und deren größter Wunsch es ist, den Ball wie Beckham anschneiden zu können (vgl. Titel). (Zum Zeitpunkt der Romanereignisse spielte Beckham noch bei dem berühmten englischen Fußballclub Manchester United. Danach stand er einige Jahre in den Diensten von Real Madrid, ist aber inzwischen zum vermutlichen Abschluss seiner Karriere in die U.S.A. abgewandert.) Angesichts dieser Ausgangslage sind die Konflikte in der Familie Bhamra vorprogrammiert.

Als Jess eines Tages mit Freunden zusammen im Park Fußball spielt, wird sie von Jules Paxton beobachtet, die in der Mannschaft der Hounslow Harriers als Spitze eingesetzt wird. Jules lädt Jess zu einem Probetraining ihres Teams ein. Dabei hinterlässt Jess beim Trainer einen positiven Eindruck und wird in den folgenden Spielen zusammen mit Jules im Angriff aufgestellt. Zum Training und zu den Wettkämpfen geht Jess unter Vorwänden und Lügen gegenüber den Eltern, die ein Jurastudium, eine Anwaltstätigkeit und spätere Heirat für ihre Tochter vorgesehen haben.

Auf der einen Seite stehen Jess’ Erfolge auf dem Spielfeld, auf der anderen Seite wird die Diskrepanz zu den Verhaltenserwartungen der Eltern und zu dem von ihnen ausgeübten Druck täglich größer. Die ältere Generation wird sowohl vom Beschützerdrang als auch von Berührungsängsten gegenüber dem Unbekannten beherrscht. Tochter Jess hingegen lebt in einem ständigen Zwiespalt; sie fühlt sich fremdbestimmt und wie in einer Falle gefangen. Zudem muss sie lernen, sich nicht nur sportlich zu behaupten, wenn sie etwa auf dem Spielfeld rassistischen Äußerungen ausgesetzt ist.

Die Geschehnisse scheinen sich auf ein unlösbares Dilemma hinzubewegen: das Finale eines Sommerturniers, an dem die Hounslow Harriers teilnehmen, fällt mit der geplanten Hochzeit der Schwester Pinky zusammen. Dieses Ereignis ist nicht nur für Braut und Bräutigam von entscheidender Bedeutung, sondern auch für die Familie und für die Verwandten von großer sozialer Relevanz. Wie sich dennoch für Jess Bhamra eine Lösung findet, wie sich der Konflikt zwischen Eltern und Tochter löst, so dass sie schließlich ihren eigenen Weg zu gehen vermag, stellt eine durchaus reizvolle und spannende Lektüre dar.

Das Werk ist mehr als eine Fußball-Erfolgsgeschichte und viel mehr als eine Emanzipationsstory mit Hilfe dieses auch bei uns für Frauen immer beliebter werdenden Sports. Neben dem Konflikt der Generationen sind auch Probleme des Erwachsenwerdens, erstes Verliebtsein, Homosexualität, Vorurteile, Rassismus u.ä. integrierter Teil der komplexen Handlung, die viele Überraschungen, Auflösungen von Missverständnissen und zahlreiche Glücksumschwünge aufweist und somit beträchtlichen Gesprächs- und Diskussionsstoff bietet.

Dabei ist der Roman sprachlich leicht zugänglich, mit ca. 95 Seiten gut überschaubar sowie ansprechend annotiert und kommentiert. Die Klett-Ausgabe aus dem Jahre 2003 weist zudem biographische Informationen und diverse Zusatztexte auf. Im Kontext des breiten Angebots zu young adult fiction ist Bend it like Beckham ein besonders zu empfehlendes Werk. Inzwischen ist eine Verfilmung in englischer Sprache (von Gurinder Chadha) auch als DVD-Video auf dem Markt erhältlich. Da das Werk seit Kurzem zu den obligatorischen Werken für das Zentralabitur in NRW und Niedersachsen zählt, kann es nicht überraschen, dass in den Jahren 2005 und 2006 nicht weniger als vier Unterrichtsmodelle veröffentlicht wurden (vgl. films for intercultural learning (part II); vgl. auch Editionen und Sekundärliteratur ).


Mohsin Hamid, The Reluctant Fundamentalist (2007)

In einem Restaurant in Lahore, der zweitgrößten Stadt Pakistans, trifft der Protagonist und Erzähler Changez einen geheimnisvollen Amerikaner, der im gesamten Roman namenlos bleibt. Diesem Gegenüber erzählt Changez einen großen Teil seiner Lebensgeschichte. In jungen Jahren verlässt er sein Heimatland Pakistan, um in den Vereinigten Staaten von Nordamerika zu studieren.

In seiner Person vereinigen sich Intelligenz, Disziplin und Arbeitsbereitschaft, so dass er sein Studium an der Eliteuniversität Princeton im Bundesstaat New Jersey mit herausragenden Noten abschließt. Aus diesem Grund hat er keine Schwierigkeiten, bei der Unternehmensberatung Underwood Samson einen lukrativen Job zu finden. Die Firma lässt sich bei ihren Analysen von dem Grundsatz leiten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren (focus on the fundamentals), worauf auch im Titel angespielt wird. Es mag sein, dass dieser zunächst falsche Erwartungen beim Leser weckt, aber in dem vorliegenden Roman geht es nicht um den heutzutage eher negativ besetzten politischen Begriff des Fundamentalismus. Als Changez darüber hinaus sich in die junge Amerikanerin Erica verliebt, scheint seinem Glück nichts mehr im Wege zu stehen.

Dann aber bringen die Terroranschläge auf das Welthandelszentrum in New York vom 9.11.2001 die Grundlagen seines gesamten Lebens ins Wanken. Changez ertappt sich selbst dabei, dass er spontane Freude empfindet, als er die Bilder der Zerstörung zum ersten Mal im Fernsehen sieht. Und spätestens von diesem Augenblick an stellt der Roman erhebliche Anforderungen an die Schüler, die nur im Rahmen der Sekundarstufe II bewältigt werden können. Wie Changez seine Arbeit verliert, wie er einen neuen Job findet, der es ihm unter anderem erlaubt, amerikakritische Demonstationen zu unterstützen, wie Erica in Depressionen verfällt und sich seinem Liebeswerben entzieht – das alles bietet spannenden Lesestoff und zugleich reichhaltige Anstöße zur Diskussion.

Mit seinen rund 170 Seiten im kleinen Format von Reclams Universalbibliothek - Englisch ist der Roman gut überschaubar. Seine Perspektive ist höchst ungewöhnlich. Zwar geht der bescheidene und absolut aufrichtige Erzähler häufig auf vermutete Reaktionen seines Gegenübers ein, doch bleibt dieser im gesamten Text des Werkes ein Fremder, der nicht einmal zu Wort kommt. Anders gesagt: der gesamte Roman ist ein einziger Monolog. Dennoch ist diese erzähltechnische Konstruktion alles andere als langweilig. Sie ist vielmehr eine literarisch sehr reizvolle, wahrscheinlich einmalige tour de force, die erheblich zur Spannung des Werkes beiträgt.

Bei Reclam liegt seit kurzem eine sehr sorgfältig annotierte und kommentierte Ausgabe des Werkes vor (vgl. Anzeigen, Nr. 16), die sicherlich mit Gewinn als Abiturvorbereitung eingesetzt werden kann.

Last Updated by Dr. Willi Real on Monday, 21 October, 2013 at 9:30 AM.

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