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Schulromane




Robert Cormier, The Chocolate War (1974)

Robert Cormier ist - wie Nat Hentoff - von seinem Beruf her ein Journalist, der bei seiner schriftstellerischen Tätigkeit stets Wert darauf legt, eine fesselnde Story zu erzählen. The Chocolate War präsentiert eine solch spannungsgeladene Geschichte, die an einer amerikanischen high school spielt, in der Schüler aus bürgerlichen Verhältnissen auf ein akademisches Studium vorbereitet werden.

Während die Schulleitung, vertreten durch Bruder Leon, größten Wert darauf legt, dass das Image der Schule in der Öffentlichkeit intakt ist, wird sehr bald deutlich, dass sich hinter der äußeren Fassade mafiaähnliche Strukturen verbergen. Der Konflikt entzündet sich an einer scheinbaren Nebensächlichkeit. Wie in jedem Jahr sollen die Schüler durch den Verkauf einer kleinen Kollektion von Pralinen einen eigenen Beitrag zur Entlastung der angespannten schulischen Finanzsituation leisten. Allerdings wurde dieses Mal die Anzahl der zu verkaufenden Süßigkeiten - bei einem drastisch angestiegenen Preis - auf das Doppelte erhöht. Offiziell gilt die Beteiligung der Schüler bei diesem Projekt als rein freiwillig und als Beweis der Kooperationsbereitschaft sowie der Identifikation mit der Schule.

Nur der Schüler Jerry Renault, der gerade durch Krebs seine Mutter verloren hat, die für ihn ein Muster an Tugend und Tüchtigkeit war, weigert sich. Sein Verhalten bereitet Bruder Leon, dem für die Verkaufsaktion verantwortlichen Lehrer, viel Kopfzerbrechen. Er schreibt Jerrys Verhalten zunächst dem Einfluss der "Vigils" zu, einer geheimen Schülerorganisation, die durch ihre Aufträge an bestimmte Schüler schon oft für Konflikte und Chaos gesorgt hat. Aber Jerry Renault weigert sich auch nach dem von den "Vigils" festgesetzten Zeitraum, Pralinen zum Wohl der Schule zu verkaufen: er trotzt der Schulleitung genauso wie der mächtigen Schülerorganisation.

Für beide wird die Situation schwierig. In Bezug auf Bruder Leon geht das Gerücht um, er habe die doppelte Pralinenmenge auf nicht legale Weise vorfinanziert, so dass der Erfolg der Verkaufsaktion für ihn zu einem persönlichen Macht- und Existenzkampf wird. Aber auch der Anführer der "Vigils", Archie Costello, befindet sich in einem Dilemma: er kann Widerstand gegen seine Aufträge nicht hinnehmen, will er nicht den Verlust seines Ansehens und den Einfluss seiner Organsiation riskieren. Daher unterstützt er offiziell die Aktion der Schule, um Jerry Renault zu isolieren und setzt ihn gleichzeitig mit allen möglichen Mitteln des offenen und versteckten Terrors unter Druck. Dagegen hat Jerry Renault auf Dauer keine Chance: er endet als beklagenswertes Opfer im Krankenhaus. Und Bruder Leon lässt Archie Costello gegenüber durchblicken, dass dieser mit seiner Unterstützung rechnen kann, da er zum Wohle der Schule gehandelt habe.

Man mag darüber streiten, ob in den U.S.A. solche Vorfälle an Schulen undenkbar oder vielmehr tägliche Realität sind und ob die amerikanischen Verhältnisse auf Deutschland übertragen werden können: immerhin ist auch an deutsches Schulen das Problem der Gewalt ein aktuelles und hoch brisantes Thema. Bezüglich Cormiers Position ist die These besonders bedrückend, dass die Erzieher nicht besser sind als die von ihnen zu erziehenden Schüler. Mehr noch: als amtierender Schulleiter setzt Bruder Leon die Kette der geschilderten Ereignisse in Bewegung. Nach seiner Einschätzung ist die Schule wichtiger als das Individuum, und so wird Jerry Renault zum Opfer, das von der Seite des Lehrkörpers keine, von Seiten einzelner Schüler nur halbherzige Unterstützung erfährt.

Wie Jerry die Ereignisse verkraftet, bleibt ebenso ausgespart wie seine Motivation für das Beharren auf einer Außenseiterlinie, welche die Schulpolitik gefährdet. Dass von der Entwicklung der Ereignisse nichts nach außen dringt, dass die Eltern der Schüler nichts erfahren, erscheint psychologisch unglaubwürdig. Wie danach die Erziehungsarbeit an der Schule fortgesetzt werden kann, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen. Insofern wirft der Roman auch viele Fragen auf.

Wer sich als Lehrkraft entschließt, diesen Text seinen Schülern zuzumuten, sollte auch im Unterricht die von Cormier verwendeten erzähltechnischen Kunstgriffe analysieren. Dazu gehört die Verwendung sehr kurzer Sätze (Ellipsen), zahlreicher Wort- und Satzwiederholungen, rhetorischer Fragen und vor allem eine an Vergleichen und Bildern sehr reiche Sprache, die vor drastischen Werturteilen nicht zurückschreckt. Daraus resultiert eine auf künstliche Kontraste und ein hohes Maß an Spannung getrimmte Erzählweise, die eher an rhetorische Effekthascherei als an literarische Qualitäten erinnert. Cormier hat einen provozierenden Thriller vorgelegt, an dem sich die Geister scheiden.

Am Ende einer Stunde, in dem Bruder Leon bewusst und gezielt einen Schüler zu Unrecht der Täuschung beschuldigt, sagt er zu seinen Schülern: "You poor fools ... You idiots ... You sat there and enjoyed yourselves. And those of you who didn’t enjoy yourselves allowed it to happen, allowed me to proceed. You turned this classroom into Nazi Germany for a few moments." (p. 53 in Harper/Collins edition). Diese Aussage, die den Roman in die thematische Nähe von Morton Rhues The Wave rückt, gilt für das Werk insgesamt und zeigt die Verantwortlichkeit aller Beteiligten auf. Einsetzbar ist es von der Klasse 11/1 an. Wer sich für den Roman entscheidet, sollte den Unterricht als Korrektiv des Textes benutzen.


Kathleen M. Peyton, A Midsummer Night's Death (1978)

Hierbei handelt es sich um einen Kriminalroman, der in einem englischen Internat spielt: ein Lehrer wird ertrunken aufgefunden, wobei die Umstände seines Todes auf Selbstmord schließen lassen. Davon geht auch die Polizei aus, vor allem, weil ein handgeschriebener Abschiedsbrief gefunden wird. Der Schüler Jonathan Meredith jedoch, aus dessen Perspektive die Ereignisse erzählt werden, hat den Verdacht, dass in Wirklichkeit ein Mord geschehen und dass ein von ihm verehrter Lehrer der Täter ist. Der Roman lebt von der Spannung, dass sich der Verdacht des Schülers zur Gewissheit erhärtet und dass der Täter die Gedanken des Schülers ahnt und sogar in Versuchung kommt, seinen gefährlichen Mitwisser anlässlich einer Bergtour in Wales ebenfalls zu töten.

Der Erzähler schwankt zwischen der Suche nach der Wahrheit und Zurückweichen, zwischen Zuneigung und Gerechtigkeitssinn. Offiziell bleibt die Selbstmordthese unangetastet, doch erfährt der Erzähler im letzten Kapitel aus der Zeitung, dass der Täter bei einem Lawinenunglück in Nepal ums Leben gekommen ist. Der Roman ist sicherlich in der Klasse 11 zur Schulung des extensiven Lesens sehr gut einsetzbar.


Morton Rhue, The Wave (1981)

Die Gründe, die für den Einsatz dieses Textes im Englischunterricht sprechen, sind offensichtlich. The Wave ist ein Roman mit jugendlichen Figuren, der in der täglichen Erfahrungswelt der "Sozialisationsinstanz Schule" spielt und keine besonderen literarischen Ambitionen verfolgt. Sein Umfang ist so gut überschaubar, dass keine Gefahr der zeitlichen Überdehnung im Unterricht besteht und somit das Werk als propädeutische Lektüre auf den Umgang mit längeren Erzähltexten in der Sekundarstufe II dienen kann. Zudem beruht die Darstellung der Ereignisse auf wahren Begebenheiten.

An einer amerikanischen high school lehrt der engagierte Lehrer Ben Ross Geschichte nicht verbal-abstrakt, sondern anschaulich-konkret, indem er einen dokumentarischen Film über jüdische Konzentrationslager während der NS-Zeit einsetzt. Dabei schwanken die Schülerreaktionen zwischen tiefer Betroffenheit und ostentativer Gleichgültigkeit, und es kommt anschließend zu einer Diskussion, in der die Schüler nach den Ursachen für das Verhalten der Deutschen fragen, die einem Führer blind folgen und an dem Tod von sechs Millionen Juden schuldig werden.

Da der Geschichtslehrer Ben Ross auf diese Frage keine befriedigende Antwort geben kann, startet er ein Experiment. Er beginnt die nächste Stunde mit Drillübungen, besteht auf Disziplin und Autorität und ist überrascht über die positive Resonanz in der Klasse, in der sich die Arbeitshaltung verbessert und ein neues Gemeinschaftsgefühl entsteht. In den nächsten Stunden gründet er die Bewegung "Die Welle" (vgl. Titel), führt für sie ein Motto, Mitgliedskarten und ein Begrüßungsritual ein. Die Schüler folgen ihrem Lehrer begeistert, der Außenseiter wird in die Klassengemeinschaft integriert, die Stars verlieren ihre Privilegien. Dann werden Kontrolleure eingesetzt, die über die Einhaltung der Vorschriften wachen. Gleichzeitig werden neue Mitglieder geworben, wobei massiver Druck ausgeübt und schließlich ein jüdischer Junge Opfer eines tätlichen Angriffs wird.

Inzwischen regt sich auch Widerstand gegen die Bewegung: sie wird in der Schülerzeitung kritisiert, Eltern schalten sich ein und sprechen von Manipulation und Gehirnwäsche. Das Experiment droht außer Kontrolle zu geraten, und Ben Ross bleibt nur die Möglichkeit der abschließenden Schocktherapie, mit deren Hilfe er den Anhängern der von ihm ins Leben gerufenen Bewegung klar macht: "You all would have made good Nazis".

Diese Geschehnisse fordern zur intensiven Diskussion heraus. Haben die Schüler eine wertvolle Erfahrung gemacht? Ist nicht ihre anfängliche Selbstgefälligkeit erschüttert? Haben sie gelernt, dass es nicht angehen kann, vorschnell zu urteilen und andere zu verurteilen? Aber es gibt auch eine andere Seite: Der Geschichtslehrer verlässt anschließend seine Schule, nachdem er sich bei den Schülern entschuldigt hat. Dieser Entschluss kann nur als Konsequenz aus der Tatsache verstanden werden, dass er durch sein 'erfolgreiches' Experiment seine eigene Glaubwürdigkeit zerstört und die Vertrauensbasis zu seinen Schülern untergraben hat. Sein Verhalten impliziert auf seiner Seite das angemaßte Recht, mit anderen Menschen zu experimentieren und zielt damit auf ihre Demütigung. Der intellektuellen Einsicht steht ein psychologisch-menschlicher Schaden gegenüber, der nicht durch eine nachträgliche und einmalige Entschuldigung aus der Welt geschafft werden kann.

Für die Klasse 10 ist The Wave nach wie vor ein Werk, das sehr zu empfehlen ist. Aus der Sicht einer Lehrkraft für Englisch muss es bedauerlich sein, wenn die amerikanische, auch mehrmals im deutschen Fernsehen gezeigte Verfilmung den Schülern aus dem Geschichtsunterricht vorher bekannt ist. Eigentlich bietet der Text eine günstige Gelegenheit für ein fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt.


Nat Hentoff, The Day they Came to Arrest the Book (1982)

Es handelt sich um einen Schulroman eines modernen amerikanischen Autors, in dem es darum geht, dass Eltern- und Schülerklagen gegen einen etablierten Klassiker thematisiert werden: Mark Twains Huck Finn wird als rassistisch, sexistisch und unmoralisch angegriffen und soll deshalb als Roman aus dem Unterricht entfernt werden. Es geht um die Frage: wie wird die Freiheit der Meinungsbildung am besten verwirklicht? Soll man sich mit Lügen, Stereotypen und Vorurteilen auseinandersetzen, oder bedeutet der Kontakt mit ihnen schon eine Infizierung des Denkens? Die lokale Auseinandersetzung eskaliert zu einer Kontroverse mit nationalen Ausmaßen. Letztlich wird die uneingeschränkte Lektüre von Huck Finn durchgesetzt.

Nat Hentoffs Werk ist ein Buch, das wie eine Reportage von Fakten, das weniger fiktional als dokumentarisch wirkt. Mit knapp 140 S. ist es noch gut überschaubar, sehr spannend geschrieben und enthält ein sehr großes Diskussionspotenzial. M.E. ist es bei einem Wechsel von kursorischer und statarischer Lektüre von der Klasse 11/1 an geeignet.


Gloria D. Miklowitz, The War between the Classes (1985)

Der Roman, der aus der Perspektive eines japanischstämmigen Mädchens verfasst ist, spielt an einer kalifornischen high school mit einer multi-nationalen Schülerschaft : im einzelnen gibt es weiße, schwarze, lateinamerikanische und asiatische Schüler. Ein Lehrer für Sozialwissenschaften spielt mit seinen Schülern vier Wochen lang das sog. color game. Dabei werden alle Teilnehmer in Gruppen ausgelost, die einem streng hierarchischen (ungerechten) Gefälle unterliegen: die einen haben alle Rechte, die anderen alle Pflichten. Die ranghöchsten Mitspieler treffen die Anordnungen, die rangniedrigeren führen die Befehle aus, ohne dass sie deren Sinn oder Berechtigung hinterfragen dürfen.

Eine Polizeitruppe überwacht ständig die Einhaltung der Spielregeln. Verstöße werden mit Strafen geahndet, Denunziation wird mit Bonuspunkten honoriert und führt möglicherweise zum sozialen Aufstieg. (Dieses Spiel hat seine Wurzeln in der Realität: es wurde an einer amerikanischen Schule praktisch erprobt.) Dem Lehrer geht es darum, dass alle Mitspieler ihre Vorurteile, auch dem anderen Geschlecht gegenüber, reflektieren, indem sie sich (wie in To Kill a Mockinbird) in die Lage anderer hineinversetzen und eine Lektion fürs Leben lernen. Darum geht es auch der Verfasserin, denn die Vorurteile sind auch bei den Eltern der Schüler fest verwurzelt.

Mit The War Between the Classes liegt ein erfrischend erzählter Roman vor, in dem zum Teil etwas zu dick aufgetragen wird und der von seiner optimistischen Grundstimmung her streckenweise ein wenig sentimental wirkt. Dennoch ist der Text m.E. ab Klasse 10/11 gut einsetzbar.


Nancy H. Kleinbaum, Dead Poets Society (1989)

Hier liegt der seltene Fall vor, dass zum erfolgreichen Film (Regie: Peter Weir) ein Buch verfasst und noch im gleichen Jahr veröffentlicht wurde. Es handelt sich um einen Schulroman, der in einem amerikanischen Internat spielt und in dem drei Handlungstränge ineinander verschränkt sind. Zunächst geht es um die Auflehnung der im Club der toten Dichter zusammengeschlossenen Schüler (vgl. Titel) gegen die Tradition und Disziplin der Anstalt, in der sie von dem liberalen und verständnisvollen Lehrer Mr Keating unterstützt werden. Dieser bemüht sich ständig, seinen Schülern eine neue Perspektive zu vermitteln, um der Verfestigung des Denkens durch Vorurteile entgegenzuwirken.

Daneben geht der Roman einerseits auf die offenbar glückliche Liebesgeschichte des Knox Overstreet und andererseits auf den vergeblichen Kampf des Neil Perry ein, der seine Leidenschaft für die Schauspielerei entdeckt: er lehnt sich gegen die Autorität seines Vaters auf, der Neil nach seinem eigenen Lebensplan erziehen und ihm seinen Willen aufzwingen möchte. Als sich Neil dem durch Selbstmord entzieht, wird Mr Keating die Schuld an seinen Tode zugeschrieben. Bezeichnend ist, dass Knox am entschiedensten für Keating eintritt, als dieser der Schule verwiesen wird. Somit scheint die Erziehungsarbeit Keatings zumindest für den Augenblick Früchte getragen zu haben. Es bleibt indes offen, wie sehr die Traditionalisten nach Keatings Ausscheiden wieder an Einfluß gewinnen werden.

Es ist keinesfalls erforderlich, das Werk affirmativ zu rezipieren: es enthält einiges Diskussionspotential. Obwohl Keating allgemein als Rollen- und Identifikationsmodell für jugendliche Leser hingestellt wird, ist m.E. sein Verhalten nicht immer unproblematisch. Dies betrifft vor allem die Szene, in der er von seinen Schülern verlangt, die einleitenden Seiten eines Fachbuchs herauszureißen. Die Problematik liegt nicht nur darin, dass das Verbieten und das Verbrennen von Büchern an totalitäre Staaten erinnert. Keating verlangt auch von seinen Schülern die Vernichtung eines Textes, der ihnen unbekannt ist. Zudem erscheint es fragwürdig, mit Hilfe der Vernichtung von Fachliteratur die Liebe zur Dichtung wecken zu wollen. Daher könnte man etwa zur Diskussion stellen, ob Keating hier nicht wie ein gewissenhafter Pädagoge, sondern eher wie ein gefährlicher Demagoge auftritt.

Dieser Roman ist ab Klasse 10 sehr lesenswert; seit 2005 liegt bei Klett eine auf dem Film basierende didaktische Ausgabe vor: vgl. Editionen und Sekundärliteratur . Die Darstellung in den beiden unterschiedlichen Medien ist erfreulicherweise weitgehend deckungsgleich. Derjenige Lehrende, der sich auf den Einsatz des Films im Englischunterricht konzentrieren möchte, findet methodische Anregungen in einem 2003 von Engelbert Thaler verfassten und bei bei Schöningh erschienenen Unterrichtsmodell; vgl. Films dealing with school life, initiation and identity formation.


Morton Rhue, Give a Boy a Gun (2000)

Das Problem der Gewalt an amerikanischen Schulen ist nach wie vor höchst aktuell. Ein besonders krasses Beispiel stellt das Massaker an der Columbine High School in Littleton (Colorado) dar, das sich am 22.4.1999 abspielte und das bei uns u.a. durch den Dokumentarfilm von Michael Moore Bowling for Columbine besonders bekannt geworden ist. Morton Rhues nur ein Jahr später erschienener Roman spielt in der fiktiven Kleinstadt Middletown und handelt von einem Überfall mit Geiselnahme, bei dem die Schüler Gary Searle und Brendan Lawlor etwa 60 Mitschüler und einige Lehrer eine Zeitlang in der Turnhalle gefangen halten und terrorisieren.

Die Ereignisse des Romans werden von der Stiefschwester eines der beiden Täter erzählt: die fiktive, etwa 20jährige Journalistikstudentin Denise Shipley stützt sich nicht auf Polizeiberichte oder andere offizielle Quellen, sondern stellt eigene Recherchen an, um wenigstens einiges Licht in das unfassbare Geschehen zu bringen. Ihr Bericht spielt sich auf zwei Ebenen ab. Zum einen lässt sie zahlreiche Augenzeugen in Interviews, Stellungnahmen, e-mails, chatroom-Äußerungen zu Wort kommen. Das heißt, dass der eigentliche Erzähltext aus überschaubaren Segmenten besteht, in dem sich verschiedene Perspektiven spiegeln. Zum anderen zitiert Rhue mit Hilfe seiner Erzählinstanz Fakten, Zahlen, Informationen, Ergebnisse aus Artikeln, Studien sowie Untersuchungen, die in einer anderen Drucktype als Subtext die Entwicklung der Ereignisse begleiten. So vermischt sich Fiktives und Faktisches, Subjektives und Allgemeingültigeres: "Nothing - and everything - ... is real." (S. 7)

Zweifellos ist es extrem spannend, sich auf die Rekonstruktion des nach und nach entstehenden Mosaiks einzulassen. Die Erzählerin lässt nicht nur die Sicht der Attentäter und der Opfer deutlich werden, sondern entwickelt auch ein differenziertes Charakterbild der Attentäter, das sich zum Beispiel in den Abschiedsbriefen der beiden ausdrückt. Gary Searle wird als hochintelligent und besonders sensibel hingestellt; seine Verzweiflung und Hilflosigkeit drängt nach gewaltsamer Entladung, aber dabei hofft er trotz allem mit seinem Verhalten für Außenseiter etwas zum Positiven zu bewegen. Aus Brendan Lawlors Brief spricht dagegen der blanke Hass: er ist eine durchgehend aggressive Abrechnung mit Eltern, Mitschülern und Lehrern. Brendan ist es auch, der seinem Mitschüler Sam Flach befiehlt, sich auf den Rücken zu legen, um ihn durch gezielte Schüsse in beide Knie zum lebenslangen Krüppel zu machen. Aber es wird ebenso deutlich, dass die kalkulierte Brutalität, der ausgeprägte Sadismus und der unstillbare Durst nach Rache aus zahllosen Hänseleien, Beschimpfungen, Ausgrenzungen, Erniedrigungen, Demütigungen, etc. resultieren.

Seit 2003 liegt bei Reclam eine didaktische Ausgabe dieses Romans vor, der vermutlich ebenso wie Rhues The Wave ein Bestseller werden wird. Neben den üblichen Merkmalen der Fremdsprachentexte des Verlags ist vor allem das vorzügliche Nachwort des Herausgebers Herbert Geisen hervorzuheben. Spätestens seit dem Blutbad von Erfurt im April 2002 sind die geschilderten Probleme auch bei uns aktuell. Aber nicht nur deswegen enthält der Roman ein enormes Gesprächs- und Diskussionspotenzial, zu dem die Schüler als sie selbst Stellung nehmen können und sollen, da es ihre eigene tägliche Erfahrungswelt betrifft. Der Roman ist für den Einsatz von der Klasse 11 wärmstens zu empfehlen. Ein Teil des Verkaufserlöses dient übrigens zur Unterstützung von Organisationen, die für Waffenkontrollen in den Vereinigten Staaten eintreten (vgl. S. 175).


Joyce Carol Oates, big mouth & ugly girl (2002)

Es ist inzwischen nicht mehr ungewöhnlich auf dem literaturdidaktischen Markt, dass zwischen der Erstveröffentlichung eines Romans und seiner Entdeckung für den Unterricht nur ein geringer zeitlicher Abstand besteht. Im Fall des o.g. Werkes der berühmten amerikanischen Erzählerin (geb. 1938) muss man indes feststellen: Schneller geht’s nimmer. big mouth & ugly girl erschien 2002 in den U.S.A., ein Jahr später in Großbritannien, und schon in den ersten Monaten des Jahres 2005 liegt im Schöningh-Verlag ein erprobtes Unterrichtsmodell vor; cf. Anzeigen, 4. Die didaktisch-methodischen Überlegungen von Hauke Hoffmann und Andrea Steen beziehen sich auf das von Harper Tempest verlegte Taschenbuch, während zugleich bei Klett eine Flamingo-Ausgabe rasch lieferbar ist. Dass beide Texte weder sprachliche noch sachliche Annotationen aufweisen, dürfte angesichts des geringen sprachlichen Schwierigkeitsgrades sowie der spannenden Handlung kein gravierender Nachteil sein.

Die Geschehnisse setzen ein mit einem verbalen Paukenschlag. Der 16jährige, überdurchschnittlich begabte und sensible Schüler Matthew (Matt) Donaghy wird von zwei Polizisten aus dem Unterricht geholt und auf der nächsten Polizeistation verhört. Er wird verdächtigt, auf die von ihm besuchte renommierte Vorstadtschule einen Bombenanschlag geplant zu haben, um ein Massaker anzurichten. Obwohl der völlig ahnungslose Matt seine Unschuld beteuert, wird er für drei Tage vom Unterricht suspendiert und stundenlang verhört. Dazu gelangt der Vorfall schnell in die Medien (z.B. auch in das lokale Fernsehen) und wird vielfach von Eltern und Schülern diskutiert.

Nur die selbständig und unkonventionell denkende Schülerin Ursula Riggs, die Matt kaum kennt, hat genügend Zivilcourage, für den Mitschüler einzutreten. Sie hat eine in die Form einer rhetorischen Frage gekleidete und als Scherz gemeinte Äußerung Matthews mitgehört und sagt aus, dass diese unmöglich missverstanden werden könnte. Da sich der Verdacht gegen Matthew nicht erhärten lässt, hat die Polizei keine andere Wahl, als die Ermittlungen einzustellen.

Als Matthew zu seiner Schule zurückkommt, scheint zunächst der Alltag wieder einzukehren. Doch befindet er sich in einer für ihn ganz neuen Situation: Ressentiments, Argwohn und Misstrauen ihm gegenüber bestehen weiter fort. Alle seine früheren Freunde meiden ihn und grenzen ihn aus, während er vorgibt, auf ihre Anerkennung nicht angewiesen zu sein. In Wirklichkeit leidet er aber so sehr, dass er sich auch von seinen Eltern abkapselt und depressiv wird. Als er sich schließlich das Leben nehmen will, ist Ursula Riggs zur rechten Zeit am rechten Ort und hilft ihm erneut. Matthews Eltern wollen mit Hilfe einer Zivilklage für sich und ihren Sohn eine erhebliche finanzielle Entschädigung durchsetzen.

In den folgenden Wochen entdecken Ursula and Matthew viele Gemeinsamkeiten. Doch bevor ihre Gefühle füreinander Ausdruck finden, sind noch einige Hindernisse zu überwinden. Nach einer weiteren Bombendrohung gegen die Schule wird der Täter (ein rechtsradikaler Pfarrer) identifiziert und verhaftet. Es nimmt schon fast satirische Züge an, wie die bisher so schweigsamen Freunde Matthew erneut umwerben und um Wiedergutmachung bemüht sind. Wohl nicht umsonst fragt die Autorin im Untertitel: "know what your friends are?"

Die hier skizzierten Ereignisse umfassen im Text insgesamt etwa drei Monate. Sie nehmen ihren Ausgangspunkt von einem höchst aktuellen und zugleich höchst brisanten Thema, da noch immer die Reihe der von Schülern inszenierten Massaker, vor allem in den U.S.A., nicht abzureißen scheint. Doch liegt der Schwerpunkt des Romans nicht auf der Diskussion des Umgehens mit solchen brutalen Formen der Gewalt: der Text leistet keinerlei Beitrag zur Lösung dieser Problematik. Stattdessen konzentriert er sich angesichts des Verhaltens der Gleichaltrigen, der Erzieher und der von den Medien dominierten Öffentlichkeit auf die Entwicklung der beiden Protagonisten, während alle übrigen Charaktere konturenlos bleiben.

Somit ist das Werk eine Kombination aus Schul- und Initiationsroman. Für den ersteren Romantyp liegen ein paar, für den letzteren zahlreiche Alternativen vor. Aufgrund seiner Spannung, seiner Aktualität und der vergleichsweise geringen sprachlichen Anforderungen ist der Roman m.E. vor allem für die 11. Jahrgangsstufe geeignet.


Graham Gardner, Inventing Elliot (2003)

Dieser Roman eines jungen britischen Autors bildet ein weiteres Beispiel dafür, dass literarische Werke mit einer brisanten, höchst aktuellen Thematik sehr rasch für Unterrichtszwecke entdeckt und eingesetzt werden: nur wenige Jahre Abstand liegen zwischen der Erstveröffentlichung (2003) und dem Erscheinen einer didaktischen Ausgabe (2007). In Graham Gardners Werk stehen offene Gewalttätigkeiten und verstecktes Mobbing an englischen Schulen im Vordergrund.

Der Protagonist Elliot Sutton ist von seinen Mitschülern brutal misshandelt worden. Von einem Umzug und einem damit verbundenen Schulwechsel erhofft er sich einen grundlegenden Neuanfang. In seiner neuen Umgebung tut er alles, um nicht negativ aufzufallen und nicht wieder zum Opfer zu werden: er schafft einen neuen Elliot. Aber seine Vergangenheit holt ihn schnell wieder ein: auch an seiner neuen Schule gehören gewaltsame Übergriffe, Schikanen und Demütigungen zum Alltag.

Diese setzen ein im Fach Sport, z.B. beim Rugbyspiel oder im Umkleideraum, mit hinterhältigen Fouls, versteckten Stößen und Tritten, etc. Die Fäden im Hintergrund ziehen die sog. Wächter ("The Guardians"), die über ein gut funktionierendes Informantionssystem verfügen. Sie organisieren "Bestrafungen", die für die Mehrheit der Schüler ein öffentliches Spektakel darstellen, an dem alle ihren Spaß haben, während das jeweilige Opfer hilf- und wehrlos der Gewalt ausgesetzt ist. Bei solchen Gelegenheiten hat Elliot einerseits Schuldgefühle, weil er sich als Mittäter solcher Aktionen sieht, andererseits ist er aber auch froh, dass er selbst verschont bleibt.

Dann aber erregt Elliot doch die Aufmerksamkeit der Wächter. Was sie mit ihm vorhaben, trifft Elliot völlig unvorbereitet: diese wollen ihn nicht zum Opfer, sondern zu einem der Ihrigen machen, damit die Kontinuität ihrer Macht an der Schule sicher gestellt wird. Natürlich sind Elliots Probleme von nun an nicht beendet: sie verlagern sich vielmehr auf eine andere Ebene und verschärfen sich sogar noch. Auffällig ist Elliots Isolation: u.a. sind seine Probleme auch durch seine familiäre Situation bedingt: während sein Vater nach einem Überfall zum Invaliden geworden ist, der aufgrund seiner Krankheit weder als Vorbild noch als Identifikationsfigur dienen kann, ist seine Mutter mit ihren häuslichen Pflichten, der mühseligen Pflege ihres Mannes sowie ihren wechselnden Nacht- und Frühschichten überaus stark belastet.

Eines Tages erhält Elliot als Bewährungsprobe die Aufgabe, Ort und Ausführende einer Bestrafung zu organisieren und dazu ein Opfer unter den Schülern zu bestimmen. Die Teilhabe an der Macht hat für Elliot durchaus ihre Reize und Verlockungen: für ihn ist die Alternative zwischen Wächter- und Opferrolle wie eine Entscheidung zwischen Leben und Tod. Aber die Auswahl eines Opfers fällt ihm dennoch äußerst schwer. Immer mehr wird Elliot gezwungen, verschiedene Rollen zu spielen, seine Gefühle hinter Masken zu verbergen: er erfindet ständig neue Elliots, ist nie er selbst und lebt noch dazu in ständiger Angst. Zwar wird sein Schicksal von seinem allwissenden Erzähler vorgestellt, doch wird die Gedanken- und Gefühlswelt des Protagonisten durch eingestreute kursiv gesetzte Passagen direkt verdeutlicht. Wie sich seine Konflikte lösen, stellt eine durchaus spannende Lektüre dar.

Dieser Erstlingsroman besteht aus einer merkwürdigen Auswahl und Kombination der Ereignisse. Zunächst fällt auf, dass die Gründe für den Überfall auf Mr. Sutton, die Motive der Täter ebenso außen vor bleiben wie jegliche Bemühungen zur Aufklärung des Verbrechens. Im schulischen Bereich tragen dazu die Schüler ihre Machtkämpfe untereinander mehr oder minder heimlich aus, d.h. ohne Kenntnis der Eltern, ohne Eingreifen des Lehrkörpers und der Schulleitung, wobei - mit Ausnahme einer kurzen Liebesbeziehung des Protagonisten - das weibliche Geschlecht keinerlei Rolle spielt. Darüber hinaus bleibt die Gestaltung des Unterrichts durch die Lehrkräfte und das darin zu Tage tretende Verhalten der Schüler fast völlig ausgespart. Ein anderer Aspekt betrifft die Machtphilosophie der Wächter, die sich stark an Orwells 1984 anlehnt bzw. direkt aus der literarischen Darstellung dieser totalitären Gesellschaftsform übernommen und wird. So wird Macht nicht als Mittel zur Erreichung eines Ziels aufgefasst, sie ist vielmehr reiner Selbstzweck. Das heißt, dass in einem demokratischen Staat die Schulwirklichkeit, wie sie in Inventing Elliot dargestellt wird, von umfassenden und zugleich perfekten Kontroll- und Überwachungsmechanismen beherrscht wird. Ähnliche Zustände beschreibt 1974 bereits Robert Cormier in seinem Schulroman The Chocolate War (s.o.).

Einerseits ist das Werk im Ansatz sicherlich höchst aktuell, authentisch und gegenwartsnah. Andererseits stellt sich für eine Diskussion und Bewertung im Unterricht die Frage, ob die Darstellung nicht auch teilweise überzogen, übertrieben und unglaubwürdig ist. Als Fazit bleibt festzuhalten: Inventing Elliot ist zweifellos ein interessantes Erstlingswerk. Ob der Autor indes über die für einen großen Erzähler erforderlichen Qualitäten verfügt, muss die Zukunft zeigen.

Die kleinformatige Reclam-Ausgabe umfasst knapp 250 Seiten und weist die üblichen Merkmale der roten Reihe "Fremdsprachentexte" auf: Annotationen in benutzerfreundlicher Fußnotenform, eine editorische Notiz, Literaturhinweise sowie ein informatives Nachwort des Herausgebers Ernst Kemmer, der schon im gleichen Verlag die Ausgabe von McDonells Twelve besorgte. Damit sind gute Voraussetzungen für einen Einsatz des Romans von der Klasse 10 an aufwärts gegeben. Vor allem dann, wenn sich einige Schüler mit den Opfern identifizieren, weil sie sich in deren Rolle selbst wiedererkennen, erfordert der Roman engagierte Lehrkräfte, die nicht wegschauen, sondern sich den Realitäten an ihrer Schule stellen.


Last Updated by Dr. Willi Real on Thursday, 28 August, 2008 at 11:30 AM.

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